Zwischen Luxus, Neugier und Selbstoptimierung

Mein erstes Mal Botox mit 29 Jahren

Der Philosoph Lambert Wiesing schreibt in seinem Buch „Luxus“ über den „fruchtbaren Moment“, der eine Luxuserfahrung ausmacht. Er ist für diejenigen erlebbar, „die weder von den Gesetzen der Natur noch von den Geboten der Vernunft determiniert sind.“ Es handelt sich um einen Moment, in dem ich etwas Sinnloses konsumiere, das mir trotzdem bzw. gerade deshalb Freude bereitet. Für manche sind es die Dior-Sneaker, das Glas Champagner im KaDeWe oder der gepimpte VW Golf. Gerade in der Quarantänezeit, die nahezu alle konventionell konsumeristischen Luxuserfahrungen unmöglich macht, ist Botox eine der wenigen, die das prickelnde Gefühl von Zweckentbundenheit und den Hauch des Besonderen noch vermitteln kann. Sich jünger und schöner zu schummeln, ohne dass die Investition darüber hinaus einen Nutzen bietet. Auch ich habe mich vom Botox-Boom leiten lassen und an die luxuriöse Nadel gewagt.

Selbstoptimierung oder -Akzeptanz?

Wer die Büchse der Botox-Pandora öffnet, findet dort signifikante Fragen, die es zu ergründen gilt: Ist es unsere schönheitsbesessene Leitkultur, die das ewige Jungsein fordert? Oder ist es ein viel tiefer gehender existenzieller Drang, nicht älter werden und somit dem Tod näher kommen zu wollen? Stimmt Fall eins, so habe ich mich schlichtweg dem Druck der Gesellschaft gebeugt. Beim zweiten bin ich einer instinktiven Stimme gefolgt und kreiere zumindest nach außen eine Illusion, die sich früher oder später nicht mehr kaschieren lassen wird. Wer über Botox nachdenkt, ist zwangsläufig mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert.

Auch Michel Foucault beschrieb unsere Gesellschaft als disziplinäres System, in dem Körper permanent zu funktionieren haben. Ständig würden sie korrigiert, um einen maximalen Nutzen zu erbringen. So weit, dass wir diese Korrekturen verinnerlichen und sie als pseudo-individuelle Akte ausführen. In Zeiten der 24/7-Dokumentation des Selbst auf Social Media und der omnipräsenten Selbstoptimierung durch Sport, Pflege, das Zusammenklauben der persönlichen Mental Health, ist es in der Tat schwierig, ein eigenständiges Bild zu formen. Was will ich? Will ich es wirklich? Und hilft mir der Eingriff mehr als er schadet?

Filler oder Botox?

Zeig mir dein Gesicht und ich sag dir, was du brauchst. Filler, in der Regel Hyaluronsäure, füllen tiefere Falten und Lippen auf. Mein Gesicht war noch jugendlicher Pfirsich genug, dass ich ohne auskam. Botox hingegen eignet sich vor allem präventiv. Idealerweise in den Zwanzigern, um einen nachhaltig faltenfreien Look zu etablieren.

Natürlich assoziieren wir mit Botox die leblosen Gesichter der Real Housewives und entgleister Hollywoodstars. Weshalb es ratsam ist, vorher seriöse Praxen zu recherchieren und/oder auf persönliche Empfehlungen zu setzen. Und siehe da, spricht man offen über Botox, kommen plötzlich Freund*innen und Bekannte aus ihren Löchern und berichten vom Doc ihres Vertrauens.

Wer schön sein will, muss blechen

Termin gemacht, drei Botox-Veteranen im Schlepptau und los. Ich entschied mich für Botox in Augenpartie und Stirn. Kostentechnisch gehen Botoxbehandlungen, ganz im Zeichen der subjektiven Luxuserfahrung, weit auseinander: Ich habe knapp 200 Euro gezahlt, am Kudamm kann man für dieselbe Dosis gerne 500 Euro aufwärts hinblättern. Ob zur Spritze ein Glas Champagner gereicht werden möge, ist dabei die zentrale Frage.

Nun zu den körperlichen Schmerzen. Insgesamt bekam ich ungefähr zehn Pikser, welche nur minimal unter die Haut gehen. Es war weniger schmerzhaft als eine Blutabnahme und schon diese finde ich mehr als aushaltbar. Einige Stunden nach der Behandlung stellen sich leichte Spannungskopfschmerzen ein, da die Muskeln angegriffen sind. Auch diese Leiden gehören zum Luxus dazu und waren am nächsten Tag vorüber. 

Botox braucht drei bis zehn Tage, bis die vollständige Wirkung eintritt, der Effekt hält zwischen drei und sechs Monaten. Die langsam steigende Unbeweglichkeit im Gesicht fühlt sich seltsam an, die Resultate wirken aber natürlich. Keine seriöse Praxis spritzt beim ersten Mal so viel, dass man sich in Nicole Kidman verwandelt oder dreht dir zusätzliche Maßnahmen an. Und kein Botox dieser Welt ersetzt das tägliche Must von Sonnenschutz, Vitamin C-Serum und Retinol zur Vorbeugung der Hautalterung.

Bin ich ein echter Botox Boy?

Mittlerweile ist die Nervengiftkur sechs Wochen her und ich fühle mich gutaussehend. Jeden Morgen erblicke ich ein glatteres ausgeschlafenes Ich, ein Gefühl zwischen Luxus und leichter Entfremdung. Der größte Irrtum, den ich durch diese Erfahrung realisiert habe: dass die Grenzen der Gesichtsmobilität nicht spürbar seien. Wenn ich stark lache, ist an einem gewissen Punkt Sense. Mein Marmorgesicht und ich, wir sind nun eins.

Einmal angefangen mit der Körperoptimierung, ist es schwierig aufzuhören. Sofort entdecke ich neue Makel und mögliche Korrekturen. Auch der innere Konflikt zwischen dem Unterwerfen eines Ideals ewiger Jugend und dem bewussten, würdevollen Altern bricht nicht ab, er dauert (zumindest bei mir) an. Konstant sind das schillernde, leicht morbide Luxusgefühl, der Mix aus dem Ästhetischen und Nutzlosen, die mich nun bei jedem Blick in den Spiegel begleiten. In vier Monaten ist mein nächster Termin gebucht, ab der zweiten Behandlung sind jeweils sechs Monate Straffheit drin. Die Illusion der natürlichen Jugend wird also noch intensiver, der Absprung in die körperliche Realität gleichzeitig erschwert. Wie jedes Gift hat auch Botox das Potenzial zur Sucht.

Ein Botox-Treatment wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Die Entscheidung dafür geht nicht nur unter die Haut, sie fordert eine unangenehm tiefe Auseinandersetzung mit dem eigenen Gesicht und Leben. In der Quarantäne ist sie gleichzeitig vor allem eins: ein kurzer Moment Luxus, ein erhaschter Blick auf die Utopie des optimalen Selbst.

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