Mehr Charakter, bitte

Mehr Charakter, bitte

Perfekte Wohnungen sind out.

Mehr Wärme, mehr Kontraste, mehr Persönlichkeit. Die 3 Days of Design in Kopenhagen zeigen, warum wir den klassischen Scandi-Look gerade neu denken.

Vor gut einem Monat war ich für die 3 Days of Design in Kopenhagen. Zwei Tage, unzählige Showrooms und genug Designstühle, um plötzlich sehr konkrete Meinungen über Sitzmöbel zu entwickeln.

In Kopenhagen wurde schnell klar: Gerade verändert sich etwas. Weg von perfekt inszenierten Scandi-Interiors, hin zu Wohnungen mit mehr Wärme, mehr Persönlichkeit und mehr Charakter.

Der Interior Mood Shift

Lange dachte ich, mein Wunsch, unsere Wohnung zu verändern, läge einfach daran, dass wir inzwischen seit sieben Jahren hier wohnen. Langweilig wird es bei uns allerdings nie. Unser Sohn sorgt zuverlässig dafür, dass regelmäßig neue, optisch eher fragwürdige Spielsachen einziehen.

Es geht auch gar nicht darum, alles auszutauschen. Sondern bewusster auszuwählen. Dinge loszulassen, die sich mit Mitte zwanzig richtig angefühlt haben, heute aber nicht mehr. Genau dieses Gefühl schien ich in Kopenhagen überall wiederzufinden.

Der maximalistische Farbenrausch der vergangenen Jahre verliert an Tempo. Statt möglichst vieler Statement Pieces stehen Materialien wie Holz, Stein, Leinen und Wolle im Mittelpunkt. Räume wirken ruhiger, aber nicht langweiliger. Reduzierter, aber gleichzeitig persönlicher. Und genau daraus haben sich fünf Trends herauskristallisiert.

Trend 1: Goodbye, helle Eiche. Hallo, dunkles Holz.

String Furniture Shelving System

String Furniture Shelving System

Skandinavisches Design war lange untrennbar mit heller Eiche verbunden. In Kopenhagen war davon erstaunlich wenig zu sehen. Stattdessen dominierten Nussbaum, geräucherte Eiche und dunkle Holzoberflächen. Allerdings nicht schwer oder altmodisch, sondern kombiniert mit hellen Wänden, Leinen, Naturstein und Edelstahl.

Genau dieser Kontrast verleiht den Räumen Tiefe. Sie wirken wärmer, erwachsener und weniger wie ein perfekt inszenierter Showroom.

Trend 2: Wohnungen dürfen wieder nach Menschen aussehen

Fast noch spannender als die Möbel selbst war das, was fehlte. Ich habe erstaunlich wenige dieser typischen It-Pieces gesehen. Also Objekte, die plötzlich gleichzeitig in jedem Magazin, jedem Instagram-Feed und jeder zweiten Wohnung auftauchen. Die Monstera. Das Togo-Sofa – meines liebe ich aber immer noch. Oder der Thonet-Freischwinger, gerne auch als verdächtig günstige Kopie aus dem Internet.

Stattdessen ging es plötzlich weniger um das einzelne Objekt als um die Atmosphäre. Überall standen Vintagefundstücke neben Designklassikern. Handbemalte Keramik neben Bücherstapeln, angezündeten Kerzen und Urlaubssouvenirs. Dinge, die offensichtlich nicht für ein Fotoshooting arrangiert worden waren. Die Wohnungen wirkten nicht perfekt. Sie wirkten bewohnt.

Und genau das machte sie so interessant. Weniger „Interior-Konzept", mehr „hier lebt jemand mit gutem Geschmack.“ Vielleicht erleben sogar gerahmte Familienfotos irgendwann ihr Comeback?!

Trend 3: Animal Print zieht ins Wohnzimmer

Wer mir schon länger folgt, weiß: Leopardenmuster ist für mich eine neutrale Farbe. Beim Interior war ich dagegen lange skeptisch. Vielleicht wegen der riesigen Porzellan-Leopardin im Wohnzimmer der besten Freundin meiner Mutter. Oder wegen der glänzenden Polyester-Animal-Print-Teppiche der 2000er, die bis heute kleine Design-Flashbacks auslösen.

Umso überraschter war ich, wie oft Tiermuster in Kopenhagen auftauchten – und wie gut sie plötzlich aussahen. Interessanterweise spielte Leopard diesmal kaum eine Rolle. Stattdessen waren Zebra- und Tigermuster überall: auf Sofas, Teppichen, Polstern und Kunstwerken. Der Unterschied? Der Kontext.

Die Muster treffen heute auf dunkles Holz, Naturstein und ruhige Farbwelten. Sie konkurrieren nicht mit dem Raum, sondern setzen genau einen Akzent. Fast wie in der Mode gilt auch hier: Animal Print funktioniert am besten, wenn man ihn wie eine neutrale Farbe behandelt.

Trend 4: Orange is back – schon wieder

Moment – wollten wir nicht gerade alle gediegener wohnen? Offenbar schließt das Spaß nicht aus. Denn neben all den gedeckten Farben tauchte eine Farbe immer wieder auf: Orange. Genauer gesagt dieses satte Siebzigerjahre-Orange, das sofort an Verner Panton und versunkene Sofalandschaften denken lässt.

Ein orangefarbenes Sofa? Großartig. Ein orangefarbenes Sofa, orange Vorhänge, ein oranger Teppich und ein Fondue-Set? Plötzlich lebt man in einer Zeitkapsel.

Genau deshalb funktionieren die neuen Interpretationen so gut. Sie zitieren die Siebziger, kombinieren sie aber mit klaren Linien, Edelstahl und deutlich mehr Zurückhaltung.

Trend 5: Gegensätze ziehen sich an

Frederiksgade 1

Wenn ich Kopenhagen auf einen Gedanken herunterbrechen müsste, dann diesen: Gutes Interior entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Kontraste. Alt neben Neu. Edelstahl neben Rüschen. Ein Flohmarktfund neben einem Designklassiker. Handgemachte Keramik neben industriell gefertigten Möbeln. Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen – und genau deshalb funktionieren.

Diese Gegensätze begegneten mir überall. In den Materialien, den Farben und sogar in den Jahrzehnten, auf die sich die Entwürfe bezogen. Ein Sofa mit klaren Siebziger-Anleihen stand neben einem minimalistischen Edelstahltisch. Eine verspielte Stoffleuchte lockerte einen ansonsten fast architektonischen Raum auf.

Das wirkte nicht inszeniert, sondern erstaunlich natürlich. Vielleicht, weil wir selbst genauso wohnen. Wir sammeln Dinge. Erben Möbel. Kaufen spontan etwas auf dem Flohmarkt und sparen gleichzeitig auf ein Designstück, das uns viele Jahre begleitet.

Die schönsten Wohnungen in Kopenhagen versuchten gar nicht erst, diese Widersprüche aufzulösen. Sie haben sie gefeiert. Und vielleicht ist genau das der größte Trend von allen: Räume, die weniger wie ein Konzept wirken und mehr wie die Menschen, die in ihnen leben.

Mein Fazit

Ein Monat später denke ich noch immer an Kopenhagen zurück. Nicht, weil ich seitdem unsere komplette Wohnung umkrempeln möchte – auch wenn die Versuchung durchaus da ist. Sondern weil ich das Gefühl habe, dort einen Moment erlebt zu haben, in dem sich etwas verschoben hat.

Der skandinavische Stil verabschiedet sich gerade leise von der Perfektion. Stattdessen wird er dunkler, persönlicher und entspannter. Weniger Trendpieces, mehr Charakter. Weniger Showroom, mehr Zuhause.

Vielleicht ist das am Ende die schönste Erkenntnis dieser Reise: Die spannendsten Wohnungen sind nicht die, in denen alles perfekt zusammenpasst. Sondern die, in denen man sofort das Gefühl hat, dass dort jemand lebt.

Fünf Dinge, die ich am liebsten mitgenommen hätte

Pira Shelving System

Das Regalsystem, das Raumteiler neu denkt: Das Pira Shelving System von String Furniture zeigt, dass ein Regal weit mehr sein kann als Stauraum. Offen, flexibel und luftig strukturiert es Räume, ohne sie zu trennen.

Dusty Deco

Der Beweis, dass jedes Zuhause Zebra verträgt: Spätestens nach dem Dolores Sofa von Dusty Deco war ich vom Animal Print außerhalb meines Kleiderschranks überzeugt.

Das Badezimmer, das ich seitdem nicht mehr vergessen habe: Die Waschbecken- und Spiegellösungen von Montana gehören zu den wenigen Badezimmern, bei denen ich ernsthaft über einen Umbau nachgedacht habe.

And Drape

Vorhänge, die mich Vorhänge neu denken lassen: Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Vorhänge zu meinen Designhighlights gehören würden. Nach den Fransenmodellen von And Drape sehe ich das anders.

Tekla

Die Patchworkdecke, die gedanklich mit nach Hause gereist ist: Manche Dinge passen einfach nicht in den Koffer. Die Patchworkdecke von Tekla gehört definitiv dazu – auch wenn ich sie seit Kopenhagen nicht ganz aus dem Kopf bekomme.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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