Algo Rítmo – Pats erste Herbstplaylist für den Oktober

Aus der kleinen Sommerpause zurück mit Dark-Funk, Proto-Metal, (don’t call it) House & trockenem Techno. Nice

Ein Artikel von unserem Musik-Philosophen Pat Cavaleiro!

Puh, dieser hat ganz schön lange gedauert: eigentlich geplant, monatlich bei Beige abzuliefern, habe ich für diese Ausgabe von Algo Rítmo gut zweieinhalb Monate gebraucht, um die Zeit zu finden, kreativen Output in meinem Kopf zu generieren, den ich dann wiederum auf die Tastatur bringen konnte. Für gewöhnlich zieht die Arbeit im Büro mit dem ausgehenden Sommer in vielen Branchen an, da macht die Musikindustrie nun mal wirklich keine Ausnahme, ganz im Gegenteil: da wird eher vom zweiten in den fünften Gang geschaltet und es fällt nicht immer einfach, bei einer solchen Tempoverschärfung Halt zu finden und dann, um so länger die Reise dauert, mit diesem Speed mitzuhalten. Da muss dann leider anderswo etwas dran glauben und das wart in diesem Fall ihr, liebe Leserinnen und Leser, die für meine neuen musikalischen Empfehlungen besonders lange warten mussten. Dafür möchte ich mich selbstverständlich unbedingt entschuldigen und hoffe zumindest, dass sich das lange Warten gelohnt hat und dass ihr mit neuer Musik aus den Bereichen Dark-Funk, Proto-Metal, (don’t call it) House oder trockenem Techno sowie der kleinen Zeitreise mit bedeutenden Alben aus den letzten drei Jahrzehnten was anfangen könnt. Und dass sie euch genauso viel Freude bereiten wie mir - Stichwort: Y2K.

Bis nächsten Monat, versprochen - euer Pat.

Karl Hector & The Malcouns - Non Ex Orbis

„Nicht von dieser Welt“, so übersetzt mir der stets zuverlässige Google-Übersetzer grob den Titel des neuen Albums des Gitarristen Karl Hector, der eigentlich Jan Weissenfeldt heißt und aus München kommt. In einem Artikel eines befreundeten Autors habe ich gelesen, dass man ihn eigentlich nicht mehr groß vorstellen bräuchte - und ich dachte, ich hätte Ahnung von Musik! Als ich das erste Mal vor rund sieben Jahren auf ihn gestoßen bin, hatte ich mir diese sehr funkige Afro-Platte von ihm gekauft, „Sahara Swing“, seinerzeit erschienen bei Now-Again, einem Sublabel des legendären Labels Stones Throw (u.a. Madlib, Sudan Archives) und war sogleich begeistert über diese jammende Musik. Ich habe das Ganze irgendwo in Südamerika oder so verortet, ist ja auch eigentlich egal, wo es herkommt. Aber nie im Leben hätte ich gedacht, dass sowas aus Deutschland, aus Minga, kommt. Aber Blasmusik, Oktoberfest, Afropsychedelic - wtf?! Nun also „Non Ex Orbis“ eben: weniger Afro aber immer noch super verspielt. Mehr psychedelic, viel mehr E-Gitarre und mit „Mother Seletta“, das vorab schon als Single veröffentlicht wurde und einer der wenigen Songs mit Gesang ist, enthält das Album sogar einen richtigen Hit - von über acht Minuten Länge eben.

Das komplettee Album könnt ihr auf Spotify hören.

J.J. Whitefield - Brother All Alone

Jan Weissenfeldt, um den es schon in der vorhergehenden Besprechung ging, ist ein sehr umtriebiger Musiker, weswegen die Berichterstattung über sein Schaffen mit der Rezension von „Non Ex Orbis“ nicht zu Ende erzählt ist. Im Juni hat er nämlich noch ein Album herausgebracht. Sein erstes Solo-Album, wie zu lesen ist, das einerseits durchaus dem ähnelt, was er mit Karl Hector zuletzt fabriziert hat (wär ja auch seltsam, wenn nicht - ist ja der gleiche Mensch!), andererseits aber eine ganz andere Stimmung trägt. Klar, die krummen Takte, die rollenden Bassläufe, die perkussive Instrumentierung sind auch hier alle vorhanden, aber die Aura ist viel zurückgelehnter, alles ist mehr hazy und weniger auf Zack. Auch die Gitarre wird weniger für ausufernde Mördersoli verwendet, als eher, um bspw. mit einem leise knarrenden Saxofon Atmosphäre zu schaffen. Zwischendurch werden auch Einflüsse aus Kraut oder Jazz eingestreut und sogar klassische Stoner-Rock-Riffs („White Queen“!) hört man raus, aber nur in einem komplett anderen Setting, was etwas sehr Schönes und Besonderes ist.

Wie auch die Tatsache, dass solche Musik eigentlich eher selten aus Deutschland kommt und sogar in München bei Kryptox, dem jüngst gegründeten Sublabel des großartigen Disco-Labels Gomma, erscheint. Ist zwar irgendwie unwichtig, aber trotzdem auch irgendwie bemerkenswert, wenn man sonst eher weniger mit der Musik von hierzulande anfangen kann, so wie ich.

Hier geht es zum Album auf Spotify.

Nina Kraviz - Stranno Stranno Neobjatno

Ein bisschen interessant ist es ja schon zu sehen, was Nina Kraviz – ihres Zeichens eine der erfolgreichsten Techno-DJs und sowohl auf durchkommerzialisierten EDM-Events als auch auf Underground-Raves hochgeachtet und respektiert – ohne sich jemals als Grande-Dame oder sonstige Instanz ihrer Szene zu inszenieren, auf ihrer neuen EP „Stranno Stranno Neobjatno“ fabriziert. Zuletzt hatte ihr Hochgeschwindigkeits-Remix von Marie Davidsons „Workaholic Paranoid Bitch“ schon angenehm verwirrt und nun veröffentlicht sie, zehn Jahre nach ihrem ersten Lebenszeichen „Pain In The Ass“, auf ihrem eigenen Label трип (Trip) drei neue Tracks, die genau zwischen dem hängen, was man einerseits erwartet hätte und andererseits aber auch doch das Stückchen Wagemut enthalten, um eben von sich reden zu machen. Der Opener „Dream Machine“ plätschert noch atmosphärisch vor sich hin, ruft Detroit in Erinnerung und Nina säuselt dazu vor sich her, doch „I Want You“ ist schon ein wenig fordernder: melodischer und gar leicht melancholischer Drum-Machine-Funk, der die rauen Mittel einer Helena Hauff zitiert, andererseits aber durch teils soulige Vocalsamples wieder aufgebrochen wird. Der abschließende Titeltrack behält das hohe Tempo bei, wirkt erst simpel, fast amateurhaft, offenbart allerdings durch den repetitiven Gesang von Kraviz eine düstere Tiefe, die eine finstere Nacht kaum besser untermalen könnte.

Natürlich gibt es die EP schon bei Spotify.

Tanith – In Another Time

Viel Stoff für erschrecktes Aufatmen bietet das Amerikanisch-Britische Quartett Tanith: butterweiche Call-and-Response-Duette zwischen dem Satan-Gitarristen Russ Tippins (dessen neues Projekt Tanith ist) und Sängerin Cindy Maynard, ohne jede maskuline Aggressivität, die man bei einer Band in diesem Bereich erwarten würde. Dazu epische, teils proggy Songstrukturen, die sehr wohl ihre Helden Blue Öyster Cult, Wishbone Ash oder – auch gerade wegen ihrer Schmalzigkeit schon immer geil – Uriah Heep erinnern, sind bei fast allen Songs neun Songs ihres Debüts „In Another Time“ gesetzt. Ebenso in jedem Song vertreten sind allerdings auch kreative, groovende und angenehm dreckig eingespielte Riffs und abenteuerliche Soli, die viel Freude beim Hören bereiten und andererseits so viel Tanzbarkeit und Melodie beinhalten, dass „In Another Time“ als Heavy Metal-Album zu bezeichnen, eigentlich zu viel des Guten ist:.„Heavy Rock“, mit seinen vernebelten Passagen voll Mystik und Geheimniskrämerei („Wing Of The Owl (Galantia, Pt. 3)“, „Cassini’s Deadly Plunge“), passt da schon viel besser und macht Hunger auf die Live-Shows, die sie im November in den Heavy-Hauptstädten des Landes, Oldenburg, Kassel, Göppingen, Mannheim und Würzburg spielen. Na gut, nach Berlin und Hamburg kommen sie auch.

Bis dahin hören wir das Album eben zu Hause.

Feel old yet?

Geil vor 10 Jahren: Fever Ray - s/t (2009)

Düstere Anklänge hatten sich ja schon über die Jahre in den Sound ihrer vorigen Band The Knife eingenistet, zuletzt zeugte damals ihr Meisterwerk „Marble House“ von der Wandlung des ohnehin in ständiger Entwicklung befindlichen Duos. Nun ging aber Sängerin Karin Dreijer-Andersson mit ihrem Soloalbum, für das sie die Figur Fever Ray aus der Taufe hob, noch einen Schritt weiter und schuf auf der Platte gleichen Namens einen Soundtrack für Albträume, wie man ihn sich nicht perfekter vorstellen könnte: „Keep The Streets Empty“, „Concrete Walls“ und natürlich der ikonische Album-Opener „If I Had A Heart“ jagen uns heute einem beim Zuhören kalte Schauer über den Rücken und machten Gruftiness mal wieder salonfähig. Doch es wäre kein Album von Fever Ray, wenn es bei aller Ernsthaftigkeit und Dunkelheit nicht auch mit einer Portion Humor gespickt wäre: Man höre nur genau auf den Text der Single „Seven“. Das zeichnet eine Künstlerin wie Karin Dreijer-Andersson aus, so entstehen echte Klassiker: wenn man sich und die ganze eigene Tour auch nicht zu ernst nimmt.

Einmal Nostalgie? Hier entlang!

Geil vor 20 Jahren: Silverchair - Neon Ballroom

„Teenage Angst“ war allgegenwärtig zur Jahrtausendwende bei 13- bis 19-jährigen, keine Frage: „Was geschieht, wenn es Mitternacht wird und die Computer alle von 1999 auf 2000 switchen? Werden meine ganzen Speicherstände bei Diablo futsch sein? Wird sich meine Festplatte komplett formatieren und ich meine exquisite heruntergeladene Musiksammlung von 20.000 Tracks verlieren?“ Das Trio Silverchair hatte mit ihrer „Anthem For The Year 2000“ die offizielle Hymne dazu und dazu ein Killer-Riff im Gepäck, das natürlich die Jugend im Sturm auf seine Seite zog - waren sie doch selbst zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch Teenager - und ihr mit Songs wie „Ana’s Song“ (über Magersucht) und ernsten Themen ihr auch tatsächlich aus der Seele sprach. Der Post-Grunge-Sound auf dem dazugehörigen Album, „Neon Ballroom“ erinnerte mal an Smashing Pumpkins, mal an Nirvana und hört sich noch heute unheimlich gut an. Die Songs, wie die Instrumentierung als auch die Stimme ihres gebrochenen Sängers Daniel Johns sind unglaublich vielseitig und die Zusammenführung von eingängigem Pop- mit glaubwürdigem Rock-Sound sucht in diesem Genre noch ihresgleichen.

Hier findet ihr das Album auf Spotify.

Geil vor 30 Jahren: Lenny Kravitz - Let Love Rule

Wie heißt es im Opener „Sitting On Top Of The World“ zum allerersten Album dieses jungen wilden, so unglaublich begnadeten schwarzen Gitarristen, der sich aufmachte, mit dem Rock ein fast durchgängiges weißes Genre von hinten aufzurollen? „Never Gonna Say Goodbye“ singt ein damals putzige 25 Jahre alter Lenny Kravitz mit mal brüchiger, mal unglaublich souliger Stimme, was sich so ziemlich bewahrheiten sollte: dreißig Jahre später ist der mittlerweile zur etwas irrelevanten - aber immer noch - zur Rock-Legende gemeißelte Superstar nach wie vor am Start und veröffentlicht zwar leider nur noch blutleere und überproduzierte Pop-Soulrock-Tracks. Dabei hatte es dieser Dude einstmals unglaublich auf dem Kasten, weswegen ein erneutes Reinhören in sein Debüt „Let Love Rule“ ungemein lohnt. Eine für einen solchen Major-Release ungewohnt dreckige Produktionsweise, ständig übersteuerter, zwischen krumm und schief einerseits und virtuos andererseits pendelndes Gitarren- und Gesangsspiel und großartigen Tracks ist dieses Debüt ein von starkem Jam-Charakter geprägtes Album, dessen Aura von Hingerotztheit die große Spannung ausmachen.

Let it rotz!

Wer außerhalb seiner Musikkolumne auf Beige von Pat nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt seine Facebook Seite Riskodisko liken.

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