Die Interior-Trends 2020 aus Köln, Paris und Stockholm

Mit Agenturchefin Tanja Demmerath unterwegs auf den Möbelmessen

Die Interior-Branche ist eine ganz eigene Welt. Eine, die man nicht nur sehen, sondern auch fühlen kann: die Maserung eines alten Holzes, die harte Kälte von Marmor und die weiche Oberfläche von Samt. Ähnlich wie in der Mode Paris oder Mailand, dominieren auch in der Inneneinrichtung ganze Städte oder Länder: Frankreich, zum Beispiel mit der Pariser Möbelmesse Maison&Objet, Schweden mit der Stockholm Furniture & Light Fair und Deutschland mit der imm Cologne. Doch anders als in der Mode, ticken die Uhren hier etwas langsamer. Prototypen für Möbel zu entwickeln braucht vor allem Geduld und Perfektionismus, ebenso verspürt der Endkonsument (im besten Fall) nicht den Drang, sich alle vier bis sechs Wochen neu mit Möbel einzudecken. Manche Entscheidungen in Sachen Möbel sind Entscheidungen für das ganze Leben.

Doch mich überfordert oft schon der Instagramfeed mit seiner immensen Hülle und Fülle an Farben, Designs, Formen, Brands und Stilen. Wie muss es da jemandem ergehen, der zusätzlich dazu auch noch über alle Interior-Messen tingelt und somit die Neuheiten schon mindestens sechs Monate im Voraus sieht? Die Wunschliste dieser Person muss unendlich lang sein...

Tanja mit ihrem Impulse-by-Communication-Team

... und ich will sie sehen: Welche Brands sollte man unbedingt auf dem Schirm haben? Welches Land hat in Sachen Interiordesign seine Nase vorne und wie entwickelt sich die Designbranche in Sachen Nachhaltigkeit weiter? Genau für diese Fragen habe ich mir den absoluten Profi gesucht. Tanja Demmerath gründete ihre PR-Agentur Impulse by Communication als sie 23 Jahre alt war, ihr erster Kunde war die Porzellanmanufaktur Rosendahl. Mittlerweile ist ihr Markenportfolio um einiges gewachsen: Sie nennt Bolia, By Lassen, Eloa, Heymat, Holmegaard, Kay Bojesen Denmark, Montana, Urbanara, Woud und noch so viele mehr ihre Kunden – und auch ihre Arbeitsfamilie. Tanja ist eine der passioniertesten, erfolgreichsten und sympathischsten Menschen, denen ich je begegnet bin und strahlt vor allem eins aus: Begeisterung für Design und die kreativen Menschen, die dahinter stecken. Und sie steht nie still, ist immer auf der Suche nach neuen Brands, findet Inspiration auf Reisen und verbringt gefühlt 365 Tage auf den Möbelmessen dieser Welt.

Wen, wenn nicht sie, hätte ich also für die Möbeltrends 2020 interviewen sollen?

„Die Interiorwelt ist mein Zuhause und diese Leidenschaft hat meine Karriere und das Portfolio meiner Agentur geformt.“

Tanja, wie oft warst du schon auf der imm und der Maison&Objet?

Oh je, ich weiß gar nicht, ob ich das mit Gewissheit beziffern kann. Aber da ich seit mehr als 15 Jahren fest in der Interiorwelt „zu Hause“ bin und regelmäßig internationale Messen besuche, mindestens vier Stück im Jahr, kann man ein bisschen zurückrechnen.

In manchen Saisons musste ich dann mal den ein oder anderen Messebesuch auslassen, und auch nicht immer waren die Messen so spannend. Es gab auch Zeiten, da haben in meinen Augen der imm oder der Maison&Objet ein spannendes Konzept gefehlt oder interessante Aussteller. In diesen Jahren habe ich dann eher die Shows in anderen Ländern wie Stockholm, Mailand, London oder auch die 3 days of design in Kopenhagen besucht. Die imm findet nur einmal im Jahr, nämlich im Januar, statt. Bestimmt war ich schon auf mindestens acht Shows, die Maison&Objet hat zwei Saisons – im Januar und im September. Insgesamt habe ich die Pariser Messe sicherlich schon zehnmal besucht.

In diesem Jahr bin ich auf großer Messereise – besonders, um Konzepte und Messeaussteller im internationalen Vergleich zu erleben. Auch in Stockholm auf der SFF, wo ich mich zurzeit befinde, gibt es wieder ganz neue Inhalte und Stimmungen. Im Frühjahr stehen dann auch noch Kopenhagen und Mailand an.

Wenn du beide Messen vergleichst, die imm in Köln und die Maison&Objet in Paris, worin liegen die Unterschiede? Wie wichtig sind beide Messen im internationalen Vergleich?

Zum einen liegt der große Unterschied natürlich in der Frequenz, die imm in Köln mit nur einem Termin im Jahr, die Maison&Objet hat zwei Ich finde es eh erstaunlich, eine so große Messe im Bereich Interior zweimal stattfinden zu lassen, denn man muss sich auch einmal den Prozess der Produktentwicklung im Bereich Interior und Design vorstellen. Prototypen von Möbeln zu entwickeln und diese dann während einer Messe einem Fachpublikum vorzustellen, da steht schon sich einiges an Aufwand – auch monetär – gegenüber.

Doch gerade deswegen gibt es dann den großen Unterschied zwischen beiden Messen: Die Maison&Objet hat gegenüber der Kölner Messe imm eine große Auswahl an Deko-Objekten und Wohnaccessoires. Es gibt große Bereiche, die ausschließlich Raumdüfte als Thema haben oder Deko-Skulpturen, Teppiche und Leuchten. Der Maison&Objet angeschlossen ist auch seit noch nicht so langer Zeit die Paris Design Week mit tollen Sonderausstellungen in der Stadt oder Showroom-Events verschiedener Hersteller, wie es die Mailänder schon seit so vielen Saisons erfolgreich umsetzen. Was auch noch einen großen Unterschied macht ist, dass die Wohntextilhersteller in der Pariser Innenstadt seit jeher eine feste Instanz für Einkäufer und Fachbesucher etabliert haben: die Paris Deco Off. Diese Randveranstaltungen ziehen natürlich noch ein breiteres und internationaleres (Fach-)Publikum an.

Solche Konzepte fehlen noch in Köln. Dort gibt es zwar die sogenannten „Passagen“ mit tollen Designveranstaltungen, aber die haben sich noch nicht so groß durchgesetzt. Meiner Meinung liegt das aber auch an der Geschichte der „Messe“ an sich. Außerdem versuchen die Messeveranstalter in Deutschland die Besucher an das Messegelände zu binden, um die Besucherzahlen für die Aussteller interessant zu halten.

Man kann das besonders auch daran sehen, dass es in Paris (und anderen Messen) der Öffentlichkeit nicht erlaubt ist, die Fachmessen zu besuchen. Diese sind ausschließlich für die brancheninternen Besuchern, während in Köln die Türen für drei Tage (Freitag, Samstag und Sonntag) allen Interessierten geöffnet werden. Dies hat in meinen Augen viele Vorteile, aber leider auch viele Kehrseiten.

Wie kann man sich einen Messetag bei dir vorstellen? Wie wichtig sind Messen für dich und die Brands, die du betreust?

Sowohl für unsere Brands als auch für uns sind Messen eines der großen Highlights des Jahres: Es ist der Auftakt in eine neue, spannende Saison – Inspiration findet sich somit an jeder Ecke und Trends für das kommende Jahr kommen hier zum Ausdruck. Nach jeder Messe ist mein Kopf gefüllt mit vielen neuen Ideen – für unsere Arbeit als PR-Agentur, aber auch für meine private Wohnung in Charlottenburg. 

Darüber hinaus liebe ich Messen aber auch dafür, dass sich hier die gesamte Branche trifft: Hersteller*innen, Händler*innen, Stylist*innen, Designer*innen, Architekt*innen, Redakteur*innen, Blogger*innen, Fotograf*innen, Influencer*innen und Designbegeisterte. Auf jeder Messe entstehen wie von selbst viele neue Kontakte, Freundschaften und spannende Gespräche, die mich nachhaltig bereichern. Als PR-Agentur nutzen wir die Messe aber natürlich auch, um die einzelnen Neuheiten unserer PR-Partner interessierten Journalist*innen und Influencer*innen vorzustellen – entweder in persönlichen Gesprächen, auf einzigartigen Veranstaltungen oder in Form einer IBC Design Tour, wie wir sie erstmalig in diesem Jahr auf der imm cologne umgesetzt haben. 

Dementsprechend gibt es bei mir auch keinen klassischen Messetag – jeder Tag sieht etwas anders aus, mal empfange ich Pressekontakte am Stand eines PR-Partners, mal führe ich Designinteressierte über die Messe, mal besuche ich gezielt spannende Designmarken und mal lasse ich mich auf der Suche nach neuer Inspiration einfach durch die Hallen treiben.

Allein die imm hatte 14 Hallen voller Aussteller. Wie verschafft man sich da einen Überblick? Machst du dir einen Plan?

Erstmals schaue ich mir an, welche Trends generell in der Branche gerade langsam aufkommen und welche Hersteller diese bedienen.

Ich recherchiere immer sehr genau, in welchen Hallen „meine“ Lieblingsmarken ausstellen, oder wo Trends entstehen. Die Messeorganisatoren haben immer ein stringentes Konzept und bündeln entweder Themen oder Gruppen. Da schließen sich von vorneherein auch direkt viele Hallen für mich persönlich aus, die ich erst gar nicht besuche. Es gibt wiederum auch Hallen, die ich nicht verpassen möchte und mir fast alle Hersteller genauestens ansehe.

Ich habe dabei aber oft Glück, denn meistens sind es genau die Hallen, in denen die Marken aus meinem Agenturportfolio präsent sind. Da kann ich alles miteinander verbinden. Über die Jahre gibt es da schon ein festes System, auch, welche Wege man geht. Denn während eines intensiven Messetages wie in Mailand oder Paris kann man schon 15–20 Kilometer zurücklegen. Locker! Am besten in guten Sneakers und einem Plan. Ja, den lege ich mir fast immer an. In welchen Hallen stehen welche Hersteller? Und wo? Wie kann ich was miteinander verbinden (z. B. Trendtalks oder Sonderausstellungen) und welche Wege kombiniere ich am effizientesten?

Unter zwei Tagen macht ein Messebesuch, wenn man ihn intensiv betreibt wie ich und so viele Menschen trifft und mit ihnen spricht, keinen Sinn.

Und wie merkst du dir interessante Brands?

Ich fotografiere sie mit dem Handy! Oder verknüpfe die Brands über Social Media. Aber mittlerweile merke ich sie mir auch so. Besonders dann, wenn ich vor Ort mit einer Person gesprochen habe, mir Philosophie und Produkte habe erläutern lassen. So spannend. Die Fotos nutze ich dann auch, sie in der Agentur zu zeigen und die Trends zu sondieren. Schöne Kataloge nehme ich mit tatsächlich übrigens auch immer noch mit!

Kannst du mir 4 Brands nennen, die dich dieses Jahr komplett begeistert haben?

  • New Works aus Kopenhagen.
  • Maison Dada aus Shanghai/Paris
  • Gubi finde ich immer wieder toll und hatten während der imm eine tolle Off-Side-Show in einer Kapelle
  • Sé Collections finde ich wunder-wunderschön

Und wer hat dich unerwarteterweise komplett überrascht?

Montana. Weil sie mit ihrer neuen Mini Kollektion in zehn poetischen Farben neue Wege gehen und eine jüngere Zielgruppe ansprechen. Die dünneren Wände der Module sind leichter und auch kostengünstiger. Nach ca. 40 Jahren finde ich das eine tolle Überraschung. Damit wird Montana demokratischer, das gefällt mir sehr, denn gutes Design in dieser anspruchsvollen Qualität sollte in jedem Zuhause stattfinden!

Welches Label sollte man nicht aus den Augen verlieren?

Northern. Eine norwegische Marke, die erst als Leuchtenhersteller bekannt war. Seit einigen Jahren produzieren sie nun auch Möbel und Accessoires in großartigem Format und haben ihren etablierten Markennamen Northern Lighting in Northern umbenannt. Tolle Designs, schöne Formlösungen für Alltagsgegenstände in wunderschönen Farben und wunderbarer Qualität. Für mich ein Newcomer, den ich seit mehr als fünf Jahren beobachte und sehr mag.

Bei den Möbelmessen messen sich viele Länder. Wie halten die deutschen Designer mit den anderen Ländern mit? 

Ich erlebe zurzeit eine tolle Phase: Noch nie wurde ich auf den Messen von internationalen Marken so oft nach meinen Kontakten zu deutschen Designern angefragt! Mindestens drei Brands aus unterschiedlichen Ländern möchten intensiver mit deutschen Produktdesignern zusammenarbeiten oder sich beraten lassen.

Welche deutschen Brands und Designer findest du besonders interessant?

Ich liebe die Arbeiten von Mark Braun, Studio Besau-Maguerre und Hanne Willmann. Meike Harde macht tolle Polstermöbel und OUT -Objekte Unserer Tage bewundere ich sehr. Sebastian Herkner ist international nicht mehr wegzudenken und ein toller Typ. Und Stefan Diez ist eh schon eine Ikone.

Welche Länder holen immer mehr auf in Sachen Interior?

Spanien, Portugal und Japan.

Welche Newcomer sollte man im Auge behalten?

Heymat aus Norwegen – ganz großartig, was man aus einer Fußmatte alles rausholen kann!

Hast du ein Möbelstück oder ein Piece gesehen, das dir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht?

Spiegelobjekte von Vincenzo De Cotiis oder Maison Dada sowie die neue Wandleuchte von Sebastian Summa für DCW Édition Paris – hier in Stockholm bin ich wieder auf einen Kokon-artigen Sessel gestoßen, der mir seit einem Jahr nicht aus dem Kopf geht und sicherlich bald bei mir einziehen wird.

Skandinavischer Minimalismus, französische Art déco – Welcher Wohnstil kommt wohl als Nächstes?

Der kalifornische Style der 50er-Jahre kehrt mit neuen Elementen zurück, aber auch der südländische Finca-Style mit vielen natürlichen Materialien ist angesagt.

Was sind (neben Pantoneblau) die Trendfarben für dieses Jahr in der Einrichtung?

Beige und Nude-Töne geben weiterhin den Interior-Ton an. Aber jetzt vor allem in Verbindung mit starken Farbkontrasten, Schwarz oder Rost- und Brauntönen. Grün (in allen Facetten) wird eh bleiben – diese Farbe stellt für mich die Farbe des Jahrzehnts dar, was vor allem mit der generellen „grünen Bewegung“ zu tun hat.

Apropos grüne Bewegung. Wie stark war das Thema Nachhaltigkeit auf den Messen vertreten?

Das Thema ist absolut nicht mehr wegzudenken und viele Hersteller betonen die Herstellung und nachhaltige Produktion ihrer Produkte. Materialität und Handwerk werden besonders hervorgehoben und viele Marken stellen Verpackungsmaterial, Logistik sowie Materialeinkauf um. Das ist ein langer Prozess, aber viele machen sich auf den Weg und nutzen dies in der Kommunikation rund um die Marke. Viele neue Marken setzen von vorneherein darauf und Hersteller wie FDB Møbler produzieren schon seit über 80 Jahren auf nachhaltigem Niveau – es ist in ihrer DNA verankert.

Welches Brand hat in Sachen Nachhaltigkeit seine Nase ganz vorne?

Mater Design ist in diesem Bereich absolut visionär unterwegs und für mich gibt es kein anderes Label, das sich so stark in diesem Metier entwickelt.

Terrazzo und Wiener Geflecht dominieren gerade meinen Instagram-Feed. Welche Materialien und Strukturen werden ihre Nachfolger?

Travertin in vielen Farben und Ton – sowie alternative Materialien. Aber ganz stark wird Aluminium (meist nachhaltig produziert) kommen und Messing langsam ablösen.

Wie sieht die Zukunft von Dekoration aus? Wie dekorieren wir unsere Wohnungen in den nächsten Jahren?

Mit vielen handwerklich hergestellten Vasen, Objekten und Schalen. Außerdem wird die Wanddekoration immer fantasievoller. Teppiche, Tücher, Gewebtes und Gesticktes kommt an die Wand. Auch besondere Spiegel sowie Wandleuchten sieht man immer mehr. Für mich steht „Stofflichkeit“ auch ganz oben in meiner Beobachtung.

Und was von den Messen wird ganz sicher bei dir zu Hause einziehen?

Lasst euch überraschen. Aber definitiv ein paar Neuentdeckungen, die ich noch nicht verrate. Ich habe mir gestern auf der SFF in Stockholm Vorhänge von den Designern Doshi Levien ausgesucht, die über Kvadrat produziert werden.

Vielen Dank für den interessanten Einblick, liebe Tanja!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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