Warum Berlin lame sein darf

Von der neuen Entspanntheit und einem leeren Terminplan auf der Berliner Fashion Week

Für alle die, die noch kein Denglisch sprechen, übersetze ich an dieser Stelle mal das Wort lame. Es heißt so viel wie lahm, schwach, dürftig und faul. Ja, all diese vier Adjektive treffen auf die Berliner Fashion Week zu – zumindest war das diese Saison einmal mehr so, behaupteten viele Medien, unter Anderem Die Welt, die FAZ oder auch die Augsburger Allgemeine. Das Interesse nimmt ab, der Terminkalender bleibt gähnend leer, die Aufregung bleibt gänzlich aus, die Designer so altbekannt wie das jährliche Dinner for One. Aber wenn die Deutschen eines können, dann ist es: Meckern. Egal, ob das Kommentare auf den Sozialen Medien sind, neue absurde Verschwörungstheorien in Sachen Datenschutz oder eben herablassende Anmerkungen zur Berlin Fashion Week. Das Glas ist in Deutschland immer halb leer, nie halb voll. Kann die Fashion Week denn überhaupt etwas richtig machen bei so einer Negativgesellschaft? Ist Berlin wirklich so langweilig, schlimm und peinlich wie alle sagen? Die Antwort ist: Nein!

Understatement statt Prahlen

Zunächst einmal muss gesagt werden: Berliner finden sich selbst nicht cool. Fragt man Eingereiste aus aller Herren Länder, dann würden 80 Prozent der Befragten Berlin sicherlich als eine der coolsten Städte der Welt bezeichnen – das Berghain, die dazugehörige Feierkultur und die brotlose Kunstszene eilen ihrem Ruf voraus. Nicht umsonst kommt am 13. Mai der Film „Berlin, I Love You“ in die Kinos, der unserer deutschen Hauptstadt mit jeder Menge Starbesetzung wie Keira Knightley, Orlando Bloom, Renée Zellweger, Patrick Dempsey und Helen Mirren seine Aufwartung macht und mit jedem Klischee spielt, das wir zu bieten haben: Feiern, Drogen, Geflüchtete und Transvestiten. Fragt man Berliner jedoch selbst, was sie so von sich halten, dann ist Understatement ihr Ding: „Ganz normal“ würden die meisten von ihnen sagen, von angesagt, cool und hip ist nicht die Rede. Generell ist es für uns Deutsche aufgrund unserer Vergangenheit ja nicht immer einfach, auf unser Land stolz zu sein. Nationalismus ist ein Schimpfwort, wohingegen zum Beispiel die Franzosen stolz mit ihrer Flagge durch die Hauptstadt schreiten und jedes Baguette gerne in Blau-Weiß-Rot verpacken.

Berlin vs. die Welt

Berliner Salon © Janine Sametzky

So läuft das auch bei der Berliner Fashion Week. Kaum ein Deutscher würde von sich behaupten, dass Berlin mit den Modestädten wie Paris, London, Mailand oder New York mithalten kann, geschweige denn auch müsste. Denn all diese Metropolen haben schon eine viel längere Tradition im Couturierhandwerk als unsere Hauptstadt – Mode ist in Italien und Frankreich ein Kulturgut, bei uns eine riesige Industrie (die zweitgrößte Konsumgüterbranche Deutschlands), die trotz des Umsatzes von zirka 66 Milliarden (im Jahr 2017) immer noch belächelt und oft als oberflächlich abgetan wird.

Klar ist also, Berlin mit Paris und New York zu vergleichen ist schlicht weg unmöglich und ziemlich unfair. Schließlich zeigen Prada, Gucci oder Celine nicht aus Gemeinheit nicht in Berlin, sondern weil sie in ihrer Heimat präsentieren. Schaut man sich die fünf umsatzstärksten Modelabels aus Deutschland an, Adidas, C&A, Hugo Boss, Esprit und S.Oliver – zu den weltweit erfolgreichsten zählen übrigens Inditex, H&M, LVMH, Kering und Primark – wird klar, dass davon nur ein deutsches Unternehmen auf der Fashion Week eine Show bieten kann: Hugo Boss. Und das taten sie im letzten Sommer wo? In Berlin. Dieses Jahr zeigt das Unternehmen wieder in New York, aber wer kann es ihnen mit einem Blick auf die umsatzstarken USA als Käufer verübeln? Richtig, keiner! Vielleicht kommen sie im Sommer ja wieder ...

„Also ich mache ja nur noch Paris.“

Jetzt mag man aufschreien, dass neben Hugo Boss nun auch noch andere Designer wie Nobi Talai und Vladimir Karaleev der deutschen Fashion Week ihren Rücken zukehren, während Perret Schaad aufgehört hat, Michalsky diese Saison aussetzt, Hien Le ein weiteres Mal nicht zeigt und Dorothee Schumacher der ganzen Veranstaltung diesen Januar von Anfang an fern blieb. Über die Gründe kann man spekulieren, doch meistens steckt dahinter Geld. Schließlich kann so eine Modenschau schnell bis zu 100.000 Euro kosten, für kleine Berliner Labels oft eine unüberwindbare Distanz, Sponsoren sind rar und wählen meist immer wieder die gleichen Zugpferde aus.

Vertrauen statt Nervenkitzel

Backstage bei Malaikaraiss © Matthias Leton

Doch es gibt sie noch, die Designer, die Berlin seit Jahren treu bleiben und so zu echten Größen der Berliner Modebranche geworden sind: Odeeh, Malaikaraiss, William Fan und Lou de Bétoly (ehemals Augustin Teboul). Wie sagte ein Leser von Beige so schön in einem Kommentar: „Jede Mode- und Stilmetropole hat ihre Berechtigung und Besonderheit und Neues entsteht eher im Schatten als im Licht des Sonnenkönigs, siehe Tbilisi.“ Von einem kometenhaften Aufstieg kann, außer bei William Fan, der sich nach dieser Saison selbst als Sonnen- und Partykönig der Berliner Modewoche bezeichnen darf (mehr dazu lest ihr hier) zwar keine Rede bei den oben genannten Labels sein. Trotzdem liefern sie jede Saison eine solide Leistung ohne Fehltritte, im Gegensatz zu Showgrößen wie Marina Hoermanseder, Kilian Kerner oder Marcel Ostertag, ab. Aufregung ist bei den Schauen nicht da, stattdessen weiß man von Anfang an, was man bekommt: tragbare, wunderschöne Mode mit verständlichen Inspirationen.

Backstage bei William Fan © Janine Sametzky

Dass Malaika Raiss verstanden hat, dass es nicht um Nervenkitzel und ein One-Hit-Wonder geht, zeigt sie auch gleich mit ihrem neuen Schauenkonzept, mit dem sie am ersten Tag der Fashion Week den emotionalen Grundstein legt. Statt elitärem Front-Row-Gedanken wählt sie nur wenige Gäste aus und setzt diese alle in die erste Reihe, die an diesem Tag aus ganz normalen Esstischen mit Bänken besteht. Statt sich nach der Kollektion einmal kurz zu zeigen, kommt sie schon vor der Präsentation in den Raum, greift zum Mikro und erklärt etwas zur gezeigten Mode. „Entspannt solle es zugehen, alle sollten nett miteinander reden und gemeinsam frühstücken.“ Und tatsächlich, was sonst in eine Sehen-und-Gesehen-Werden-, In-welcher-Reihe-sitze-ich- und Schnell-Rein-Schnell-Raus-Veranstaltung mutiert, wird der schönste Termin der gesamten Woche. Man hat Zeit, sich mit seinen Kollegen auszutauschen, nimmt die Kollektion in Ruhe wahr und hat einen Moment, um das Gezeigte zu verarbeiten.

Und damit trifft Malaika Raiss den Kern der Fashion Week, so wie sie nach Berlin gehört: Entspannt und fokussiert auf wenige, dafür aber gute Designer. Die Terminkalender auf der Fashion Week ist leerer geworden, das mag sein, dafür ist JOMO (Joy of Missing Out) ja auch so viel zeitgeistiger als FOMO (Fear of Missing Out) und so lässt es sich besser auf die wahren Talente der deutschen Designszene konzentrieren – und weniger auf verkleidete Blogger, die für Streetstyle Fotografen posieren, noch auf das Gehabe um die Front Row.

Sollen die, die anderer Meinung sind doch in die Metropolen dieser Welt gehen, sehen dass dort auch nur mit heißem Wasser gekocht wird und nicht alles, was in der Front Row golden glänzt, auch hochkarätig ist. Berlin züchtet seine Nachwuchstalente lieber im bescheidenen Schatten und ganz entspannt heran. Denn das ist es ja, was die Hauptstadt zu einer coolsten Städte der Welt macht: Understatement und Gelassenheit.

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