#jomo - Die Party ist vorbei und das ist auch gut so

Nach #fomo kommt #jomo – Ihr habt die Party des Jahrhunderts verpasst? Herzlichen Glückwunsch, ihr seid total up to date

Ein Gastbeitrag von Laura Diringer

Berlin, Freitagabend, 23:47. Die Bar ist sicher wieder voll. In der einen Ecke wird vermutlich geflirtet, am Tresen werden vielleicht die neusten Business-Ideen ausgetauscht. Durcheinander fliegende Gesprächsfetzen, fließender Alkohol, Zigarettenrauch, dröhnender Techno. Irgendwo mittendrin sind wahrscheinlich gerade meine Freunde. Die Woche ist geschafft, happy friyay – eine neue Runde Gin Tonic für alle, bitte! Es ist laut, es ist ausgelassen, es ist viel.

Zu viel für mich. Und deshalb bekomme ich davon auch rein gar nichts mit. Denn ich bin zu Hause, alleine – bewusst alleine, weil ich das so will und weil ich weiß, dass es mir guttut. Mein Handy im Flugmodus, ganz weit weg von mir. Meine Wolldecke ganz nah an mir. Keine Reue, um 21 Uhr schon in den Pyjama geschlüpft zu sein, kein Unbehagen meinen Freunden gegenüber für den heutigen Abend eine Absage erteilt zu haben. Im Gegenteil, erfüllt von Gelassenheit und Erleichterung den Abend nur für mich zu haben, verbringe ich meine Zeit frei nach dem Motto „Jomo“ – The Joy of missing out. Die Freude am Verpassen. Die Freude daran, nicht dabei zu sein, wenn die Freunde gerade Geschichten für den nächsten Montagmorgen im Büro schreiben, während ich Pizza aus dem Karton esse. Mich wie eine Wurst in die Decke einrolle und alleine in meinen eigenen vier Wänden herumliege.

Jomo ist ein Lebensgefühl, das bereits im Sommer durch die Medien und sozialen Netzwerke als Hashtag wanderte, dann aber schnell wieder an Aufmerksamkeit verlor. Im Juli 2018 schrieb die Redakteurin Hayley Phelan in der New York Times „Jomo is about disconnecting, opting out and being O.K. just where you are.“ Statt gestresst und hektisch immer up to date und bei allem dabei zu sein, lieber offline gehen und das genießen, was gerade da ist – Ruhe! – so ihre Devise. Jomo ist dabei ein Balanceakt zwischen der Vernetzung online mit anderen und der Verbindung offline zu sich selbst.

Ok, was heißt das nun im Klartext? Jomo heißt, es vorzuziehen unerreichbar zu sein und damit zu riskieren DAS Event des Jahrhunderts oder den aktuellsten Gossip im Social Media Feed zu verpassen, weil es einem – ganz ehrlich – völlig am Arsch vorbeigeht. Jomo heißt, Zeit für sich zu haben, sich mal nur um sich zu kümmern statt, wie so oft, um den Rest der Welt. Es heißt: im Hier und Jetzt sein. Tschüss, soziale Medien und hallo, reale Welt. In Phelans Worten: „It’s a lot like that age-old wisdom about being present — only retrofitted for a world in which missing an email could be a fireable offense, and deleting Bumble could mean you don’t go on a date for another three months. Like it or not, we need our technology devices; we just don’t need them as much as we think we do.

Phelan reduziert das Phänomen vorrangig auf den digitalen Raum. Auf das Verpassen niemals enden wollender Instagram-Feeds, blinkender WhatsApp-Nachrichten, E-Mail-Overkills und anstehender Facebook-Events. Jomo heißt für mich aber auch – und darum geht es in diesem Text ebenso – die Freude am Verpassen realer Aktivitäten. Die Freude daran, die Welt für eine Zeit in Ruhe lassen und wiederum von ihr in Ruhe gelassen zu werden. Und das ist manchmal gar nicht so leicht.

Sagen wir es so, wie es ist: Da gibt es noch ein ganz anderes Gefühl, das dafür sorgt, dass wir uns nach einer vollen Woche trotzdem noch von der Couch aufraffen, den Lidstrich nachziehen und die Jogginghose, die schon so verheißungsvoll auf uns wartet, verschmähen. Ein Gefühl, das uns schließlich raus in die Kälte, rein in die stinkende U-Bahn, wieder raus in die Kälte und rein in die verrauchte Bar treibt. Hallo Freunde, hallo Bier, hallo Party. Wochenende für Wochenende und trotz wechselnder Locations, Konstellationen an Menschen und variierender Rauschmittel – am Ende wiederholen sich die Abende doch nur wieder und wieder.

Dieses Gefühl kennen wir alle, ist es doch der wilde Bruder von Jomo. Fomo ist der Zwang, immer und überall dabei sein zu wollen – The Fear of Missing out. „Das Phänomen beschreibt die zwanghafte Sorge, eine soziale Interaktion, eine ungewöhnliche Erfahrung oder ein anderes befriedigendes Ereignis zu verpassen und nicht mehr auf dem Laufenden zu bleiben“, so kann man es mittlerweile selbst in einem eigenen Wikipedia-Artikel nachlesen. So verbreitet ist das Syndrom, dass der Begriff es 2013 sogar ins Oxford Dictionary geschafft hat. Fomo, die Angst man könnte etwas Weltbewegendes verpassen, ist heute für viele zum lästigen und ständigen Begleiter geworden. Bloß nichts verpassen, immer bereit für das nächste Abenteuer, ja nicht müde werden!

Und selbst wenn man physisch die Feier sausen lässt, ist das Nicht-Dabei-Sein gleichwohl ein Zustand geworden, der heute gar nicht mehr so einfach zu erreichen ist. Die heutigen technischen Möglichkeiten, aka Social Media und das Internet, machen es einfacher denn je, pausenlos am Leben der anderen teilzunehmen: Hochzeitsanträge, Urlaube, Restaurantbesuche, Städtetrips, Geburten, Geburtstage, Clubnächte, Kinopremieren, Theaterbesuche – die Liste der Unternehmungen, durch die man sich tagtäglich scrollt, ist endlos.

Fortlaufende Überflutung von Erlebnissen der anderen, weder orts- noch zeitgebunden – ob man will oder nicht. Da unsere Lieben stets nur einen Knopfdruck und einen Swipe entfernt sind, sind wir selbst eigentlich nie richtig für uns. Das Smartphone: ständig am Pingen.

So sehr daran gewöhnt, Menschen um uns herum zu „spüren“ (wenn auch nur über den Bildschirm), kommen wir uns mitunter leer vor, wenn wir einen Abend mal nur für uns sind, ohne Handy. Leere fühlt sich dann wie ein Problem an, das gelöst werden muss. Doch warum bereut man es dann dennoch so häufig nochmal losgezogen zu sein, entgegen der eigenen Lust?

Ich glaube, es sind die Abende, die man unter Leuten verbringt, obwohl das innere Bauchgefühl für Ruhe plädiert, weil die Welt da draußen einem heute zu viel ist. Es sind die Abende, an denen man ausgeht, nicht, weil man sich nach der Geborgenheit und den guten Gesprächen seiner Freunde sehnt, sondern aus der Angst heraus, etwas zu verpassen und allein zu sein. Und ja, man möchte auch nicht als langweilig abgestempelt werden, sollte man sich für die Deckenwurst und nicht für die Party entscheiden. Hinterlassen diese Abende dann ein gutes Gefühl? Eher selten. Wie also die eigene Rastlosigkeit und den Drang des Tippens und Swipens überwinden und einfach mal nicht dabei sein?

Wir müssen nun nicht zu 24/7-Stubenhockern ohne Kontakt zur Außenwelt werden. Keine Frage, es gibt weitaus schlimmeres, als Zeit mit seinen Freunden zu genießen, die einem etwas bedeuten und die das Leben bereichern. Und natürlich sind manche Partys unvergesslich, es gibt Abende, die einem die tiefsten Gespräche und neusten Erkenntnisse, oder einfach nur ein paar befreite Stunden voller Lachen schenken.

Vielleicht muss am Ende auch jeder erstmal eine Handvoll Erfahrungen gesammelt haben, in denen man sich auf der x-beliebigen Party die Beine in den Bauch gestanden, gelangweilt am Bier genuckelt und sich gähnend durch die Partymeute gedrängelt hat, um zu merken, dass man in den allermeisten Fällen auch hätte daheim bleiben können.

Die permanente Verbindung zu anderen ist doch häufig nur die Flucht aus den eigenen Gedanken. Um zu vermeiden, sich mit der eigenen chaotischen Gefühlswelt auseinanderzusetzen. Jedoch bin ich sicher, dass jeder Zeiträume braucht, die nur für sich selbst genutzt werden. Die permanente Gesellschaft anderer kostet Kraft und Energie. Umso wichtiger ist es zu lernen, dass es guttun kann, die Außenwelt ab und an mal auszusperren. Um durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen, neue Kraft zu schöpfen, zu träumen, Pläne zu schmieden, für die Welt, die einem am nächsten Tag wieder erwartet. Nicht dabei zu sein hat dabei nichts mit Einsamkeit zu tun. Es bedeutet viel mehr sich mit sich selbst zu befassen, mit sich selbst wieder eine Verbindung herzustellen. Und wer das schafft, fühlt sich auch nicht einsam.

Also, traut euch und seid mal nicht dabei! Sagt nein zu Einladungen, wenn ihr einfach keine Lust habt. Und habt kein schlechtes Gewissen, wenn ihr die Beine hochlegt und das Smartphone in den Flugmodus schaltet. Gönnt euch eine Pause und hört für einen Abend mal euren Gedanken zu.

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