Algo Rítmo – Die Musikkolumne auf Beige!

Jetzt machen wir auch noch was mit Musik ...

Ein Artikel von unserem neuen Musik-Guru Pat Cavaleiro

Offensichtlich interessiert sich doch niemand mehr für abseitige Musik und ist rundum zufrieden mit dem, was der Algorithmus der Digital-Streaming-Plaftform seines*ihres Vertrauens andient. Doch wo Altes wegfällt, entsteht anderswo Neues, der ewige Kreislauf der Dinge: das gilt nicht nur für Simba und Co., sondern auch für die Musikjournaille. Und so kommen an dieser Stelle von mir monatliche Empfehlungen, die man in dieser Form wohl nicht in jedem anderen Medium zu lesen bekommen würde. Apropos Algorithmus: der Name dieser Rubrik leitet sich aus dem Spanischen ab und bedeutet „etwas Rhythmus“, verweist aber natürlich auf die Zukunft unseres Musikkonsums, den Algorithmus, hin. Aber ohne Rhythmus keine Musik, deswegen: some rhythm, please!

Ohne Genre-Einschränkungen und Aktualitätsdruck haben hier Veröffentlichungen aus allen musikalischen Bereichen eine Chance, berücksichtigt zu werden und werden ohne Zahlenwertung und Punktevergabe, aber mit viel Herz und Verstand aufbereitet und empfohlen. Die Betonung liegt hier ausdrücklich auf „empfohlen“, da ich meine Zeit nicht damit vergeuden möchte, mich mit Verrissen der langen Arbeit anderer zu profilieren – dafür ist mir meine Energie zu kostbar, also good vibes only!

Zudem wird in der Rubrik „Einst geil“ an Veröffentlichungen erinnert, die vor zehn, 20 und 30 Jahren Hoch im Kurs waren, stets versehen mit einem augenzwinkernden „Na, fühlst du dich schon alt?“ – für die, die sich davon angesprochen fühlen.

Various Artists - Two Tribes: An Intercontinental Journey In Rhythm (Agogo Records)

Ubbo Gronewold und Tobi Kirsch sind zwei befreundete Musikexperten, die mit ihrer Compilation „Two Tribes“ zeigen, woher konkret zahlreiche Einflüsse aktueller Popmusik stammen. Wie so oft lautet die Antwort auf diese Frage: „It began in Africa-ca-ca-ca-ca.“ Mit den zwölf fein selektierten Tracks möchte das Duo das gegenwärtige Bild auf Afrika wieder geraderücken, das derzeit vor allem von Geflüchteten geprägt und deswegen negativ konnotiert ist – verstehe das, wer will. Ubbo und Tobi ist es jedenfalls zu wünschen, dass ihnen ihr Vorhaben gelingt, denn mit „Two Tribes“ haben sie das Beste dafür getan: die Musik ist großartig und sorgt von jetzt auf gleich für Schwung inne Kiste.

Charlotte Adigéry – Zandoli (DEEWEE)

Wer sich 2016 den Film Belgica angeschaut hat, wird ihre sensationelle Stimme womöglich schon bemerkt haben. In dem Film, für den Soulwax den Soundtrack beisteuerten, schrieben diese für Sängerin Charlotte Adigéry die herzzerfetzende Ballade „The Best Thing“ und wow, was hatte sie daraus gemacht! Während man Queen Bey und RiRi also schon in Gefahr wähnte, ließ sich Charlotte jedoch Zeit, matchte ihren musikalischen Partner Bolis Pupul auf Tinder und ließ sich erneut von Soulwax deren beste Arbeit seit „Any Minute Now“ von 2004 auf dem Leib schneidern. Mit ihrem Blend aus Hi-NRG, Pop, Noise, karibischer Folklore und elektronischen Beats begeistert sie auf ihrer EP, eröffnet mittlerweile für Neneh Cherry Konzerte und macht hungrig auf ein Album.

The Lunar Effect – Calm Before The Calm (Kozmik Artifactz)

Derzeit jammern ja alle, dass es keine guten Zeiten für Gitarrenbands sind, obwohl ständig über Gitarrenbands geschrieben wird, und zwar nicht nur Schlechtes. Doch wenn man sich die Alben mal anhört, die besprochen werden, wundert man sich und gewinnt den Eindruck, dass die Kritik nicht über die recht flache Oberfläche hinauskommt. Dabei gärt dermaßen viel eine Ebene darunter – das hat nicht nur zuletzt der Grammy für das Album der Stoner-Metal-Band High On Fire, „Electric Messiah“, gezeigt, das sich angenehm erfreulich unter anderem gegen Kritikerlieblinge Deafheaven, Prog-Metal-Wüstlingen Between The Buried And Me und christlichen Metalcore-Missionaren Underoath durchsetzte. Ein weiteres Indiz dafür, dass es nach wie vor hervorragende Musik auf sechs Saiten gibt, kommt von der Londoner Psych-Stoner-Band The Lunar Effect, die auf dem kleinen Möllner Label Kozmik Artifactz ihr grandioses Album „Calm Before The Calm“ veröffentlicht hat. Stürmische Riffs, nicht zu heavy, repetitiv psychedelisch und kombiniert mit einem hinreißenden Gesang, schaffen es die vier Musiker, auf acht Songs mächtig Eindruck zu hinterlassen und läuten gleichzeitig die Renaissance des Rock ein? Zweifelhaft. Und irgendwie auch ganz schön. So kann man seine kleinen Bands für sich behalten.

Bad Stream & ^L_ - Postbrutalism EP (Antime)

Die aus fünf Stücken bestehende „Postbrutalism“ EP ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit des gefeierten deutschen Musikers Bad Stream, dessen gleichnamiges Debütalbum im vergangenen Jahr einige Wellen schlug, und des brasilianischen Produzenten ^L_, der seine Einflüsse mit „Black Metal + Aphex Twin + Stanley Kubrick“ beschreibt. Nach dieser wilden Mischung klingt die EP auch: nicht unanstrengend, maschinesk, düster, aber auch (an-, schweiß-) treibend, energetisch und mit „Ivanka Lost In Bangladesh“ sogar mit einem kleinen Hit ausstaffiert.

Einst geil

Geil vor 10 Jahren

Sébastien Tellier – Sexuality (2008)

Die akustische Pflichtlektüre zahlloser American-Apparel-Kids, die den Durchbruch des schrulligen Waldschrat-Gone-Paris-Fashion-Week bei jeder Gelegenheit rauf und runter hörten. Damals brach der Franzose einen Sturm der Entrüstung in seinem Heimatland los, weil er mit dem englischsprachigen „Divine“ aus seinem von einer Hälfte von Daft Punk produzierten Album beim Eurovision Song Contest auftrat, was in Frankreich natürlich ein Ding der Unmöglichkeit ist – sacrebleu!

Geil vor 20 Jahren

Blackalicious – Nia (Mo’ Wax)

Blackalicious

Karat

Die mit ihren folgenden Alben noch viel bekannter gewordenen Blackalicious hatten in der Hip-Hop-Szene schon mit ihrem Debüt „Nia“, das ungewöhnlicherweise beim britischen Mo’ Wax-Label (u.a. DJ Shadow, UNKLE, DJ Krush) erschienen war, ganz schön von sich reden gemacht. Und auch 20 Jahre nach Erscheinen klingt die Platte noch unheimlich frisch. Denn während sich der Rap-Mainstream gerade erst noch zu finden begann, experimentierten Rapper Gift Of Gab und DJ Xcel immer weiter und befanden sich soundtechnisch schon in der Zukunft – und sampelten grandioserweise den Evergreen „Der Blaue Planet“ der DDR-Rockband Karat auf ihrem Song „You Didn’t Know That Though“.

Geil vor 30 Jahren

Inner City – Paradise (10 Records)

Die Pop-Werdung des bis dahin eher im Untergrund rumorenden Genres House wurde mit diesem Album ein Stück weit konkreter: Kevin Saunderson, sagenumwobener Detroiter Techno-Produzent, der zusammen mit Derrick May und Juan Atkins als Erfinder des modernen Techno gilt, tat sich mit Sängerin Paris Grey zusammen und eroberte mit der Single „Good Life“ die Welt und die Charts im Sturm. Er definierte ein Lebensgefühl, läutete das Ende des 80er-Synth-Sounds mit ein, den wir alle so lieben, und bereitete den Boden dafür, was später mal als „Eurodance“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte – awesome times.

Pat Cavaleiro hat Anfang der 2000er gemerkt, dass er seine Leidenschaft (Musik) zum Beruf (Schreiben) machen kann und damit sogar noch Geld verdient. Nach Stationen bei Juice, HHV Mag, Westdeutsche Zeitung und als Musikchef vom Hochschulradio Düsseldorf ist er nach dem Studium nach Berlin gezogen. Er arbeitete für FluxFM und interviewte in seinem Leben schon nicht ganz kleine Namen, wie Fever Ray, Raekwon vom Wu-Tang Clan, Jesse Hughes von Eagles of Death Metal oder Simian Mobile Disco und viele mehr. Schließlich entschloss er sich dazu, die Seiten zu wechseln und verdingte sich bei verschiedenen Plattenlabels. Aktuell arbeitet er beim Label Ninja Tune und verdingt sich als DJ für gute Laune in Sachen Soul, Funk, Jazz und Co.

Wer außerhalb seiner Musikkolumne auf Beige nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt seine Facebook Seite Riskodisko liken.

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