Kann Secondhand-Mode die Welt retten?

Das Interview mit Sophie Hersan, der Mitgründerin von Vestiaire Collective

Morgen ist ein wichtiger Tag. Wir streiken für das Klima, für unseren Planeten, für unser Leben, für unsere Zukunft. Auch hier auf Beige schwenken wir unser digitales Plakat, mit dem wir euch aufwecken wollen: Wir alle müssen etwas ändern. Wir müssen lernen, anders zu denken, schneller zu handeln und Gewohnheiten, die uns von der Gesellschaft seit Jahrzehnten antrainiert wurden, abzulegen. So zum Beispiel auch der Drang, sich ständig neue Kleidung zu kaufen. Denn die Modeindustrie ist der zweitgrößte Umweltverschmutzer.

Jedes fünfte Kleidungsstück in unserem Kleiderschrank tragen wir nie. Die Textilindustrie ist schädlicher als internationale Flüge und Kreuzfahrten zusammen.

Die Lösung für dieses Problem könnte so lauten: Aus der Linearwirtschaft eine Kreislaufwirtschaft machen. Das bedeutet, dass verwendete Ressourcen nicht weggeschmissen, sondern recycelt werden. Die Lebensdauer der einzelnen Kleidungsstücke muss verlängert werden, der Konsumzwang verringert, die Trends langsamer und weniger werden.

Vorreiter auf diesem Gebiet ist ein Unternehmen, das man vorrangig mit dem Kauf von gebrauchter Luxusmode verbindet: Vestiaire Collective. Vor zehn Jahren von Sophie Hersan und Fanny Moizant gegründet, hat es sich die Plattform vor allem zum Ziel gesetzt, einen Onlinemarkt für hochwertige Secondhand-Mode aufzubauen – und das ist ihnen gelungen. Mittlerweile sind sie Pionier und Marktführer in diesem Segment. Was ihnen dabei quasi in die Hände gefallen ist? Die Grundlage der Kreislaufwirtschaft. Denn bei Vestiaire Collective kann man Kleidungsstücke einfach weiterverkaufen, die man nicht mehr tragen möchte oder die einem nicht mehr gefallen – Container, Spende oder Flohmarkt? Nicht nötig, alles kann ganz bequem von Zuhause verkauft werden.

Klar, perfekt sind sie nicht. Der Onlinehandel geht mit viel Versand einher, der Emissionen verursacht, getrieben wird man beim Kauf oft nicht vom Gedanken der Nachhaltigkeit, sondern von einem Trend, den man unbedingt besitzen möchte, aber trotzdem ist es ein großer Schritt in die richtige Richtung. Denn durch Vestiaire Collective können auch alle, die nicht in der Großstadt leben und von großartigen Secondhand-Shops umgeben sind, gebrauchte Mode kaufen.

Und sie arbeiten hart daran, immer besser zu werden. Mit der Einführung des Direktversands können jetzt Verkäufer direkt an ihre Kunden versenden und sich den Zwischenschritt bei der Qualitätskontrolle sparen – ein Versandweg weniger! Die Verpackungen sollen weniger werden, Stoffbeutel können wiederverwendet werden und auch im Unternehmen selbst tut sich einiges.

Doch wie gestaltet man ein Unternehmen mit mehreren Standorten und über 500 Mitarbeitern nachhaltiger? Und ist Luxus-Secondhand-Mode wirklich die Rettung für die Modebranche? Das alles habe ich Sophie Hersan gefragt. Und sie hat mir Rede und Antwort gestanden:

Kannst du mir in einem Satz erklären, wie Vestiaire Collective zu mehr Nachhaltigkeit in der Modeindustrie beiträgt?

Vestiaire Collective ist eine Wiederverkaufsplattform für tolle Secondhand-Mode. Unsere Mission ist es, mehr Menschen zu ermutigen, die Lebensdauer ihrer Kleidung zu verlängern, indem sie gebrauchte Kleidung kaufen und verkaufen und so dazu beitragen, die Umweltauswirkungen in Bezug auf ihre Einkäufe einzudämmen.

Du hast Vestiaire Collective vor zehn Jahren mitgegründet. Hast du damals schon geahnt, dass Nachhaltigkeit irgendwann ein wichtiges Thema sein wird – oder hast du das Unternehmen vor allem aus Leidenschaft zur Mode gegründet?

Klar, ich habe mich schon immer für Mode interessiert, ich habe über 15 Jahre lang in der Branche gearbeitet, bevor ich Vestiaire Collective 2009 mitgegründet habe. Als wir das Unternehmen auf den Markt gebracht haben, wollten wir das Mode-Ökosystem wirklich verändern, in dem wir die Zirkularität in den Mittelpunkt stellen. Modeliebhabern die Möglichkeit zu geben, die Lebensdauer ihrer Kleidungsstücke zu verlängern und sie zur aktiven Teilnahme an der nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu ermutigen, waren die Grundpfeiler von Vestiaire Collective – und sie sind es bis heute.

Durch Vestiaire Collective ist Mode auch eine Art Investition geworden, weil man sie einfach wieder hochpreisig weiterverkaufen kann. War das beabsichtigt?

Nicht in erster Linie, aber dieser Prozess hat sich von alleine ganz natürlich ergeben. Zunächst einmal wollten wir den Menschen eine vertrauenswürdige Umgebung bieten, in der sie ihre Kleidungsstücke weiterverkaufen konnten. Wir haben sie ermutigt, sich lieber für qualitative und einzigartige Produkte zu entscheiden, da sie eben nicht an Wert verlieren werden. Mode auf diese Weise zu verstehen, bedeutet automatischl, sie auch als Investition zu betrachten. Durch Vestiaire Collective hat dieses Thema ein breiteres Publikum gefunden und vor allem die Sichtweise von Menschen auf Mode verändert. Kund*innen sind sich dem Wert von qualitativer Mode bewusst und daher investieren sie lieber in diese.

„Die Menschen werden endlich sensibler für Recycling, Zirkularität, weniger Quantität und dafür mehr Qualität.“

Ist bewusstes und nachhaltiges Einkaufen das neue Statussymbol?

Ich denke, es ist weit mehr als ein Statussymbol – es ist die gesamte Denkweise der Verbraucher*innen, die sich zum Guten wendet. Die Menschen werden endlich sensibler für Recycling, Zirkularität, weniger Quantität und dafür mehr Qualität. Das alles unterstützt natürlich auch das Interesse an gebrauchter Mode.

Nachhaltigkeit ist oft aber auch nur ein leerer Begriff, der von vielen Marken als weiteres Verkaufsargument missbraucht wird, Stichwort Green Washing. Was hälst du davon? Kann Konsum überhaupt nachhaltig sein?

In der Sekunde, in der du etwas konsumierst, geht es immer um die Verwendung und Verteilung von Ressourcen. Wir alle müssen uns wirklich auf bewussten Konsum konzentrieren und uns der Auswirkungen unserer Entscheidungen bewusst werden. Wir können die Umweltauswirkungen mit der richtigen Entscheidung verringern: also weniger Gegenstände kaufen, die wir gar nicht benötigen oder auch Artikel von schlechter Qualität meiden.

Vestiaire Collective lebt aber auch von Trends, insbesondere von deren Comebacks. Was denkst du über das schnelle Tempo der Modebranche?

Das Tempo der Modebranche hat schon historisch gesehen immer die Begeisterung für das Neue angestachelt. Es spiegelt aber auch unsere Gesellschaft und unsere Kultur wider. In den letzten Jahren hat das Wachstum von Social Media dazu geführt, dass die Nachfrage nach Neuheiten bei den Kund*innen wächst und wächst. Das ist alles andere als nachhaltig. Marken und Unternehmen tragen hier die Verantwortung, ihre eigenen Prozesse zu überprüfen und ihre Kunden über einen gesunden Konsum aufzuklären.

Welche Modebrands sind deiner Meinung nach in Sachen Nachhaltigkeit ganz vorne mit dabei?

Neben meinen Scandi-Lieblingslabels wie Ganni und Brøgger setzen sich vor allem junge Indiebrands wie Reformation, Dôen, Mara Hoffmann und Maison Cléo für Nachhaltigkeit ein. Sie fordern die ganz großen Player der Brance heraus, weil sie nur mit Deadstock oder recycelten Materialien arbeiten, auf eine ethische und lokale Produktion Wert legen, nur auf Nachfrage produzieren und damit die Grundlagen schaffen, die es braucht. Bei den Luxuslabels sehe ich Stella McCartney und Vivienne Westwood als Pioniere. Stella McCartney hält an ihrem Grundsatz, dass Leder und Pelz der Umwelt nicht guttun schon seit 2001 fest. Außerdem haben sich beide Marken dazu verpflichtet, bis 2020 auf Grünstrom umzusteigen und das ist Ihnen noch lange nicht genug.

Wie nachhaltig ist Vestiaire Collective als Unternehmen? Wie wollt ihr Themen wie Nachhaltigkeit im Sinne von Versandwegen und Verpackung in der Zukunft angehen?

Nachhaltigkeit ist ein wichtier Aspekt in unserem Unternehmen. Wir haben im letzten Jahr eine Menge verändert, um unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern. Das reicht von der Umstellung unserer Verpackung auf eine nachhaltigere Option, die wiederverwendet werden kann, über die Einführung eines Direktversandservices zur Reduzierung der CO2-Ausstöße bis hin zur Schulung unserer Mitarbeiter, die recyceln und im Büro Energiesparlampen verwenden.

Inwiefern hat sich die Zielgruppe von Vestiaire Collective in zehn Jahren verändert?

Unsere Zielgruppe ist viel jünger geworden. Wir sehen, dass vor allem junge Leute Vintage-Mode lieber kaufen, als zu einer Fast-Fashion-Marke zu laufen, wo sie die Qualität, Einzigartigkeit und Authentizität verlieren, die Vintage ihnen bietet. Es gibt gerade in Deutschland auch eine Bewegung, die nur Kleidung tragen, die sie in Containern gefunden haben, auf Instagram ist das zu einer echten Lifestyle-Bewegung geworden. Junge Menschen sind sich heutzutage ihrer Auswirkungen auf die Umwelt viel bewusster.

Jetzt hast du es ja schon kurz angesprochen. Wie sieht der deutsche Markt für Vestiaire Collective aus?

Die deutschen Kund*innen sind im Vergleich zu anderen Märkten preissensibler. Auf Vestiaire Collective kann man seltene Fundstücke, Vintagepieces, Einzelstücke, aktuelle oder vergangene Saisons aufspüren und über den Preis verhandeln. Das passt eigentlich gut zur deutschen Mentalität. Auf der einen Seite haben wir hier eine sehr junge Zielgruppe, die nach Stücken angesagter Labels wie Rouje, Réalisation Par, Nanushka und einer lustigen Vintage-Designertasche sucht. Auf der anderen Seite kommen Kund*innen zu uns, die ein ganz spezielles Produkt suchen.

„Indem wir Gegenständen neues Leben verleihen, minimieren wir ihre Auswirkungen auf unseren Planeten.“

Ihr habt seit zwei Jahren auch ein Büro in Hongkong. Dabei ist der asiatische Markt gar nicht so sehr am Thema Nachhaltigkeit und Secondhand-Mode interessiert. Wie versucht ihr, die asiatischen Kund*innen für gebrauchte Mode zu begeistern?

Ja, du hast recht, „gebraucht“ ist neues Wort für den asiatischen Markt, kulturell ist das Interesse für Secondhand nicht wirklich vorhanden. Aber die Digitalisierung und die Gen Z sorgen gerade dafür, dass es immer mehr zum Thema in Asien wird. Deshalb boomt Secondhand gerade in Asien und wir sehen hier wirklich ein riesiges Potenzial für uns.

Du hast sie gerade schon einmal genannt, die angesagten Labels aka Instagram-Labels, die gerade besonders aus den USA aufpoppen, wie z.B. Reformation oder Dôen. Wie entscheidet ihr, welches Label auf Vestiaire Collective verkauft werden darf?

Wir haben ein großartiges Team an Experten, das den Markt aufmerksam verfolgt und alle Tendenzen, Trends und aufstrebende Marken auf dem Radar hat. Sie sind immer einen Schritt voraus, sogar mir. Sobald sie eine starke Brandströmung bemerken und Kunden diese Marke auf Vestiaire Collective anbieten, untersuchen sie das Label nach ihrer Philosophie, Qualität, Ästhetik und sogar nach nachhaltigen Richtlinien, um zu entscheiden, ob sie in unsere Markenliste aufgenommen werden oder nicht.

Habt ihr so etwas wie eine No-Fast-Fashion-Politik?

Wir haben keine Richtlinie, die sagt, dass man keine Fast-Fashion-Politik kaufen darf. Wenn du dich um ein Kleidungsstück kümmerst und es so lange wie möglich liebst und trägst, dann kann aus jedem Teil etwas Nachhaltiges werden. Wir ermutigen Menschen zum Nachdenken und zu einem bewussteren Kaufverhalten. Wenn Sie sich um ein Stück eine lange Zeit gekümmert haben und es nicht mehr tragen möchten, sollen sie es weiterverkaufen, damit es weiterleben kann. Indem wir Gegenständen neues Leben verleihen, minimieren wir ihre Auswirkungen auf unseren Planeten.

Bei Vestiaire Collective gibt es eine neue Option: den Direktversand. Damit habt ihr entschieden, die Authentifizierung von Produkten für einige Artikel und Kunden auszusetzen. Habt ihr keine Angst vor Fälschungen?

Überhaupt nicht. Der Direktversand ist nur für Artikel unter 200€ bei ausgewählten vertrauenswürdigen Verkäufern möglich, die das Abzeichen nur erhalten, wenn sie regelmäßig verkaufen, alle Artikel den Beschreibungen entsprechen und schnell geliefert wurden. Alle Marken, die für den Direktversand ausgewählt wurden, wurden nach einer Analyse der Unternehmensdaten mit einem geringen Risiko für Nichtkonformität, (Anm. d. Red.: der Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Fakes handelt) eingestuft. Der Direktversand dient dazu, das Vertrauen unserer Community zu belohnen und einen schnelleren und emissionsärmeren Versandservice anzubieten.

Du bist jetzt seit Anfang an, also seit zehn Jahren, dabei. Bist du noch auf der Suche nach dem perfekten Vintage-Piece und begeistert dich das alles noch?

Natürlich, immer noch genauso sehr wie schon am ersten Tag. Ich war schon immer ein Modeliebhaber und werde nie die Begeisterung verlieren, wenn man ein einzigartiges Vintage-Juwel in einer kleinen Boutique in Paris, New York oder auf Vestiaire Collective auftut.

Die Frage, die wir als Team Beige immer stellen: Wie verwenden Männer Vestiaire Collective? Wie siehst du die Entwicklung dort?

Oh, ich sehe ein enormes Potenzial und wir bemerken besonders bei unserer Herrenmode eine Zunahme bei Streetwear. Sneakerfans suchen bei Vestiaire Collective nach limitierten Editionen, die sie sonst nirgendwo mehr finden können oder nach Stücken, die gerade ihr Comeback feiern. Beispiele sind der Bucket Hats oder Klassiker wie der Burberry-Mäntel oder Gelbörsen von Saint Laurent.

„Es geht nicht darum, jedem Trend hinterherzujagen, sondern darum, einen Stil zu finden, der zu deiner Persönlichkeit und deiner Ästhetik passt. “

Und was verkauft sich sonst gerade besonders gut auf Vestiaire Collective?

Die neuen Luxusbrands wie Balenciaga, Prada und Gucci sind momentan sehr gefragt. Die Menschen werden sich immer bewusster, wofür Brands stehen und das ist ihnen genauso wichtig wie Qualität und das Design. Sie bevorzugen inspirierende Labels, die eine starke Geschichte mit der richtigen Botschaft erzählen. Um ihren eigenen Stil zu kreieren, kombinieren sie gerade Jacquemus, Raf Simons und Maison Margiela mit zugänglicherern Marken wie Ganni, Rejina Pyo, Boyy und Rouje.

Was sind Basics, in die man investieren sollte, weil sie nicht an Wert (und Zeitgeist) verlieren und vielleicht sogar eine gute finanzielle Investition sind?

Die besten Investitionen sind Stücke, die qualitativ und einzigartig sind. Sobald Sie einen Artikel besitzen, der nicht leicht gekauft werden kann, weil er einfach nicht mehr hergestellt wird, hat er einen Wert.

Was ist dein Tipp: Was macht man mit Dingen, die man nicht mehr bei Vestiaire Collective verkaufen kann?

Je nachdem, wo du wohnst, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Du kannst ein vertrauenswürdiges Secondhand-Geschäft oder einen Charity Shop suchen, die deine Kleidung weiterverkaufen. Du kannst einen Flohmarkt veranstalten oder deine Sachen an Frauenorganisationen, Flüchtlingsunterkünfte oder an die Wohlfahrt spenden. Unabhängig davon, wofür du dich entscheidest, solltest du immer prüfen, was gerade gebraucht wird und was mit der Kleidung passiert. Es sollte sich natürlich um ein ethisch einwandfreies Unternehmen handeln, das du unterstützt.

Was sind deine Pläne/Ziele/Ideen für die nächsten zehn Jahre?

Wir hoffen, dass wir die Ideen der Zirkularität weiter verbreiten können und zu einer bewussteren Denkweise auf der ganzen Welt beitragen. Es geht nicht darum, jedem Trend hinterherzujagen, sondern darum, einen Stil zu finden, der zu deiner Persönlichkeit und deiner Ästhetik passt.

Vielen lieben Dank für das tolle Interview, liebe Sophie!

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