Die große Beige-Serie zur US-Wahl: Teil 1 – Amerikas Wahl um die Demokratie 

Heute startet unsere große Reihe zur vielleicht wichtigsten Wahl unserer Zeit!

Es ist 1363 Tage her, dass Donald Trumps offizielle Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika begonnen hat. 21.000 Tweets, darunter Beleidigungen gegen 598 verschiedene Personen und Institutionen, und ein Amtsenthebungsverfahren später, ist Amerika so gespalten wie selten zuvor. Die kommende Wahl bietet somit Chancen und Risiken zugleich. 

Es gibt Ereignisse im Leben, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Häufig handelt es sich dabei um Momente, in denen man zum ersten Mal von einem einschneidenden Ereignis hört und danach nie wieder vergessen kann, wo man sich zum Zeitpunkt, an dem man davon erfuhr, befand oder was man gerade gemacht hat. Diese Ereignisse können sowohl positiv als auch negativ sein. So erzählen meine Eltern heute noch oft wie es war, als sie zum ersten Mal vom Mauerfall hörten. Ich selbst erinnere Momente wie die Fußball-WM 2010, als Spanien Weltmeister wurde und mein Vater in Tränen ausbrach (und anschließend die Hupe unseres Autos in Spanien kaputthupte) oder als meine Mutter mir 2001, ich war sechs Jahre alt, vor dem Fernseher erklärte, was da gerade in New York passiert. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Dinge, die einzigartig sind oder einen großen Einfluss auf die globale Gesellschaft haben (z.B. die erste Mondlandung) oder die uns wirklich direkt persönlich betreffen. Es gibt jedoch auch Ausreißer. Sachen, die man im Vorhinein niemals dieser Kategorie zugeordnet hätte. 2016 reihte sich bei mir ein Ereignis genau dieser Art ein. Der Moment, als ich das Wahlergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 hörte. 

Die Situation habe ich den Jahren danach immer wieder im Kopf abgespielt: Das Erwachen am Morgen des 09.11.2016 um etwa 05:50 Uhr fühlte sich etwa so an wie am Geburtstag in Kindertagen, mit Aufregung in der Magengrube, die man nicht sofort zuordnen kann. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Heute Nacht waren die US-Wahlen! Ich entsperrte mein Handy, deaktivierte den Flugmodus. Im Moment danach stellte sich ein Gefühl ein, was ich zuvor noch nie im gleichen Ausmaß gespürt habe: absolute Ungläubigkeit. Und das, obwohl natürlich alle möglichen verschiedenen Nachrichtenapps die gleiche Eilmeldung auf mein Telefon schickten. Kein Grund zu Zweifeln, keine Hoffnung auf einen Fehler. Ein paar Minuten lag ich still, bis ich meine beste Freundin - Amerikanerin - anrief. Wir hatten bereits am Abend zuvor telefoniert. Ich erinnere unser vorheriges Gespräch als ausgelassen und fröhlich. In keiner Sekunde hatten wir damit gerechnet, dass ihr Heimatland einen – freundlich ausgedrückt – Entertainer an die Macht gewählt haben würde, wenn wir uns wenige Stunden später das nächste Mal sprechen würden.

Die Frage, wieso das Wahlergebnis für viele dermaßen überraschend kam, ist durchaus interessant. Meine Begeisterung für Politik entstand im Alter von 19 Jahren, zwei Jahre zuvor. Die US-Wahl 2016 war somit die erste große Wahl, die ich aktiv mitverfolgte. Ich hatte alle möglichen Zeitungen abonniert, vertrieb mir die Zeit während der häufig langweiligen Vorlesungen auf den Nachrichtenportalen und in Internetforen.  Darin sprachen alle „Experten“ stets davon, Trump sei nun wirklich erledigt. Immer und immer wieder. Es begann wenige Wochen, nachdem er mit dem Wahlkampf begann und Megyn Kelly antwortete, er habe keine Zeit für Political Correctness, als sie seine Eignung für das Amt aufgrund unzähliger, frauenfeindlicher Aussagen infrage stellte. Ein paar Tage später unterstellte er der Journalistin übrigens, ihr Fragenkatalog sei so kritisch gewesen, weil sie ihre Periode hatte. 

Danach folgten täglich neue Skandale, Schlag auf Schlag. Schnell wurde klar, dass Trump jegliches Empathie- und Schamgefühl fehlte. Für die internationalen Medien immer wieder Anlass dafür, sein Aus zu prophezeien. Die Diskussion um die Rolle der Medien während der Wahl 2016 ist umstritten, ebenso wie die Fragwürdigkeit der Demokratie des amerikanischen Wahlsystems in sich. Ich jedenfalls konnte mir einfach nicht ausmalen, dass eine Person wie Donald Trump es schafft, an eine der mächtigsten Positionen der Welt zu gelangen. Im 21. Jahrhundert. Jemand, dessen Äußerungen mindestens rassistisch und frauenfeindlich und dessen Handlungen komplett unberechenbar und inkonsequent sind. 

Terroranschläge in ganz Europa, Bürgerkrieg in Syrien, Klimawandel, Brexit – Probleme gab es am Wahltag 2016 bereits mehr als genug. Amerika fällt bei der Lösung vieler dieser Probleme eine essenzielle Rolle zu. Auf eine Kooperationsbereitschaft des Präsidenten ist somit die ganze Welt angewiesen. Die erste Amtszeit Donald Trumps neigt sich dem Ende zu und er hinterlässt viel verbrannte Erde, die Skandalliste ist lang: Unterdrückung der freien Medien, Verleugnung des Klimawandels, die Ukraine-Affäre, Verteidigung von Polizeigewalt, Sympathisieren mit rechten Gruppierungen, schlecht möglichster Umgang mit dem Coronavirus und und und. Mittlerweile ist man über seine brutale Twitterkommunikation kaum noch schockiert, traut dem 74-Jährigen so ziemlich alles zu. Dabei könnte der wohl größte Skandal sogar noch kommen: Seit Wochen kursieren Vermutungen, er würde ein Wahlergebnis gegen sich eventuell nicht annehmen, im Vorhinein sogar Unterstützer zu Betrug über Briefwahl motivieren.

Was sich lange vielleicht noch leugnen ließ, ist mittlerweile unverkennbar: Donald Trumps Handeln unterliegt nicht mehr der Demokratie. Beim jüngsten TV-Duell ließ er seinen Gegner Joe Biden kaum zu Wort kommen. Er sabotiert demokratische Grundlagen, die ein Land wie Amerika zusammenhalten. Die amerikanische Demokratie befindet sich in einem desolaten Zustand. Struktureller Rassismus, extreme Defizite im Gesundheits- und Sozialsystem und eine historisch ungleiche Wohlstandsverteilung spalten das Land wie nie zu vor. Sicherlich lassen sich auch positive Veränderungen unter Trumps Präsidentschaft feststellen – etwa dass die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr ist und die Zahl der Drogentoten erstmals nach 30 Jahren zurückging. Zu Erreichung dieser Ziele war ihm jedes Mittel recht, weshalb sich die Debatte längst vielmehr darum dreht. Unabhängig der politischen Einstellung, lässt es sich mit gesundem Menschenverstand nicht mehr abstreiten, dass Amerika für ein funktionierendes Zusammenleben die Spaltung überwinden muss. Durch konstruktive Lösungen für tief gehende Probleme, durch Kommunikation auf Augenhöhe. 

Demokratische Mittel sind der einzige Ausweg. Bei der kommenden Wahl geht es also um so viel mehr als politische Lager, Sympathie mit dem einen oder anderen Kandidaten, Identifikation mit den Wahlversprechen A oder B. Es geht um Rückeroberung von Demokratie. Erneut lässt sich feststellen, dass viele Experten, wie schon 2016, den sicheren Sieg von Trumps Gegner voraussagen. Doch diesmal wissen wir es besser: Es geht um nicht weniger als den Zusammenhalt des Landes. Am Ende entscheiden die Wähler*innen. Wobei, es ist komplizierter, denn die Wahlfrauen- und männer haben das letzte Wort. Aber das ist ein anderes Thema, welches wir in einem der Folgeartikel mit euch beleuchten möchten. Dort erklären wir das ganze Wahlsystem in sich. Außerdem gibt es Einblick in die Wünsche und Hoffnungen junger Amerikaner, einen Faktencheck kurz vor der Wahl und anschließend natürlich einen Ausblick, was das Ergebnis für Amerika und den Rest der Welt bedeutet. Stay tuned!

Dies war der erste Teil unserer 5-teiligen Beige-Serie zur US-Wahl 2020, in der wir Licht ins Dunkel des Wahlsystems bringen.

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