Jetzt reiße ich die Fassade ein!

Warum ich die letzten zwei Monate die Notbremse ziehen musste

Ein kleiner Disclaimer vorweg. Ich weiß, dass es sich an dieser Stelle um absolute Luxusprobleme handelt. Vielen Menschen geht es weitaus schlechter. 2020 hat Existenzen zerstört, Corona uns unseren Alltag genommen. Viele vereinsamen in ihren Wohnungen, andere beantragen in dieser Minute Hartz IV, weil sie in der Kulturbranche gearbeitet haben, wiederum andere kämpfen als diskriminierte Minderheiten seit Jahrhunderten und Jahrzehnten für Gleichberechtigung – und das sind alles nur wenige Beispiele. Trotzdem empfinde ich es als richtig und wichtig, einmal die Tarndecke zu heben und euch hinter eine Fassade blicken zu lassen, die man von außen als perfekt wahrnehmen könnte. Denn das ist sie nicht. Bei niemandem.

Heimlich, still und leise

Jetzt kenne ich das Gefühl. Das Gefühl, wenn man morgens einfach nicht aufstehen will und kann. Wenn einem der ganzen Körper Schmerzen bereitet beim Gedanken an den Tag und die To-do-Liste. Wenn die kleinste Herausforderung zu einem so großen Problem wird, dass man nur noch weinen kann vor Überforderung. Morgens, mittags, abends. Wenn die Kraft für die alltäglichsten Aufgaben fehlt und der Supermarkt um die Ecke unerreichbar erscheint.

Jetzt weiß ich, was es bedeutet ein Burn-out zu haben. Die Schuld dafür gebe ich weder 2020, noch Corona, sondern einfach nur mir selbst. Denn ich habe mein Bauchgefühl viel zu lange ignoriert. Doch fangen wir mal ganz von vorne an.

2020 war auch für mich eine Herausforderung. Obwohl sich mein Job entgegen meiner eigenen Erwartungen als krisenfest erwiesen hat. Im März, als Covid-19 ausbrach, ich in Kalifornien feststeckte, da hatte ich Angst. Angst vor einer Zukunft, in der Modejournalismus als überflüssig und oberflächlich angesehen werden würde, einer Zukunft, die ganz Dystopie-like ohne Social Media auskommen müsste und in der ich von der Gesellschaft aussortiert werden würde. Nicht relevant. Ich glaube, vor diesem Stempel hat man doch am meisten Angst. Denn wenn man nicht relevant ist für die Menschheit, ja, warum ist man dann eigentlich da und tut jeden Tag das, was man eben tut? Doch Onlineshop-Texte schreiben, Social-Media-Konzepte entwerfen und natürlich Content für euch hier und auf Instagram zu produzieren und zu texten, hat mir meine Existenz gesichert. Digitalisierung olé!

Und so kam es, dass aus dem ersten Lockdown keine Pause zum Durchatmen wurde, sondern ein Marathon, bei dem man wohl oder übel von Anfang an so schnell lief, wie man nur konnte. Aus Angst, von der Realität eingeholt zu werden. Sich seine Kondition einteilen, ab und zu mal Pause machen? Undenkbar. Also zogen Lisa und ich mitten im ersten Lockdown in unser erstes richtiges Beige-Office und gaben im Frühjahr alles. Statt fünf Artikel in der Woche schraubten wir unser Pensum hoch auf 14 Artikel die Woche. Jetzt im Nachhinein unfassbar! Ich weiß selbst nicht mehr, wie wir das geschafft haben.

Nichts und niemand konnte uns stoppen. Mit dem Beige Support Package haben wir eine Charity-Aktion auf die Beine gestellt, auf die ich immer noch wahnsinnig stolz bin. Gleichzeitig arbeiten wir weiter an dem Gesamtkonzept namens Beige. Tüteten Kooperationen ein, bauten unser Team weiter auf. Die Doppelbelastung stieg: Marie als Solo-Selbstständige (Content Creator auf Instagram, freie Redakteurin für verschiedene Online- und Printmagazine) musste Geld verdienen, Beige als Firma aber auch weiter wachsen. Mein Herz lag in zwei Hälften brach. Kümmerte ich mich zu viel um das eine, machte mir das andere ein schlechtes Gewissen. Privatleben? Welches Privatleben ... Oh weh, meine Freund:innen mussten die letzten drei Jahre mit Beige schon sehr zurückstecken, doch 2020 machte (auch aufgrund von Quarantäne und allen anderen Beschränkungen) so manch einer Freundschaft aufgrund von Stille fast den Gar aus. Das schlechte Gewissen schnürte mir an manchen Tagen fast die Kehle zu. Doch anstatt den Hörer in die Hand zu nehmen und einfach mal bei meinen Freund:innen anzurufen, entschied ich mich, ein paar Punkte auf der To-do-Liste abzuarbeiten. Stets das große Ziel vor Augen: Ein Medienimperium mit Beige, keine Sorgen und Ängste mehr in der Selbstständigkeit, irgendwann dann mehr Zeit für mich.

Sommerpause, braucht doch keiner! Oder doch?

An eine ausgiebige Sommerpause war auch nicht zu denken. Der Stolz trieb uns weiter an und so hechelten wir den heißen Berliner Sommer in unserem Büro durch, keine einzige Woche gab es keinen Content auf Beige in 2020. Während ich im August im Heimaturlaub war, spürte ich in mir schon eine Veränderung, unterbewusst damals. Versteht mich nicht falsch, ich war schon immer gerne im Urlaub, aber ich hatte auch schon immer nach einer gewissen Zeit Lust, nach Hause zu kommen und mich wieder in meine Arbeit und mein Leben zu stürzen. Denn ich liebe, was ich tue. Ich liebe meinen Job, er ist mein absoluter Traumjob. Ich schreibe jeden Artikel mit voller Leidenschaft, ich habe immer neue Ideen und stehe niemals still. Ich stehe morgens (nach 7 Uhr) gerne auf und starte eigentlich immer beschwingt und motiviert in den Tag.

Doch im Urlaub wollte ich mich am liebsten verstecken. Nie wieder heimkommen. Nie wieder arbeiten. Ich wollte einfach nur nichts tun. Im Bett liegen. Lesen. Netflix schauen. In Cafés die Tage verbringen. Als ich im Urlaub meinen Laptop für einen Freelance-Job herausholen musste, der leider nicht warten konnte, war das eine Überwindung, die ich noch nie zuvor erlebt hatte. Ich war doch immer die, die zu jeder Tages- und Nachtzeit immer gerne arbeitet. Die auch schon im Angestellten-Verhältnis am Sonntag vorgearbeitet hat, damit man den Überblick in der Woche behält. Die innerhalb von fünf Minuten jede Mail beantwortete. Die niemals einen Punkt auf der To-do-Liste vergaß.

Perfektion ist ein Fluch

Mit der Rückkehr aus dem Urlaub, kam dann von allen die Frage: „Und, wie war der Urlaub, hast du dich erholt?“ Und obwohl ich nichts mehr wollte, als die Frage mit „Ja“ zu beantworten, konnte ich sie nur verneinen. Ich schob es auf viele Unternehmungen, aber eigentlich wusste ich doch, was los war: der gesamte Urlaub war von der Angst der Rückkehr geprägt. Der Angst vor dem Alltag, den Routinen, der vielen Arbeit. Und genau an diesem Punkt hätte ich etwas ändern müssen.

Habe ich aber nicht. Stattdessen stellten wir einen Praktikanten ein, launchten unseren Podcast und ich wollte Lisa im Frühstadium ihrer Schwangerschaft so gut es geht unterstützen und ihr Arbeit abnehmen. Das Resultat war eine Sieben-Tage-Woche, an denen ich gefühlt abends um 18 Uhr begann zu arbeiten (denn Einarbeitung eines Praktikanten sollte man nicht unterschätzen) und an denen ich morgens um 6 Uhr mit einer Klopapier-Rolle an To-dos wieder aufstand. Nach außen lächelte ich und tat so, als ob ich mit all dem klarkommen würde. Und irgendwie schaffte ich auch, mir das selbst einzureden beziehungsweise gar nicht zu erkennen, dass ich überfordert war.

Ich lief wie ein Uhrwerk weiter, saß im Büro, erledigte alle meine Aufgaben und alles schien so zu funktionieren, wie es das schon mein ganzes Arbeitsleben getan hatte. Ich war zuverlässig. Pflichtbewusst. Ehrgeizig.

Nur eine Sache wollte bei dem Schauspiel nicht mitmachen. Mein Magen. Und so begleitete mich jeden Tag Übelkeit und Magenschmerzen, bis ich nichts mehr essen konnte. Der Appetit völlig fehlte. Und ich fast zehn Kilo innerhalb von vier Wochen verlor. Und mit dem Fehlen der Nahrung, fehlte mir dann auf einmal auch die Energie, die Fassade aufrechtzuerhalten. Ich weinte jeden Abend und jeden Morgen, im Büro konnte ich mich zusammenreißen, meine Laune sank, mein Optimismus und Ehrgeiz verebbte und stattdessen setzte der Überlebensmodus ein. Einfach weitermachen, irgendwie durchhalten.

Doch mein Körper und mein streikender Magen machten mir das unmöglich. Sehr viele Gespräche mit meiner Familie, meinem Freund, meinen Freundinnen machten mir dann klar: Ich muss die Notbremse ziehen. Ohne wenn und aber und an Gedanken an andere oder die Folgen. Ich muss mich in dem Moment schützen. Denn kein anderer wird es mir danken, wenn ich jetzt noch weitermache.

Und so habe ich die letzten zwei Monate dann die Notbremse gezogen. Das Daily Business auf die lebenserhaltenden Maßnahmen zurückgefahren. Mich intensiv mit meinem schlechten Gewissen und meinem Perfektionsdrang, meinem Ehrgeiz und meiner Zukunftsvision auseinandergesetzt und erkannt, dass ich viel ändern muss. Und jetzt bin ich wieder da. Also hier auf Beige. Irgendwie so wie vorher, aber irgendwie auch ganz anders. Was mir geholfen hat und wie ich mich vor einem erneuten Burn-out beschütze, das erfahrt ihr im nächsten Teil dieser Kolumne. Aber vorher muss ich noch etwas loswerden:

Und zwar ein riesengroßes Dankeschön an Lisa. Die mir in der Zeit, in der ich wirklich nicht mehr konnte, mit Verständnis begegnet ist und mir die Pause ermöglicht hat. Trotz Schwangerschaft. Die mir im vielleicht schwersten Gespräch meines Lebens zugehört und meine Bedürfnisse ernst genommen hat. Danke, dass du im Marathon den Staffelstab übernommen hast und mir damit die Pause zum Durchatmen verschafft hast. Danke, dass du die letzten zwei Monate alles am Laufen gehalten hast. Danke, danke, danke!

Und weil mir in dieser schwierigen Situation vor allem der Austausch mit anderen geholfen hat, möchte ich euch nochmal ermutigen. Erzählt anderen von euren Gefühlen, euren Sorgen, euren Ängsten und euren Wünschen. Behaltet das nicht für euch. Erst Recht nicht, um eine blöde perfekte Fassade aufrechtzuerhalten. Denn in dem Moment, als ich anderen von meiner Situation erzählt habe, ist nicht nur meine Fassade gefallen, sondern auch die der anderen Person. Und das hat uns a) noch näher zusammengebracht und b) das Gefühl des Alleinseins genommen.

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...