Charlotte Kuhrt hat fette Gedanken! Und von denen erzählt sie heute im großen Interview

Wir haben mit Körperaktivistin Charlotte Kuhrt über Selbstliebe, ihren neuen Podcast und Fatshaming gesprochen

Charlotte Kuhrt ist für mich der Sonnenschein in meinem Instagram-Feed. Jedes ihrer Bilder macht mir gute Laune, es leuchtet, strahlt vor Selbstbewusstsein, Realität und einem Wort, das für viele noch ganz fremd ist: Selbstliebe. Ja, was ist das eigentlich? Ist das, wenn ich in den Spiegel schaue und dabei lächeln kann? Oder ist es vielleicht, wenn ich akzeptiere, dass ich mal gute Tage mit meinem Körper habe, aber eben manchmal auch Zweifel? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich Charlotte Kuhrt, Opinion Leaderin, Körperaktivistin und Model, auf Instagram. Dort hat sie eine Plattform geschaffen, die sich mit mehr Diversität in Sachen Gesellschaft, Körper und Kleidergrößen auseinandersetzt.

Zusammen mit ihrer Community führt sie dabei den harten und unangenehmen Kampf gegen Fatshaming. Ein Thema, was durch Social Media leider immer mehr Menschen betrifft, denn die Hemmschwellen sinken seit ein paar Jahren ins Unermessliche, Hater-Kommentare und Hassnachrichten treffen fast jeden. Manchmal will man von außen wirklich nur laut schreien, wenn man Kommentare unter Posts sieht und fragt sich: Warum machen mehrgewichtige Menschen, besonders auch Frauen, andere so wütend? Die Antwort darauf: Wir wachsen mit den falschen Idealen auf. Werbeplakate, Film und Fernsehen, Social Media: Dort wird uns vermittelt, dass man eigentlich nur erfolgreich sein darf, wenn man weiß und dünn ist. Und mehrgewichtige Menschen ungesund und unglücklich sind.

Doch Charlotte beweist mit ihren Kolleg*innen, die sich für Vielfalt von Körpern einsetzen, das Gegenteil. Jetzt geht sie mit ihrer Aufklärungsarbeit noch einen Schritt weiter und launcht heute ihren neuen Podcast „Fette Gedanken“. Darin möchte sie den Hörer*innen in einem zehnwöchigen Kurs (denn es gibt zehn Episoden in der ersten Staffel) helfen, Selbstliebe zu finden. Was auch immer das für jeden individuell bedeutet. Dabei geht man gemeinsam mit Charlotte den Ursprüngen seiner Selbstzweifel oder vielleicht auch seines Selbsthasses auf den Grund und lernt, wie man lang anerzogene Normen und Ideale hinterfragen und ändern kann.

Der Launch ihres Podcasts war endlich Anlass genug, mit Charlotte zu sprechen. Viel Spaß beim lehrreichen und wirklich starken Interview. Ich hab das Workbook zum Podcast quasi schon bereitliegen und bin bereit, an mir, meinen falschen Idealen und meiner Selbstakzeptanz zu arbeiten.

Die vielleicht unterschätzteste, aber auch wichtigste Frage im letzten Jahr: Wie geht es dir gerade?

Mir gehts im Großen und Ganzen gut, aber ich merke auch, dass ich gerade während des Lockdowns dazu tendiere, meine Tage viel zu vollzupacken mit Arbeit. Pausen kommen gerade viel zu kurz, deswegen tut die Sonne gut, sie zwingt mich quasi rauszugehen und durchzuatmen.

Du bist Körperaktivistin und Selbstliebe-Coach, manchmal auch Model. Wie sieht dein Alltag aus?

Um es kurz zu machen: Alltag gibt es nicht. Vor allem vor Corona war kein Tag wie der andere. In der Regel bin ich viel mehr bei Shootings als derzeit. Ansonsten bedeutet einen Instagram-Account zu pflegen auch viel Arbeit hinter den Kulissen und ich verbringe die Hälfte der Woche hinter dem Computer und schreibe Mails, verhandele Kooperationen und mache kreative Konzepte.

Kannst du von deiner Arbeit als Aktivistin auch leben?

Instagram gib mir mittlerweile die Freiheit beides gut zu verbinden und mein neuer Podcast zum Beispiel ermöglicht es mir, aufzuklären und damit auch Geld zu verdienen.

Auf Instagram folgen dir 180.000 Menschen, vielen davon bist du ein Vorbild. Wird dir dieser Druck manchmal auch zu viel?

Absolut! Viele erschaffen auch ein Vorbild, dem ich gar nicht entsprechen kann. So geht es extrem schnell heutzutage, dass man etwas tut, was bei manchen Menschen nicht ins Bild passt oder ihre Erwartungen an eine Person enttäuscht. Dann hagelt es sofort wütende (und übergriffige) Nachrichten. Das wird mir manchmal zu viel, aber ich lerne gerade, Grenzen zu setzen und mich selbst in solchen Momenten besser zu schützen.

Was machst du an Tagen, an denen du dich gestresst und überfordert fühlst?

Alles einmal kurz auf Pause. Ich habe gelernt, dass wirklich alles warten kann. Und dann auch einfach mal nichts tun. Wir wollen immer für alles eine Lösung oder ein Rezept, dabei hilft es mir auch mal das Gefühl anzunehmen und einfach nur zu Sein.

Welche Direktnachrichten / Fragen kriegst du auf Instagram am häufigsten von deinen Follower*innen gestellt? 

Abgesehen von der üblichen Woher-hast-du-Frage ist das wahrscheinlich die Frage, wie man lernt, sich selbst zu akzeptieren und wo man am besten beginnt.

Wie sieht dein Feed aus? Wem folgst du aktuell besonders gerne? Wer schickt dir Positive Vibes?

Mein Feed hat sich im letzten Jahr nochmal komplett verändert. Ich folge den verschiedensten Menschen und mir war es wichtig, auch mehr Menschen zu finden, die zum Beispiel im Bereich Diätkultur aufklären und Themen kritisch beleuchten. Aber ich konsumiere auch ganz viel Feel Good Content, vor allem von dicken Menschen. Seit ein paar Monaten ist dann noch eine Menge Strick-Content dazu gekommen. Im Januar habe ich radikal ausgemistet, weil so viele Accounts mich mit ihrem New-Year-Diät-Saftkur-Inhalt extrem getriggert haben. 

Du arbeitest auch als Model. Bestärkt dich der Job eher in deiner Selbstliebe oder bringt er manchmal auch Selbstzweifel? Hat das Modeln dir in Bezug auf deine Selbstliebe geholfen oder geschadet?

Da bin ich total zwiegespalten. Ich bin aus allen meinen Agenturen ausgestiegen, weil es auch beim Modeln immer noch den Druck gibt, eine bestimmte Größe zu haben, um möglichst viele Kund*innen bedienen zu können. Das hat mich unter Druck gesetzt, zusätzlich kam ich nicht damit klar, dauernd bewertet zu werden. Aber es hat mir auch geholfen mich auf Fotos zu sehen, mich schön zu finden und ich liebe es nach wie vor, am Set zu sein.

„Es geht nicht darum, den eigenen Körper 24/7 im Spiegel anzustrahlen, sondern soll auf gesellschaftlicher Ebene für mehr Akzeptanz sorgen.“

Was macht der Begriff Body Positivity mit dir?

Der Begriff wird oft falsch verstanden. Es geht nicht darum, den eigenen Körper 24/7 im Spiegel anzustrahlen, sondern soll auf gesellschaftlicher Ebene für mehr Akzeptanz sorgen. Seinen Ursprung findet die Bewegung bei schwarzen, mehrgewichtigen Frauen, die sich gegen Diskriminierung wehren wollten. Deswegen ist es umso wichtiger Body Positivity nicht mit weißen, normschönen Körpern, die sich in gekrümmten Posen zeigen, zu füllen, sondern Menschen Raum zu geben, die den Ursprung der Bewegung bilden und die Fat Acceptance Community öfter zu Wort kommen zu lassen.

In einem anderen Interview sprichst du vom Klischee der dicken, unglücklichen Frau. Wie kämpfst du gegen dieses Vorurteil an?

Ich denke, das funktioniert auf vielen Ebenen. Mir ist es auch modisch wichtig, mich einfach nicht an Regeln zu halten, sondern zu tragen, was ich will. Aber auch Karriere-technisch will ich dafür sorgen, dass dicke Frauen sich von ihrem Körper nicht blockiert fühlen oder berufliche Diskriminierung erfahren müssen. Wir dürfen Raum einnehmen in allen Bereichen des Lebens.

Hast du eigentlich auch männliche Follower, die sich mit dem Thema Selbstliebe auseinandersetzen oder merkst du, dass das doch eher (noch) ein weibliches Thema zu sein scheint?

Definitiv sind es weniger Männer, aber ich merke auch in Gesprächen mit meinem Partner, wie wichtig das Thema auch für Männer sein kann. 

Heute launcht dein Podcast „Fette Gedanken“. Wie bist du auf den tollen Titel gekommen?

Wir hatten einen ganz anderen Arbeitstitel, viel weicher und weniger progressiv. Das hat mich genervt, ich wollte keine leichte Unterhaltung oder einen Titel, der nicht im Kopf bleibt. So kam mir irgendwann der Titel in den Kopf und ich wusste sofort: Der ist es! Ich möchte auch, dass Menschen das Wort „Fett“ sagen und sich mit ihrem Unbehagen beim Aussprechen bewusst werden. 

Drei Worte, die „Fette Gedanken“ beschreiben?

Wichtig, unbequem, wohltuend.

Warum ist ein Podcast, also ein Medium ohne Bilder und Fotos, das perfekte Medium für das Thema Selbstliebe?

Ich liebe Podcasts, weil sie einem die Freiheit geben, nebenbei etwas anderes zu machen, sich mal mehr oder weniger konzentrieren zu müssen und das rauszuziehen, was gerade für einen selbst wichtig ist. So ist das auch mit der Selbstliebe, alles ist nur Inspiration und kann ein Anstoß sein, selbst etwas zu verändern. Aber nicht alles funktioniert für alle und da gibt einem das Medium Podcast auch mal den Raum wegzuhören. Außerdem finde ich es extrem wichtig nicht immer Menschen anzuschauen und sich bewusst oder unbewusst zu vergleichen.

Für wen ist der Podcast? Kann ich auch als nicht mehrgewichtige Frau an deinem Kurs teilnehmen?

Absolut! Das Schöne ist: Nur weil der Podcast als Kurs ausgelegt ist, muss er nicht so gehört werden. Die Folgen bestehen aus ganz viel Input zu Themen wie Diätkultur, fettphobische Sprache, Sehgewohnheiten und mehr. Das ist denke ich für uns alle wichtig, um zu verstehen, wie wir dicke Menschen weniger diskriminieren können. 

„Ich merke, wie viel freier ich lebe, seit ich mich nicht mehr blockieren lassen von meinen eigenen und den Gedanken anderer.“

Was ist Selbstliebe für dich in einem Satz?

In einem Wort: Freiheit! Ich merke, wie viel freier ich lebe, seit ich mich nicht mehr blockieren lassen von meinen eigenen und den Gedanken anderer.

Ich habe das Gefühl, dass diese Selbstoptimierung (immer erfolgreicher, schöner, schneller) auch ein Generationsthema ist. Wie siehst du das?

Ich glaube, es gibt den Drang immer besser, toller, schöner zu werden schon lange und vor allem Frauen müssen schon so lange irgendwelchen Idealen entsprechen. Aber Social Media hat dem meiner Meinung nach einfach noch einen Push gegeben, weil wir uns so direkt vergleichen können.

Wie kann man Kindern Selbstliebe beibringen? Fängt hier der richtige Umgang mit dem eigenen Körper schon an?

Ich bin selbst keine Mutter und möchte mir gar nicht anmaßen, sagen zu können, wie es tatsächlich ist mit Kindern umzugehen, aber es macht einen großen Unterschied wie man als Elternteil über Körper spricht – über den eigenen und über Fremde. 

Du arbeitest bei deinem Podcast mit Sponsoren zusammen. Wie passt das zu deinem Thema?

Tatsächlich wird es im Podcast Werbebanner geben, ich habe mich dazu entschieden mit Sponsoren zu arbeiten, so kann ich den Podcast auf allen Plattformen für Hörer*innen kostenlos anbieten und verdiene gleichzeitig damit Geld. Mir war es wichtig, möglichst viel Zeit in die Produktion, den Inhalt und die Qualität des Podcasts zu investieren und das ermöglichen mir Werbeanzeigen. 

Gibt es auch Themen, die dir zu intim für den Podcast sind? Wo ziehst du deine Grenze und wie wichtig ist dir Privatsphäre?

Ich erzähle tatsächlich relativ viel und spreche auch über meine Beziehung, obwohl mein Partner sonst eher wenig auf Instagram auftaucht. Ich glaube, auch da hilft es, dass Podcasts sich auch für mich als Moderatorin eher intim anfühlen und ich dazu tendiere auch mal Dinge zu teilen, die mir sonst zu privat wären. Aber ich erzähle auch nur Dinge, die auch unter dem Aspekt Selbstliebe Mehrwert bieten und halte sonst einen großen Teil meines Lebens privat.

Bitte vollende den Satz: Wenn du mit mir den 10-Wochen-Selbstliebe-Kurs gemacht hast, dann bist du …

…. dir selbst hoffentlich etwas näher, hast verstanden, worauf deine Selbstzweifel basieren und gelernt wie du dein eigenes Schönheitsideal formen kannst.

„Wir lernen von klein auf, was schön ist und was eben nicht. Ob Diätkultur oder unsere Sprache, so vieles ist darauf ausgelegt, Mehrgewicht zu verteufeln und wenn man das versteht und bei sich selbst erkennt, kann man sich auch Schritt für Schritt davon befreien.“

Kannst du schon einen Tipp oder ein Learning aus deinem Podcast verraten oder zumindest anteasern?

Ein wichtiges Learning ist in mehreren Folgen, dass wir Zweifel oder Körperbilder anerzogen bekommen. Wir lernen von klein auf, was schön ist und was eben nicht. Ob Diätkultur oder unsere Sprache, so vieles ist darauf ausgelegt, Mehrgewicht zu verteufeln und wenn man das versteht und bei sich selbst erkennt, kann man sich auch Schritt für Schritt davon befreien.

Kannst du mir auch noch etwas über „The Changing Room“ erzählen, dein zweites großes Projekt dieses Jahr, wenn ich das richtig verstanden habe!

„The Changing Room“ ist entstanden, weil ich gemerkt habe, wie viele Menschen vor allem im letzten  Jahr mit ihren Zweifeln alleine gelassen wurden. Auf Social Media kursieren immer wieder „Corona-Body“-Memes, alle machen Sport und scheinen kein Problem mit der Isolation zu haben. Wir wollen einen Raum schaffen, über solche Dinge zu sprechen und haben ein virtuelles Retreat-Wochenende entworfen, an dem wir inspirieren wollen. Quasi ein virtueller Feel Good Raum, der auch anstoßen soll, Veränderung nicht immer nur mit Angst zu begegnen.

Warum hast du dir bei „The Changing Room“ noch zwei andere tolle Frauen an die Seite geholt?

Verena und Sophie sind nicht nur gute Freundinnen, sondern auch Frauen, zu denen ich aufschaue und die mir immer wieder wertvollen Input geben. Beide sind unglaublich inspirierend und sollten viel mehr gehört werden. Ich denke zusammen ergänzen wir uns perfekt und können so das große Thema Selbstliebe rundum beleuchten.

Jetzt haben wir so viel über Selbstliebe gesprochen. Aber was ist denn wirklich der erste Schritt, wenn ich merke, dass ich ein Problem mit meinem Körper habe?

Verstehen woher das kommt. Konsumiere ich immer nur ein bestimmtes Körperbild? Woher kommt mein Ideal? Kann ich meinen Social-Media-Content diverser gestalten? Wie spricht mein Umfeld über Körper? Ist ein dicker Körper das Schlimmste, was mir passieren kann? Habe ich selber Vorurteile gegenüber dicken Körpern? Bewege ich mich, um besser auszusehen oder weil Sport mir guttut?

Es lohnt sich gnadenlos ehrlich mit sich selbst zu erarbeiten, woher dieses Problem mit dem eigenen Körper kommt und nicht davor zurückzuscheuen, die eigene Fettphobie zu bemerken. Nach so einer Bestandsaufnahme ist es oft leichter, Dinge anders zu machen. Statt einer Ernährungsumstellung lieber die Denkweise umzustellen. Ich liebe den Satz „You can’t hate your body into a body you love!“ Und es ist so wahr. Wir werden mit Hass auf unseren Körper niemals erreichen, dass wir ihn auf einmal lieben, egal wie viel Gewicht wir verlieren.

Wie geht man mit Personen um, die einem nicht guttun. Ich kenne das selbst, ich habe leider viele Freundinnen, die sich ständig und dauernd selbst kritisieren Und damit nicht nur ihr eigenes Problem mit ihrem Körper äußern, sondern auch mir ein schlechtes Gefühl in Bezug auf meinen Körper geben. Was ist hier der richtige Weg?

Einen richtigen Weg gibt es, glaube ich, gar nicht. Wichtig ist es, zu erkennen, dass es verletzend ist oder etwas mit einem macht. Es kann helfen, sich still zurückzuziehen, denn manchmal fehlt die Kraft, sich zu erklären. Aber wenn man die richtige Basis hat, kann es auch toll sein darüber zu sprechen. Ich habe das Gespräch mit einigen (schlanken) Freundinnen gehabt und gemerkt, wie wichtig es für mich war klar zu machen, dass ihr Problem mit ihrem Körper nicht meins sein muss und ich mir wünsche, nicht mehr dauernd über Körper sprechen zu müssen. Vor allem, wenn Menschen einem viel bedeuten, ist es auch schön zu sehen, wenn sie verstehen was solche Kommentare auslösen. Aber ich merke auch, dass ich konsequenter geworden bin und Menschen nicht mehr zu meinen Vertrauten zähle, die viel über Körper sprechen und urteilen.

Wie hast du die Veränderung vor dem Kleiderschrank geschafft von „Das ist vorteilhaft/schmeichelhaft“ und „das mag ich einfach und macht mir gute Laune“? 

Ich ertappe mich auch manchmal noch dabei, zu denken: Das ist nicht vorteilhaft. Es ist auch da einfach so tief verankert, bloß nicht dicker aussehen zu wollen, als man ist. Wichtig ist auf jeden Fall auch hier Inspiration, ich habe eine riesige Instagram-Pinnwand mit Fashion-Inspiration in allen Größen.

Generell sind Kleidergrößen noch so eine dämliche Zahl, die unseren Wert bestimmt. Ich kaufe wirklich Querbeet ein und schaue dabei auf Passform und Qualität – das kann eine Größe 42 sein oder eine Größe 52. Beim Thema Mode können wir genauso verlernen, was man uns tagtäglich suggeriert und einfach mal ausprobieren. Vielleicht fühlt sich ein Crop Top mit dickem Bauch ziemlich gut an oder laute Farben sind genau das, was mir Selbstbewusstsein gibt. Dann rücken Worte wie „kaschieren“ immer weiter in den Hintergrund.

Übrigens spielen auch hier Sehgewohnheiten eine Rolle. Wenn ich mich stets – virtuell und in der Realität – mit Menschen umgebe, die nicht meinem Körper entsprechen, gibt es mir das Gefühl, nicht richtig zu sein. Sorge ich aber auch modisch dafür, eine große Bandbreite an Körper zu sehen, wird auch der Blick auf meinen Körper sich verändern.

„Ich wünsche mir, dass mehrgewichtige Menschen in unserer Gesellschaft mehr Sichtbarkeit bekommen und wir ihnen mehr zuhören.“

Wie reagierst du auf Leute, die sagen, dass man bestimmte Kleidungsstücke nicht anziehen kann/sollte, wenn man mehrgewichtig ist?

Klingt so einfach, aber einfach weghören. Solche Leute haben soviel mehr Probleme mit sich selbst und meinen, sich dauernd mitteilen zu müssen. 

Wie reagierst du auf kritische oder abschätzige Blicke oder Sprüche? Kann einen Schlagfertigkeit retten? Oder sollte man dem Gegenüber seine Verletzlichkeit eingestehen?

Das kommt total auf die Person und Situation an. Manchmal fehlt mir schlichtweg die Energie, mich damit auseinanderzusetzen und auch ich bin manchmal komplett überrumpelt von der Dreistigkeit mancher Menschen. Kennen wir das nicht alle, dass einem im Nachgang tausend Sätze einfallen, die man hätte sagen können? Solche Sätze merke ich mir dann und habe sie beim nächsten Mal parat.

Wenn mir eine fremde Person auf der Straße irgendwas hinterherruft ist das ähnlich wie mit Catcalling – man ist oft hilflos und es geht so schnell vorbei. Da ist es für mich wichtiger, im Nachgang sorgsam mit mir umzugehen. Es nicht zu meiner Realität werden zu lassen, dass diese fremde Person ein Problem mit meinem Aussehen hat, ist dabei wichtig. Wenn die Zeit und der Rahmen dafür gegeben ist, zum Beispiel einem blöden Spruch auf einer Familienfeier, nehme ich mir die Zeit und suche die Diskussion. Die einfache Frage: „Was genau möchtest du mit dem Spruch erreichen?“ Hat für mich persönlich schon viele notwendige Gespräche ins Rollen gebracht.

Von welchen Brands würdest du dir noch mehr Diversität wünschen?

Ich wünsche mir mehr nachhaltige Brands, die große Größen anbieten. Das ist leider ein sehr mühsames Thema.

Was ist der nächste Schritt für mehr Diversität? Was ist dein nächstes Ziel?

Mehr Diversität auf allen Ebenen. Ich wünsche mir, dass mehrgewichtige Menschen in unserer Gesellschaft mehr Sichtbarkeit bekommen und wir ihnen mehr zuhören. 

Und zuletzt die Gretchen-Frage, die ich leider ständig (vor allem von Männern gefragt werde): Was ist nun das richtige Wort: Dick, mehrgewichtig, curvy? Oder entscheidet das am Ende nicht auch jede*r selbst?

Der perfekte Einstieg, um für dicke Menschen einen sicheren Ort zu schaffen, ist es einfach zu fragen. Denn wir alle bevorzugen andere Worte und fühlen uns mit unterschiedlichen Bezeichnungen wohl. Die Frage ohne Wertung gestellt zu bekommen, fühlt sich so gut an. Ich persönlich benutze für mich dick, mehrgewichtig oder fett.

Tausend Dank, liebe Charlotte, für das ausführliche, ehrliche und tolle Interview! Es hat riesig Spaß gemacht und war sehr lehrreich!

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