Im Interview: Das Berliner Label Richert Beil steht für die neuen modischen Ansprüche einer ganzen Generation

Wir haben die beiden Designer Jale Richert und Michele Beil zum Interview getroffen

Fast zwei Monate ist es nun her, dass die Berlin Fashion Week im Januar stattfand. Seitdem tingeln die Modejournalisten und Instagram-Girls dieser Welt weiter durch Kopenhagen, Stockholm, New York, London, Mailand und Paris und scheinen die kleine deutsche Modemetropole fast schon wieder vergessen zu haben. Wir bei Beige haben das aber nicht! Denn auch nach so langer Zeit, in der Modebranche eine halbe Ewigkeit, geht mir ein Label seit der Fashion Week nicht mehr aus dem Kopf: Richert Beil. Der Grund? Unisex Mode und eine spektakuläre Runway Show, die mich mit vielen Fragezeichen im Kopf zurückließ. Und die wollen jetzt aufgelöst werden! Ein Glück standen mir Jale Richert und Michele Beil Frage und Antwort. Denn hinter ihrem Label steht eine grandiose Aussage, die ich gerne in die Welt hinausschreien möchte: Kleidung darf kein saisonales Austauschprodukt zum bloßen Konsum mehr sein, sie soll nachhaltig werden. Und das im Sinne von traditioneller, hochwertiger Verarbeitung mit einer klaren Designsprache. Wie das Designerduo dieses Mantra Tag für Tag lebt und in ihrer Arbeit umsetzt? Das habe ich im Interview mit beiden herausgefunden.

Ihr macht unisex Mode. Wieso?

Michele: Mit Richert Beil war es von Anfang an der Plan, eine gemeinsame Kollektion für beide Geschlechter zu entwerfen. Es macht Spaß, die Grenzen leicht verschwimmen zu lassen und Kleidung zu entwickeln, die nicht direkt einem Geschlecht zuzuordnen ist. Trotzdem beachten wir bei der Schnittgestaltung die unterschiedlichen Körperformen, denn egal wer unsere Mode trägt, eine gut sitzende Passform ist uns wichtig.

Was ist die größte Herausforderung bei unisex Mode?

Jale: Der Handel ist immer noch konsequent in Damen- und Herrenbekleidung unterteilt, das gestaltet den Vertrieb von unisex Konzepten schwierig. Daher entwickeln wir die eine Hälfte der Kollektion für Frauen und die andere Hälfte für Männer. Wir benutzen die gleichen Stoffe und die Entwürfe basieren selbstverständlich auf der gleichen Inspiration. Unsere Kollektionen sind ein Gesamtwerk – und beim Styling heben wir die Grenzen wieder auf.

Wie ist die Rollenverteilung bei euch? Ist irgendjemand bei eher für männliche Designs zuständig, einer für weibliche? Unterscheidet ihr überhaupt in solchen Kategorien?

Michele: Ich mache das grundsätzliche Design. Jale ist eher für die Kreativdirektion und die Umsetzung zuständig und sortiert aus, welche Entwürfe für die Saison und zum Konzept passend erscheinen. Wir müssen unsere Kleidungsstücke selber tragen wollen – sie müssen das Potenzial haben, Lieblingsstücke in unseren eigenen Kleiderschrank zu werden und eine lange Zeit zu überdauern. Mein Fokus liegt dabei natürlich auf Menswear, während Jale sich eher in Womenswear sieht, weil es so unsere persönliche Interessen und Bedürfnisse widerspiegelt.

Ihr seid auch privat ein Paar. Wie sieht euer Kleiderschrank so aus? Teilt ihr alles oder hat jeder seinen eigenen Schrank und verteidigt seine Sachen?

Jale: Wir haben gar nicht so viel Kleidung in unseren Schränken, wie man vielleicht denken könnte. Vielleicht klaue ich deshalb immer bei Michele, vor allem Pullover, die wandern ganz schnell in meinen Besitz. Unsere private Garderobe ist eine bewusste Ansammlung an Lieblingsdesignerstücken, die über Jahre gewachsen sind. Vieles haben wir Secondhand gekauft, manches auch neu. Im Alltag trage ich allerdings am liebsten ganz unkomplizierte und gemütliche Kleidung, unter anderem auch Trainingshosen. Da muss ich mich auf die Arbeit konzentrieren und darf nicht ständig Angst haben, mich dreckig zu machen. Es passiert häufig, dass Michele mich auslacht, weil ich wieder eine uralte glänzende Jogginghose, einen riesigen Pullover und meine Militärstiefel anhabe. Aber so fühle ich mich wohl!

Zusammenarbeiten und Zusammensein. Ist das ein Vorteil oder seid ihr manchmal genervt von der Anwesenheit des anderen?

Michele: Alles hat seine Vor- und Nachteile. Wir sind froh, dass wir jeden Tag miteinander verbringen können, aber natürlich sind wir manchmal auch genervt voneinander. Man teilt die guten und die schlechten Zeiten. Es existiert kein wirkliches Privatleben mehr, da man die beruflichen Themen doch allzu häufig mit in den Abend nimmt. Das sind die Phasen, in denen es auch mal anstrengend werden kann. Um eine solche Art der Zusammenarbeit einzugehen braucht man eine ganz besondere Verbindung zueinander, die weit über Liebe hinausgeht, ansonsten wird es schwer, dem Druck standzuhalten. Das Wichtigste: Man muss sich streiten können – und auch wieder vertragen – ohne nachtragend zu sein.

„Für uns ergibt es keinen Sinn, das tausendste neue Modelabel mit Trendy-Wegwerf-Klamotte zu sein.“

Michele Beil

Wie sieht eure Zielgruppe aus und besteht die wirklich aus 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männern?

Jale: Ja, unsere Zielgruppe ist tatsächlich sehr gemischt, wir verkaufen genauso viel an Frauen wie an Männer. Viele Käufer und Käuferinnen sind 30+, aber auch die Altersspanne ist sehr gemischt. Wir haben viele kreative Kundinnen und Kunden, die wissen, was sie gerne tragen und ein Statement setzen wollen, genauso sind aber auch Personen darunter, die etwas zurückhaltender mit ihrer modischen Aussage sind. Uns war von Anfang an wichtig, dass wir nicht nur Mode für extrovertierte und selbstbewusste Menschen bieten, sondern auch für die Leute, die zwar ebenso einen ästhetischen Anspruch haben, aber eher etwas unkompliziertes suchen, das sie jeden Tag gut kleidet.

Wo liegen denn eure Kleidungsstücke preislich und wo kann ich sie kaufen?

Michele: Blusen und Hemden gibt es ab 200 Euro, Hosen ab 400 Euro und Pullover ab 500 Euro. Wir haben uns besonders auf die Herstellung hochwertiger Jacken und Mäntel spezialisiert – diese sind ab zirka 1200 Euro zu erwerben. Es gibt immer mal wieder Sondereditionen, die sich davon preislich unterscheiden. Bislang verkaufen wir in Deutschland in ausgewählten Stores und treten über unsere Webseite in den direkten Kontakt mit dem Kunden. Ab dem kommenden Jahr werden wir auch im Ausland verkaufen.

Ihr habt euer Modelabel 2014 gegründet – davor habt ihr nach eurem Uniabschluss zusammen bei Patrick Mohr gearbeitet. Was habt ihr dort gelernt, was ihr jetzt auch bei eurem eigenen Label einsetzt? Was möchtet ihr anders machen?

Jale: Das ist gar nicht so leicht in Worte zu fassen – Patrick arbeitet sehr authentisch und eigensinnig. Er ist sehr sensibel und unheimlich gut darin, Stimmungen und Räume zu erzeugen. Mit Patrick Mohr hat er eine Welt erschaffen, die doch weit von Richert Beil entfernt liegt, es ist zu 100 Prozent seine eigene. Wir leben diese Philosophie insofern weiter, als wir mit Richert Beil genau das zeigen, was uns wichtig ist und was unsere Arbeit ausmacht.

Backstage bei der Berlin Fashion Week

„Richtungsweisende deutsche Designer oder Unternehmen, die international arbeiten gibt es sowieso kaum, auch nicht im Ausland. Wir halten Basisarbeit vor Ort daher für wichtiger denn je.“

Jale Richert

Richert Beil als Brand gibt es inzwischen schon im 5. Jahr. Wie schnell trägt sich ein neu gegründetes Label, so, dass man davon leben kann?

Jale: Natürlich trägt sich Richert Beil noch nicht so, wie wir uns das vorstellen, wir befinden uns nach wie vor im Aufbau. Wir wachsen so gut es geht organisch und überstürzen nichts. Im Kopf haben wir eine Aufbauzeit von zehn Jahren, da haben wir gerade mal Halbzeit. Schnelles Geld verspricht unser Anspruch ans Modemachen eher nicht.

Mit kommerzielleren Entwürfen kann man sicherlich schneller Geld verdienen. Warum habt ihr euch trotzdem für ein nischiges Label mit einem konzeptuellen Anspruch entschieden?

Michele: Jeder sollte das machen, woran er glaubt. Für uns ergibt es keinen Sinn, das tausendste neue Modelabel mit Trendy-Wegwerf-Klamotte zu sein. Bei dem, was wir tun, geht es nicht vorrangig um Geld. Es geht eher darum, ein Statement zu hinterlassen - und zum Denken anzuregen.

Genau das habt ihr mit eurer Runway-Show auf der diesjährigen Berlin Fashion Week gemacht. Eure besondere Performance ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Braucht Mode denn eine weitere Ebene wie z.B. eine spektakuläre Inszenierung?

Jale: Das kommt sicherlich immer darauf an, was man sagen möchte. Wir finden, wenn man eine Show veranstaltet, sollte es auch eine Show geben. Oder zumindest etwas Interessantes zu sehen. Eine gute Arbeit braucht und hat immer weitere Ebenen. Nicht immer sind sie von Außen sichtbar und sie können von ganz unterschiedlicher Intensität sein – wir haben uns dazu entschlossen, den Betrachter mit der Performance herauszufordern.

Was wolltet ihr mit eurer Fashion Performance bei den Besucher*innen auslösen?

Michele: Vorwiegend wollten wir uns und unsere Arbeit vorstellen, die Show aber auch nutzen, um verschiedene Diskurse innerhalb der Mode Industrie aufzugreifen. Das Stilelement „Geld“ in Form der verteilten Dollar-Scheinen stand etwa für den monetären Druck, der auf einem jungen Label lastet und gleichzeitig für den Gedanken des fortwährenden Konsums. Das „Fast Food“-Essen in Form des Burgers symbolisiert mangelnde Qualität und den Wegwerf-Gedanken, aber auch das Dogma, für Mode besonders dünn sein zu müssen, dem wir widersprechen. Das wiederkehrende „Teddy“-Element in Form von Kaschmiroveralls und Spielzeug drückt Nachhaltigkeit und die Wertschätzung von Tradition aus, etwas was wir in unserem Design zum Ausdruck bringen.

„Große Konzerne, die Billigware produzieren machen immer wieder den Anschein, dass man ein T-Shirt für fünf Euro produzieren könnte. Das ist in der Realität aber nur machbar, weil jemand anders und die Umwelt dafür einen hohen Preis zahlen.“

Jale Richert

Warum habt ihr euch für die Berlin Fashion Week entschieden und dort für das E-Werk als Location? Viele deutsche Designer zeigen dort ja gar nicht mehr und sind stattdessen ins Ausland abgewandert. 

Jale: Das E-Werk bietet jungen Designern eine bestehende Infrastruktur und ist etabliert. Neben der Location war für uns vor allem wichtig, dass wir überhaupt zeigen und wir können im Nachhinein sagen, dass wir sehr zufrieden über die Zusammenarbeit mit dem E-Werk waren und dass es möglich war, unsere Show so umzusetzen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Gegenseitige Unterstützung ist sehr wichtig! Es ist schade, dass ein Großteil der Presse immer nur die schlechten Seiten der Berlin Fashion Week festhält. Wir halten Berlin für einen großartigen Standort für Mode, mit tollen Designern. Richtungsweisende deutsche Designer oder Unternehmen, die international arbeiten gibt es sowieso kaum, auch nicht im Ausland. Wir halten Basisarbeit vor Ort daher für wichtiger denn je: Mode muss in Deutschland endlich als ein wichtiger Teil der Kultur angesehen werden. Es muss mehr finanzielle Unterstützung vonseiten des Staates geben, es fehlt einfach an Geld. Wir schließen allerdings genauso wenig aus, im weiteren Verlauf zusätzlich auch im Ausland zu zeigen.

Hat euch die Fashion Week etwas gebracht? Aufträge, Bestellungen, Aufmerksamkeit?

Michele: Ja, die Fashion Week war für uns ein voller Erfolg – wir sind sehr viel sichtbarer als zuvor. Wir haben sehr viel Feedback bekommen, viele Anfragen zu Kooperationen und Bestellungen. Wir waren etwas überrascht, dass unsere Show so viel Anklang gefunden hat, umso mehr haben wir uns darüber gefreut. Es war anscheinend genau der richtige Zeitpunkt für uns – wir haben uns ja auch lange mit unserer ersten Show Zeit gelassen.

Jale, du hast es gerade schon angesprochen: Was ist überhaupt eure Meinung zur Berlin Fashion Week? Die Modebranche selbst stempelt sie ja immer wieder als unbedeutend ab.

Jale: Das größte Potenzial an der Berlin Fashion Week ist unserer Meinung nach immer noch Berlin. Es muss nur ein bisschen umgedacht werden. Das Schöne daran, eine Fashion Week zu etablieren, ist doch, dass man absolut alle Möglichkeiten hat und etwas vollkommen Neues schaffen kann. Das merkt man bisher noch nicht konsequent. Berlin ist eine freie und offene Stadt. Das müsste man auch während der Fashion Week spüren. Gute Designer gibt es genug. Diese müssten gefördert werden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die ganze Modebranche die Berlin Fashion Week als unbedeutend abstempelt oder Deutschland häufig selber dafür verantwortlich ist. Natürlich kann man die Berliner Fashion Week nicht mit Paris oder New York vergleichen. Das muss man aber auch gar nicht. 

Die Performance auf der Berlin Fashion Week

Wie ernst nehmt ihr eure Rolle als Meinungsträger? Ihr produziert ja schon alles fair und möglichst regional – welche Verantwortung habt ihr?

Jale: Für uns ist faire Produktion eine Selbstverständlichkeit. Es gibt oft Menschen, die empfindlich auf unsere Preise reagieren. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln. Hochwertige Mode zu produzieren ist ein enormer Aufwand und der kostet eben. Große Konzerne, die Billigware produzieren machen immer wieder den Anschein, dass man ein T-Shirt für fünf Euro produzieren könnte. Das ist in der Realität aber nur machbar, weil jemand anders und die Umwelt dafür einen hohen Preis zahlen, ganz egal wie hoch die Stückzahlen sind. Viele Menschen machen sich die Wertschöpfungskette unseres Konsums nicht klar: Die Baumwolle muss angebaut und geerntet werden, verschifft, versponnen, verwebt, gefärbt, gewaschen und ausgerüstet und wieder verschifft. Und dann ist lediglich der Stoff fertig! Ein Design muss entwickelt werden, der Schnitt erstellt, der Stoff wird geschnitten, genäht, verpackt und verkauft. Wie soll das für fünf Euro möglich sein? Vielen Konsumenten ist das einfach nicht bewusst. Und wir reden hier von einem T-Shirt, das nicht wirklich komplex ist und das keine tierische Komponente enthält. Man muss bereit sein, mehr für Kleidung zu bezahlen und die Kleidungsstücke langfristig zu pflegen. Im Gegenzug muss die Bekleidungsindustrie eine bessere Qualität liefern und nicht alles darauf ausrichten, dass Kleidung schnell kaputtgeht, um noch mehr Profit zu machen. Das ist unsere Meinung und die findet sich in unserer Arbeit wieder – und wir hoffen, dass wir einige Menschen davon überzeugen können.

Wo seht ihr die Zukunft der Modeindustrie? Wie wird sich alles in den nächsten zehn Jahren entwickeln und wo soll Richert Beil dann stehen?

Michele: Realistisch gesehen wird sich so schnell leider nicht viel ändern in Bezug auf bessere Arbeitsbedingungen und faire Produktion. Kleidung wird in naher Zukunft sehr viel maschineller hergestellt und viele Arbeitsplätze werden ohnehin wegfallen. Auf der einen Seite befürworten wir den Fortschritt, denn er erlaubt präzises und schnelles Arbeiten. Auf der anderen Seite ist es wichtig, Handarbeiten als Kulturgut zu erhalten und deshalb steht in unserer Herbst/Winter Kollektion 2019/2020 die Neuinterpretation des altdeutschen Trachtenhandwerks im Fokus. Hier sehen wir unsere Aufgabe: Diese Tradition und die Modeindustrie miteinander zu verbinden, weiterhin für faire Bedingungen zu kämpfen und ganz nebenbei tolle Kleidung entstehen zu lassen.

Vielen Dank für das tolle Interview!

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