Der Pillbox Hut ist zurück

Der Pillbox Hut ist zurück

Und mit ihm eine unbequeme Frage

Der Pillbox Hat ist zurück und mit ihm eine Ästhetik, die verdächtig vertraut wirkt. Ist das nur Nostalgie oder spiegelt dieser Trend einen größeren gesellschaftlichen Shift?

Ich liebe den Pillbox-Hat-Trend. Und ja, ich habe mich ihm komplett hingegeben. Zwei Modelle besitze ich inzwischen, seit Wochen trage ich sie im Wechsel. Der Pillbox Hut Trend ist vor allem eines: ein Mikrotrend. Kurzlebig. Sehr spezifisch. Ein Blick auf Social Media oder zur Copenhagen Fashion Week genügt, um zu sehen, wie diese Hüte – mich eingeschlossen – in jeder Variation gestylt werden.

Doch Trends sind nie bloß oberflächliche Konsumentscheidungen oder Signale von Geschmack und Zugehörigkeit. Mode ist zutiefst politisch. Sie war es immer, sie wird es immer sein. Etwas zu tragen heißt, eine Aussage zu treffen – selbst wenn es sich nur um einen kleinen, pillendosenförmigen Hut handelt.

Photo: Noorunisa via CPHFW

Und so sehr mich die aktuelle Ästhetik begeistert – sie ist wunderschön und elegant, zweifellos –, so sehr irritiert mich ihre Bedeutung. Und vor allem ihr Timing. Denn der Pillbox Hat ist nur ein Teil eines größeren Bildes.

Die engen Bleistiftröcke kehren zurück. Handtaschen mit kurzen Henkeln, die man in der Hand trägt statt lässig über der Schulter. Pumps und Slingbacks, die uns wieder auf schmale, fragile Absätze stellen. Und vielleicht am deutlichsten: immer weniger nackte Haut. Hochgeschlossene Ausschnitte, taillierte Blazer, zugeknöpfte Hemden.

Erkennen wir das Muster? Willkommen zurück in den 1960ern.

Damals war es Jacqueline Kennedy Onassis, die den Pillbox Hat zum Inbegriff moderner Weiblichkeit machte. Hier endet meist die Erzählung der großen Modemagazine, wenn sie über sein Comeback schreiben. Doch die Geschichte geht tiefer als Nostalgie.

Nichts davon geschieht im luftleeren Raum – schon gar nicht in einer Zeit, in der Frauenrechte in vielen Teilen der Welt unter Druck geraten. In der unsere Freiheiten, unsere Entscheidungen, ja sogar unser Selbstverständnis zunehmend verhandelt werden. Nicht nur in dem, was wir tragen, sondern darin, wie wir leben.

Der Pillbox Hat – stellvertretend für die anderen genannten Trends – stand historisch für etwas sehr Konkretes: kontrollierte Weiblichkeit. Klare Rollen. Respektabilität. Visuelle Disziplin statt Individualität. Frauen sollten schön sein. Aber nicht laut.

Photo: Noorunisa via CPHFW

Natürlich bewegt sich Mode in Zyklen. Wir kehren immer wieder zu Silhouetten und Ideen zurück, die es schon einmal gab. Nostalgie ist nicht per se problematisch. In Krisenzeiten kann die Vorstellung, dass es „früher einfacher“ war, Trost spenden. Stabilität vermitteln. Sicherheit.

Doch für Frauen sah diese Stabilität historisch selten nach Jogginganzug aus – eher nach Korsett. Nach stiller Anpassung. Nach dem schleichenden Verlust mühsam erkämpfter Rechte und Möglichkeiten. Und dennoch: So einfach ist es nicht.

Photo: Tonya Matyu für Uniqlo mit Franziska Steinle

Zu behaupten, hohe Ausschnitte, bedeckte Haut und elegante Hüte bedeuteten automatisch Unterwerfung, wäre zu kurz gedacht. Denn Zurückhaltung ist nicht gleich moralischer Konservatismus. Sie kann auch anders gelesen werden: als intellektuelle Distanz statt sexueller Verfügbarkeit. Als visuelle Ruhe in einer Kultur der Dauerentblößung. Als Subtilität in einer Welt, die von Sichtbarkeit besessen ist.

Und damit stellt sich eine andere Frage: Warum wird weibliche Nacktheit überhaupt sexualisiert?

Vielleicht ist es produktiver, Bescheidenheit nicht als Repression, sondern als ästhetische Reduktion zu verstehen. Als bewusstes Leiserwerden. Genau hier fügt sich eine weitere zeitgenössische Strömung ein: Quiet Luxury. Understatement. Zeitlosigkeit. Kontrolle.

Nicht zufällig wird der Pillbox Hat vor allem von Marken und Creatorinnen reaktiviert, die genau dieser Bildsprache folgen. Vielleicht spiegeln der Hut, die Pumps, die strukturierte Top-Handle-Bag schlicht ein kollektives Sehnen: nach Ruhe. Nach Kontrolle. Nach Bedeutung in einer überreizten Gegenwart.

„ Wir leihen uns die Ästhetik einer Epoche, die Frauen einst begrenzen wollte – und leben darin ein Leben, für das diese Silhouetten nie gedacht waren. “

Oder sie signalisieren etwas Unheimlicheres. Eine visuelle Verschiebung, die eine gesellschaftliche spiegelt – in der Frauen langsam und fast unsichtbar wieder näher an alte Rollen herangeführt werden. Nur dass es diesmal wie eine Entscheidung wirkt. Und wir sehen wunderschön dabei aus. Und bevor wir merken, was von uns erwartet wird, tragen wir es längst.

Und doch möchte ich diese Trends nicht in reiner Dystopie stehen lassen. Denn eines ist anders als in den 1960ern: Wir haben heute eine Wahl.

Wir verdienen unser eigenes Geld. Wir entscheiden, was wir kaufen, was wir investieren, was wir darstellen. Wir verfügen über eine Öffentlichkeit, in der wir unsere Narrative selbst formen können – sichtbar, laut, unentschuldbar. Das bedeutet: Der Pillbox Hat auf meinem Kopf muss nicht mehr dasselbe bedeuten wie damals.

Pillbox hat featured at Almada The Label Campaign 2025

Vielleicht fühlt er sich anders an, weil ich ihn trage, während ich arbeite und ein Kind großziehe. Weil ich ihn auf dem Weg zur Kita aufsetze, zwischen Abgabe und Deadline telefoniere. Weil ich während der Fashion Week als Journalistin eine Stimme habe. Weil ich – zumindest im Moment – frei schreiben kann, was ich denke.

Ich fahre mit Pumps Fahrrad zu meinen Freundinnen, während mein Mann zu Hause mit unserem Kind bleibt. In meiner ladyliken Handtasche liegt kein Lippenstift zum Auffrischen, sondern ein Laptop – mein Werkzeug, das mir erlaubt, überall und jederzeit zu arbeiten. Zu meinen Bedingungen.

Die Silhouette zitiert die Vergangenheit, aber die Logistik ist eindeutig Gegenwart.

Vielleicht liegt genau darin die stille Paradoxie: Wir leihen uns die Ästhetik einer Epoche, die Frauen begrenzen wollte – und führen Leben, für die diese Silhouetten nie gedacht waren.

Photo: Tonya Matyu for Uniqlo

Vielleicht ist der Pillbox Hat heute weder Unterwerfung noch Rebellion. Weder Nostalgie noch Fortschritt. Vielleicht ist er schlicht ein Beweis dafür, dass Bedeutung in der Mode nie statisch ist. Sie verschiebt sich mit der Frau, die sie trägt.

Und dennoch wünsche ich mir mehr von unserem Diskurs über Trends. Mehr Neugier. Mehr Tiefe. Nicht nur: Passt das zu meinem Stil? Kann ich mir das leisten? Sondern auch: Woher kommt es? Warum kehrt es gerade jetzt zurück? Was verlangt es von uns – kulturell und politisch? Und unter welchen Bedingungen sind wir bereit, mitzuspielen?

Das würde ich mir auch in den großen Modemagazinen und auf Social Media wieder häufiger wünschen: einen Blick, der Mode nicht nur als Dekoration versteht, sondern als Sprache. Als Macht. Als Spiegel unserer Zeit.

Denn ein Trend ist nie nur ein Trend. Manchmal ist er eine Frage. Und wir entscheiden, wie wir sie beantworten.

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