Weniger zeigen, mehr sagen
Warum Zurückhaltung zur stärksten Strategie in der Mode wird
Alexa Dagmar und Linda Juhola nutzen ihre Influencer-Vergangenheit nicht als Bühne, sondern als Werkzeug – und bauen mit Almada eine der ruhigsten, begehrtesten Modemarken der Gegenwart
In der Reihe More Than A Title führe ich Gespräche mit inspirierenden Frauen, die nicht nur Branchen gestalten, sondern auch die Erzählungen darüber, was Erfolg, Identität und ein selbstbestimmtes Leben eigentlich bedeuten.
Diese Gespräche sind offen und unverstellt – über Karriere, Kreativität, Mutterschaft, Sinnfragen, Druck und Zielstrebigkeit – mit Frauen, die zeigen, dass unter der Oberfläche immer mehr steckt.
More Than A Title dreht sich nicht um Jobbezeichnungen, Labels oder perfekt optimierte LinkedIn-Bios. Es geht um Präsenz. Um Menschen, die relevant wirken, ohne sich erklären zu müssen. Um diejenigen, die leise den Ton angeben – und dann weitermachen, ohne auf Applaus zu warten.
Almada Label, gegründet von Alexa Dagmar und Linda Juhola, verkörpert diese Idee wie kaum etwas anderes.
Beide kommen aus der Welt des Bloggens und sind klassiche OG-Influencerinnen, beide sind Mütter und beide wissen genau, wie Sichtbarkeit im Jahr 2025 funktioniert. Was sie interessant macht, ist nicht ihre Reichweite, sondern ihre Zurückhaltung. Statt ein Modelabel zu entwickeln, das ihre Persönlichkeiten in den Vordergrund stellt (aka ein typischesn Influencer White Label), haben sie etwas Ruhigeres und Längerfristiges aufgebaut – was viel schwerer ist.
Persönlich bin ich nicht so minimalistisch – ich mag das kreative Chaos und habe einen Alltag mit Kita-Bringzeiten, Kaffeeflecken und Outfits, die dem echten Leben standhalten müssen. Und doch zieht mich die ruhige, luxuriöse, fast schon gelassene Aura von Almada jedes Mal in ihren Bann.
Denn bei den Designs von Almada denkt man: Ist das vielleicht ein bisschen zu schön für mein tatsächliches Leben? – und dann will man sie umso mehr!
Weil es Pieces sind, die man sich vorstellen kann, an seine Enkel*innen weiterzugeben. Mode, die fast zu perfekt wirkt, um im täglichen Chaos getragen zu werden – und genau das ist der Punkt. Man will an einem Dienstagmorgen in seinen Kleiderschrank greifen und dann so aussehen, als käme man direkt aus einer Almada-Kampagne: cool, unantastbar, stark und absolut mühelos – selbst wenn man nur zum Kindergarten geht.
Wer sind Linda und Alexa?
Alexa, die in Helsinki lebt, ist die visuelle Kraft hinter allem – obsessiv präzise und intuitiv. Sie prägt Almadas ästhetische Sprache: zurückhaltend, selbstbewusst und luxuriös. Linda, ansässig in Stockholm, bringt Struktur, Klarheit und langfristiges Denken ein. Sie leitet Betrieb und digitale Strategie und verwandelt den Almada-Kosmos in ein funktionierendes Modegeschäft – was in der Industrie eine seltene Superkraft ist.
Almada wird oft mit The Row verglichen, und ja, dieser Vergleich macht Sinn. Aber während andere distanziert wirken, fühlt sich Almada wärmer, menschlicher und tragbarer an – skandinavischer Minimalismus ohne Überlegenheitskomplexe. Luxus ohne Attitüde.
Im Moment erlebt die Brand einen echten Höhepunkt: beliebt bei den stilbewussten Fashion-Insiderinnen, getragen von herausragender Strick-Qualität und weiter ins Scheinwerferlicht gerückt, nachdem Jennifer Lawrence einen ihrer Wollmäntel getragen hat.
Wann wusstet ihr bei der Gründung von Almada Label 2020, dass das mehr ist als nur ein Nebenprojekt von euch als Influencerinnen wird?
Von Anfang an war klar: Almada war nie als Nebenprojekt gedacht. Obwohl wir uns in den Anfangsjahren nichts ausbezahlen konnten und alles zurück in das Unternehmen investiert haben, wurde es schnell unser Hauptfokus – kreativ, finanziell und mental. Wir haben eine langfristige Markenstrategie, das war kein Experiment neben dem Influencer-Dasein – und diese Klarheit hat unser Wachstum geprägt.
Wie hat die Zeit als Bloggerinnen und Influencerinnen eure Vision für Almada beeinflusst – und wie verändert Almada im Gegenzug euren Blick auf Social Media?
Unser Hintergrund als Bloggerinnen war beim Aufbau von Almada unglaublich hilfreich. Wir waren es gewohnt, visuelle Welten zu erschaffen, Geschichten zu erzählen und zu verstehen, wie Marken auf Social Media wahrgenommen werden. Dadurch konnten wir am Anfang vieles selbst umsetzen – von Shootings über Produkttexte bis hin zur PR.
Seit wir auf der Markenseite stehen, hat sich unser Blick auf Social Media allerdings stark verändert. Durch unsere Influencer-Erfahrung wissen wir sehr genau, was sich authentisch anfühlt und was nicht. Almada hat uns bewusster gemacht: Wir denken weniger in Content um des Contents willen und mehr in visueller Sprache und langfristiger Markenpräsenz.
Ihr habt Almada ohne klassischen Design-Hintergrund gegründet. Welcher Branchenmythos war am schwierigsten zu widerlegen?
Der größte Mythos war die Annahme, dass sich ohne traditionelle Design-Ausbildung keine Türen öffnen würden. In Wahrheit war Kreativität nie das Problem – der schwierigste Teil war der Zugang. Die Suche nach den richtigen, verlässlichen Produktionspartnern war gerade am Anfang extrem herausfordernd, zumal die besten Manufakturen bereits mit etablierten Marken zusammenarbeiteten.
Was uns überrascht hat, war, wie sehr es letztlich um Vertrauen und Ausdauer ging. Als wir unseren Partner in Portugal gefunden haben, hat sich alles verändert – und wir arbeiten bis heute mit ihm zusammen. Das hat uns gezeigt, dass Haltung und Klarheit genauso wichtig sein können wie formale Abschlüsse.
Wie prägt eure gemeinsame Influencer-Vergangenheit die Community-Strategie von Almada? Was macht eurer Meinung nach den Unterschied für Kund*innen, die sich wirklich gesehen fühlen?
Unsere Erfahrung im Influencer-Marketing hat uns sehr sensibel dafür gemacht, wie einseitig Markenkommunikation oft ist. Mit Almada wollen wir einen Dialog führen, keine Einbahnstraße. Wir glauben, dass eine Marke gleichzeitig exklusiv und nahbar sein kann.
Wir binden unsere Community aktiv ein – durch Feedback, Previews kommender Launches oder Umfragen zu Teilen, auf die sich unsere Kund*innen freuen oder die ihnen im Kleiderschrank fehlen. Was viele Marken unterschätzen, ist schlichtes Zuhören. Menschen merken, ob ihre Meinung wirklich Einfluss hat – oder nur Marketing ist.
In Zukunft möchten wir diese Verbindung weiter vertiefen, auch durch persönliche Community-Events und gemeinsame Erlebnisse jenseits von Social Media.
Wenn ihr auf eure frühen Blog-Outfits zurückblickt: Welche Styling-Entscheidungen lassen euch heute schmunzeln – nicht als Fehler, sondern als Meilensteine?
Die YSL-Herzsonnenbrille war definitiv eine Ära – etwa 2017. Sie steht für eine Phase des Experimentierens, der Sichtbarkeit und der Selbstfindung. Diese Zeit war wichtig, um unsere eigene Stimme zu entwickeln – und letztlich auch für das, was wir heute machen.
Almada wird als „seasonless“ beschrieben. Was bedeutet das für euch – und wie balanciert ihr Zeitlosigkeit und Innovation?
Für uns bedeutet „seasonless“, mit Blick auf Langlebigkeit zu entwerfen, nicht nach einem Kalender. Wir folgen keinen klassischen Frühjahr/Sommer- oder Herbst/Winter-Zyklen und designen nicht mit dem Gedanken, Teile nach wenigen Monaten rauszuwerfen.
Ein gutes Design braucht Zeit, Sorgfalt und Investition – es ergibt für uns keinen Sinn, etwas nur wegen einer neuen Saison aus dem Sortiment zu nehmen. Unsere Kollektion ist klar strukturiert: Etwa ein Drittel sind permanente Core-Pieces, ein Drittel sind diese Teile in neuen Materialien oder Farben, und ein Drittel besteht aus komplett neuen Designs.
Transparenz spielt bei euch eine große Rolle – auch bei Produktionsorten und Kosten. Gab es einen Moment, in dem ihr entschieden habt: Wir zeigen alles?
Es gab keinen einzelnen Moment – es war von Anfang an ein Prinzip. Transparenz sollte aus unserer Sicht der Standard sein, kein Marketing-Tool. Wir hatten nie das Gefühl, etwas verbergen zu müssen, deshalb war es für uns selbstverständlich, offen über Fabriken, Prozesse und Kosten zu sprechen.
Transparenz schafft Vertrauen und Verantwortung. Wer offenlegt, wie Dinge entstehen, muss hinter jeder Entscheidung stehen – und wir glauben, dass Kund*innen heute Ehrlichkeit mehr schätzen als Perfektion.
Eure Strickwaren entstehen in der Inneren Mongolei, in Italien und Portugal. Wie übersetzt ihr den Geist des Helsinki-Minimalismus in so unterschiedliche Produktionskontexte?
Helsinki-Minimalismus ist für uns weniger eine geografische Frage als eine Haltung. Wir sind extrem sorgfältig bei der Auswahl unserer Produktionspartner. Viele haben wir getestet, aber die, mit denen wir heute arbeiten, verstehen unsere skandinavische Designsprache und unsere Qualitätsansprüche wirklich.
Wir tragen diesen Geist durch präzise Briefings, Materialentscheidungen und kontinuierlichen Austausch weiter. Egal wo produziert wird – Zurückhaltung, Funktionalität und leise Raffinesse bleiben konstant.
Welche Material- oder Produktionsentscheidung war am schwierigsten – und welche hat euch positiv überrascht?
Der Einstieg in Leder war definitiv eine der größten Herausforderungen. Es ist eine ganz eigene Welt, in der kleinste Anpassungen einen enormen Unterschied im Ergebnis machen.
Unser Sienna Suede Trench ist ein gutes Beispiel: Auch wenn er heute ein großer Erfolg ist, haben es die ersten Prototypen nicht geschafft. Wir haben fast ein Jahr an dem Design gefeilt, bevor es in Produktion ging. Dieser Prozess hat uns gezeigt, wie sehr Verfeinerung ein Kleidungsstück aufwerten kann.
Von Finnland zu Harrods, Le Bon Marché und Printemps: Was war rückblickend das mutigste Risiko auf eurem Wachstumspfad?
In vielerlei Hinsicht war das mutigste Risiko, überhaupt anzufangen. Wir haben Almada während Covid gegründet, ohne klassischen Branchenhintergrund – und beide hochschwanger. Rückblickend war das entweder sehr mutig oder leicht verrückt.
Darüber hinaus war es ein großes Wagnis, so klar an unserer Strategie festzuhalten. Wir haben Qualität über Quantität gestellt und früh vielen Retailern abgesagt, auch wenn die Sichtbarkeit verlockend war. Diese Geduld hat es uns ermöglicht, mit Partnern zu wachsen, die wirklich zu uns passen.
In einer Branche, die ständig nach Neuem verlangt, entschleunigt ihr bewusst. Wie erklärt ihr dieses Tempo?
Entschleunigung fällt leichter, wenn man intern klar ausgerichtet ist. Wir besitzen 100 % des Unternehmens und können langfristig denken, statt kurzfristigen Erfolgen hinterherzulaufen. Da wir Almada weiterhin selbst finanzieren, hat jede Entscheidung Gewicht.
Wir sind extrem selektiv bei neuen Designs und bringen nur das auf den Markt, woran wir wirklich glauben. Diese Disziplin ist kein Wachstumsverzicht – sie ist der Aufbau von etwas Dauerhaftem.
Wie soll Almada über Materialien hinaus zu einem bewussteren Konsum beitragen?
Nachhaltigkeit ist für uns genauso eine Frage des Verhaltens wie der Materialien. Wir möchten zu überlegtem Konsum ermutigen – zu Kaufentscheidungen aus Überzeugung, nicht aus Dringlichkeit.
Deshalb machen wir keine Sales und keine saisonalen Rabatte. Manche Menschen brauchen ein oder zwei Jahre, um sich für ein Teil zu entscheiden – und wir finden es wichtig, dass es dann immer noch da ist.
Wie entscheidet ihr, welches Almada-Piece sich an einem Tag richtig anfühlt?
Das hängt stark vom Kontext ab. Auf Geschäftsreisen kleiden wir uns gerne bewusst eleganter – mit Heels, Lederröcke und stärkeren Statements.
Im Alltag, etwa beim Schulweg mit den Kindern, greifen wir zu schlichten, bequemen Teilen: Crepe-Hosen, klare Silhouetten, ein Awa Crewneck. Genau diese Balance ist das, was wir bei Almada entwerfen – Kleidung, die sich dem Leben anpasst.
Ihr habt Mutterschaft und Markenaufbau parallel erlebt. Was hat euch geerdet – und was würdet ihr anderen Müttern mitgeben?
Wir hatten großes Glück mit den finnischen und schwedischen Betreuungssystemen. Das Vertrauen, die Fürsorge und das Gemeinschaftsgefühl dort waren unglaublich wertvoll. Mutterschaft hat uns mehr Klarheit und bessere Grenzen gegeben.
Wir sind sehr bewusst präsent, wenn unsere Kinder zu Hause sind – und genau das macht uns fokussierter bei der Arbeit. Unser Rat: Ambition und Präsenz schließen sich nicht aus. Mit Unterstützung und Selbstmitgefühl können sie sich gegenseitig stärken.
Wenn Almada ein „Spirit Piece“ hätte – welches wäre es, und wie sieht seine Zukunft aus?
Der Shea Shearling ist unser Spirit Piece. Der Mantel vereint Gegensätze: Weichheit und Struktur, Komfort und Haltung, Alltagstauglichkeit und Langlebigkeit.
In zehn Jahren sehen wir ihn als Ikone – nicht ersetzt, sondern weiter verfeinert. Manche Kund*innen werden ihren ersten Shea immer noch tragen, schön gealtert, andere ihn neu entdecken. Seine Geschichte dreht sich nicht um Neuheit, sondern um Kontinuität.
Danke für eure Zeit, Alexa und Linda. Und eure Offenheit! Dieser Artikel erschien vor einem Monat bei More Than BEIGE auf Englisch. Wenn du unsere Interviews aus der Reihe „More Than A Title“ immer sofort lesen möchtest, dann abonniere unseren Newsletter hier.