Wear better – Nago möchte mit viel Transparenz und Ehrlichkeit die Modebranche nachhaltig verändern

Das polnische Brand Nago lehrt seine Kund*innen vor allem eines: nachhaltige Mode muss vor allem transparent sein

Die Basics, die ich in meinem Kleiderschrank habe, trage ich jahrelang. Da wären zum Beispiel meine Lieblingsband-T-Shirts, die ich schon so lange besitze, dass sie mittlerweile vor lauter Löchern an ein Netzoberteil aus dem Jahre 2000 erinnern. Oder auch meine kniehohen schwarzen Stiefel, die ich mir damals mit einem Moodbild von Sienna-Miller ausgesucht habe und die nach vielen hunderten Kilometern dieses Jahr ganz dringend einen Besuch beim Schuster nötig haben. Leider sind diese Lieblingsteile, die schon seit 10 Jahren oder länger bei mir sind, nicht nachhaltig. Einzig und allein ihre Cost per Wear haben sie in Kleidungsstücke verwandelt, die man mittlerweile vielleicht als klimaneutral bezeichnen kann.

Warum? Weil es vor einer Dekade schon noch deutlich schwerer war, gute Kleidungsstücke und vor allem auch sehr modische Schnitte bei nachhaltigen Brands zu kaufen. Heutzutage ist das anders. Kleine Brands aus Deutschland, Kopenhagen und Frankreich sind gar nicht mehr so klein und auch Polen hat modetechnisch einiges zu bieten.

Polen? Ja, richtig gelesen. Viele Unternehmen lassen hier ihre Kleidungsstücke fertigen, aber sitzen nicht dort. Anders ist das bei Nago. Das Brand von Gründerin Julia Turewicz macht Fair Fashion Made in Poland. Ein Prozent der jährlichen Umsätze werden an nachhaltige Organisationen gespendet, es gibt eine nachhaltige, weniger ressourcenverbrauchende Version der Website, auf der Kund*innen alles über die Preistransparenz, die Materialien und die Zertifikate nachlesen können, mit denen Nago arbeitet.

Und wer einmal ein Produkt von Nago in den Händen gehalten hat, der ist Fan. So ging es mir jedenfalls. Die Designs sind die perfekte Mischung aus zeitlosen Basics und It-Pieces, wer auf der Suche nach einem perfekten nachhaltigen Strickpullover oder einer schlichten Leggings ist, wird hier genauso fündig wie jemand, der ein Outfit für eine Party sucht. Und dabei hat Julia immer eines im Blick: die beste Qualität, die umweltschonendste Art der Herstellung. Dafür lässt sie alles vor Ort fertigen, sucht die besten Stoffe aus und versucht die Mischung aus Klassikern und Trends ausgewogen zu halten. Manche Pieces gibt es über mehrere Saisons und Jahre, andere sind wegen ihrer geringeren Stückzahl schnell ausverkauft. Überproduktion? Das versucht Julia zu verhindern.

Und weil ich in Deutschland bisher viel zu wenig von einem meiner absoluten fairen Lieblingsbrands gelesen habe, musste ich Julia ein paar Fragen stellen – und euch Nago näherbringen.

Warum hattest du das Gefühl, dass es in der Modeindustrie einen Bedarf für Nago gibt?

Nachdem ich einige Jahre in der Branche gearbeitet habe, wurde ich mir immer mehr der negativen Auswirkungen bewusst, die die Mode auf die Umwelt hat, sowie der verschiedenen sozioökonomischen Probleme, die in dieser Gleichung ebenfalls eine Rolle spielen. Diese Probleme haben in den letzten Jahren glücklicherweise mehr Aufmerksamkeit erhalten, man kann es also als Zeitgeist bezeichnen, aber ich hatte schon seit einiger Zeit die Idee, meine eigene Marke zu gründen. Und da es auf unserem Markt wirklich nichts gibt, was all diesen Herausforderungen gerecht wird, beschloss ich, dass es das Richtige war, es zu tun. 

Was bedeutet der Name Nago?

Nago ist ein polnisches Adverb, das auf Englisch „nackt“ bedeutet, oder auf Deutsch „nackt“ oder „bloß“. Wir wollten, dass der Name unsere Vorstellungen von Einfachheit, Authentizität, Transparenz und Naturverbundenheit zum Ausdruck bringt. Außerdem wollten wir einen Namen, der kurz und leicht auszusprechen und für jedermann zu merken ist (im Polnischen gibt es eine Menge Zungenbrecher) und der nicht bereits als Markenname verwendet wird. Es ist ziemlich schwierig, ein Wort zu finden, das all diese Kriterien erfüllt, und ich bin sehr froh, dass wir es gefunden haben.

Was hast du vor Nago gemacht? Woher kommt dein Fachwissen?

Nach meinem Abschluss habe ich ich für das Polin Museum der polnischen Juden hier in Warschau gearbeitet. 2011 hat mein langjähriger Freund und jetziger Geschäftspartner bei Nago, Jasiek, SHOWROOM.PL, eine Plattform für unabhängige Modemarken, gegründet. Er hat mich gefragt, ob ich mitmachen wolle, und das tat ich. Wir sind mit einem Team von fünf Personen gestartet, das schnell auf 15 und dann auf über 50 Personen anwuchs. Wir wurden von Burda unterstützt und expandierten auf den deutschen Markt. Ich begann mit dem Aufbau und der Leitung des Verkaufsteams und wurde schließlich zur Geschäftsführerin der polnischen Niederlassung ernannt. All dies war eine einmalige Erfahrung, da wir mit Hunderten, später Tausenden von Einzelmarken zusammenarbeiteten – mit all ihren Stärken, Schwächen, Herausforderungen und Eigenheiten.

Kannst du mir mehr über die polnische Modeindustrie erzählen? Wie wichtig ist die Mode in Polen?

Ich würde sagen, dass die Mode in Polen insgesamt nicht sehr wichtig ist – wir sind nicht Frankreich oder Italien ... Allerdings würde ich nicht sagen, dass es keine Modebranche gibt. Vor einigen Jahren gab es eine Explosion von Indie-Marken – einige von ihnen haben überlebt, andere sind verschwunden. Es gibt immer noch eine gewisse Bewegung, aber im Moment konzentriere ich mich eher auf Nago als auf die Branche im Allgemeinen.

Die politische Situation in Polen ist im Moment schwierig. Wie wirkt sich das auf dich aus? Wie versuchst du dich einzubringen?

Du hast recht: Wir sind nicht glücklich über die politischen Entwicklungen der letzten Jahre und wir engagieren uns, indem wir eine Reihe von wichtigen Anliegen unterstützen – vom Frauenstreik bis hin zu Organisationen, die junge Mädchen stärken, die Gesundheit der Menstruation fördern und ältere Menschen unterstützen. Das ist ein langfristiges Engagement für Dinge, an die wir glauben und bei denen wir tatsächlich etwas bewirken können – im Gegensatz zur unmittelbaren Politik: Wir reden, wir demonstrieren, und vor allem gehen wir wählen. Abgesehen davon sind wir eine aufstrebende Modemarke und keine NGO.

Inwieweit siehst du die Verantwortung für Nachhaltigkeit bei den Kund*innen oder bei den Unternehmen, die ihre Produkte verkaufen?

Ich weiß, dass das Dilemma oft so dargestellt wird, aber in Wirklichkeit wird meines Erachtens ein wichtiger Faktor übersehen, und das ist der Gesetzgeber. Wir können weder den Kund*innen noch den Unternehmen die gesamte Verantwortung aufbürden, solange eine Reihe von nicht nachhaltigen Praktiken der Industrie lukrativ und legal sind. Das soll natürlich nicht heißen, dass weder Kund*innen noch Unternehmen nicht aktiv werden sollten, aber abgesehen davon, dass sie verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen, sollte diese Aktion darin bestehen, Druck auf die Gesetzgeber auszuüben, um bessere Rahmenbedingungen für nachhaltige Industrien zu schaffen. 

Was ist die größte Herausforderung bei der Gründung eines nachhaltigen Modelabels?

Ich würde sagen, es ist der immense Druck, den das Festhalten an den eigenen Werten auf die Gewinnmargen ausübt. Echte Nachhaltigkeit bringt eine Reihe von Zwängen für Design, Produktion und Logistik mit sich. Sie erfordert viel mehr Forschung und Kundenaufklärung und schränkt bestimmte Partnerschaften und Investitionsmöglichkeiten ein. Im Grunde genommen kostet alles, was man tun will, mehr Zeit, Arbeit und Geld. Wenn man Luxusgüter herstellt, ist das vielleicht kein Problem, aber echte Veränderungen erfordern Zugänglichkeit, und es erfordert viel Geschick und Mühe, sich über Wasser zu halten und zu wachsen und gleichzeitig all diese Produkte zu einem relativ niedrigen Preis anzubieten.

Wie oft bringst du neue Produkte auf den Markt? Wie lange bleiben die Produkte online? 

Wir versuchen, alle zwei bis drei Monate neue Produkte auf den Markt zu bringen. Bestellungen für hochwertige, nachhaltige Stoffe nehmen viel Zeit in Anspruch, daher ist eine gute Planung entscheidend. Wir überarbeiten aber auch alte Bestseller mit neuen Materialien oder Details. Wir reagieren dann auf die Vorlieben unserer Kund*innen, und so sind einige Produkte nur kurz erhältlich, während andere den Status eines „Klassikers“ erlangen und über Monate oder Jahre hinweg in Produktion sind. 

Wo werden die Produkte hergestellt? 

Zurzeit werden alle unsere Produkte in Polen hergestellt – je nach Produkt in drei verschiedenen Betrieben für Strickwaren und vier, in denen genäht wird.

Was sind die Vorteile von Polen als Produktionsland?

Es gibt eine Reihe an Vorteilen. Für uns ist es der erste Vorteil, dass Langstreckentransporte und deren Auswirkungen überflüssig werden. Durch die Nähe zur Heimat können wir die lokale Industrie unterstützen, Beziehungen aufbauen, die Produktionsqualität besser überwachen und sicherstellen, dass wir mit Partner*innen zusammenarbeiten, die faire Löhne und Arbeitsbedingungen bieten.

Woher beziehst du die Stoffe?

Idealerweise würden wir sie auch gerne hier vor Ort beziehen, aber da wir sehr gewissenhaft mit den Materialien umgehen, mit denen wir arbeiten, müssen wir uns auf italienische, portugiesische und türkische Hersteller stützen, die auf dem Gebiet der nachhaltigen Stoffproduktion führend sind.

Was ist bei der Auswahl der Materialien besonders wichtig? 

Abgesehen von den erforderlichen Zertifikaten und einer transparenten Produktionsgeschichte müssen die Materialien unseren Ansprüchen an Qualität und Haltbarkeit genügen. Und natürlich müssen sie gut aussehen, sich gut anfühlen und zu unseren aktuellen Designs passen.

Gibt es Materialien, die du nie verwenden würdest? Und warum?

Pelze, Leder, nicht biologische Baumwolle, Seide, nicht zertifizierte Wolle.

Wie gehst du mit unverkauften Produkten um bzw. wie verhinderst du eine Überproduktion?

Wir planen und verwalten unsere Produktion sehr sorgfältig, sodass wir zu keinem Zeitpunkt einen großen Überbestand haben. Wir haben unseren Showroom im Zentrum von Warschau, der uns dabei hilft, einen Teil der Reste zu verwalten und arbeiten sogar mit einem „Boutique-Outlet“ in Krakau zusammen, das all unsere Musterstücke verkauft, sodass buchstäblich nichts im Regal liegen bleibt oder verschwendet wird.

„Das Entfernen von Fotos, die Anpassung der Typografie und die Wahl einer dunklen Farbpalette führen zu einer Website, die beim Surfen deutlich weniger Energie verbraucht.“

Warum kann ich auf der Wear-Better-Website zwischen der Vollversion und der Öko-Version wählen?

Dies ist eine ziemlich gute Darstellung, wie Webdesign den Energieverbrauch beeinflusst. Das Entfernen von Fotos, die Anpassung der Typografie und die Wahl einer dunklen Farbpalette führen zu einer Website, die beim Surfen deutlich weniger Energie verbraucht. Die Kund*innen haben immer noch die Wahl, aber die Website ist im Wesentlichen so gestaltet, dass sie sich bei einem erneuten Besuch für die Öko-Version entscheiden werden oder sollen. 

Was würdest du gerne als nächsten Schritt in Sachen Nachhaltigkeit verbessern?

Ich weiß, dass große Schritte aufregend sind und man gerne darüber spricht, aber für uns liegt die meiste Arbeit in den kleinen Verbesserungen und der Perfektionierung bestimmter Aspekte unseres Prozesses. Wir forschen sehr viel, und es ist natürlich mein Traum, noch mehr an unseren eigenen Patenten und Materialien zu arbeiten. Aber man muss auch bedenken, dass wir 2019 unsere erste Kollektion auf den Markt gebracht haben und zu diesem Zeitpunkt noch ein kleines Team sind. Ich bin stolz auf das, was wir bereits erreichen konnten.

Wie groß ist Nago mittlerweile? Wie viele Produkte führt ihr? Wie viele Mitarbeiter hast du? 

Wir wachsen ständig, mit einem Team von fünfzehn Mitarbeitern in unserem Büro und mehreren festen freiberuflichen Kolleg*innen. Wir bieten mehrere Dutzend einzigartige Designs, insgesamt über 200 verschiedene Produkte, wenn man die verschiedenen Farb- und Stoffvarianten mit einbezieht.

Wie sieht dein eigener Kleiderschrank aus? 

Da ich jahrelang in der Modebranche gearbeitet habe, hat sich einiges angesammelt, das muss ich zugeben. Dazu gehören viele unserer eigenen Testmodelle und Muster, die ich gerne trage. Mein Kleiderschrank ist also nicht gerade klein, aber alles ist in gutem Zustand, und ich werfe nie etwas weg. Wenn ich etwas nicht mehr trage, gebe ich es einfach an jemanden weiter, dem es gefällt. 

Welches Kaufverhalten hältst du für verantwortungsvoll? Wie kauft die moderne Frau ein, die bei Nago kauft? Wie oft und wie viel?

Ich denke, es ist vernünftig, nur das zu kaufen, was man wirklich braucht und auf die Qualität des Produkts zu achten, wo es herkommt und wo es landen wird. Gleichzeitig möchte ich aber nicht belehrend oder herablassend sein, wenn jemand andere Entscheidungen trifft. Hier spielen eine Reihe von sozioökonomischen Faktoren eine Rolle. Der Wandel ist eine Folge von Gesprächen und Aufklärung und wird nicht über Nacht eintreten. Die meisten unserer Kunden sind derzeit zwischen 25 und 35 Jahre alt, umweltbewusst, oft Vegetarier und haben einem gesunden Lebensstil.

Wo ist deine Zielgruppe? Verkaufst du viel in Polen selbst oder aus welchem Land bekommst du die meisten Bestellungen?

Polen ist derzeit unser Hauptmarkt, aber wir liefern auch regelmäßig nach Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Vor der Pandemie haben wir aktiv an Partnerschaften mit unabhängigen Boutiquen in einer Reihe von Ländern gearbeitet. Wir haben immer noch Partner in San Francisco, Padua, Barcelona und Marseille, aber seit der Pandemie liegt unser Hauptaugenmerk auf dem direkten Online-Verkauf an Kund*innen.

Wie wichtig ist Diversität und Inklusivität bei den Models und der Inszenierung deiner Models? 

Für uns ist das sehr wichtig, und zwar nicht nur im abstrakten Sinne von Vielfalt, sondern auch in dem Sinne, Kleidung für echte Frauen zu machen, mit echten Frauen zu arbeiten und zu hören, was sie uns zu sagen haben. 

Warum sind die Kleidungsstücke nur bis zur Größe L erhältlich? Hast du vor, auch weitere Größen anzubieten? (Die durchschnittliche Frau in Deutschland trägt z.B. 42-44 und findet kaum nachhaltige Mode, die Marktlücke ist in dieser Hinsicht groß). 

Wir haben dafür gesorgt, dass unsere Größe L tatsächlich sehr stretchy ist und wir sind ständig dabei, ein breiteres Größenspektrum zu erforschen, Muster zu erstellen und zu testen. Aber es ist in der Tat eine ziemliche Herausforderung, da sowohl kleinere als auch größere Größen nicht einfach alle Körpertypen und Maßvarianten abdecken können. 

Danke für das Interview, liebe Julia!

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