Das gab's nur einmal, das kommt nicht wieder – Zum Tod von Karl Lagerfeld

Warum der Tod von Karl Lagerfeld für das Label eine neue Chance ist

„Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder ..." – ein besseres Zitat könnte es in Bezug auf Karl Lagerfeld gar nicht geben. Er selbst zitierte diesen Satz von Lilian Harvey aus dem Film „Der Kongress tanzt“ bei der Frage eines Zeit-Journalisten, ob es so jemanden wie ihn noch einmal geben würde. Der Schlusssatz Lagerfelds: „Ha-ha-ha. Es wird andere geben.“ Und damit hatte er recht und auch wieder nicht.

Gestern, am 19. Februar 2019, ist Karl Lagerfeld verstorben. 85 Jahre alt, 36 Jahre davon als Chefdesigner bei Chanel, 56 Jahre davon als Kreativdirektor bei Fendi. Die Umstände seines Todes wurden noch nicht bekannt gegeben. Nach seinem Fehlen bei der Chanel-Show im Januar und den letzten Bildern des Designers ließen die Gazetten eine langwierige Krankheit vermuten, die jetzt ihren Tribut einforderte und den bekanntesten Designer der Welt aus dem Leben riss.

„Die Mode ist etwas für den Augenblick. Das Beste, was einem Kleid passieren kann, ist, dass es getragen wird. Man macht Mode nicht fürs Museum.“

Karl Lagerfeld

Seitdem häufen sich die Nachrufe mit Titeln wie „Der Kaiser ist tot“, „Der Unsterbliche“ und „Der letzte Superstar der Mode“. An dieser Stelle verkneife ich es mir, euch noch einmal die Lebensgeschichte des Designers zu unterbreiten: „Geboren 1933 in Hamburg...“ von dieser Sorte gibt es mittlerweile genug Artikel, ebenso wie sehnsüchtige Lobeshymnen auf den genialen Modedesigner. Dass Chanel ohne ihn nie wieder so sein wird wie in den letzten 36 Jahren ist keine Frage, sondern ein Fakt und dass er einer der arbeitswütigsten Menschen der Branche war, der es verstand, sich als Kunstfigur zu inszenieren und ein Gespür für modischen Zeitgeist hatte? Keine Frage.

Karl Lagerfeld, der Papst unter den Ungläubigen

Karl Lagerfeld war das Gesicht der Mode. Menschen, denen Namen wie Balenciaga, Givenchy und Yves Saint Laurent nichts sagten, sie alle kannten Karl und Chanel. Deutschland ist spießig, minimalistisch und praktisch? Karl bewies der ganzen Welt das Gegenteil und baute, so wie andere Träume aus Zuckerwatte, die fantastischsten Kulissen für seine Chanel-Schauen im Pariser Grand Palais nach: ein griechisches Amphitheater, einen Wald, ein Einkaufszentrum, eine Pariser Straßenszene einer Demonstration, einen Flughafen, ein Raketenschiff, eine Pariser Brasserie oder einen Strand. Wo andere Urlaub machten, ließ Karl seine Models für Chanel laufen. Für eine Einladung zur Show hätten fast alle Modejournalisten getötet – und ich kenne nicht wenige, deren Tricks von Fotokopien über Verkleidungen und zahlreiche andere Taktiken reichte, um einmal am Spektakel teilzunehmen. Denn eines muss man Karl lassen: Er hatte Visionen, Mut und genug Sturheit, um diese umzusetzen. Gegen alle Regeln des Geldes, der Machbarkeit und der Vernunft. Aber manchmal auch gegen die Gefühle der anderen.

Karl Lagerfeld, der Dreiste

„Der Unsterbliche“, so titelte ein Magazin nach der Todesnachricht. Für viele war er aber auch der Verrückte, der Vorlaute oder der Dreiste –  mit seinen flotten Sprüchen, die oft amüsant waren, aber eben genauso oft gelinde gesagt ziemlich frech, verletzte er oft die Gefühle von anderen. Karl Lagerfeld nahm keinen Blatt vor den Mund. Kein Thema war Tabu, keine Grenze einzuhalten. Aber eben auch oft keine politische oder humane.

„Ich bin umgeben von jungen und schönen Menschen. Der Anblick von Hässlichkeit ist mir ein Graus.“

Karl Lagerfeld

Diese Einstellung flog ihm mehr als einmal um die Ohren. Ob der Body Shaming Skandal mit Adele, seine Plädoyers für Magermodels, Genervtheit von der #metoo-Bewegung oder die Aussage, dass Geflüchtete die schlimmsten Feinde der Juden seien und Frau Merkel nicht noch mehr Ausländer ins Land holen solle. Ob er all dies aus reinem Marketingkalkül, seniler Verwirrtheit oder tatsächlichem Glauben daran von sich gab, darüber kann man sich streiten. Fest steht aber, aus reiner Dummheit sagte er es nicht. Es war stets Karls Lebensziel so viel zu wissen wie nur möglich. 300.000 Bücher nannte er sein Eigen, seine iPods waren voll mit Stücken aller Musikrichtungen, er sammelte Kunst und Möbel und bezeichnete sich selbst gerne als „Google Brain“.

„Alles, was ich sage, ist ein Witz. Ich bin selbst ein Witz.“

Karl Lagerfeld

Trotzdem hatten seine Äußerungen, ganz im Gegenteil zu seinem Kollegen John Galliano, der seinen Posten bei Dior als Chefdesigner nach einem antisemitischen Kommentar verlor, nie eine Konsequenz. Wer hätte den (Mode-)Gott auch richten sollen? Niemand, außer der Öffentlichkeit – und selbst die war zu geblendet von der puderweißen Perücke der schillernden Kunstfigur. Wer der Mensch hinter der Sonnenbrille war, was er wirklich dachte, wie sein Tag ablief und wie viel Einfluss er in den letzten Jahren oder Monaten wirklich noch auf die Mode Chanels hatte, das weiß nur eine. Die neue Chefdesignerin und rechte Hand von Karl Lagerfeld seit 1987: Virginie Viard. Sie tritt das größte Erbe der Modebranche an.

Der Besitzer von Chanel, Alain Wertheimer, sagte, er habe nicht nur einen Freund verloren, sondern auch einen außergewöhnlich kreativen Kopf, dem er Anfang der Achtzigerjahre eine Carte blanche gegeben habe, um die Marke neu zu erfinden. Nun hat Virginie Viard vielleicht kein weißes Blatt vor sich, eher ein Tweedstoffmuster, aber sie selbst ist für die Modebranche eine noch weiße Seite. Hoffentlich wird sie diese füllen – mit jeder Menge Innovation, Weltoffenheit und Akzeptanz fürs Anderssein. Eine Frau ist jetzt bei Chanel an der Macht. Let the games begin.

  • Foto
    Courtesy of Chanel

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