Kunstsympathisch #1 – Künstler*innen über Kunst

Simon Freund über Sophie Calle

In unserer neuen Serie Kunstsympathisch ist der Name Programm: Wir treffen junge Künstlerinnen und Künstler, die etwas zu erzählen haben. Über ihre Arbeit, ihre Ideen und ihre Vorbilder. Wie entsteht eigentlich Kunst? Gibt es alltägliche Hürden im Leben von Kunstschaffenden? Und wie groß ist die Angst vor der „brotlosen Kunst“?

Diesen Fragen und noch vielen mehr möchten wir auf den Grund gehen und bitten zum Gespräch. Im ersten Teil des Interviews dreht sich alles um die eigene Arbeit der Porträtierten. Im zweiten Teil reden wir über Inspirationen durch andere Künstler*innen, Vorbilder und Einflüsse. Mit Kunstsympathisch möchten wir Hemmschwellen überwinden und ohne unnahbares Geschwafel über Kunst reden.

Über Simon Freund

Für unser erstes Interview treffen wir Simon Freund in Berlin. Der Künstler ist 1990 in Königstein im Taunus geboren, hat einige Jahre in Berlin und München gelebt und nennt nun die Stadt Gotha sein Zuhause. Seine Ursprünge liegen im Bereich Mode- und Produktdesign, unter anderem stammt das Label „Simon&Me“ aus seiner Feder. Irgendwann kam der Punkt, an dem er sich dafür entschieden hat, seine Arbeit nachhaltiger und weniger kommerziell zu gestalten. Dies ist übrigens auch einer der Gründe, weshalb Simon Freund seine Künstlereditionen nicht verkauft, sondern sie lieber an ausgewählte Personen verschenkt. Auch das Signieren seiner Arbeiten lehnt er ab. Auf diese Weise hinterfragt Freund die Mechanismen der Kunstwelt, seine Arbeiten wirken gleichzeitig reflektiert und experimentell.

Für seine 2018 entstandene Fotoserie „Selbstportrait“ hat Simon Freund 100 Menschen abgelichtet, die seine charakteristische Kleidung tragen: Mütze, Pulli, all black everything. Im Gegenzug ist er in die Klamotten aller 100 Fotografierten geschlüpft und hat sich ebenso fotografieren lassen: In Strumpfhosen, Baggy Pants und High Heels. Entstanden sind Aufnahmen von uniform wirkenden Abbildern seiner selbst, die gleichzeitig eine starke Diversität vermitteln.

Ist es möglich, ein Selbstporträt zu machen, auf dem man nicht zu sehen ist?

Hallo Simon, lass uns doch direkt über „Selbstporträt“ reden. Bei der Betrachtung haben wir irgendwann nur noch auf die Kleidung geachtet und überhaupt nicht mehr auf die Personen – ist das sehr entlarvend für unsere Gesellschaft?

Das stimmt, dieser Eindruck entsteht bei vielen Menschen. Irgendwann nimmt man nur noch die Klamotten wahr. Unsere Wahrnehmung macht uns da etwas vor und wir meinen, dass wir Leute anhand ihres Aussehens direkt einordnen können.

Wie kam es zur Idee für die Fotoserie?

Als ich noch Mode gemacht habe, habe ich mal ein Porträt von einem Model gemacht, das zu dem Zeitpunkt meine Klamotten trug: die typische Mütze, den Pulli und das Hemd. Auf dem Foto war es ihr Ausdruck, der mich sehr an mich selbst erinnert hat. Es hat sich angefühlt, als hätte ich ein Porträt von mir geschossen, obwohl ich gar nicht auf dem Bild zu sehen war. In ihrem Gesicht war genau das zu sehen, was ich gefühlt habe und was ich ausdrücken wollte. Da habe ich angefangen zu überlegen, ob es wohl möglich wäre, ein Selbstporträt zu machen, auf dem man gar nicht zu sehen ist. Wie würde man das gestalten? Aus Loyalität habe ich dann gesagt: „Wenn ihr meine Sachen anzieht, dann ziehe ich auch eure Sachen an.“ Es mussten sich also alle Beteiligten ausziehen und etwas hergeben von sich, das führte zur perfekten Dynamik.

Wurde deine Frage beantwortet? Kann man ein Selbstporträt machen, auf dem man nicht zugegen ist?

Mittlerweile bin ich der Meinung, dass man eine Person mit einem Foto nicht porträtieren kann. Um das wahre Porträt eines Menschen zu zeigen, braucht es viel mehr als das Aussehen.

Hast du dich auch teilweise unwohl gefühlt während der Entstehung der Serie?

Ich habe versucht, wirklich in die Identität der Person zu schlüpfen und auch wie sie zu posieren. Eigentlich habe ich mich in allen Klamotten wohlgefühlt.

Stichwort Inszenierung: Du hast einige Monate als Museumsaufseher gearbeitet und diese Tätigkeit gleich zur Kunstperformance umfunktioniert. Wie kam es dazu?

Irgendwann habe ich mich dazu entschieden, dass ich nichts mehr verkaufen will und nachhaltiger leben möchte. Natürlich brauchte ich neben dem Studium trotzdem Geld und habe mich gefragt, welchen Job ich machen kann, bei dem ich keine Produkte verkaufen muss. Es gibt genug Scheiß auf der Welt! Das Bild des „Aufsehers der Kunstwerke“ und die gleichzeitige Betreuung der Leute im Museum - das passte perfekt in meine Philosophie. Außerdem hatte ich große Lust auf die Ruhe dort. Mir wurde von allen Seiten Langeweile prophezeit, aber ich brauchte damals diese Zeit zum Nachdenken. Gleichzeitig waren meine Kolleg*innen dort total interessante Menschen - die unterschiedlichen Charaktere waren unglaublich faszinierend. Diese Arbeit habe ich sehr genossen, obwohl ich sie schnell als Performance gesehen habe. Am Ende habe ich den perfekten Museumsaufseher abgeben können.

© LES ATELIERS COURBET

Was passiert, wenn man sich eine Woche lang von einem Detektiv beobachten lässt?

Welche Künstlerinnen oder Künstler inspirieren dich mit ihrer Arbeit?

Ich sehe mich nicht als klassischen Künstler und ich bin auch nicht die kunstinteressierte Person. Dieser abgehobene Kunst-Stuff ist mir fremd und auch ich gehe manchmal in Galerien und denke nur: „What the Fuck!? Ich verstehe gar nichts!“ Für mich ist es oft schwierig, den richtigen Zugang zu finden. Aber es gibt eine handvoll Künstler, die mich ermutigt haben, Kunst fernab von diesem abgefahren Intellektuellen zu machen. Wer mir in letzter Zeit viel im Kopf ist und von der ich sehr beeindruckt bin, das ist Sophie Calle. Die Leichtigkeit und Ehrlichkeit in ihrer Kunst bewundere ich sehr.

Was fasziniert dich genau an ihrer Arbeit?

Sie redet zum Beispiel darüber, dass sie in ihrer Jugend als Stripperin gearbeitet hat und stellt klar, dass das in keinerlei Hinsicht verwerflich ist. Sie war einfach auf der Suche und wusste nicht, was sie machen sollte. Ihre Art ist total cool und lässig und für mich ist ihre Kunst sehr zugänglich. Ich kann genau nachvollziehen, warum sie was macht. Oft habe ich das Gefühl, dass es ihr egal ist, ob es Kunst ist oder nicht – sie macht die Dinge einfach, weil sie sie interessant findet. Dadurch ist es überhaupt nicht pretentious oder gewollt aufgeladen.

Ihre Kunst lebt ja stark von Begegnungen. Aber sie gibt auch viel von sich selbst Preis, wie in einer eigenen Spurensuche.

Da sehe ich auch die Parallele zu meinen Arbeiten in den letzten Jahren. Wenn ich Videokameras in meiner Wohnung installiere oder meinen Kontostand online stelle, dann geht es mir nicht um meine Person selbst. Es ist mehr die Idee dahinter und das „einfach machen“, das mich fasziniert. Bestimmt denken einige darüber nach, wie es wohl wäre, ihren kompletten Besitz online aufzulisten – allerdings ohne es dann auch zu tun. Ich mache diese Dinge einfach, quasi als Stellvertreter. Wenn Sophie Calle den Brief von ihrem Ex-Lover veröffentlicht, dann habe ich das Gefühl, dass es aus einer ähnlichen Intention heraus geschieht. Es geht weniger konkret um ihre Beziehung, sondern darum, dass es gemacht wurde und dass man sich in dieser Personen-unspezifischen Trauer oder Enttäuschung wiederfinden kann. Auch Fragen wie: „Was passiert, wenn man sich eine Woche lang von einem Detektiv beobachten lässt?“ – Sophie Calle hat es ausprobiert und man kann sich die Bilder angucken, die dabei entstanden sind.

Wie beeinflusst dich das in Bezug auf deine Arbeit?

Ich möchte gerne in Zukunft mehr auf diese Weise arbeiten. Gedanken, die ich habe, einfach durchziehen und öffentlich machen.

Auch Grenzen überschreiten und Privates teilen?

Das ist für mich das Spannende an der Persönlichkeit von Sophie Calle: Sie gibt zwar zu, dass ihre Arbeit persönlich ist und viel von ihr preisgibt, sagt aber auch, dass es eben nur ein Teil von ihr ist. So ist es auch bei mir. Niemand, der meinen Kontostand kennt oder mich unter der Dusche gesehen hat, kennt mich. Man kann all diese persönlichen Dinge machen und trotzdem noch sein eigenes Leben haben.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

© DACS, 2019 via tate.org.uk

Über Sophie Calle

Die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle (*1953) ist, so scheint es, ständig auf der Suche nach Aspekten ihrer Identität, die sie zu ergründen versucht. Für „The Shadow“ (1981) ließ sie sich von einem Detektiv durch Paris verfolgen und jeden ihrer Schritte dokumentieren. In ihrer Arbeit „The Hotel“ (1981) nahm sie einen Job als Zimmermädchen an und dokumentierte akribisch die Hinterlassenschaften fremder Hotelgäste in Venedig. „The Address Book“ (1983) wurde durch ein Notizbuch inspiriert, das Sophie Calle auf der Straße fand. Sie rief jede dort verzeichnete Telefonnummer an und befragte die Menschen nach dem Besitzer des Buches um ein Bild von ihm zu bekommen. Aus den verschiedenen Antworten erstellte sie eine Multimedia-Installation. Calle veröffentlicht ihre Liebesbriefe, Tagebucheinträge und private Notizen und legt auf diese Weise einen scheinbaren Seelen-Striptease hin. Sie arbeitet mit Fotografien, Texten und Film und thematisiert eigene und fremde Emotionalität, Intimität und Kontrolle.

Einige wunderbare Publikationen von Sophie Calle findet ihr hier:

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