Der Goldjunge aus Sri Lanka – Der Nachwuchsdesigner Amesh Wijesekera im Interview

Ein Gespräch über Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und den Imagewandel eines ganzen Landes

Amesh Wijesekera. Ein Name, der dafür steht, dass Globalisierung in der Modebranche nicht nur schlechtes mit sich bringt. Dass der Austausch zwischen mehreren Ländern nicht immer mehr Industrialisierung nach dem Motto: „Umso größer, umso schneller, umso besser“ bedeutet, sondern auch Wachstum an Ideen, Talenten, Kreativität und Nachhaltigkeit.

Amesh Wijesekera kommt aus Sri Lanka. Ein Inselstaat, der in der internationalen Modeindustrie eine große Rolle spielt. Die Textilbranche macht 39 Prozent der gesamten Wirtschaft des Landes aus, 43 Prozent der gesamten Exporte kommen von hier. Das alles hat seinen Ursprung in den 1980er-Jahren, als Sri Lanka als Produktionsstandort als Alternative zu Indien interessant wurde: Dort gab es viele Investoren, die politischen Bedingungen standen gut – schnell siedelten sich Joint Venture Firmen an, die in kurzer Zeit viel Geld in das Land brachten, um es zu einem der weltweit größten Textillieferanten heranwachsen zu lassen. Als China dann mengenmäßig in seiner Textilproduktion von den USA und Europa gestoppt wurde, wanderten viele Firmen nach Sri Lanka aus – allein 1998 eröffneten in dort 50 neue Fabriken. Insgesamt waren es über 800 Fabriken mit über 300.000 Angestellten – und das bei einer Gesamtbevölkerung von 18,8 Millionen im selben Jahr.

Kurz gesagt: Textilien sind der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Mode war es nicht.

Jemand, der das schnell erkannte und darin eine große Chance sah, war Linda Speldewinde. Die visionäre Unternehmerin sah, dass Sri Lanka alle ökonomischen Möglichkeiten hatte, sich in der Modewelt einen Namen zu machen – Fabriken gab es genug, die Exportstrukturen waren vorhanden, aber es fehlte an einem: Design. Und Bildung. Sie gründete 2000 die AOD (Academy of Design) in Sri Lanka und hilft seitdem beim Aufbau der Strukturen einer Mode- und Designindustrie.

Seitdem werden an der AOD nicht nur Modedesigner in enger Zusammenarbeit mit der britischen Northumbria University ausgebildet, sondern auch Visuelle Kommunikation, Interior Design, Marketing, Schmuckdesign uvm. gelehrt. Einer der Studenten: Amesh Wijesekera.

Er ist das Paradebeispiel, auf das Linda Speldewinde seit Anfang ihrer Karriere gewartet hat: Jemand, der in seinem Fach ein herausragendes Talent hat und den Sprung aus Sri Lanka nach Europa schafft – mit der Hilfe von Mercedes Benz. Entdeckt wurde er auf der Mercedes Benz Fashion Week Sri Lanka, die seit 2016 stattfindet – und bei der Speldewinde natürlich auch wieder ihre Finger im Spiel hatte, nachdem sie bereits ähnliche Veranstaltungen wie das Sri Lanka Design Festival, die Design for Sustainable Developement Foundation und Fashionmarket.lk gegründet hatte. „Es ist in der Tat eine Erfolgsgeschichte, wie wir die lokalen Modestrukturen genutzt haben, um international relevante Talente heranzuziehen. So werden der Schatz unseres Kulturerbes und die unglaublichen Fertigungstechnologien auf unserer Insel und ganz Südasiens im Rest der Welt bekannt gemacht. Es darf von Modetalenten aus Sri Lanka wie Amesh noch viel erwartet werden“, so zitiert der Berliner Tagesspiegel Speldewinde.

Amesh geht nach London, gewinnt dort 2016 prompt den International Catwalk Competition Award der Graduate Fashion Week, mit dem Mercedes Benz das zehnjährige Bestehen ihres Förderprogramms für „Fashion Talents“ feiert – und durfte jetzt auf der Berliner Fashion Week die MBFW Berlin mit seiner neuen Winterkollektion eröffnen. Klingt wie Karrieremachen im Schnelldurchlauf und ein bisschen auch wie ein wahr gewordenes Märchen. Doch warum ist der sri-lankische Designer mit seiner Mode so erfolgreich?

Die Mode von Amesh Wijesekera

Amesh Wijesekeras Mode schlägt in Berlin ein wie ein mit Farbe gefüllter Luftballon auf einer weißen Leinwand: Himbeerrot, cremig blasse Goldtöne, Purpur, Mandarine, Ocker und Rost – kein Sonnenuntergang der Welt hätte Farben besser beschreiben können als Amesh in seiner Kollektion, die Einflüsse aus dem farbenfrohen, wuseligen Sri Lanka werden deutlich. Besonders herausstechend ist die Strickware, die sich nicht nur im Alloverlook wiederfinden lässt, sondern auch als kleine Applikation auf bedruckten T-Shirts. Man merkt die Freiheit in Sri Lankas noch weitestgehend unbeschriebener Modebranche, die Amesh sich nimmt: keine geraden, ordentlichen Muster, wilde Maschen, unerwartetes Volumen und ein exzentrischer Materialmix – das alles verpackt in Tragbarkeit, wie wir sie uns wünschen. Mit Blue Jeans und Turnschuhen wird aus der sri-lankischen Farbexplosion auf Hemden auf einmal ein moderner, urbaner Look. Kein Wunder, dass Amesh in seiner Heimat und Europa so gefeiert wird.

Doch ist so ein schneller Start in der Modeindustrie wirklich Segen oder doch eher Fluch? Wie fühlt sich der Balanceakt zwischen Sri Lanka und London, seiner mittlerweile zweiten Heimat, an? Wir haben drei Wochen nach der Fashion Week in Berlin mit Amesh gesprochen und ihn gefragt:

Jetzt sei mal ehrlich: Was hat dir die Fashion Week in Berlin wirklich gebracht?

Amesh: Viel, mit so viel Presse hatte ich auf keinen Fall gerechnet. Ich hatte viele Möglichkeiten zum Networken und habe neue interessante Menschen kennengelernt. Ich hoffe, dass sich daraus viele neue Möglichkeiten ergeben. Die Berliner Fashion Week war auch unglaublich inspirierend, ich nehme das Gefühl von Zufriedenheit und Dankbarkeit mit nach Hause. Berlin ist so eine kosmopolitische Stadt und das habe ich versucht voll und ganz zu absorbieren.

Es gibt nicht viele Modedesigner aus Sri Lanka, die international so präsent sind wie du. Was hat dir die Partnerschaft mit Mercedes Benz ermöglicht?

Sie hat mir den Weg für so viele Möglichkeiten außerhalb von Sri Lanka geebnet: London Graduate Fashion Week, Fashion Scout London, Berlin Fashion Week und jetzt die London Fashion Week mit dem International Fashion Showcase.

Ja, du hast bereits ziemlich viel erreicht. Was war dein größter Erfolg und was möchtest du unbedingt noch erreichen?

All meine Erfolge bedeuten mir gleich viel, denn sie haben mich dahin gebracht, wo ich heute stehe. Mein Traum ist, dass ich Sri Lanka bekannt mache in Themen wie Design und Technologie und seine Geschichte so mit der Welt teilen kann.

Wie beeinflusst dich Sri Lanka in deinen Designs?

Meine Erfahrungen und Gefühle spielen eine große Rolle im kreativen Prozess und in meiner Mode versuche ich lokale Handwerkskunst, moderne Technologie und interkulturelle Verständigung zwischen London und Sri Lanka einfließen zu lassen.

Was bedeuten Farben für dich?

Meine Gefühle übersetze ich in Farben, Formen und Texturen.

Und wie gehst du mit dem Thema Nachhaltigkeit um? Du lässt ja all deine Entwürfe in Sri Lanka fertigen.

Nachhaltigkeit bedeutet den Erhalt von Energie. Ich arbeite mit einheimischen Künstlern zusammen, um den Nutzen von handgewobenen Textilien vorzuzeigen. Man braucht nämlich keine Energie, um diese herzustellen. In meiner Heimat helfen mir die dort ansässigen Kunsthandwerker*innen beim Weben, Stricken, Drucken und Fertigen der Kleidung. Das wiederum hilft ihnen dabei, ihren Lebensunterhalt besser bestreiten zu können. Mein persönliches Manifest beinhaltet Empowerment der Arbeiter*innen – ich möchte Sri Lanka als Land mit viel Erbe und Kulturgut bekannt machen.

Welche Verantwortung trägt man als junger Modedesigner?

Man muss authentisch sein und sich selbst treu. Außerdem sind natürlich auch kulturelle Aneignung, Umweltfreundlichkeit und Humanität wichtige Themen.

Und mit welchen Probleme siehst du dich konfrontiert?

Um Mode zu entwerfen, braucht man viel Disziplin und Kapital. Die meisten von uns (Designer*innen) müssen Vollzeit arbeiten, um konsistent im kreativen Prozess zu bleiben und sich der Arbeit voll hingeben zu können. Das größte Hindernis ist, Kapital und Kreativität in Einklang zu bringen.

Apropos Kapital. Wer kauft denn deine Kleidung? Kennst du deine Kunden?

Meine Mode ist ja sehr vielfältig und spricht daher eine große Zielgruppe an, dazu gehören Künstler*innen, Kreative oder andere modisch Begeisterte. Wenn ich an meinen Wunschkund*innen denke, dann stelle ich sie mir individuell, weltlich informiert, kulturell divers, abenteuerlustig, neugierig und unaufhaltsam vor. Eine starke Persönlichkeit sowie ein kreativer Geist machen sie von allen sozialen Normen und Stereotypen unabhängig. Sie experimentieren gerne mit ihrem Stil, Farben und Texturen.

Hast du das Gefühl, dass Nachwuchsdesigner in der Modebranche mehr gefördert werden? Fühlst du dich unterstützt?

Ja, sehr. Ich habe so viele Unterstützer in Kolleg*innen, Mentoren und meiner Familie gefunden. Design ist mittlerweile fast in allen Kulturen akzeptiert und die ökonomischen Möglichkeiten sind vielfältig.

Wie sind deine Pläne für dieses Jahr?

Ich bin einer von weltweit 16 Designern, die auf der International Showcase 2019 (IFS) zeigen dürfen, sie gehört zur London Fashion Week im Somserset House. Danach suche ich mir eine neue Herausforderung!

Vielen Dank für das interessante Interview, Amesh, und ganz viel Glück und Erfolg auf der London Fashion Week!

  • Fotos
    PR

Kommentiere

Weitere Artikel werden geladen...