Interior Trend: Wiener Geflecht

Wenn Tradition zum Trend wird

Bast-Geflecht, Flecht-Dingens, Webmuster – all meine Freunde wissen, dass dieses Handwerk gerade im Trend ist, aber das richtige Wort dafür? Kennen sie nicht. Deswegen spiele ich an dieser Stelle immer gerne den Klugscheißer. Dieser Interior-Hype, der gerade alle Shops, Labels und Influencer erfasst, nennt sich Wiener Geflecht. Und nein, der Trend ist nicht neu, ganz im Gegenteil, schon seit Jahrhunderten wird die Handwerkskunst des Rattanflechtens zur Herstellung von Möbeln verwendet.

Warum feiert das Wiener Geflecht gerade jetzt sein Comeback?

Monstera, Hague Blue, Beni Ourain, Samtpouf – mittlerweile ist der Hashtag #interiorinspo ein reines Massenmedium für bestimmte Interior Trends geworden, an denen man sich schnell sattsehen kann. Leider. Denn wo man in Sachen Mode immer noch ein bisschen nach Einzigartigkeit und Individualität strebt, habe ich oft das Gefühl, kann man bei der Einrichtung gar nichts mehr richtig machen. Marmor? Hat jeder! Terrazzo? Will jeder haben! Samtcouch? Standardpaket. Teures Keramikgeschirr? Natürlich.

Da etwas zu finden, was noch kein*e andere*r hat und das trotzdem die allgemeine Instagram-Ästhetik aka meinen aktuellen Geschmack trifft, schier unmöglich.

Der einzige Ausweg? Vintage! Klar, nur so können sich die meisten von uns Designklassiker wie Vitra, Thonet und Co. leisten. Und was hat ein schlauer Einrichtungsfuchs da wiederum mal aufgetan? Wahrscheinlich den berühmten Wiener Kaffeehaus-Stuhl Nr. 14 von Thonet aus dem Jahre 1859. So entstand vielleicht die Geflecht-Mania. Gesehen, geteilt, gekauft – schon wurden andere Labels auf die traditionelle Herstellungsweise aufmerksam, die das momentane Verlangen nach mehr Nachhaltigkeit und Handwerkskunst on top auch noch erfüllt.

Was ist Wiener Geflecht überhaupt?

Copyright: Thonet

Wiener Geflecht ist eine bestimmte Art der Flechtkunst, die auch Achteck- oder Wabengeflecht genannt wird. Dabei werden dünne Rattanstreifen in vier Richtungen gespannt und in den Bohrungen am Stuhl verknotet. Seinen Namen verdankt das Wiener Geflecht eigentlich der deutschen Traditionsfirma von Michael Thonet, denn die von ihm entworfenen Stühle Nr. 14 wurden besonders gerne von Wiener Kaffeehäusern verwendet, wodurch das Material zum Markenzeichen ebendieser wurde. Der beste Aspekt? Die verwendete Rattanpalme wächst schnell nach und das Rohrgeflecht ist besonders robust und langlebig. Heißt? Insgesamt ist das Wiener Geflecht eine extrem nachhaltige Angelegenheit, yay! Und ihr könnt es auch als Meterware kaufen, sprich, DIYs sind keine Grenzen gesetzt!

Dabei gilt als Qualitätsmerkmal: Je enger geflochten und je mehr Material verwendet wurde, desto höher ist die Lebensdauer. Sollte doch mal etwas kaputtgehen, wendet euch an eine*n Korbflechter*in zur fachmännischen Reparatur.

PS: Wiener Geflecht ist unbehandelt nicht für Außenräume geeignet, im Regen wird es grau, morsch und verliert an Festigkeit und Form.

Die schönsten Labels und Möbel aus Wiener Geflecht:

Thonet

Copyright: Thonet

Klar, der Klassiker darf an dieser Stelle nicht fehlen, erst recht nicht, weil das deutsche Unternehmen dieses Jahr 200 Jahre alt wird. Das muss gefeiert werden! Michael Thonet wurde vom Fürst Metternich 1841 nach Wien berufen, wo er den sogenannten Wiener Kaffeehaus-Stuhl von 1859 entwarf, auch Nr. 14 genannt. Revolutionär daran war zum einen das Rattangeflecht, zum anderen das gebogene Holz. Bis 1930 wurden schon unfassbare 50 Millionen Exemplare verkauft, zuletzt kam die 2014 eine neu aufgelegte Edition aus naturbelassenem Eschenholz auf den Markt.

GamFratesi

Das italienisch-dänische Designerduo GamFratesi, bestehend aus Designerin Stine Gam und Architekt Enrico Fratesi, steckt hinter diesem Traum von Schreibtisch. Der Allegory Desk ist mit einer großen Scheibe dampfgebogenem Buchenholz mit Wiener Geflecht versehen. Designt wurde der Tisch 2015 für Wiener GTV Design – Gebrüder Thonet Vienna GmbH. Die beiden sind übrigens alles andere als Unbekannte, sie stecken auch hinter vielen Designs von Gubi, Hay oder Casamania, inzwischen haben sie auch eine Leuchte für Louis Poulsen kreiert. Im selben Jahr erschien auch das Targa Sofa, erhältlich als Zwei- oder Dreisitzer und mit und ohne Messingfüße.

HK Living

HK Living ist ein Interiorbrand aus den Niederlanden, gegründet von Emiel Hetsen und Sander Klaver. Wer jetzt die beiden Nachnamen kombiniert... richtig... bekommt HK Living heraus. Das Ziel des Labels? Bezahlbare Möbel produzieren, die den Zeitgeist treffen. Mittlerweile kann man dieses Erfolgskonzept schon in 55 Ländern und 2000 Stores finden. Und ihr habt Glück, denn in Deutschland kann man ganz einfach bei Westwingnow bestellen.

Design House Stockholm

Das Design House Stockholm kenne ich schon seit meiner Kindheit aus meinen unzähligen Schwedenurlauben. Sie selbst bezeichnen sich als Publisher of Design und geben so Designern*innen Spielraum, Projekte umzusetzen, die sie alleine nicht stemmen könnten. Alles unter dem Deckmantel von skandinavischem Design, egal ob Möbel, Heimtextilien, Lampen oder Keramik. Eigene Läden gibt's in Götheborg, Båstad, Frankfurt und Jonköping, aber eine kleine Selektion findet ihr auch im KaDeWe.

Die Air Kollektion von Designer Mathieu Gustafsson ist brandneu beim Design House Stockholm und umfasst drei verschiedene Sideboards in unterschiedlichen Hölzern.

„In the past we had a different approach to furniture. People took care of their furniture and repaired items when they got broken. But it seems like the interest in handiwork and taking care of things is coming back into fashion. Now young people put a lot of thought into choosing their furniture. They buy fewer things, but choose them carefully.”

Mathieu Gustafsson

Atelier 2+

Wir verlassen Europa und fliegen nach Bangkok. Dort ist das Atelier 2+ Designduo zu Hause. 2010 wurde es von Ada Chirakranont und Worapong Manupipatpong gegründet, beide sind Absolventen von King Mongkuts Institute of Technology in Thailand. Das Besondere an dem Duo? Sie entwerfen nicht nur, sondern bauen auch viele der Möbel selbst. Hier findet ihr die gesamte Cane Collection. Einziger Nachteil? Es gibt nur Shops in Australien, Asien und Nordamerika. Vorenthalten wollte ich euch die tollen Designs der beiden trotzdem nicht. Wer sich unsterblich verliebt hat, schreibt den beiden vielleicht einfach mal eine Mail.

Kovac Family

Bei der Kovac Family steht das Thema Nachhaltigkeit an erster Stelle: umweltfreundliche Materialien und eine faire, verantwortungsvolle Produktion sind ihnen besonders wichtig. Alle Stühle und Bänke werden aus FSC zertifiziertem Holz produziert, das heißt, sie sind quasi aus Restmüll. Holz, das sonst weggeschmissen oder einfach verbrannt werden würde. Die fairen Preise können sie durch den direkten Verkauf erhalten, man kann trotzdem sogar in Raten auf der Website zahlen. Okay, jetzt verrate ich euch aber, wer dahinter steckt. Camilla und Christopher haben angefangen, jetzt sind auch ihre Töchter Klara und Filippa eingestiegen. Ein echtes Familienunternehmen also.

Übrigens: Gerade wurden die Designs von H&M Home eins zu eins kopiert. Bitte kauft nicht dort, sondern von der Kovac Family, denn hier sind alle Produkte nachhaltig – und das zum fast gleichen Preis wie bei H&M Home.

The Socialite Family

Anders als bei der Kovac Family steckt hinter The Socialite Family nicht eine Familie, sondern quasi mehrere. Gegründet von Journalistin Constance Gennari ist es ein Blog, der sich mit dem Thema Interior und Familie auseinandersetzt. Im Mai 2017 launchte das Magazin seine eigenes Dekobrand mit Möbeln und Accessoires.

Heaps and Woods

Weltenbummler. So kann man die Gründer von Heaps and Woods auf jeden Fall bezeichnen. Marta und Louis leben in Paris, Barcelona, Singapur und Bali – Work-Life-Balance können die beiden anscheinend. Zusammen mit einem Investor haben sie ihr eigenes Interiorbrand gegründet, das sich auf bezahlbare Möbel für Europa spezialisiert hat. Leider arbeiten sie gerade an ihrer Website, deswegen könnt ihr gerade nichts bei ihnen bestellen, aber bald ist alles bestimmt wieder online. Reinschauen lohnt sich!

Red Edition

Eines meiner liebsten Interiorlabels ist Red Edition aus Frankreich. Entworfen wird in Paris, hergestellt in Saigon und verkauft weltweit. Seit 2006, dem Gründungsjahr, ist es das Ziel des Designteams rund um Gründer Cyril Laborbe formschöne, farbenfrohe und schlichte Möbel zu kreieren und das gelingt ihnen mehr als gut. Wer in Paris ist, geht bitte in den Showroom in der 38 Rue des Blancs Manteaux. Viel Spaß beim Träumen!

Market Set

Mein Französisch ist etwas eingerostet, deswegen kann ich euch über Market Set nicht allzu viel verraten, außer dass ich die große Mobile Lampe seit ein paar Tagen mein Eigen nenne und ganz verliebt in das Licht-und-Schatten-Spiel unter meiner Decke bin. Die Marke Market Set gibt es seit 2016 und sie besteht aus einem großen Team, das sich auf Lampen spezialisiert hat. Über 1000 Produkte locken im Onlineshop, da ist man erstmal beschäftigt.

Weitere tolle Wiener Geflecht Designs:

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