Pillen, Sprays & Apps – Wie wurde Schlaf der Holy Grail unserer Gesellschaft?

Drei Tage wach war vorgestern!

Auf gehts, ab gehts, drei Tage wach … als ich vor rund zehn Jahren nach Berlin zog, gab es zwischen Donnerstagabend und Montagfrüh eigentlich nur eines zu tun: feiern. Unermüdlich wurde von Club zu Club getigert. Das Wort FOMO war noch nicht erfunden, doch das Gefühl, das es beschrieb? Allgegenwärtig und mächtig! Wer nach Hause ging, hatte verloren, ganz klar. Und wenn man sich doch mal für einige Stunden aufs Ohr legte, hackte man direkt nach dem Aufwachen mit halboffenen Augen panische Nachrichten ins Handy, um herauszufinden, wo die Party inzwischen angekommen war. Tageszeit egal. Wochentag auch.

Der eigene Biorhythmus? Ruhe? Zeit für den Körper, um sich zu regenerieren und eine Auszeit, um die Anstrengungen des Alltags zu verarbeiten? Waren, gelinde gesagt, Nebensache. Die meisten Leute wussten oftmals nicht mal, welcher Tag gerade ist.

Schlafen als Lifestyle ist lukrativ

Vorspultaste gedrückt und in das Jahr 2016 katapultiert: ein junger Amerikaner namens Casper beginnt seinen alles andere als schläfrigen Siegeszug durch Deutschland. Casper ist kein Popstar, kein Hollywood-Schauspieler und auch kein Ernährungsguru. Casper, das sind mehrere Schichten hochmodernen Schaums, umhüllt von einem abnehm- und waschbaren Bezug, denn Casper ist eine Matratze. Das privat geführte Unternehmen aus den USA hat das geschafft, wovon viele träumen: es hat einen stinknormalen Alltagsgegenstand begehrenswert und cool gemacht. Ein Produkt, das bisher den Sexappeal eines Klopapierhutes hatte, wurde quasi über Nacht zum angesagten Lifestyle-Produkt und hat im selben Atemzug gesunden Schlaf zum Holy Grail unserer Gesellschaft gemacht. Und Casper ist inzwischen in bester Gesellschaft: Aus England ist Simba dazugestoßen und die deutsche Emma mischt auch kräftig mit. Mir ist es nach wie vor ein Rätsel, wie es für einen Gebrauchsgegenstand wie eine Matratze einen so unersättlichen Absatzmarkt geben kann. Denn Schnäppchen sind die Produkte wahrlich nicht. Und mal ehrlich: Wie viele Matratzen kann ein Mensch in seinem Leben zerliegen?

Doch es geht schon lange nicht mehr nur um Matratzen. Schlafen als Lifestyle ist nämlich viel lukrativer als Schlafen als Zustand. Inzwischen ist eine ganze Industrie um dieses Thema gewachsen – die mitunter seltsame Früchte trägt. Brands wie Bynacht, This Works, Muun und Aurelia gehören zu den Ersten, die ihr Portfolio entsprechend angepasst haben. Es gibt Pillow Sprays mit ätherischen Ölen aus Lavendel und Vetiver. Öle aus Ylang-Ylang und Kamille sollen uns, auf die Schläfen aufgetragen, schnell und dennoch sanft in den Schlaf geleiten. Duftkerzen heißen jetzt Sleep Scents und lullen mit Duftessenzen von Weihrauch und Veilchen ein, bis uns die Augen zufallen. Aber nicht nur von außen können wir in Sachen Schlaf ordentlich nachhelfen. Die deutsche Ärztin Dr. Barbara Sturm, die sich mit ihrer gleichnamigen Pflege- und Kosmetikserie vor allem in Amerika einen Namen gemacht hat, hat jetzt ganz aktuell Sleep Food lanciert. Ein veganes Nahrungsergänzungsmittel, das durch eine Kombination von Antioxidantien sowie den Antistress-Vitaminen B1, B3 und B6 schlafunterstützend und beruhigend wirken soll. Ganz nebenbei soll die Haut über Nacht, also wortwörtlich im Schlaf, optimal regeneriert werden und von einem Anti-Aging-Effekt profitieren. Ylumi setzt ebenfalls auf Ruhe und Entspannung von innen. Die Sleep Kapseln des Berliner Labels enthalten unter anderem Baldrianwurzelextrakt, Melatonin und Melissenextrakt – zwei Kapseln am Abend sollen die Schlafqualität steigern.

Die Macher der Achtsamkeits-App Calm, mit 32 Millionen Downloads eine der erfolgreichsten Health-Apps in Apples iTunes Store, knüpfen sich nun den deutschen Markt vor. Calm nennt sich selbst die „führende App für Meditation, Entspannung und Schlaf.” Naturklänge, Meditationsübungen und exklusiv vom deutschen Schauspieler Sebastian Koch gelesene Geschichten, sollen hier den Nutzern und Nutzerinnen helfen, besser zu schlafen und mehr Achtsamkeit in ihr Leben zu bringen. Hört, hört! Sowieso geht das Thema Achtsamkeit mit dem neuen Schlaf-Hype Hand in Hand. Wer auf sich achtet, scheint zufriedener, konzentrierter, leistungsfähiger und glücklicher. Aber ist das wirklich so? Schlaf und Wohlbefinden sind zur wahren Wissenschaft für Gesundheit, Jugend und Zufriedenheit geworden. Man könnte fast darüber lachen, gleichzeitig hat es aber einen guten Grund, warum Schlafentzug als bewährte Foltermethode angewandt wird, oder? Unsere Gesellschaft leidet kollektiv an der Geschwindigkeit, die sie sich selbst aufoktroyiert hat. Höher, schneller, weiter – never not working ist kein einfach nur dahergesagter Satz. Es ist das Credo einer Generation geworden, die ihren Wert ausschließlich in der Leistung misst, die sie erbringt. Sieben-Tage-Wochen sind geil und wer nicht mitziehen möchte, ist faul.

Schlafen beschützt uns davor total Banane zu werden

Auch ich habe eine ganze Zeit lang gedacht, dass es absolut normal ist, für ein mickriges Gehalt bis in die Puppen vor dem Bildschirm zu sitzen und immer abzuliefern. Oftmals kam ich so spät von meinem unbezahlten Praktikum nach Hause, dass ich mit so banalen Dingen wie Einkaufen nicht mehr hinterherkam. Als Volontärin war ich auch am Wochenende immer erreichbar. Als Berufsanfängerin habe ich mir ohne Murren auch die unmöglichsten To-dos aufladen lassen. Mit Anfang dreißig sehe ich das alles etwas anders. Ich habe genug Erfahrung gesammelt, um mit dem nötigen Selbstbewusstsein an das Thema Arbeit heranzugehen. Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, was das viele Arbeiten mit mir gemacht hat und wie sich der Stress und der Druck auf meine Gesundheit und meinen Schlaf ausgewirkt haben. Und es war nicht zuletzt ein Interview mit einer Schlafexpertin, welches mir diesen Sommer so richtig die Kinnlade auf den Boden hat fallen lassen. Es verhält sich nämlich so, dass wir uns, während wir schlafen, nicht nur ausruhen und den Tag in Dalì-esken Sequenzen Revue passieren lassen. Tatsächlich benötigen wir die in mehreren Zyklen ablaufenden, 90-minütigen Schlafphasen auch, um unser Gehirn zu entrümpeln. Sprich: Unsere verknoteten Synapsen werden entwirrt und alle Leitungen wieder ordentlich gelegt. Schlafen beschützt uns davor, total Banane zu werden.

Laut Statista halten nur 14 Prozent der Deutschen die empfohlene Nachtruhe von mindestens acht Stunden ein. Immerhin 32 Prozent schlafen im Schnitt sieben Stunden, aber satte 17 Prozent bringen es gerade einmal auf fünf Stunden Schlaf pro Nacht. Übrigens braucht fast die Hälfte der Befragten rund eine halbe Stunde um einzuschlafen. Das ist ziemlich lang. Hinzu kommt, dass unser Schlaf oftmals von bescheidener Qualität ist. Ich bin also in bester Gesellschaft: Oft liege ich abends noch wach, denke an tausende Dinge gleichzeitig und kann nicht abschalten, geschweige denn in einen tiefen Schlaf finden.

Ist also etwas dran an diesem Lifestyle-Industriezweig, dessen Strippenzieher scheinbar nichts sehnlicher wollen, als uns gesunden, erholsamen Schlaf zu schenken? Hat es nicht bisher auch gut ohne Kerzen, Öl und sonstigen Tand geklappt? Oder braucht unsere verkopfte und leistungsorientierte Gesellschaft diesen fast esoterischen Wake-up-Call? Meine Antwort auf diese Frage lautet: Jein. Besagtes Interview hat mich nämlich dazu gebracht, mein eigenes Schlafverhalten genauer unter die Lupe zu nehmen. Und Junge, Junge, habe ich mir in die Tasche gelogen. Ich bin schon lange keine Partymaus mehr, aber von genügend Schlaf kann ich trotzdem nur träumen. Ich gehe viel zu spät ins Bett, stehe viel zu früh wieder auf und nehme mir eigentlich nie wirklich Zeit, um mal zur Ruhe zu kommen. 

Und ganz ehrlich: Wie oft scrollt ihr euch noch vor dem Einschlafen im dunklen Zimmer durch den Instagram-Feed? Wie viele Minuten und Stunden vor dem Schlafengehen beginnt ihr, euch auf die Bettruhe vorzubereiten? Wir werfen unseren Körper von einem Extrem ins andere und setzen ihm dem dauernden Pingpong von Adrenalin (Licht, Handy- und Computerbildschirme) und Melatonin (Ruhe, Dunkelheit, Entspannung) aus. Unser armer Kreislauf ist also immer himmelhoch jauchzend … oder läuft komplett auf Sparflamme. Das ist im Prinzip auch moderne Folter. Nur, dass wir uns das freiwillig und selbst antun.

Schlafen ist aus der Loser-Ecke gekrabbelt und auf das Siegertreppchen geklettert

Der Schlüssel zum Erfolg aka zu besserem Schlaf und mehr Achtsamkeit, liegt darin, das eigene (Schlaf-)Verhalten zu untersuchen und die zur Verfügung stehenden Produkte, Apps, Supplements und Mittelchen zielgerichtet einzusetzen. Wenn ihr abends noch lange wach liegt und nicht einschlafen könnt, versucht mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen das Licht zu dimmen und reduziert das Licht von Handy-, Tablet- und Computerbildschirmen auf ein Minimum. Am besten, ihr lasst sie ganz aus. Licht triggert Adrenalin und es ist egal, ob das Licht natürlichen, oder künstlichen Ursprungs ist. Versucht euer Abendessen etwa zwei Stunden vor dem Zapfenstreich zu euch zu nehmen. Statt bei Festtagsbeleuchtung zu lesen, macht eine kleine Lampe oder, noch besser, ein Hörbuch an. Pillow Sprays helfen mir tatsächlich dabei, besser zu schlafen. Der Lavendelduft beruhigt mich. Ich bin ebenfalls eine intensive Beziehung mit meiner Schlafmaske eingegangen, da ich so nicht mit den ersten Sonnenstrahlen wach werde. Ein kühler Raum, frische Luft und tatsächlich auch Pflanzen sorgen für ein perfektes Klima, um Körper und Geist herunter zu fahren. Needless to say: Alkohol und Zigaretten (und auch andere Drogen) blockieren unser Schlafhormon Melatonin. Wer einmal verkatert aufgewacht ist, weiß, wie fit man sich nach einer durchzechten Nacht trotz Schlaf fühlt: gar nicht gut. Schlafkerzen stehen noch auf meiner Liste!

Woher ich das alles weiß? Recherche, Gespräche mit Profis und Selbstversuche. Denn wenn der ganze Hype um Schlaf, all die Panel Talks, neuen Produkte, Studien und Matratzen mit seltsamen Namen eines geschafft haben, dann, dass Schlafen aus der Loser-Ecke gekrabbelt und auf das Siegertreppchen geklettert ist. Und zwar auf den ersten Platz. Man muss sich nicht mehr dafür rechtfertigen, dass man „heute mal früh ins Bett geht.” Me-time und Ausruhen sind heutzutage sogar erstrebenswerte Beschäftigungen geworden und werden mit Anerkennung und nicht selten auch neidvollen Blicken belohnt. Ich sehe diesen plötzlichen Fokus der Lifestyle-Industrie auf unseren Schlaf als Hilfe zur Selbsthilfe. Denn wenn der Wille nicht da ist, helfen auch kein Casper, keine Emma oder 100 Liter Lavendel-Öl. Aber sie sind schon mal ein Anfang.

Für euch habe ich die einschläferndste Playlist der Welt erstellt. Außerdem findet ihr noch mal alle Produkte aus dem Artikel in der Galerie:

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