Mehr Nische, weniger Mainstream
Warum kleine Labels gerade spannender sind.
Beim Zusammenstellen einer Wishlist fiel mir auf: Die spannendsten Teile kommen gerade von kleinen, unabhängigen Marken. Genau deshalb gehören sie auf euren Radar.
Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, aber ich bin gerade erstaunlich zufrieden mit meinem Kleiderschrank. Ein Satz, den ich vermutlich vor ein paar Jahren selbst nicht geglaubt hätte. Natürlich gibt es immer Dinge, die ich schön finde. Schließlich beschäftige ich mich beruflich mit Mode – ganz ohne Wunschliste funktioniert das nicht. Aber im Moment gibt es erstaunlich wenig, das ich wirklich kaufen möchte. Zumindest dachte ich das.
Eigentlich wollte ich nämlich meine längst überfällige monatliche Wishlist schreiben. Ihr kennt das Prinzip: schöne Teile, die mir in den vergangenen Wochen begegnet sind und direkt auf meiner mentalen Einkaufsliste gelandet sind. Doch während ich anfing zu sammeln, fiel mir etwas auf.
Ich speicherte kaum noch etwas von den großen Luxusmarken oder den üblichen Onlineshops. Stattdessen landete ich ständig auf Websites kleiner Labels. Marken, von denen ich teilweise vorher noch nie gehört hatte. Unabhängige Designerinnen, spannende Materialien und Kollektionen, die sich nicht anfühlten, als wären sie gerade aus derselben Pinterest-Suche gefallen.
Je länger die Liste wurde, desto klarer wurde: Das hier ist gar keine Wishlist mehr. Es ist eine Liste der Marken, die mich gerade am meisten begeistern. Viele davon kommen sogar aus Deutschland oder unseren europäischen Nachbarländern. Vielleicht macht genau das sie für mich gerade so spannend. Denn während wir ständig nach Paris, Mailand oder Kopenhagen schauen, passiert direkt vor unserer Haustür erstaunlich viel. Also los.
Valesque
Valesque
Dass Valesque diese Liste eröffnet, dürfte niemanden überraschen. Ich glaube, ich habe in den vergangenen Monaten über kaum eine Marke häufiger gesprochen. Ehrlich gesagt gibt es aktuell auch keine Tasche, die ich lieber hätte.
Das Berliner Label von Valeska Dütsch und Sophie Berianidze macht genau die Art von Taschen, bei denen ich sofort schwach werde. Weich, reduziert und elegant, ohne zu erwachsen zu wirken. Gefertigt aus hochwertigen Nylonstoffen aus Italien, Frankreich und Japan, mit schmalen Henkeln und so wenig sichtbarer Hardware wie möglich.
Und offenbar kennen mich die Menschen in meinem Umfeld inzwischen ziemlich gut. Zu meinem Geburtstag bekam ich gleich zwei Valesque-Gutscheine. Einen von meinem Freund, einen von meinen engsten Freundinnen. Wie gut kann man jemanden eigentlich kennen?! Jetzt warte ich nur noch auf den nächsten Restock. Mein Plan lautet eigentlich: zwei Taschen. Hoffen wir einfach gemeinsam, dass daraus nicht drei werden. Danach beginnt offiziell meine Sparphase. Zumindest rede ich mir das gerade noch ein.
Malaikaraiss
Marc Krause für Malaikaraiss
Mit Malaikaraiss verbindet mich inzwischen fast eine 15-jährige Liebesgeschichte. Meine Beziehung zur Berlin Fashion Week ist dagegen deutlich komplizierter. Umso mehr hat es mich gefreut, das Berliner Label in dieser Saison wieder auf dem Laufsteg zu sehen. Und ehrlich? Ich würde diese komplette Kollektion kaufen.
Allen voran die rosafarbene Caprihose, die sich seit der Show dauerhaft in meinem Kopf festgesetzt haben. Dicht gefolgt von den Röcken. Und den Mänteln. Meine angekündigte Sparphase hat also schon jetzt ein ernsthaftes Problem.
Was Malaikaraiss für mich aber wirklich besonders macht, ist etwas anderes. Die Kollektionen haben immer eine klare Handschrift. Sie sind kreativ, überraschend und manchmal verspielt, verlieren dabei aber nie aus dem Blick, dass Kleidung getragen werden möchte. Das klingt selbstverständlich, ist es aber erstaunlich selten.
Gerade junge Labels verlieren sich manchmal in Konzepten und vergessen unterwegs, dass Mode am Ende auch im echten Leben funktionieren muss. Malaikaraiss schafft genau diese Balance – zwischen Kreativität und Kleiderschrank.
Idée Fixe
Idée fixe
Es gibt Marken, bei denen man sich sofort fragt, warum man sie nicht schon viel früher entdeckt hat. Idée Fixe ist für mich genau so ein Fall. Das Label aus Tiflis wurde von drei Frauen gegründet, die einfach die Schuhe entwerfen wollten, die sie selbst nirgendwo finden konnten. Ein ziemlich guter Ausgangspunkt, wie ich finde.
Die Ästhetik orientiert sich am japanischen Shibui-Prinzip – einer leisen Form von Schönheit, die nie laut werden muss. Alles wird lokal in Tiflis von Hand gefertigt und erst nach Bestellung produziert.
Mich begeistern vor allem die Schuhe. Sie wirken schlicht und trotzdem besonders. Genau die Art von Schuhen, die jedes Outfit ein kleines bisschen interessanter machen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Außerdem erinnert mich die Marke ein wenig an St. Agni – nur ohne Zollgebühren und mit deutlich sympathischeren Preisen. Es sei denn, ihr lebt in Australien. Dann ignoriert diesen Vergleich einfach.
Mindestens genauso spannend finde ich aber etwas anderes. Wir schauen in der Mode ständig nach Paris, Mailand oder Kopenhagen. Dabei geraten Städte wie Tiflis viel zu oft unter den Radar. Dabei entstehen dort gerade einige der interessantesten Labels überhaupt. Vielleicht sollten wir unseren Modekompass einfach öfter neu ausrichten.
Stella Stangenberg
Stella Stangenberg
Vor ein paar Tagen war ich bei Stella Stangenbergs Pop-up in Berlin. Und wie so oft gilt: Manche Dinge muss man einfach in echt sehen. Bisher kannte ich ihre Brand vor allem wegen der Taschen. Kleine Auflagen, auf Bestellung gefertigt und bestellt wird ganz charmant per Instagram-DM. Sehr if you know, you know.
Jetzt erweitert Stella ihr Label um Schuhe – und ehrlich gesagt fühlt es sich an wie der Beginn eines neuen Kapitels. Die kleinen Wedge-Mules mit gehäkelten Riemchen haben es mir angetan. Sie erinnern mich ein bisschen an Rouje, wirken aber gleichzeitig noch etwas extrovertierter als ihre französischen Freunde. Besonders die dunkelgrüne und die bordeauxrote Version bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf.
Und falls ihr euch fragt: Ja, eine der kleinen Taschen könnte ich mir nächsten Sommer auch sehr gut an meiner Schulter vorstellen. Am liebsten in einer Farbe, die ich eigentlich nie kaufen würde – und die am Ende wahrscheinlich trotzdem zu allem passt.
Être
Être
Falls ihr während der Berlin Fashion Week ständig dieselben auffälligen Ohrringe gesehen habt: Die Chancen stehen gut, dass sie von Être waren.
Hinter dem Berliner Label steckt Laura Maria Wulff, die als Designerin, Stylistin und Einkäuferin gearbeitet hat. Genau diese Mischung merkt man ihren Schmuckstücken an. Sie wirken weniger wie klassische Accessoires und mehr wie kleine tragbare Objekte. Verspielt, skulptural und manchmal genau die richtige Portion seltsam.
Besonders bekannt ist Être für große Statement-Ohrringe aus Deadstock-Stoffen und Spitze. Klingt im ersten Moment vielleicht ungewöhnlich, funktioniert aber erstaunlich gut. Vor allem, weil sie selbst das schlichteste weiße T-Shirt plötzlich interessanter machen. Mindestens genauso verliebt bin ich inzwischen in die kleinen Knopf-Ohrringe. Und weil gute Dinge manchmal ein bisschen kompliziert sein dürfen, bestellt man sie aktuell ebenfalls ganz unkompliziert per Instagram-DM.
REYÈM
Reyèm
Ich gebe es zu: Bei REYÈM war ich spät dran. Während meine Freundin Kristina Hellhake die inzwischen ziemlich ikonischen Hosen schon längst rauf und runter trug, war ich erst einmal skeptisch. Hauptsächlich wegen des Materials.
Stretchjersey klang für mich ehrlich gesagt eher nach Sportbekleidung als nach einer minimalistischen Garderobe. Dann habe ich Gründerin Sabrina Meijer kennengelernt. Und inzwischen besitze ich selbst drei Teile. Manchmal muss man eben einfach zugeben, dass man falsch lag.
REYÈM entstand aus der Idee, Kleidung zu entwerfen, die angezogen aussieht, ohne sich kompliziert anzufühlen. Produziert wird in den Niederlanden und Portugal, das Material stammt aus recyceltem italienischem Polyamid und ist leicht, knitterarm und überraschend angenehm zu tragen. Kurz gesagt: Es funktioniert.
Heute gehören meine REYÈM-Teile zu den Sachen, nach denen ich automatisch greife. Genau das ist für mich übrigens das größte Kompliment, das man einer Brand machen kann.
Rivage
Rivage
Über Bademode haben wir hier in den vergangenen Wochen ziemlich viel gesprochen. Darüber, wie eng sie mit Selbstbewusstsein zusammenhängt. Und darüber, dass die Suche nach einem wirklich guten Badeanzug oft komplizierter ist als die nach einem Wintermantel. Umso passender kam meine Entdeckung von Rivage.
Die Idee hinter dem Label ist so simpel, dass man sich fragt, warum niemand früher darauf gekommen ist. Gründerin Nadja Forsberg wollte Kleidung entwerfen, mit der man morgens zum Strand geht, mittags essen kann und zwischendurch einfach ins Wasser springt – ohne sich ständig umziehen zu müssen. Genau daraus entstanden die Swim Dresses, irgendwo zwischen Badeanzug und Sommerkleid.
Wir haben ein altes Motorboot und verbringen im Sommer viele Wochenenden auf dem Wasser. Entsprechend viel Zeit verbringe ich in Bademode. Gleichzeitig möchte ich mich nicht jedes Mal fühlen, als wäre ich auf dem Weg in die Umkleide eines Schwimmbads. Genau diese Lücke schließt Rivage.
Rhea
Rhea
Es gibt Marken, die fallen gar nicht besonders auf. Bis man plötzlich merkt, dass man sie ständig trägt. Genau das ist mir mit Rhea passiert. Inzwischen hängen vier Teile der niederländischen Marke in meinem Kleiderschrank: ein Baumwoll-Cashmere-T-Shirt, zwei graue Cashmere-Pullover und ein schwarzer Merino-V-Ausschnitt. Was wahrscheinlich mehr über meine Meinung aussagt als jede Produktbeschreibung.
Rhea verfolgt eine Idee, die mich gerade immer mehr anspricht: weniger kaufen, dafür besser. Keine komplizierten Trends. Keine spektakulären It-Pieces. Sondern Strick, den man auch in fünf Jahren noch genauso gerne trägt wie heute.
Genau deshalb greife ich ständig zu meinen Rhea-Sachen. Das T-Shirt wertet selbst Jeans sofort auf, die grauen Pullover funktionieren gefühlt zu allem und der schwarze V-Neck ist eines dieser Basics, nach denen man oft länger sucht als nach jedem Statement-Piece. Vielleicht sind genau solche Brands am Ende die wichtigsten für einen Kleiderschrank?
Merrma
Manche Marken lösen sofort das Bedürfnis aus, ein bisschen romantischer im Alltag zu werden. Merrma ist für mich genau so eine Brand.
Gegründet wurde das Pariser Label erst 2023 und ursprünglich drehte sich alles um Haarschmuck. Inzwischen gehören auch Tücher, Taschen und kleine Accessoires dazu – alles mit einer verspielten, fast poetischen Handschrift.
Schon der Name ist wunderschön. Merrma stammt aus der Sprache der australischen Wagiman und beschreibt das Gefühl, am Wasser entlangzugehen und mit den Füßen nach kleinen Schätzen zu suchen. Ich glaube, treffender kann man die Marke kaum beschreiben.
Anfangs waren es die Haarspangen, die mich begeistert haben. Mittlerweile denke ich allerdings ständig an die Fransentücher und Ponchos. Sie schaffen genau das, was gute Accessoires können: Ein schlichtes Outfit sieht plötzlich aus, als hätte man sich deutlich mehr Mühe gegeben.
Source by Port
Source by Port
Source by Port gehört zu den Brands, bei denen man sofort merkt, dass eine Person mit einer klaren Vision dahintersteht. Hinter dem Label steckt Michelle Kara, und genau deshalb fühlt sich die Marke so persönlich an. Keine riesigen Kollektionen, keine Trends im Wochentakt – stattdessen Kleidung, Taschen und Accessoires, die wirken, als wären sie Teil einer ganz eigenen kleinen Welt.
Ich warte im Moment allerdings auf genau ein Teil. Eine braune Tasche, die noch gar nicht erschienen ist. Normalerweise bin ich kein besonders geduldiger Mensch, aber hier nehme ich es erstaunlich gelassen hin. Wahrscheinlich, weil die Tasche genau das verkörpert, was mich gerade generell anspricht: Sie sieht aus, als hätte sie schon ein Leben hinter sich. Weiches Leder, eine leicht eingetragene Optik und genau die richtige Portion Unperfektheit.
Couple Dansant
Couple Dansant
Der Fransen-Blazer von Couple Dansant ist inzwischen so etwas wie ein wiederkehrender Gast in meinem Newsletter. Ich habe ihn schon mehrfach erwähnt, immer wieder auf meine Wishlist gesetzt – und trotzdem hängt er bis heute nicht in meinem Kleiderschrank.
Das polnische Label wurde 2020 von Magdalena Lenicka und Żaneta Mrowca gegründet. Die beiden lernten sich während ihres Studiums in London kennen und teilen bis heute ihre Liebe zu Vintage. Genau daraus entstand auch die Idee hinter Couple Dansant: Bestehende Jacken und Mäntel werden mit Fransen, Federn und anderen Details zu Einzelstücken weiterentwickelt.
Und genau das liebe ich daran. Der Blazer beginnt als etwas Klassisches und wird dann plötzlich verspielt. Die langen Fransen bewegen sich bei jedem Schritt und machen aus einem eigentlich sehr seriösen Kleidungsstück etwas völlig Neues. Vielleicht denke ich deshalb schon so lange an ihn. Ich habe irgendwann gelernt, dass die besten Käufe meistens die sind, die einen über Monate oder sogar Jahre begleiten, bevor sie überhaupt im Kleiderschrank landen. Nicht die spontanen Impulskäufe, sondern genau die Teile, die einfach nicht mehr aus dem Kopf verschwinden.