Algo Rítmo – Pats neue Playlist für April

Neuer Monat, neue Musik! Diesmal meldet sich Pat mit dem Best-of aus seiner Heimat Portugal

Teil zwei der Beige Musikkolumne von Pat Cavaleiro!

Seit Anfang März verbringe ich meine Elternzeit in meiner portugiesischen Heimat und verlebe in der Algarve eine unvergessliche Zeit mit meiner neuen kleinen Familie. Jeden Tag scheint die Sonne, die gute salzige Luft macht unsere Atemwege wieder frei und der Atlantik ist gnädig und erlaubt durchaus immer wieder eine Erfrischung im kühlen Nass.

Selbstverständlich durchflutet auch Musik zu jeder Zeit die Räume unseres Hauses und liefert den Soundtrack zur weiteren Entwicklung unseres Babys. Als es zuletzt das Krabbeln erlernt hat und es auf ein Mal zur Ouvertüre von Wagners „Tannhäuser“ auf mich zukam, musste ich schon herzlich lachen und war zugleich sehr berührt ob dieses kleinen historischen Moments – kannste dir nicht ausdenken. Doch bei uns läuft beileibe nicht nur Klassik! Gerade die Musikszene dieses kleinen, rund zehn Millionen Einwohner zählenden Landes am Rande Europas ist in den letzten Jahren geradezu explodiert. Was einerseits auch im ersten Sieg Portugals beim Eurovision Song Contest vor zwei Jahren durch Salvador Sobral liegt sowie der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, diesen unglaublichen Coup durch den unnachahmlichen Vertreter in diesem Jahr, Conan Osíris, zu wiederholen.

Weil diese Musik-Szene so vielfältig und hochwertig ist, weil sie so lange schon besteht und weil niemand sonst über sie berichtet, lege ich den Schwerpunkt in meiner zweiten Kolumne für Beige auf Portugal.

Cave Story – Punk Academics (Lovers & Lollypops, 2018)

Das Trio stammt aus einer Kleinstadt nördlich von Lissabon und hat vergangenes Jahr sein zweites Album mit dem wundervollen Titel „Punk Academics“ beim derzeit wohl coolsten Independent-Label des Landes, Lovers & Lollypops, veröffentlicht. Mit ihren englischen, dahin genölten Texten und ihren schrammeligen Gitarren erinnern sie gleich an guten alten Independent-Rock amerikanischer Machart und gemahnen an Bands wie Sonic Youth, Pavement oder die frühen Weezer. Mit ihrem Sound laufen sie landesweit im Radio und spielen große Touren, die sie mittlerweile durch ganz Europa führen. Das komplette Album könnt ihr auf Spotify anhören.

10000 Russos – Distress Distress (Fuzz Club, 2017)

Von ihrem lustigen Namen (gesprochen: „dez mil russos“ – auf Deutsch „zehntausend Russen“, eine Verballhornung des Namens der griechischen Progressive-Rock-Ikone gone Schlagersänger Demis Roussos) mal abgesehen, gibt es bei der Band aus Porto mal so gar nichts zu Lachen. Mit ihrem unterkühlten, minimalistischen und repetitiven Sound überzeugt das Trio mit Schlagzeug, Bass und Synths Rocker, Waver und Goths gleichermaßen. Derzeit sind 10000 Russos im Studio und arbeiten an einem neuen Album, das heiß erwartet wird. Ihr erstes Album könnt ihr hier auf Spotify anhören.

Julius Gabriel – Dream Dream Beam Beam (Lovers & Lollypops, 2018)

Der deutsche Saxophonist lebt seit einigen Jahren in Porto und ist, von seiner Soloarbeit mal abgesehen, in zahlreiche Projekte involviert (gerade hat er mit seinem Duo Paisiel ihr gleichnamiges Debütalbum auf Vinyl wiederveröffentlicht). Sein im letzten Jahr erschienenes Album „Dream Dream Beam Beam“ ist ein verstörendes Stück Saxophon-Noise auf sieben Tracks, das sich vorzüglich als Untermalung für die ebenso verstörenden Filme eines David Cronenberg eignen würde. Wir hatten die Gelegenheit, uns für Beige kurz auszutauschen:

Wie lange lebst du schon in Porto und wie hat es dich da hingetrieben?

Ich war vor ein paar Jahren mit meiner portugiesischen Freundin das erste Mal in Porto und habe sofort eine coole Musikszene entdeckt. Die erste Venue, in die ich mich direkt verliebt habe, ist das Sonoscopia - ein Ort für experimentelle Musik und Klangkunst. Es gibt schon seit vielen Jahren eine sehr aktive Untergrundszene hier. Vor gut zwei Jahren hat mich dann ein kurzweiliges Künstlerstipendium nach Porto getrieben. Daraufhin ist mein Herzensprojekt Paisiel mit dem Schlagzeuger und Gongschmied João Pais Filipe entstanden und ich bin vorerst geblieben. Unser Debütalbum ist gerade bei Rocket Recordings auf Vinyl wiederveröffentlicht worden.

Was machst du in Porto?

Ich bin freischaffend als Musiker aktiv und so viel wie möglich unterwegs, um meine Brötchen mit Konzerten zu verdienen. Aber es ist auch schön, einfach nur zu Hause zu bleiben und Saxophon zu üben, zu komponieren und an neuen Aufnahmen und der nächsten Musik zu werkeln. Zwischendurch ein Ausflug ans Meer kommt auch ganz gut, aber nächste Woche geht es ins Studio für das neue Album von Paisiel. Ich arbeite auch an Sounds für Theater Performances. Demnächst führen wir eine interessante und harte Lecture-Performance mit dem Titel „Diet Plan For The Western Man“ auf, die im vergangenen Jahr ihre Premiere auf der Biennale in Berlin hatte.

Ich habe letztes Jahr angefangen mit Solar Corona zu arbeiten, die druckvollen, schnellen Space-Rock spielen. Wir haben gerade eine Europatour hinter uns und im Mai erscheint das neue Album bei Lovers & Lollypops.

Welche Bands würdest du insbesondere empfehlen (außer denen, bei denen du selbst spielst)?

Gute und sehr durchmischte Bands aus Porto und Umgebung sind unter anderem HHY & The Macumbas, Killimanjaro, Sereias, Mécanosphère, Bezbog, Black Bombaim, 10000 Russos, Lonz Dale’s Fantasy, Greengo oder United Scum Soundclash.

Wo kann man diese Bands live sehen?

Ein paar hippe Venues in Porto sind etwa das Passos Manuel im ehemaligen Kino des Coliseu Theaters, das Maus Hábitos direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite, Pérola Negra, CCOP, Café au Lait, Sonoscopia, Solilóquios. Und ein paar Festivals kann ich euch gleich auch noch ans Herz legen, als da wären Zigurfest, SonicBlast, NoNoise und das Out.Fest.

P.S.: Wie eh und je treibe ich mich gerne in der Weltgeschichte herum und mache aus diesem Grund im Oktober eine Solo Tour bis nach Berlin. Ruft mich sehr gerne an, wenn ihr ab November einen Proberaum mit mir in Berlin teilen wollt.

Paus – Madeira (Sony, 2018)

Nachdem 2017 Portugal das „Country in Focus“ beim niederländischen Showcase-Festival Eurosonic war, sind zahlreiche Bands für ihre Verhältnisse regelrecht explodiert und haben Europa im Sturm erobert. Dazu gehört auch die Lissaboner Band Paus („Hölzer“), die mit ihrem vertrackten und eklektischen Sound zwischen frühen, guten Foals und der Math-Rock-Band Battles pendelt und trotz aller Verkompliziertheit gut ins Ohr geht. Während ihr letztes Album „Mitra“ noch hittiger war, fällt ihr neues Album „Madeira“ („Holz“, aber auch als Anspielung auf die portugiesische Blumeninsel zu verstehen) krachiger, komplexer und wieder perkussiver aus - was bei zwei Schlagzeugern in der Band auch nicht weiter überrascht. Hier könnt ihr „Madeira“ bei Spotify hören.

Sunflowers – Castle Spell (Only Lovers Records, 2018)

Die Sunflowers sind ein kleines Garage-Rock-Duo aus Porto, bestehend aus Carol am Schlagzeug und Carlos an der Gitarre. Beide singen und machen zusammen eine Menge angenehmen Krach, der sich beispielsweise am Sound der White Stripes zu ihren Anfangstagen messen kann. Blues-artige, punkige und psychedelische Stücke mit einer großen Prise Humor, die sich um die Themen Kiffen, Pizza oder körperlich verhinderte Milkshakes drehen, sind ihre Stärke und machen diese Band zu etwas ganz Besonderem. Eine andere große Stärke sind auch ihre Auftritte. Wer also die Chance hat die Band live zu sehen, darf sich die Sunflowers keineswegs durch die Lappen gehen lassen. Hier geht es zum Album auf Spotify.

Astrodome – II (Ya Ya Yeah, 2018)

Benannt nach dem ersten komplett überdachten Stadion der Welt, dem 1965 eröffneten Astrodome (Heimat der Houston Astros, daher der Name), hat der instrumentale Psychedelic-Vierer aus Porto gerade mit seiner zweiten Platte „II“ viel Ärger gehabt: ihr bisheriges Label, die britische Plattenfirma HeviSike, hat sie komplett über den Tisch gezogen und ihnen weder ihr Vinyl ausgeliefert noch sie überhaupt in irgendeiner Form ausbezahlt. Darunter leidet nicht nur die Band, die aufgrund des Betruges erhebliche finanzielle Probleme bekam, sondern auch ihre Fans, die ihre Platten nie bekamen. Harte Zeiten in der Musikindustrie – und höchst bedauerlich obendrein – da schließlich die fünf bis zu zwölf Minuten langen (und langsamen) Stücke Hörerinnen und Hörer mit mal härteren, mal ruhigeren Gitarren-Passagen in psychedelische Traumwelten entführen, die es sich definitiv lohnt, mal auszukundschaften. Hier findet ihr Astrodome auf Bandcamp.

Einst geil

Geil vor 10 Jahren

Buraka Som Sistema – Black Diamond (2008, Fabric/ Sony)

„From Buraka to the world“ sendete die Crew aus einem Vorort von Lissabon ihr Signal hinaus. Fast allesamt aus portugiesischen Ex-Kolonien stammend, hatte das Buraka Som Sistema die musikalischen Traditionen aus u.a. Angola und Mosambik in ihre Produktionen eingeflochten. Was herauskam war ein hochenergetischer und unwiderstehlicher Dance-Stampfer, den man sich absolut nicht entziehen konnte. Dieses Signal erreichte schließlich auch die auf der Pike ihrer Karriere stehende M.I.A., die dem Kollektiv mit ihrem Feature noch mal ordentlich Schub gab und dafür sorgte, dass in den Indie-Discos dieser Welt zu später Stunde noch mal richtig Gas gegeben wurde. Die Band löste sich 2015 auf. Das komplette Album findet ihr hier auf Spotify.

Geil vor 20 Jahren

Madonna – Music (2000, Warner Music)

Seinerzeit war es schon beeindruckend, mit was für einem Bang Madonna damals mit „Music“ zurückkehrte (ohne dabei die Prise Humor im dazugehörigen Video zu vergessen, samt Gastauftritt von Sasha Baron Cohens Kunstfigur „Ali G“). Der französische Underground-Produzent Mirwais besorgte den futuristischen 2000er-Sound und Madonna bewies mit ihrer x-ten Häutung, dass sie so was von für das 21. Jahrhundert gewappnet war – trotz oder gerade wegen des irgendwie ja doch gelungenen Covers von Don McLeans unvergessenem „American Pie“. In der Rückbetrachtung erscheint es wiederum beeindruckend, wie sie es geschafft hat, diesen beknackten Cowboy-Style zu etablieren und da ungeschoren wieder herauszukommen. Hier könnt ihr das Album „Music“ auf Spotify hören.

Geil vor 30 Jahren

The B-52’s – Cosmic Thing (1989, Reprise Records)

Es war ihr bereits fünftes Album und mit Hits wie „Roam“ oder dem unglaublichen Evergreen „Loveshack“ ihr letzter großer Wurf – „Cosmic Thing“, ihr erstes Album seit dem tragischen AIDS-Tod ihres signifikanten Gitarristen mit seinem einzigartigem Twang-Spiel Ricky Wilson. Seine Schwester, Sängerin Cindy, sowie der Rest der sonst so fröhlich-schrulligen B-52’s stürzten in eine tiefe Depression und brauchten erstmal eine Pause – um mit „Cosmic Thing“, dem ersten Album, an dem das Gründungsmitglied nicht mitschrieb, zurückzukehren. Und wie! Jetzt setzt der Rest der Band einen Schlusspunkt hinter ihre Bandgeschichte und spielt eine letzte Tour mit Stopps in Köln (26.6.) und Berlin (27.6.). Danke für die Musik. Wer keine Karten bekommt: Hier geht es zu „Cosmic Thing“ auf Spotify.

Pat Cavaleiro hat Anfang der 2000er gemerkt, dass er seine Leidenschaft (Musik) zum Beruf (Schreiben) machen kann und damit sogar noch Geld verdient. Nach Stationen bei Juice, HHV Mag, Westdeutsche Zeitung und als Musikchef vom Hochschulradio Düsseldorf ist er nach dem Studium nach Berlin gezogen. Er arbeitete für FluxFM und interviewte in seinem Leben schon nicht ganz kleine Namen, wie Fever Ray, Raekwon vom Wu-Tang Clan, Jesse Hughes von Eagles of Death Metal oder Simian Mobile Disco und viele mehr. Schließlich entschloss er sich dazu, die Seiten zu wechseln und verdingte sich bei verschiedenen Plattenlabels. Aktuell arbeitet er beim Label Ninja Tune und verdingt sich als DJ für gute Laune in Sachen Soul, Funk, Jazz und Co.

Wer außerhalb seiner Musikkolumne auf Beige nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt seine Facebook Seite Riskodisko liken.

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