Mal Was Neues Machen

Es ist vorbei. Der Clown ist abgeschminkt. Komm, jetzt machen wir mal was Neues. Weil uns das Licht ausgeht. Weil die Sonne es auch jeden Tag macht. Weil wir nicht anders können. Ein Manifest für den Neuanfang.

It is 5 am, sagt der Radiomann, it is 5 am in Berlin und die Sonne ist einmal ans andere Ende der Welt und wieder zu uns zurückgekommen. It is 5 am in Berlin und die Sonne ist wieder da, Kinder. Mal was Neues machen, sage ich, als ich die Kaffeebohnen in die Mühle kippe und sie flüstern ihr letztes Gebet. "Mal was Neues, irgendwie," sage ich, und dann dzzzzzzzzzzt. Mal was Neues, sage ich mir, und dann Wasser rein, Pulver drauf und das blaue Gas brennt. Mal was Neues machen. Vier Wörter, vier Wörter, die so tief gehen wie eine Gurke auf Grindr. Mal was Neues machen, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, sage ich und sehe die Asche hinter mir. Die Asche von gestern, von vorher, umringt von Zigarettenstummeln, die so viel Sinn gemacht hatten, als es noch dunkel war. Tango haben sie vor mir getanzt und ich konnte nicht einmal mehr gerade sitzen. „Jesus hat Wasser zu Wein gemacht,“ habe ich geschrien, „Und wir, was machen wir? Aldibier zu Pisse!”. Jetzt ist es vorbei. Der Clown ist abgeschminkt. Und es stinkt mir, das Gestern.

Mal was Neues machen. Es gibt Ameisen, die bauen Hochhäuser. Es gibt Ameisen, die begatten Königinnen. Und es gibt die, die pausenlos Reiskörner durch die Gegend tragen. Ich bin keine davon. Ich habe keine Funktion für die Gesellschaft. Ich bin die, die läuft und läuft und ihre sechs Beine bewegt, bis es nicht mehr weiter geht. Und das ist nie, weil die Erde ja rund ist und es immer weiter geht auf einer Kugel. Ich bin diese eine Ameise, die dir begegnet, wo du sie nicht erwartet hättest. Hinter dem Fluss und in den dunklen Ecken. Ich kenne die geheimen Orte. Ich weiß, wo die guten Krümel liegen. Ich werde das tun, bis mich deine Birkenstocks zertreten. Mal was Neues machen.

Mal was Neues machen. Es ist eine goldene Krankheit. Ich muss es tun. Neue Wörter benutzen, neue Menschen treffen, neue (alte) Klamotten tragen, neue Dinge essen, neue Dinge spüren, frische Luft atmen. Bei mir ist es extrem, das gebe ich zu. Aber neue Wege entstehen eben nur dadurch, dass man sie geht. Das stand auch an meiner Tür, als ich sie vor zehn Jahren in München hinter mir zuzog. Viele bunte Wege bin ich gegangen und viele werden noch kommen, aber ein Fuß steht jetzt hier, auf diesem, der so beige aussieht wie ein Feldweg in der Provence im späten Juni. Mal eine Welt machen, die neu ist. Mal tun, damit es wird.

Mal was Neues machen, weil Gewohnheit zu kuschelig ist. Mal was Neues machen, weil sonst wären wir immer noch – nichts. Mach was Neues, weil es aus dir kommt. Komm, leg mal das Handy weg und mach was Neues. Verbrenn' die Brücken und die letzte Ausgabe der Neon und setz dich in die Asche des Flusses. Alles geht, solange es Wind gibt und Licht und sich die Erde dreht. Fang deine Beziehung neu an! Fang deinen Job neu an! Hau ab aus dieser Stadt und such dir was Neues! Hol dir eine neue Meinung über irgendwas! Fang an, mit links zu schreiben, meine Güte, meinetwegen! Mach was Neues, weil Träume am besten schmecken! Stell dir vor, du tust es. Stell' dir vor, du machst das Segel auf und lässt den Wind rein. Stell' dir vor du kündigst diese Bar, in der du seit Jahren lächelst. Stell' dir vor: ein Bein vor das andere. Du wirst Wind im Gesicht haben. Karibik und dann nach Südamerika und dann untenrum um die ganze Welt. Weil untenrum ist immer besser. Dein Fuß auf neuem Sand. Ein neues Gesicht. Holzbrett am Boden, Hammer in der Hand. Neue Magie. Fahr deinen Traum so richtig mit BUMMS gegen die Wand! Und dann pack’ den nächsten aus, wie an Weihnachten. Nicht jede Raupe wird ein Schmetterling, aber verdammt, mal was Neues machen, was wären wir ohne das.

Ein neues Magazin kann brutal schiefgehen. Da ist viel Angst dabei, wisst ihr. Viel Geld auch. Aber manchmal musst du eben tun, was du tun willst. Ich finde, wir sollten es jetzt machen, weil bald ist es nicht mehr hell genug. Es ist hart, es wird vielleicht funktionieren, vielleicht nicht. Wahrscheinlich schon. Ich weiß, wir denken immer, die nächste Ausfahrt ist die bessere. Aber wir müssen diese hier nehmen, weil wir verlieren das Licht wie ein Regisseur bei Sonnenuntergang. Wir brauchen das, mal was Neues machen. Bewegung. Be-Weg-ung, ein geiles Wort. Weil wir gar nicht stehen bleiben können. Weil wir uns bewegen müssen. Es gibt im Universum nichts, das sich nicht bewegt. Also bewegen wir uns. Die Sonne macht das auch. Jeden Tag ab 5 am.

  • Foto
    Janine Sametzky

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