Selbstbräuner kann vielleicht nicht die Welt verändern, aber Jules von Hep schon

Das große Interview mit dem Isle of Paradise Gründer

Es ist ein ganz normaler Dienstag. Morgens um 7 Uhr klingelt der Wecker, ich quäle mich aus dem Bett, werde erst unter der Dusche so richtig wach, trinke auf der Couch einen schwarzen Tee, brauche 15 Minuten vor dem Kleiderschrank, um mich zu entscheiden, was ich anziehe und dann weitere 15 Minuten, um das Chaos danach wieder zu beseitigen. Danach geht es ins Büro, wo vor allem das Geräusch der Kaffeemaschine in mir die gute Laune weckt. Danach heißt es tippen, tippen, tippen, bis die Uhr 13 schlägt und mich in meine Mittagspause entlässt. Ein ganz normaler Tag denkt ihr. Ja, dachte ich auch. Nur bin ich heute ungeschminkt unterwegs, mit ungewaschenen Haaren, dafür aber extrem gut gelaunt. Woran das liegt? An meinem Lunchdate. Denn das findet heute nackt statt.

Und damit meine ich nicht Seelen-Striptease nackt, ich meine splitterfasernackt. So wie Gott mich schuf. Und so stehe ich dann auch nach einer 30-sekündigen Kennenlernphase vor ihm: vor Jules von Hep. Nur leider ist er so gar nicht nackt. Nein, er trägt ein Vintage Cowboyhemd, Gucci Loafer und eine enge Jeans und in der Hand hält er eine Airbrushpistole. Nein, mein Lunchdate ist keine neue Form des Paintballspielens, ich bin da, um von Jules den perfekten Sommerteint aufgesprüht zu bekommen. Denn Jules von Hep ist DER Selftanning-Experte aus Großbritannien und hat vor kurzem sein eigenes Label Isle of Paradise gegründet.

Als ich nackt in der Kabine stehe, auf den Fußabdrücken, die auf dem Boden unten kleben, wird mir auf einmal klar, dass vor mir hier Superstars wie Sienna Miller, Alexa Chung, Blake Lively und Kate Moss gestanden haben. Selbstzweifel, Unwohlsein oder Scham kommen deswegen aber trotzdem nicht auf. Dafür sorgt Jules schon. Und so beginnen wir das erste nackte Interview hier auf Beige:

Für das Foto habe ich mir dann doch schnell etwas angezogen!

Wie machst du das? Ich fühle mich hier nackt vor dir tatsächlich kein bisschen unwohl!

Das ist tatsächlich eine Form der Kunst. Das erste Mal, als ich Spray Tan gemacht habe, dachte ich nur: Oh mein Gott, da ist eine Vagina vor mir und sie starrt mich an. Aber dann realisiert man, dass die andere Person da vor dir noch viel nervöser ist als du selbst. Also benimmst du dich ganz normal. Ich mache Witze, ein Kompliment und einfach meine Arbeit. Und dann gewöhnt man sich einfach dran. Mittlerweile fühle ich mich mit einer nackten Person im Raum sogar wohler als mit einer angezogenen. Nicht, weil ich dann Klamotten anhabe und die andere Person nicht, ich habe selbst auch schon nackt gesprüht, weil die andere Person sich so wohler gefühlt hat. Aber Kleidung ist wirklich so unwichtig. Hauptsache du bist lustig und wir haben während des Termins gemeinsam Spaß und lachen.

Kannst du dich an das erste Mal erinnern, als du Selbstbräuner verwendet hast?

Ja, kann ich. Das war in meinem ersten Jahr an der Uni, ich war 19 Jahre alt, hatte viel zu viel Rosé getrunken und trug dann den Selbstbräuner auf. Das ging nicht gut. Es sah schlimm aus! Aber ich erinnere mich, dass ich in den Spiegel sah und die Wirkung mochte, die der Selbstbräuner hatte. Ich musste nicht mehr in der Sonne liegen, das wurde ein echter Game Changer für mich und ab da begann ich ihn regelmäßig zu verwenden. Ich wurde sehr schnell besser im Auftragen. Meine roten Flecken sah man weniger, mein Make-up sah besser aus, meine Kleidung stand mir besser. Ich mag einfach das gute Gefühl und das Selbstbewusstsein, das mir die Bräune verleiht.

Du hast dann erstmal in der Mode gearbeitet, bevor du als Assistent von Nichola Joss, DER Selftanning-Expertin für Hollywoodstars angefangen hast. Lange warst du allerdings nicht da… Was war der Grund, warum du die Modebranche so schnell wieder verlassen hast?

Die Leute… Ich habe sehr damit gekämpft, wie in der Modeindustrie miteinander umgegangen wird. Ich fand das sehr schwierig, ich kämpfe manchmal immer noch damit, aber gut, als ich angefangen habe, war der Ton noch härter: Ich habe Designer gehört, die Models gesagt haben, sie sollen sich vor der Show gefälligst nochmal übergeben, damit sie dünner sind. Mit sowas möchte ich mich nicht umgeben. Das macht doch niemanden glücklich oder erfolgreich. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Mode und ich spreche gerne über sie, aber sie macht mich nicht zu dem Menschen, der ich bin. Ich werde auch kein besserer Mensch, weil ich DIE Schuhe der Saison trage.

„Ich liebe Mode und ich spreche gerne über sie, aber sie macht mich nicht zu dem Menschen, der ich bin.“

Also hast du dich dazu entschlossen, in die Beauty Industrie zu wechseln. Was ist hier anders, besser oder schlechter?

Die guten Seiten der Beauty Industrie sind, dass man hier schneller akzeptiert wird. Klar, viele Leute behaupten, dass genau die Schönheitsindustrie mit den Unsicherheiten der Menschen spielt. In der Vergangenheit war das auch so und manche Brands machen das leider immer noch, aber ich sehe in dieser Industrie, in der Beauty Branche, viel mehr Hoffnung. Hier geht es viel um Selbstliebe, du massierst dein Gesicht, wäscht deine Haare, nimmst dir Zeit für dich. Das ist auf eine Art und Weise karthagisch.

Aber ich glaube, es gibt auch noch negative Aspekte, z.B. wie manche Brands mit ihren Kund*innen kommunizieren und sie runtermachen. Niemand ist besser als jemand anderes und am Ende des Tages sind doch die Kund*innen diejenigen, die entscheiden, wo sie einkaufen. Ich hoffe, dass wir das noch verändern können, das weniger retuschiert wird und dass es weniger Old School Beauty gibt. Die fühlt sich mittlerweile nämlich ganz schön altmodisch an.

Was, keine Supermodels mehr?

Nein, das sage ich nicht. Es ist nur das Ende des klassischen Supermodels und seiner Figur, aber Supermodels sind Supermodels mit Berechtigung, sie sind einfach wahnsinnig professionell. Aber ich hoffe, dass es das Ende dieser einen Optik ist, der alle nacheifern.

Warum hast du dich letztendlich dazu entschlossen, dein eigenes Selftanning-Brand Isle of Paradise zu gründen?

Ich konnte keine Produkte für mein Equipment finden, die genau den Effekt erzielten, den ich erzielen wollte. Ich habe mit so vielen Models gearbeitet, sie am Abend vor dem Shoot besprüht und am nächsten Tag kamen sie begeistert ans Set: „Oh, die Bräune ist perfekt geworden.“ Ja, dachte ich, sie ist perfekt aufgetragen worden, aber am Ende ist das nicht das Ergebnis, was mein Kunde wollte. Die Bräune hatte keinen Glow, es war nur eine leichte Bräune. Oder die Bräune hat keine Zeichen von Müdigkeit und Stress kaschiert, sie war einfach nur dunkler als vorher. Die Farben waren einfach alle so matt und stumpf – und ich wollte damals nie wirklich dunkel bräunen, weil das Ergebnis immer orange wurde und die Haut davon extrem trocken. Auch wenn ich vor den Kunden so tun musste, ich mochte das Ergebnis nicht. Ich mochte die Farben nicht.

Und deswegen mixte ich farbkorrigierendes Make-up mit dem Tan, damit ich den orangen Unterton korrigieren und abdecken konnte. Ich hatte auch eine Mischung, die einem leichten Teint den ultimativen Glow verpasste. Ich hatte also irgendwann die perfekten Produkte und mischte sie Backstage an, aber mein Kit, was ich immer bei mir tragen musste, war RIESENGROSS. Das hat mich so genervt. Und dann wurde mir klar, wenn ich die Produkte nicht zusammenstelle, dann macht das keiner – und dann wird niemand Tanning jemals so sehen und verstehen, wie ich das tue. Es würde einfach weiter eine langweilige, kleine Nische in der Beautyindustrie sein. Aber für mich war es das nie. Das wollte ich den Menschen zeigen.

Und dann hast du mit Isle of Paradise nicht nur die perfekten Selbstbräuner auf den Markt gebracht, sondern gleich ein Statement gesetzt. Und zwar welches?

Liebe dich so, wie du bist. Und das Paradies ist keine tropische Insel, es ist ein Gefühl, ein Geisteszustand. Selbstbräuner wird die Welt nicht verändern, nein, aber wenn du dich selbstbewusster fühlst, dann kannst du die Welt ändern.

Du bist mittlerweile zu einem Idol der ganzen Body Positivity Bewegung geworden. Wie kam das?

Ich bin selbst immer noch auf einer Reise und Selbstbräuner hat mich per Zufall aus meinem eigenen negativen Gedankenprozess befreit. Ich bin sehr offen, mit 17 Jahren habe ich mich selbst verletzt, mit 18 Jahren wollte ich mich umbringen und mit 19 Jahren litt ich an Anorexie. Ich habe es gehasst, wie ich aussehe. Ich habe immer geglaubt, dass mein Aussehen das Wichtigste überhaupt ist und dass das der Grund ist, warum Leute mit mir befreundet sein wollen. War ich dünn genug? Sah ich so aus, wie man in dieser Industrie auszusehen hat? War meine Haut makellos? Das alles ist unwichtig. Als ich für Jobs immer wieder gebucht wurde, wurde mir klar, dass ich natürlich dafür gebucht wurde, wie gut ich meine Arbeit machte, aber auch, dass Leute meine Persönlichkeit mochten. Jeder kann Spraytan, aber die Leute wollten mich.

Außerdem arbeite ich jeden Tag mit nackten Körpern. Und ich höre jeden Tag die gleiche Entschuldigung: Sorry, meine Oberschenkel sind dick. Sorry, ich bin aufgebläht. Sorry, ich habe meine Bikinizone nicht rasiert. Sorry, mein Haar sieht einfach schlimm aus. Sorry, meine Haut ist gerade ganz schlecht. Dadurch habe ich realisiert, dass wirklich JEDER seinen Körper hasst. Bitte entschuldige, aber das ist doch wirklich fucked up. Da wusste ich: Das will ich ändern. Mit Isle of Paradise waren wir das erste Tan-Brand, das jemals mit einem kurvigen Model zusammengearbeitet hat, wir waren mit die ersten, die auf Retusche verzichten – und das ist für Beautybrands wirklich ein RIESIGER Schritt.

Ich habe eine Stimme. Und die will ich für Frauen einsetzen, weil ihnen Tag für Tag vorgehalten wird, dass sie nicht gut genug sind, wenn sie nicht das und das Produkt verwenden. Ich will die Industrie verändern. Bei Isle of Paradise geht es nicht nur vorrangig darum, Produkte zu kaufen. Kauf den Selbstbräuner oder lass es. Aber die Message dahinter ist wichtig.

„Es gibt nun mal keinen Zauberstab. Niemand wird in einen Raum hereinkommen und zu dir sagen: Hier ist der Celebrity Körper deiner Träume.“

Ja, was du da sagst, kenne ich. Ich habe auch Freund*innen, die jeden Tag über ihren Körper meckern. Und das nervt, weil sie alle wunderschön sind. Wie reagiere ich da denn am besten drauf, denn ein „Du bist so schön“ da rein und da wieder raus...

Einmal hat mir eine Kundin, Annie Mac, eine berühmte DJ, ein Kompliment gemacht. Sie sagte zu mir: „Du siehst heute toll aus.“ Und ich habe nur geantwortet: „Nein, ich bin wirklich wahnsinnig müde gerade.“ Und dann antwortete sie: „Nein, ich habe dir gerade ein Kompliment gemacht. Nimm es an!“ Genau das sage ich auch zu meinen Kund*innen. „Das ist meine Meinung, nicht deine. Akzeptiere, dass ich dir gerade ein Kompliment gemacht habe, weil du mir mit deiner Antwort sagt, dass ich mit meiner eigenen Meinung falsch liege.“ Außerdem gibt es auch etwas, was man negative Manifestierung nennt: Wenn du dir jeden Tag sagst, dass du deine Oberschenkel hasst, dann wirst du sie am Ende des Tages auch hassen. Aber wenn du versucht positiv zu manifestieren, also das aufzählst, was du an dir magst und sagst, dass du deine Augen liebst und deine Haarfarbe, dann wird sich dein Gedankenprozess verändern.

Es gibt nun mal keinen Zauberstab. Niemand wird in einen Raum hereinkommen und zu dir sagen: „Hier ist der Celebrity Körper deiner Träume.“ Das wird nicht passieren. Was ist das also für eine Verschwendung von Energie und Zeit, wenn man die ganze Zeit betet, dass genau das passieren soll. Es passiert nämlich NIE!

Jemand hat einmal zu mir gesagt, dass dein Aussehen das Unwichtigste und Uninteressanteste an einer Person ist. Wenn du hier heute herausgehst, werde ich schließlich nicht sagen: „Oh wow, die hatte einen tollen Hintern“, sondern ich werde erzählen, was du für eine großartige, lustige und freundliche Persönlichkeit warst. Daran erinnern sich nämlich Leute.

Was machst du an den Tagen, wenn du dich gar nicht wohlfühlst?

Ich schreibe es auf. Ich akzeptiere, dass das nun mal einer dieser Tage ist. Und ich verlasse das Haus. Jeder kennt doch Kleiderschrankkrisen. Wenn man vor dem Spiegel steht und wirklich NICHTS passt und gefällt dir, überall im Zimmer fliegen Klamotten herum. Ja, solche Tage gibt es. Und dann gehe ich schnell aus dem Haus, dafür braucht man ein Outfit, das eine Uniform ist: eine bequeme Hose, ein T-Shirt und tolle Schuhe. Es ist okay, dass man sich nicht immer 100 Prozent fühlt, wir sind alle nur Menschen und keine Roboter. Und diese Gefühle müssen raus. Das ist jetzt ein bisschen morbide, aber ich sage mir oft: Du wirst sterben. Vergeude dein Leben nicht mit sowas! Das machen nämlich viel zu viele Menschen.

„You control the scroll.“

Welche Rituale verhelfen dir zu mehr Selbstakzeptanz?

Am Anfang der Woche schreibe ich eine Selflove-Liste. Wir schreiben so viele To-do-Listen, aber meistens dreht es sich nur um den Job oder den Haushalt. Dabei ist unsere mentale Gesundheit so viel wichtiger. Gesunde Ernährung gehört dazu – und zwar nicht, um abzunehmen, sondern um seinem Körper etwas Gutes zu tun. Iss also mal grünen Brokkoli, einen Apfel und anderes Obst. Viel trinken, denn das macht einen Unterschied. Sport machen! Nicht, damit du einen Körper wie ein Unterwäschemodel bekommst, sondern weil Trainieren eine mentale Mittagspause für Körper und Geist ist. Man schaltet ab und macht für eine gewisse Zeit nur noch das. Und ruf jemanden an, wenn Stress oder Ängste dich übermannen. Ich vergleiche das immer mit dem Auspacken eines Koffers: Hol alles raus, geh Stück für Stück jedes einzelne Teil durch und dann pack es wieder ein.

Was denkst du, inwiefern spielt Social Media bei Selbstzweifeln heute eine Rolle?

Du kannst Social Media nicht dafür verantwortlich machen, wie es dir geht. You control the scroll. Was du auf Instagram siehst, hast du dir ausgesucht. Na klar, wenn du dir die falschen Leute aussiehst, kannst du dich von ihnen unter Druck gesetzt fühlen, weil sie ein vermeintlich perfektes Leben führen. Aber dann folge doch einfach nur Accounts, die dir ein gutes Gefühl geben. Leg dir zur Not einen zweiten Account a, mit dem du nur positiven Leuten folgst und der dich glücklich macht. Ich habe so einen. Da scrolle ich und es macht mich glücklich.

Welche drei Dinge würdest du gerne in der Beautybranche verändern?

1) Ich würde es für Leute einfacher machen, Produkte zu spenden. Ich spreche nicht viel darüber, aber ich spende meine ganzen Produkte, die ich nicht mehr möchte, an eine Stiftung für Kinder mit Krebs. Die wenigsten von uns brauchen all ihre Produkte auf – und es gibt so viele Orte, die diese Produkte dringend benötigen. Zum Beispiel auch Frauenhäuser. Darüber muss mehr gesprochen werden.

2) Ich würde das Recycling von Beautyprodukten einfacher gestalten. Ja, wir können Plastik recyclen, in jeder Stadt müsste es einfach Beautycontainer geben, ähnlich wie Altkleidercontainer, in die man seine leeren Behälter geben kann. Jeder benutzt schließlich in irgendeiner Form Beauty- oder Hygieneartikel.

3) Hört endlich auf an Tieren zu testen. Ja, da gibt es vielleicht kulturelle Unterschiede, aber diesen Aspekt verstehe ich einfach nicht. Ein Hase muss aber keine Mascara tragen. Das ist einfach nur dumm.

Und wie willst du mit Isle of Paradise die Beautybranche verändern?

Wir wollen alles ändern und jedes Hindernis aus dem Weg räumen (lacht). Oh Mann, wir haben kleine Ziele, merke ich gerade.

Go big or go home, oder?

Genau, go big or go home!

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