Algo Rítmo – Pats sommerliche Playlist für den Juli

Während Pat diese Kolumne schreibt, läuft im Hintergrund Spreeradio ...

Sommerzeit ist Festivalzeit ist Musikzeit! Unser Autor Pat hätte da ein paar Hit-Ideen.

Was lässt uns gewisse musikalische Stile goutieren, während wir andere verschmähen? Eine Frage, die ich mir fast täglich aufs Neue stelle. Im Hintergrund läuft bei Spreeradio „Grenade“ von Bruno Mars und ich finde den Typen nicht mal schlecht, ist ein okayer Popsong. Und hier schreibe ich über abseitige Musik, die teilweise nicht mal auf 1000 Plays bei Spotify kommt. Ein befreundetes Brüderpaar ist ein gutes Beispiel: der eine heimst Grammy-Nominierungen ein und toppt die Album- und Streaming-Charts weltweit, während der andere ein kleines, teils frustriertes Dasein als Musiker fristet und hinter jedem Funken Aufmerksamkeit und Anerkennung ein echtes Stück Arbeit steckt.

Nun ratet mal wessen Musik spannender ist? Es gibt echt viele Antworten auf diese Frage: das eigene Interesse, die Einflussnahme der Eltern und Freunde und sicher auch eine Art Schatzsuche, mit der man sich vor anderen als Auskenner profilieren möchte. Ich vertrete die Meinung, dass gerade mit der Möglichkeit, sich alle Musik auf allen Kanälen zugänglich zu machen, ein wirkliches Interesse an Musik, mit dem man sich tiefer in die jeweiligen Geschichten hinter der Musik selbst, gräbt, schwindet und sie ihren Wert verliert. Als etwas, das Freude bereitet, Glück schenkt, heilt – davon abgesehen, dass Musiker*innen so unterirdisch dafür entlohnt werden.

Der oft bemühte Begriff der „Demokratisierung der Musik“ sei an dieser Stelle explizit nicht verwendet, da ja Demokratie was Gutes ist. Auch wenn es natürlich, für Musikliebhaber*innen wie mich (und hoffentlich euch Leser*innen dieser Kolumne) etwas ganz Wundervolles ist, so viel Musik wie heutzutage zur direkten Verfügung zu haben: noch nie in meinem ganzen Leben hab ich so viel neue Musik entdeckt, wie seit dem Zeitpunkt, als ich mein erstes Streaming-Abo abgeschlossen habe. Ihr seht, ich bin natürlich hin- und hergerissen. Wichtig ist bloß, dass wir alle weiter Platten kaufen, damit gute, experimentelle, abseitige, mutige, unangepasste, stressige, erfolglose Musik weiterleben kann.

jitwam. – Honeycomb

Musik ist für mich oft erst gut, wenn ihr ein gewisser Funk innewohnt. Und damit stehe ich glücklicherweise nicht alleine da: schon die für deutschen Hiphop prägende Heidelberger Gruppe Advanced Chemistry beschrieb 1994 in ihrem Song „Die Fehlt Der Funk“ irgendwie diese Diskrepanz. Deswegen werdet ihr in dieser Kolumne auch nur selten Musik von einschläfernden Singer-Songwritern finden. Es sei denn, sie haben den Funk, irgendwie – und heute ist es mal soweit. Denn der aus Nordindien stammende und nun in Brooklyn schaffende Singer-Songwriter jitwam. hat den nötigen Funken Funk auf jeden Fall im Blut. Das hört man Stücken wie „I’m A Rock“ oder „busstop“, auf denen er – wie auf seinem gesamten zweiten Album „Honeycomb“ – komplett unterproduziert seine Lieder singt, als hätte er sein ohnehin schon kaputtes Mikrofon in einen rostigen Eimer gestellt und das dann aufgenommen. Eine verträumte und zugleich weirde Atmosphäre wabert um dieses schöne Album, das sowohl sexy („Temptations“), als auch gutgelaunt („I Don’t Know“), als auch freaky („Aria’s Song“) kann und somit von zahlreichen Einflüssen lebt, die Freunden vieler verschiedenen Musiken gefallen wird.

Das komplette Album könnt ihr bei Spotify hören.

Drei Farben House – Supreme Beats Series

Michael Siegle liebt alte afroamerikanische Musik. In den 1960ern, als Soul aus den Häusern Motown (aus Detroit), PIR (aus Philadelphia) und Stax (aus Memphis) erst die USA und dann die ganze Welt eroberte, ging es für den in Berlin beheimateten House-Produzenten los. Doch vor allem Disco aus den 70ern und natürlich konsequenterweise früher House aus den 80ern hatten es ihm angetan. Interpreten wie Kerri Chandler, Frankie Knuckles oder Larry Heard (aka Mr. Fingers. Fingers Inc.) übernahmen viel vom Sound von Disco (wie etwa das Tempo), reduzierten jedoch die Opulenz und verstärkten somit den Trip, auf den uns House bis heute mitnimmt. Diese Vorliebe färbt deutlich ab auf die Musik von Siegle, der sich als Produzent nicht umsonst Drei Farben House nennt. Auf seinem neuen Mini-Album, „Supreme Beats Series“, präsentiert er sechs vocal- und sample-lastige Tracks, die mal Richtung Dancefloor verweisen und mal entspanntere Momente aufweisen. Und quasi zum Ritter geschlagen worden ist Siegle für sein neues Werk auch noch, denn auf dem Opener der Platte, „I’m Remaining Here“, arbeitet er mit niemand geringerem als Robert Owens, dem einst bei der Fingers Inc. die Stücke sang, die ihm Larry Heard auf den Leib schneiderte – womit sich ein Kreis schließt.

Hier findet ihr Supreme Beats Series bei Spotify.

Ariwo – Quasi

Womit man mich – neben dem erwähnten Funk in der Musik – auch kriegen kann, sind abstruse und somit für mich spannende Zusammenführunge. Sei es verschiedener Genres, musikalischer Kulturen oder dergleichen. Als ich dann über Ariwo gelesen habe, dass sie „a Cuban/ Iranian four-piece focused on intersection between electronic and ancestral music” sind, war mein Interesse selbstverständlich geweckt. Und als ich dann hörte, wie sie auf ihrem Album „Quasi“ altertümliche persische Gesänge mit kruden Jazz-Saxophon-Soli, unterlegt von staubtrockener und sehr zurückgenommener Elektronik, erfolgreich und hypnotisch zu verbinden wussten, war sowas von klar, dass ich in Algo Rítmo würde davon berichten müssen. Es ist schon erstaunlich wie gut die Musiken, nicht nur aus verschiedensten Winkeln der Erde, sondern auch aus verschiedensten Epochen der Geschichte stammen, miteinander harmonieren können. Die allesamt recht leisen und ätherischen Stücke auf „Quasi“, das viel von seinem Live-Charakter lebt (weswegen wohl auch der Besuch eines ihrer hoffentlich in naher Zukunft anstehenden Konzerte unausweichlich wird) beweist das auf – yep – eindrucksvolle Weise.

Auch Quasi von Ariwo könnt ihr bei Spotify hören.

Mim Suleiman – Si Bure

Ähnlich kulturell durcheinander – in sehr positiver Hinsicht – verhält es sich bei „Si Bure“, dem neuen Album der in Sansibar in Tansania geborenen und im englischen Sheffield lebenden Sängerin und Multiinstrumentalistin Mim Suleiman. Diese bringt erwartungsgemäß die afrikanischen Einflüsse mit in ihr neues Album. Ihr Kollaborationspartner auf dem Album hat allerdings glücklicherweise auch noch ein gewaltiges Wörtchen mitzureden, sonst wäre das Album vielleicht ausschließlich in der „Weltmusik“-Abteilung gelandet – so wird man es aber auch vielleicht bei Hardwax finden. Denn ihr musikalischer Partner ist kein geringerer als Maurice Fulton, der u.a. bei „Gypsy Woman“ von Crystal Waters (einem der prägendsten frühen House-Songs aller Zeiten) Hand anlegte, womit wir wieder bei den House-Legenden wären. Fulton bringt einen unnachahmlich oldschooligen House-Vibe in die mit traditioneller afrikanischer, größtenteils perkussiver Instrumentierung untermalten Tracks rein, dem man sich keineswegs entziehen kann. Da fängt beispielsweise der Song „Na Mia“ an, wie man sich als ahnungsloser Westeuropäer eben einen afrikanischen Song (was auch immer das sein soll) so vorstellt, mit Xylofon-ähnlichen Lauten und Gesang, bis dann erst die Clap und dann die Kick aus dem Drumcomputer kommen und ehe man sich versieht, steckt man mitten in einem bizarren und wirklichen Afro-House-Tune, den man so noch nie gehört haben dürfte.

Für Mim Suleiman auf Bandcamp bitte hier klicken.

Various Artists – Pacific Breeze: Japanese City Pop, AOR & Boogie 1976-1986

Erneut beweist das amerikanische Label Light In The Attic – spezialisiert auf Musik, die in unseren Breitengeraden als besonders exotisch gilt – nicht nur bemerkenswerte Checkerqualitäten, sondern auch noch unnachahmliches Timing, so kurz vor dem Sommer. Diesmal mit einer Zusammenstellung über den derzeit ohnehin heftig hypenden Musikmarkt in Japan. Selbstverständlich waren auch dort die 70er und 80er eine wilde Zeit mit viel Experimentierfreude, gerade im Bereich der – wen wundert's? – elektronischen Musik. Ryuichi Sakamoto zum Beispiel, den heutzutage viele v.a. als Instanz postklassischer Musik kennen und schätzen, war damals mit Haruomi Hosono zusammen der Bossman des legendären Yellow Magic Orchestra, den „japanischen Kraftwerk“, wie man sie oft zu verniedlichen versucht. Deren Leistung für die Musikgeschichte aber mindestens genauso hoch einzuordnen ist, wie die der Fahrradliebhaber aus der Stadt am Rhein. Das Netzwerk, das aus den einzelnen Mitgliedern von YMO als auch von ihrer Musik entstanden ist, war maßgeblich für die Entwicklung japanischer Popmusik und so finden sich auf „Pacific Breeze“ viele Interpret*innen, die zumindest lose mit der Band verbunden sind. Auch zahlreiche Einflüsse wie Fusionjazz und AOR aus den USA spielen eine Rolle, weshalb viele Songs auch auf Englisch gesungen werden. Auch hier ist die Musik wieder funky aber auch abstrus, wie beispielsweise das teils Industrial-, teils Disco-beeinflusste „In My Jungle“ von F.O.E., einem der zahllosen Projekte von Hosono. Oder kurios, wie das Cocktailparty-Cover von Santanas „Samba Pa Ti“. „Pacific Breeze“ versucht ein Lebensgefühl einzufangen, das junge japanische Yuppies in den damals explodierenden Großstädten einer technisch extrem fortgeschrittenen Gesellschaft erlebten, das aber (in diesem Musik-Mainstream, den die Compilation abbildet) schlussendlich auch nur wie ein Abziehbild der amerikanischen Musikkultur wirkt, auf die die Japaner mit Bewunderung und Bescheidenheit blickten – was gerade aus diesem Blickwinkel heraus besonders spannend wirkt. 夏は来ることができる! (Der Sommer kann kommen!)

Das Album gibt es als Playlist bei Spotify.

Feel old yet?

Geil vor 10 Jahren: Yeah Yeah Yeahs – It’s Blitz (2009, Interscope)

Nachdem die New Yorker schon mit ihrem kratzenden und beißenden Debüt „Fever To Tell“ (2003) auch noch einen so blendenden Nachfolger wie „Show Your Bones“ (2006) nachlegten, waren die Erwartungen an das neue Album besonders hoch. Doch schon die ersten Sekunden des Openers von „It’s Blitz!“ mit der flirrenden Gitarre von Nick Zinner vermittelten sofort ein gutes Gefühl, das sogleich stärker wurde, als Sängerin Karen O, die nicht mehr keifte und kreischte, sondern nun anmutig und erhaben die ersten Zeilen von „Zero“ sang. Das Lied nimmt seinen Lauf und Karen nimmt euch auf diesem Hochgeschwindigkeitsritt von einem Song an die Hand und führt euch ruhig und mitreißend zugleich an sein Ende. Die besondere Qualität von „It’s Blitz!“ ist seine Selbstbeherrschung: Die Band ist erwachsen geworden, ohne sich zu verraten, produziert vergleichsweise poppig, dennoch mit deutlichem Verweis auf ihre Herkunft („Heads Will Roll“, unvergessen geremixt von A-Trak, wer erinnert sich nicht?) und bricht nur ganz selten aus ihrem selbst auferlegten Korsett der Kontrolliertheit aus („Dull Life“). Und den traurigsten Song aller Zeiten haben sie mit „Runaway“ auch noch mit drin: eine Meisterleistung von einem Album.

It's Blitz bei Spotify? Bitte hier entlang.

Geil vor 20 Jahren: Moby – Play (1999, Mute)

Für Moby interessierte sich Ende der Neunziger eigentlich keine Sau – oder, nett formuliert: nur echte Expertinnen und Experten. Mit seinem Techno-Drum & Bass-Track „Feeling So Real“ sah ich diesen dünnen Jungen freitagabends im Mittelfeld der von Mola Adebisi präsentierten Top 20 auf Viva herumhüpfen und einige Zeit später verpasste er dem James Bond-Thema noch eine Frischzellenkur – that’s it. Was aber dann folgen sollte, damit hatte eigentlich keiner gerechnet. Moby präsentierte nämlich mit „Play“ ein vor uralten Blues-, Gospel- und Roots-Folk-Samples überquellendes Album, dem er Scratches, fette Synths und viel Klavier, Gitarren und funky Drums hinzufügte und das plötzlich für die ganze Welt doch ziemlich funktionierte. Die Hit-Dichte ist schier unglaublich („Honey“, „Find My Baby“, „Porcelain“, „Rushing“, Bodyrock“, „Natural Blues“, „Run On“) und den traurigsten Song aller Zeiten hat er mit „Why Does My Heart Feel So Bad?“ auch noch mit drin: eine Meisterleistung von einem Album.

Für eine Portion Moby-Nostalgie auf Spotify bitte hier klicken.

Geil vor 30 Jahren: Roy Orbison – Mystery Girl (1989, Virgin Rcords)

Eigentlich kennt jede*r Roy Orbison, auch wenn sie oder er es vielleicht nicht weiß. Aber bei „Pretty Woman“ könnte es klingeln, oder? Jedenfalls hatte Orbison seit den 1950ern eine beispiellose Karriere als Rock’n’Roll-Sänger hingelegt und das als ziemlich unangepasste Erscheinung. Bekannt war er nämlich für seine heulende Stimme, seine dunkle Sonnenbrille und sein vergleichsweise düsteres Aussehen, das ihn so unnahbar wirken ließ. Zahllose Nr.-1-Hits in den 1960ern machten ihn zum größten Star seiner Zeit, bis diese irgendwann verging, das Interesse an ihm verschwand und es bei „The Big O“ nur noch zum Liebling konservativer Schlager-Omis reichte. In den 1980ern wurde er dann wieder cool. Unter anderem auch, weil David Lynch in einem seiner größten Hits, „Blue Velvet“, prominent einen von Orbisons größten Hits, „In Dreams“, einsetzte. Orbison gründet im Folgenden mit George Harrison, Bob Dylan, Tom Petty und Jeff Lynne die Traveling Wilburys, eine Monster-Supergroup und haut ganze zehn Jahre nach seinem letzten Album in Zusammenarbeit mit seinen neuen musikalischen Partnern nochmal eins raus („Mystery Girl“), bevor er kurze Zeit später unerwartet und tragisch an einem Herzinfarkt stirbt. Darauf enthalten ein Lied für die Unendlichkeit, das ihn immer für immer unvergessen machen sollte und ihn nach 25 Jahren posthum zurück an die Spitze der Charts brachte: „You Got It“.

Auch Roy Orbison ist auf Spotify vertreten.

Wer außerhalb seiner Musikkolumne auf Beige von Pat nicht genug bekommen kann, sollte unbedingt seine Facebook Seite Riskodisko liken.

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