Der große politische Jahresrückblick 2020

Wir helfen euch, das Gedächtnis nochmal aufzufrischen und blicken zusammen auf 2020 zurück!

Ich musste schmunzeln, als ich kürzlich im Daily Star einen Artikel las, in dem stand, Baba Wanga habe das Coronavirus vorausgesagt. Die 1996 im Alter von 86 Jahren verstorbene, blinde Wahrsagerin aus Bulgarien galt in ihrer Disziplin als Ausnahmeerscheinung. So sagte sie der Legende nach 9/11, den Brexit und die Amtszeit Obamas voraus. Nun trat ihre Nichte an die Öffentlichkeit und gab zum Besten, Baba Wanga habe kurz vor Ihrem Tod erklärt „Corona wird über uns kommen“. Ihre Familie konnte diese Voraussage damals allerdings nicht zuordnen. Corona bedeutet im Bulgarischen so etwas wie Krone. Obwohl ich durchaus empfänglich bin für nicht erklärbare Phänomene, fiel es mir schwer zu glauben, dass jemand unser 2020 voraussehen konnte. Aber schön wär’s gewesen, dann hätten wir uns gegebenenfalls etwas besser vorbereiten können.

Wohl noch nie zuvor gab es ein einzelnes Thema, mit dem sich die gesamte politische Weltbühne über so viele Monate ausschließlich beschäftigt hat und auch weiterhin tut. Und ebenfalls selten scheint, dass der größte Teil der Gesellschaft von einzelnen, politischen Entscheidungen so direkt betroffen ist. 2020 war aber nun von diesem einen Thema bestimmt und diese Aufmerksamkeit war und ist auch weiterhin wichtig, um der Pandemie Herr zu werden.

Wie gut oder schlecht dies gelungen ist, bleibt Ansichtssache. Keine zweite Meinung gibt es jedoch zu der Tatsache, dass durch Corona unglaublich viele, wichtige Themen medial und politisch in den Hintergrund gerückt sind. Klimawandel, rechter Terror, Armut und Kriege – die Liste der Probleme, der wichtigen Fragen und Themen war auch schon vor 2020 lang.

Wir wollen mit unserem politischen Jahresrückblick auf Beige wieder anderen Themen als Corona eine Bühne bieten und uns zusammen mit euch an weitere Ereignisse in 2020 erinnern. Es folgt der wahrscheinlich nicht gerade positivste und am meiste aufmunternde Beige Artikel aller Zeiten, aber umso wichtiger, dass wir wahrnehmen, was in der Welt passiert, bereit sind auch dort hinzuschauen, wo Leid sich zeigt.

Januar

Das Jahr startete tragisch. In der Nacht zum 01.01. brennt das Affenhaus des Krefelder Zoos durch eine Silvester-Himmelslaterne ab. 30 Tiere, darunter Menschenaffen, Vögel und Flughunde starben. Rund um die Aufklärung beginnt eine landesweite Debatte um das Konzept Zoo an sich. Währenddessen hält ganze Welt bei Bildern der australischen Buschbrände den Atmen an. Schätzungen zufolge starben 1 Milliarde Tiere während des sechsmonatigen Brands, der 20 Prozent der bewaldeten Flächen des Landes vernichtete. Die australische Regierung wird für ihren Umgang mit dieser Situation und auch mit dem des Klimawandels im Allgemeinen scharf kritisiert. Die australische Bevölkerung ist die verantwortlichen Politiker danach sehr scharf angegangen.

Februar

Im Februar bricht in Thüringen eine Regierungskrise aus – als Folge eines politischen Manövers mit so viel Kalkül, wie wir es selten erleben. Von vorne: Im Thüringer Landtag wird ein neuer Ministerpräsident gewählt. Es wird davon ausgegangen, dass Bodo Ramelow (Die Linke) sein Amt verteidigen kann. Überraschenderweise lässt die AfD im dritten Wahlgang jedoch ihren eigenen Kandidaten fallen und wählt, genau wie die CDU, den FDP-Kandidaten Thomas Kemmerich. Dieser nimmt die Wahl an und löst damit bundesweite Proteste aus. Auch innerhalb der politischen Parteien wird gestritten –  durch ein zumindest unausgesprochenes Zusammenwirken dieser Parteien mit der AFD, klagt man die politische Mitte des Werteverlustes an. Daraufhin tritt Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU Parteispitze zurück. Wenige Tage später tut Kemmerich es ihr gewissermaßen nach, tritt vom Posten des Ministerpräsidenten zurück und ebnet damit den Weg zu Ramelows Wiederwahl.

März

Der Jemen gilt als vergessenes Land. Ende März wird bekannt, dass Saudi-Arabien Luftangriffe gegen Jemens Hauptstadt Saana geflogen hat. Es ist nur ein weiterer Angriff in der tragischen Bürgerkriegschronik des Landes, von der wir in der westlichen Welt kaum etwas mitbekommen. Seit 2014 herrscht im Jemen Bürgerkrieg, nachdem Huthi-Rebellen vom Iran unterstützt begonnen hatten, Gebiete im Norden zu erobern. Es folgte eine Offensive von Saudi-Arabien. Diese Intervention wird weltweit kritisiert, sie war Auslöser für eine humanitäre Notlage. Aufgrund der Seeblockaden stockt die Lebensmittelversorgung seit Jahren, mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leiden unter Hunger. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte das Kreieren von Hungersnot als Kriegstaktik. Deutschland exportiert aufgrund der Situation seit bereits zwei Jahren keine Waffen mehr nach Saudi-Arabien.

April

Ende April tritt eine neue Straßenverkehrsordnung in Kraft, die Bußgelder für zu schnelles Fahren auf deutschen Straßen werden erhöht. Im Zuge dessen wird auch die Diskussion um Tempolimits erneut entfacht und – wie hierzulande üblich – höchst emotional geführt. Während für die einen unsere geschwindigkeitsbegrenzungsfreien Autobahnen quasi Teil der deutschen Kultur sind, halten andere das Gesetz für absolut veraltet. Die Fakten sprechen für eine Aufhebung. Neben den jährlich hunderten Verkehrstoten, ergaben jüngste Berechnungen des Umweltbundesamtes, dass CO2 Einsparungen, bei einer Begrenzung auf 120 Kilometern pro Stunde, jährlich ca. 2,6 Millionen Tonnen betragen würden. Aktuell herrscht wieder Stillstand in der Debatte und Deutschlands Raser freuen sich.

Mai

Am 25. Mai stirbt ein 46-jähriger Afroamerikaner namens George Floyd in Minneapolis. Während einer Routinekontrolle kniet sich ein Polizist acht Minuten und 46Sekunden auf den Hals des am Boden liegenden Floyd, bis dieser schließlich das Bewusstsein verliert und trotz späterer Wiederbelebungsversuche stirbt. Ein Video des Einsatzes geht viral und ist der Anstoß für tausende Proteste gegen Polizeigewalt. Die Bewegung Black Lives Matter entsteht (in neuem Rahmen). Weltweit solidarisieren sich Menschen mit der afroamerikanischen Community.

Juni

In den USA nehmen besagte Demonstrationen ein neues Ausmaß an und eskalieren zum gewaltsamen Kampf zwischen Polizei und Gesellschaft. Die Ereignisse färben auch auf die Stimmung in Deutschland ab, Unruhen machen sich breit und erreichen am 20. Juni vorerst ihren Höhepunkt. Bei einer nächtlichen Auseinandersetzung mit der Polizei verwüsten dutzende Kleingruppen die Stuttgarter Innenstadt, erst am Morgen kann die Lage unter Kontrolle gebracht werden. Die gesamte deutsche Politik bewertet die Situation geschlossen als „abscheulich“.

Juli

Am 15. Juli gelang es einer eine Gruppe Hackern zahlreiche Twitter-Konten berühmter Personen zu hacken. Sie verbreiteten darüber Werbung für Kryptowährungs-Deals. Betroffen waren u.a. Barack Obama, Elon Musk und Jeff Bezos. Twitter hatte bereits in der Vergangenheit Probleme mit Hackerangriffen, jedoch nie in solchem Ausmaß. Twitterchef Jack Dorsey nannte das Ereignis bedauernswert und besonders hart für das Unternehmen.

August

Beirut. Im Hafen der libanesischen Hauptstadt ereignet sich am 4. August eine Explosionskatastrophe mit dramatischen Folgen. Schuld daran war ein durch Schweißarbeiten entstandenes Feuer in einem Lager für Feuerwerkskörper. Dies brachte 2750 Tonnen Ammoniumnitrat zur Explosion. 190 starben, mehr als 300.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Deutschlands Außenminister Heiko Maas reiste am Tag nach der Explosion in den Libanon und sagte Hilfe der Bundesregierung in Höhe von 20 Millionen Euro zu.

September

Am 9. September entsteht der nächste schreckliche Brand in 2020 – Moria, das Lager für Geflüchtete auf der griechischen Insel Lesbos, steht in Flammen. Dabei brennt das gesamte Lager ab: ein Ort, welcher seit Jahren schon für menschenunwürdige Zustände unter scharfer Kritik steht. Zurecht, wenn man allein betrachtet, dass das Camp ursprünglich auf 2800 Bewohner ausgerichtet war, bis zum Tag des Brandes aber etwa mehr als 12.000 Geflüchtete dort ausharrten. Trotz europaweiter finanzieller Hilfeleistungen unmittelbar nach dem Brand hat sich an der Grundsituation nichts verändert und die Geflüchteten sitzen nach wie vor auf der Insel fest, während die EU nur zusieht.

Oktober

Immer noch kaum zu glauben, aber wirklich wahr: Am 31.10.2020 ist der neue Hauptstadt-Flughafen Berlin-Brandenburg, kurz BER, fertig. Exakt neun Jahre nach geplanter Eröffnung, 14 Jahre nach Baubeginn und sagenhafte neun Milliarden Euro später ist es also so weit, BER eröffnet seine Tore und hat – vor allem in der aktuellen Zeit großzuschreiben: theoretisch – fortan Kapazität für 46 Millionen Passagiere jährlich. Gleichzeitig verabschieden wir Berliner uns mit einer Träne im Auge von unserer Ära Tegel!

November

Der November steht ganz unter dem Einfluss der amerikanischen Präsidentschaftswahl und lässt uns alle aufatmen: Mittlerweile steht fest, dass der Demokrat Joe Biden und seine Vizekandiatin Kamala Harris die Mehrheit der Stimmen (und Wahlfrauen*männer) für sich gewinnen konnten. Wenn auch Donald Trump sich nach wie vor schwertut, das Ergebnis anzuerkennen, steht Bidens Einzug ins Weiße Haus kommenden Januar fest. Jetzt besteht Hoffnung für die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft, die Trump nach vier Jahren zurücklässt.

Dezember

Trier – eine Stadt in großer Trauer. Am ersten Dezember rast ein Amokläufer in seinem SUV durch die Innenstadt. Zur Folge verlieren fünf Menschen ihr Leben, 24 werden zum Teil schwer verletzt. Oberbürgermeister Wolfram Leibe von der SPD äußert sich kurz nach Bekanntgabe des Attentats wie folgt „Trier trauert, Trier leidet, Trier resigniert aber nicht“.

Was bringt 2021?

Bei der Recherche für diesen Artikel war ich teils sehr niedergeschlagen von der Bandbreite an Leid auf dieser Welt. Gleichzeitig ist es eine große Herausforderung diese Gedanken zu einer konkreten Bewusstseinsveränderung führen zu lassen. Wir alle wissen eigentlich, wie froh wir um das eigene Leben und die Gesundheit der Liebsten sein müssten, trotzdem lösen bestimmte, teils lächerlich unbedeutende, Situationen Gefühle wie Frust und Trauer in uns aus. Das ist auch gut und richtig, solange es gelingt, am Ende des Tages dankbar zu sein und sich für die, die weniger Glück hatten, einzusetzen.

Auch Aufmerksamkeit ist Einsatz, ich danke also allen, die den Artikel bis hierher gelesen haben. Hoffen wir, dass der Jahresrückblick 2021 vielleicht positiver sein kann, dass das kommende Jahr die Pandemie weitestgehend eindämmen lässt, viele Menschen dadurch aufatmen können und auch auf andere Probleme eine Lösung folgt.

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...