Care-Arbeit, but make it 1926

Care-Arbeit, but make it 1926

Diese Berliner Ausstellung zeigt Künstlerinnen um 1900 – und viele Parallelen zur Gegenwart

In der Sammlung des Bröhan-Museums stehen 99 Künstlerinnen 1.000 Künstlern gegenüber. Von den circa 20.000 Sammlungsobjekten sind nur etwa 1.500 von Frauen. Was sind die Gründe für dieses Ungleichgewicht?

„Ich bin keine Küche!“, wird Margarete Schütte-Lihotzky viele Jahre später sagen, wenn sie auf die Frankfurter Küche angesprochen wird, die sie vor knapp 100 Jahren konzipiert hat. Der Prototyp der modernen Einbauküche entstand damals im Rahmen des Wohnungsbauprogramms „Neues Frankfurt“. Schütte-Lihotzky war als einzige Architektin an dem Projekt beteiligt und wurde prompt für die Entwicklung des „Labors der modernen Hausfrau“ eingespannt: die Küche. Und das, obwohl sie, wie sie später sagt, eigentlich nie selbst am Herd gestanden hat.

In Familien mit mittlerem Einkommen wurden in den 1920er-Jahren immer mehr Frauen berufstätig und die Frankfurter Küche stand vor allem für Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Hausarbeit. Die kompakte, praktische Einrichtung sollte Entlastung bieten – wurde aber ganz klar als Frauendomäne konzipiert. Einige Jahrzehnte später war Margarete Schütte-Lihotzky zunehmend genervt davon, mit ihrer damals fortschrittlichen Idee in Verbindung gebracht zu werden.

Das Berliner Bröhan-Museum zeigt aktuell nicht nur die Frankfurter Küche, sondern auch viele weitere Werke von Künstlerinnen, die um 1900 in den unterschiedlichsten Bereichen aktiv waren. Die Ausstellung „Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880–1940“ präsentiert alle 99 Künstlerinnen und Designerinnen der Sammlung, darunter Malerinnen, Bildhauerinnen, Silberschmiedinnen, Textil-, Glas- oder Möbeldesignerinnen sowie Architektinnen, Fotografinnen, Keramikerinnen oder Grafikerinnen.

Ansehen! – Nicht nur als Imperativ 

Dora Hitz: Waldmärchen, 1894. Privatbesitz

Im Rahmen der Vorbereitung haben wir uns die eigene Sammlung ganz genau angesehen und geguckt, welche Künstlerinnen mit welchen Werken vertreten sind und wie ihre Lebenswege ausgesehen haben. Achtung, hier kommen die blanken Zahlen: Die insgesamt 99 Künstlerinnen stehen 1.000 Sammlungskünstlern gegenüber. Von den 20.000 Objekten des Museums sind etwa 1.500 von Künstlerinnen oder Designerinnen, also etwa 7,5 Prozent. Natürlich thematisieren wir dieses Ungleichgewicht auch in der Ausstellung und gucken uns an, wie diese Schieflage überhaupt zustande kommen kann.

Mit der Ausstellung wollen wir aber nicht nur die spannenden Biografien dieser Frauen beleuchten, sondern auch zeigen, dass sie zu ihren Lebzeiten durchaus erfolgreich gewesen sind. Sie haben ihre Werke auf Einzelausstellungen präsentiert, waren selbständig oder in leitenden Positionen tätig und genossen – genau – großes Ansehen.

Aber Moment mal, warum eigentlich „wir“? An dieser Stelle ist wohl ein kurzer Disclaimer notwendig: Vielleicht habt ihr ja schon mitbekommen, dass ich im Bröhan-Museum mein zweijähriges Volontariat mache. Die Ausstellung „Ansehen!“ haben Dr. Anna Grosskopf und ich dort zusammen kuratiert – und hatten dabei natürlich Unterstützung von einem tollen Team, dazu aber später mehr.

Was macht eine Kuratorin?

Diese Frage höre ich häufiger mal und allgemeingültig ist sie auch nicht zu beantworten. Ganz grob gesagt konzipieren Kurator*innen Ausstellungen. Sie überlegen sich, was wie und wo gezeigt werden soll und wie das Konzept ins Programm des Museums passt. Bestenfalls gibt es dadurch einen roten Faden in der Ausstellung und die Objekte stehen nicht einfach zusammengewürfelt irgendwo herum. Je nach Museum – oder Galerie, Projektraum, Biennale – können die Aufgaben des Kuratierens aber ganz unterschiedlich ausfallen.

Der Sammlungsschwerpunkt des Bröhan-Museums liegt auf den Stilrichtungen Art Déco, Funktionalismus und dem Jugendstil. Unser Konzept von „Ansehen!“ war es, einen Bereich der Sammlung zu zeigen, auf den so explizit noch kein Augenmerk gerichtet wurde: die Künstlerinnen der Sammlung. Das ist etwas, was in den letzten Jahren zum Glück einige Ausstellungshäuser tun, etwa das Wiener Museum für Angewandte Kunst, das Vitra Design Museum oder die Alte Nationalgalerie in Berlin, in deren Bestand übrigens nur 2 Prozent der Werke von Künstlerinnen stammen.

Gertrud Kleinhempel, um 1910. Historisches Museum Bielefeld

Was gehört dazu, eine Ausstellung zu organisieren?

Natürlich sind nicht nur die Kurator*innen an einer Ausstellung beteiligt, sondern je nach Ausstellungshaus auch viele interne und externe Personen. In diesem Fall waren das unsere Outreach- und Presse-Abteilung, ein Archivar, eine Provenienzforscherin, eine Restauratorin, Ausstellungsbauer*innen, Gestalter*innen, die Buchhaltung und viele mehr. Das war tatsächlich ein großes Glück und eine riesige Hilfe für uns! Je kleiner das Haus (oder das Budget), desto weniger Leute arbeiten an einem solchen Projekt mit.

Ein weiterer, sehr wichtiger Faktor ist die Zeit. Wir haben im Oktober 2021 mit der Planung für die Ausstellung angefangen, hatten also etwa acht Monate Zeit für Konzeption und Katalog. Das ist verhältnismäßig wenig, denn viele organisatorische Dinge müssen schon einige Monate im Voraus geplant werden.

Zum Beispiel die Leihgaben. Da wir in unserem Fall hauptsächlich mit Museumsbestand gearbeitet haben, mussten nicht viele Werke aus Privat- oder Museumsbesitz ausgeliehen werden. In Museen, die keine eigene Sammlung haben, oder bei Ausstellungen, die sich nicht auf die eigene Sammlung konzentrieren, kann aber ein Haufen Leihgaben anfallen. Damit hängen viel Kommunikation, Verträge und Speditionen zusammen, man kann also nicht früh genug mit der Planung beginnen.

Eine Frage, die mir nun auch schon häufiger gestellt wurde, ist: „Gab es intern Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Ausstellung?“ Wie oft diese Vermutung wohl bei der x-ten Impressionisten-Schau aufkommt...? Klar, es gab intern kritische Nachfragen. Das sollte allerdings bei jeder Planung der Fall sein. Nicht alle waren von Anfang an Feuer und Flamme, inhaltlich muss eine Ausstellung natürlich immer überzeugen. Es gab aber, darauf zielt die Frage vermutlich ab, keine grundsätzlich misogyne Anti-Haltung in Bezug auf unsere Idee.

Wie war nun das Kuratieren der ersten Ausstellung für mich? Als Neuling war ich alles in allem sehr aufgeregt. Die meiste Zeit pendelte ich irgendwo zwischen Anspannung und Euphorie herum. Aber natürlich war ich auch nicht acht Monate lang komplett on fire, sondern habe zwischendurch auch mal genervt vor dem PC gesessen oder mich mit Vergaberecht herumgeschlagen. Denn auch sowas gehört natürlich zum Kuratieren, auch wenn man bei Ausstellungsbesuchen gerne vergisst, dass irgendjemand die Objektschilder, die dort hängen, formatiert und an die Wand geklebt hat. Huhu, ja, das bin ich!

Das Schwierigste war eigentlich, Dinge zu entscheiden, die man vorher noch nie entscheiden musste: Wie soll der Katalog aussehen? Welche Wandfarbe nehmen wir? Gibt es ein Wegeleitsystem? Carte blanche, ich habe keine Ahnung. Oft probiert man dann einfach Dinge aus oder fragt jemanden, der oder die sich besser auskennt. Da gibt es im Museum ja zum Glück einige Ansprechpartner*innen – und natürlich meine weitaus erfahrenere und entspanntere Co-Kuratorin Anna.

Eine Sache, die ich beim nächsten Mal unbedingt verbessern will, ist – Achtung – mein Zeitmanagement. In den Wochen vor der Ausstellung habe ich so manche*n Freund*in versetzen müssen. Gar nicht mal, weil ich 24/7 gearbeitet habe, sondern weil ich jede freie Minute genutzt habe, um meine Akkus aufzuladen. Aber mit Routine kommt sicher auch Gelassenheit und bei der nächsten Vorbereitung bin ich schon viiiiiel entspannter, hust.

Care-Arbeit, Abtreibungsrecht und der Gender Pay Gap

Am positivsten und gleichzeitig negativsten überrascht hat mich die Aktualität vieler Themen, die schon Künstlerinnen vor 100 Jahren beschäftigt haben. Teilweise ist es wirklich erschreckend, wie viele Parallelen ins Heute gezogen werden können: Punkte wie Care-Arbeit, Abtreibungsrecht oder der Gender-Pay-Gap spielten damals schon eine Rolle – und tun es heute noch. Das wollten wir mit „Ansehen!“ unbedingt aufgreifen und haben deshalb in einigen der Themenräume Stationen eingerichtet, in denen die Besucher*innen sich über Kampagnen zu lesbischer Sichtbarkeit oder zu Frauennetzwerken informieren können.

Die Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky ist zum Beispiel ein gutes Beispiel für die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit. Was wir heute unter Care-Arbeit verstehen – darunter fällt etwa Kinderbetreuung, Arbeit im Haushalt oder ein Ehrenamt –, war nicht nur vor 100 Jahren weiblich konnotiert: Auch aktuell wenden Frauen täglich durchschnittlich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Diese Diskrepanz hat man zu Schütte-Lihotzkys Zeit zwar noch nicht „Gender-Care-Gap“ genannt, existiert hat sie aber auch damals schon. Es ist bezeichnend, dass zwar immer mehr Frauen erwerbstätig wurden, sie ihre Rolle als „Hausfrau“ aber dadurch nicht abgaben – Stichwort Vereinbarkeit. Die alten Aufgaben bekamen sie einfach noch obendrauf.

Was die zeitgenössischen Interventionen in der Ausstellung angeht, hat unsere Outreach-Abteilung ganze Arbeit geleistet. Shoutout! Das Thema Outreach ist in den letzten Jahren in Museen immer wichtiger geworden. Ziel ist es, neue Zielgruppen anzusprechen, also nicht immer nur die gleichen Personen zum Museumsbesuch anzuregen.

Wer waren nun die Künstlerinnen um 1900?

Marguerite Friedlaender, um 1928. Archiv Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Foto: Hans Finsler

Schon vor 100 Jahren waren Gestalterinnen in nahezu allen Bereichen aktiv: im Möbeldesign, der Keramik oder Fotografie, als Glaskünstlerinnen, Silberschmiedinnen, Malerinnen, Bildhauerinnen, Mode- und Textildesignerinnen. Es ist kaum möglich, da zu verallgemeinern – viel zu individuell und bemerkenswert sind die etlichen Biografien. Es gab allerdings einige Hindernisse, die viele Frauen miteinander verbunden haben.

Beispielsweise war es deutschen Künstlerinnen vor 1919 nicht möglich, ein Kunststudium an einer staatlichen Hochschule zu beginnen. Aus diesem Grund mussten viele von ihnen Umwege einschlagen: Sie studierten im Ausland, an sogenannten „Damenakademien“ oder privaten Malschulen – oder sie wurden im Bereich des Kunstgewerbes aktiv. Die Wiener Kunstgewerbeschule beispielsweise stand seit ihrer Gründung 1867 allen Geschlechtern offen. Trotzdem gab es dort Bereiche, in denen weitaus mehr Männer als Frauen engagiert waren – und umgekehrt: In den Keramik- oder Textilklassen waren Künstlerinnen in der Mehrzahl.

Häufig führte das dazu, dass ebendiese Sparten eine Abwertung erfuhren. „Wiener Weiberkunstgewerbe“, höhnten Kritiker zum Beispiel über die Wiener Werkstätte, in der in den 1920er-Jahren viele junge Frauen aktiv waren. Diese Tatsache steht beispielhaft für eine generelle Bewegung, die wir während unserer Recherche immer wieder festgestellt haben: Wie oder was über Künstlerinnen um 1900 geschrieben oder gesprochen wurde, unterscheidet sich teils sehr stark von den Berichten über ihre Kollegen. Ob bevormundend, anbiedernd oder offen sexistisch: Das Frausein spielte in den meisten Rezensionen eine übergeordnete Rolle.

Die „vergessenen“ Künstlerinnen?

Was führte nun dazu, dass ein Großteil der 99 Künstlerinnen, die wir zeigen, heute nicht mehr bekannt ist? Wie kann es sein, dass Ansehen und Ruhm mit der Zeit an Bedeutung verlieren? Viele Menschen argumentieren an dieser Stelle mit dem Begriff des „Vergessens“. In meiner Kunstkolumne „Lost and Found?“ habe ich mich bereits ausführlich darüber ausgelassen, weshalb ich mit dieser Wortwahl nicht ganz glücklich bin. Hauptsächlich deshalb, weil sie Passivität impliziert: Upps, verloren. In Wirklichkeit ist das, was gemeinhin als Vergessen bezeichnet wird, allerdings ein sehr viel aktiveres Vorgehen.

Im Nationalsozialismus beispielsweise waren viele jüdische Künstlerinnen gezwungen, ihre Werkstätten unter Wert zu verkaufen. Sie wurden verfolgt, mussten fliehen, alles aufgeben oder wurden ermordet. Ihre Namen sind also nicht bloß unter den Tisch gefallen, sie wurden regelrecht aus der (Kunst-)Geschichte getilgt. Aber Künstlerinnen werden auch dann aktiv vom kunstgeschichtlichen Kanon ausgeschlossen, wenn sie in Lexika einfach nicht genannt werden, in der Literatur oder der Forschung zahlenmäßig unterrepräsentiert sind.

Was wir dagegen tun können? Den Kanon aktiv erweitern. Das heißt: für Sichtbarkeit sorgen. Bewusst Künstlerinnen hervorheben, zum Beispiel durch Ausstellungen oder Publikationen. Außerdem halte ich es für sinnvoll, dafür zu sorgen, dass wir nicht die gleichen Fehler immer und immer wieder machen. Wenn wir nicht wollen, dass in 100 Jahren wieder eine junge Kunsthistorikerin denkt: „Komisch, immer noch die gleichen Probleme...“, dann müssen wir nicht nur zeitgenössische Künstlerinnen fördern, sondern auch gegen politische Missstände aktiv vorgehen.

Hedwig Marquardt: Mädchen mit Orangen, 1919. Bröhan-Museum, Berlin. Foto: Auktionshaus Neumeister

Marie hat mich vor einigen Wochen gefragt, ob es ein weiteres Museum oder eine Sammlung gibt, in der ich ebenfalls gerne mal alle Sammlungskünstlerinnen zeigen würde. Oh ja! Und ganz ehrlich: Ganz reibungslos läuft das nicht immer ab. 2019 hat zum Beispiel die Tate Britain beschlossen, für einige Zeit ausschließlich Sammlungskünstlerinnen zu präsentieren – als Intervention. Die Reaktionen darauf fielen teilweise so heftig aus, dass deutlich wurde, wie kontrovers das Thema aktuell diskutiert wird.

Interessant fände ich eine Ausstellung im Technikmuseum, die große Erfindungen von Frauen zeigt. Oder eine Fotoausstellung, die den female gaze thematisiert. Spannend wäre auch ein Skulpturenpark, der nur Werke von Bildhauerinnen präsentiert. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Bis dahin seid ihr alle herzlich ins Bröhan-Museum eingeladen, um euch „Ansehen!“ – ihr wisst es – anzusehen.

„Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880–1940“ ist noch bis 4. September 2022 im Berliner Bröhan-Museum zu sehen.

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    Margarete Schütte-Lihotzky: Frankfurter Küche, 1926/1929/30. Bröhan-Museum, Berlin. Foto: Martin Adam, Berlin

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