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Ein Interview mit artburst Berlin

Eigens konzipierte, selbstorganisierte Ausstellungen gestalten und aufstrebende Künstler*innen fördern? Einmal im Leben Kurator*in sein? Unbedingt – aber wie? Der Kunst- und Kulturverein artburst Berlin ist ein Kollektiv junger Menschen, die durch ihre Arbeit eine alternative Plattform für Kunst bieten möchten. Sie sind an keine Institution und an keinen Ort gebunden und organisieren ihre Ausstellungen ehrenamtlich. 

Ich treffe die beiden Vorstandsmitglieder Jennifer Meiser und Laura Wolf in einem Café in Berlin, um mit ihnen über den Verein und ihr Engagement in der Kunstwelt zu sprechen.

Foto: Pablo Hermann

Hallo, ihr zwei. Im September erst ist euer letztes Projekt unter dem Namen „Biopsie verwirklicht worden. Seit wann gibt es artburst Berlin und was genau ist die Idee dahinter? 

J: In Berlin gibt es uns seit 2013, damals hießen wir noch Art van Demon Berlin. Eine Kommilitonin von uns, die den studentischen Kunstverein Art van Demon in Heidelberg gegründet hat, hat uns damals quasi nach Berlin importiert. Der aktuelle innere Kern unserer Gruppe ist seit 2014/15 dabei. Vor zwei Jahren haben wir uns dann in artburst Berlin umbenannt, da sich unser Konzept ein bisschen geändert hat und die früheren Mitglieder nicht mehr dabei waren. 

L: Wir wollten uns erneuern, waren ein komplett anderes Team und dachten uns: Wir sind in Berlin, wir sind anders. Unser Verein beschäftigt sich mit zeitgenössischen aktuellen Themen – auch Berlin spielt eine wichtige Rolle. Wir haben artburst Berlin zu unserem eigenen Projekt gemacht.  

J: Die Idee des Vereins ist es, während des Studiums mehr Praxiserfahrung sammeln zu können. Man macht zwar oft viele Praktika, steht aber häufig nur daneben und kann keine Entscheidungen treffen oder sich einbringen. So entstand die Idee für einen studentischen Kunstverein.

„Man lernt die Struktur des Kunstbetriebs kennen und darf sich selbst organisieren.“

Ihr seid also ein Verein speziell für junge Menschen und Studierende. Wie genau kann man bei euch mitgestalten?

L: Das Tolle an den bei uns verwirklichten Projekten ist, dass man sich alle Aufgaben selbst erarbeiten kann. Man lernt die Struktur des Kunstbetriebs kennen und darf sich selbst organisieren. Dabei kann man seine eigenen Ideen einbringen. Das Projekt wird von Jahr für Jahr größer und professioneller, aktuell produzieren wir einen Katalog zu allen bisherigen Ausstellungen.

J: Gerade erst hatten wir einen Open Call für neue Mitglieder, die aktiv mitarbeiten wollen. Dadurch, dass viele Mitglieder Studierende sind, gibt es natürlich eine hohe Fluktuation: Viele machen Erasmus, gehen ins Ausland oder beginnen einen festen Job. Aber wir haben auch Mitglieder, die fertig sind mit ihrem Studium und immer noch dabei sind. Es ist alles eine Frage des Zeitmanagements. Die Arbeit ist schon sehr zeitintensiv, wenn man aktiv mitgestalten will. Das sollte man nicht unterschätzen. 

L: Nicht ohne Grund studiere ich noch immer (lacht)! Man muss natürlich häufig abwägen, wie viel Zeit man investieren kann. Oft braucht es Leute, die pushen und die Sache vorantreiben. Jede*r kann eine Sache besonders gut und jede*r kann seine Ideen einbringen. Wir treffen uns meist einmal die Woche, viele von uns sind mit der Zeit Freunde geworden. Wir streiten uns aber auch, das gehört eben dazu. 

J: Viel ist learning by doing, zum Beispiel Photoshop oder die Arbeit an der Website. Das Ziel ist es, die Dinge zu lernen. Zum Beispiel Durchsetzungsvermögen, Diplomatie und Argumentation innerhalb der Gruppe. Am Ende hat man dann dieses Erfolgserlebnis, selbst etwas auf die Beine gestellt zu haben. 

Foto: Tekla Mellau

Kann man sich bei euch auch engagieren, wenn man sonst wenig oder nichts mit Kunst am Hut hat?

J: Auf jeden Fall! Eigentlich bräuchten wir viel mehr Jura- oder BWL-Studierende, Marketing-Erfahrene oder Menschen, die sich mit PR oder Grafik auskennen. Viele Mitglieder studieren Kunstgeschichte oder –wissenschaften, das stimmt. Wir müssen auch mal betonen, dass auch Männer willkommen sind – Männer sind deutlich unterrepräsentiert bei uns. 

L: Wenn man nicht genug Zeit hat, aber den Verein unterstützen möchte, kann man außerdem passives Mitglied werden. Das ist sehr günstig und man kann die Mitgliedschaft jederzeit kündigen. Ansonsten hilft es uns sehr, wenn viele Leute zu unseren Ausstellungen kommen und dort bei den zum Thema passenden Tombolas mitmachen oder spenden. Und natürlich viel, viel trinken (lacht)!

Ihr wechselt eure Locations stetig, bezeichnet das als „Kunstnomaden“. Was hat die Umgebung oder der Kiez für eine Auswirkung auf die jeweilige Ausstellung?

L: Dieser Begriff ist eher aus der Not geboren. Aber es stimmt: Wir sind an keine feste Institution gebunden und haben keine eigenen Räume. Für jedes Projekt sind wir neu auf der Suche und müssen netzwerken. Dadurch erleben wir eine große Vielfalt an Locations, entdecken neue Räume und können unterschiedliche Ideen umsetzen. Auf der anderen Seite kann man schlecht langfristig planen und die Suche ist oft sehr zeitaufwändig. Auch die Bedingungen sind immer unterschiedlich. Dann haben wir an einem Ort zum Beispiel mal kein Licht oder keine Boxen. Wir sind zwar nirgendwo „Zuhause“, erweitern dadurch aber auch ständig unser Netzwerk und unser Publikum. Leute aus Friedrichshain wären vielleicht nicht zu uns gekommen, wenn wir fest im Wedding säßen. Durch Kooperationen, wie zum Beispiel mit dem Literaturhaus Lettrétage am Mehringdamm, erweitert sich unser Publikum und wir können von deren Erfahrungen profitieren. Der Austausch inspiriert uns sehr. Oft muss man lernen, Probleme kreativ zu lösen - diese Herausforderungen machen es aber auch spannend.

Foto: artburst Berlin

Ist so ein „Kunst Pop-up“ in Zeiten von Schnelllebigkeit und Wandelbarkeit ein Modell der Zukunft? 

J: Der Begriff Pop-up ist zwar schon ziemlich ausgelutscht, aber im Prinzip ist es genau das, was wir machen. Der Hauptgrund, warum wir keinen eigenen Raum haben, ist, dass wir uns auf die Art die Fixkosten sparen. 

L: Große Institutionen planen Jahre im Voraus - wir organisieren alles sehr kurzfristig. Auch unsere Ausstellungen sind nur für kurze Zeit zu sehen, wir würden es sonst zeitlich gar nicht schaffen, da wir alle nebenbei arbeiten oder studieren. Drei Wochen Ausstellungsdauer sind für uns schon eine lange Zeit. 

Was unterscheidet euch noch von etablierten Institutionen?

J: Wir bekommen keine reguläre Förderung oder finanzielle Unterstützung, wir fördern uns selbst durch den Mitgliedsbeitrag. Der Hauptanteil wird allerdings durch Getränkesponsoring finanziert. Wir arbeiten mit jungen Startup-Unternehmen zusammen, die sich in Berlin etablieren wollen. Die Ausstellungen und unser Rahmenprogramm, wie Filme und Performances, sind aber trotzdem kostenlos zu besuchen. Wir versuchen jedes Jahr Kulturförderung zu bekommen. Letztes Jahr hat das zwar funktioniert, die Förderung galt aber nur für ein einziges Projekt.

L: Im Jahr darauf hat es nicht mehr geklappt. Die Suche nach solchen Förderprogrammen ist sehr schwierig und langwierig.

J: Oft scheitert es daran, dass wir nicht langfristig genug planen können. Die Preise oder Stipendium werden oft ein bis zweit Jahre im Voraus vergeben. Wir kalkulieren also eher so, dass wir alles selbst finanzieren müssen. Daher ist es auch ein Ehrenamt und wir selber nehmen nichts ein. 

„Meistens hat man die Wahl: Freiheit oder Geld.“

Euch guckt also niemand auf die Finger, was die Umsetzung von Ausstellungen angeht?

L: Wenn man Förderung beantragt, wird man eingeladen und macht einen Pitch. Für unser Projekt „thank you for sharing“ haben wir die Förderung bekommen, aber für unser letztes Projekt „It’s my pleasure wurde die Förderung aufgrund des Themas abgelehnt. Das ist dann das Schöne an unserem Verein: Wir machen das einfach trotzdem. Uns ist es auch egal, ob jemand die große Gurke im Header unangebracht oder nicht seriös genug findet. Wir müssen uns nicht rechtfertigen oder Dinge „von oben“ absegnen lassen, wie es in jedem Museum der Fall wäre. Dort haben ja die Leute im Vorstand das letzte Wort. Wir können sehr frei sein und auch einfach mal was riskieren. Und „It’s my pleasure“ kam sehr gut an. Wir hatten gute Künstler*innen und gute Texte und es wäre schade gewesen, wenn die Ausstellung nicht zustande gekommen wäre. Natürlich wird es dann später schwierig für uns, wenn wir einen Job suchen: Wir sind diese komplette Freiheit jetzt schon so gewohnt. Aktuell können wir uns vollkommen ausleben, im späteren Job ist das leider selten der Fall. Meistens hat man die Wahl: Freiheit oder Geld. 

J: artburst Berlin ist Teil des Netzwerks Junge Kulturvereine Berlin, zusammen mit den Nachwuchsvereinen großer Institutionen, wie beispielsweise dem Jungen Freundeskreis der Berliner Philharmoniker, Jung&Artig von der Berlinischen Galerie oder den Jungen Kaisern von der Gemäldegalerie und dem Bodemuseum. Dadurch werden die unterschiedlichsten Projekte verwirklicht, zum Beispiel Führungen oder Atelierbesuche. Viele Institutionen kümmern sich leider kaum um ihre jungen Vereine, die Nachwuchsförderung ist oft ein riesiges Problem der großen Museen. Das ist wirklich traurig, denn in diesen Nachwuchsvereinen sind junge Leute, die viel können, Lust und gute Ideen haben. 

Gibt es denn gar keine Hierarchie bei euch?

L: Wir sind absolut demokratisch – bei uns entscheidet die Gruppe. Es braucht lediglich eine Person, die bei endlosen Diskussionen den Schlussstrich zieht und den groben Überblick hat. 

J: Ohne Leitung würde es trotzdem nicht funktionieren. Dafür müssten alle super organisiert und engagiert sein. Aber unsere Aufgabe als Leitung ist es auch, bestimmte Dinge abzugeben oder zu delegieren. Sonst macht man am Ende alles selber. 

Wie werdet ihr auf Künstler*innen aufmerksam? Seid Ihr selber als Scouts tätig oder bewirbt man sich bei euch? Wie verläuft das Procedere?

J: Wir überlegen uns ein Ausstellungsthema und machen Open Calls. Meistens wählen wir junge Künstler*innen aus, die gerade ihren Abschluss machen, an der Universität der Künste in Berlin beispielsweise. Aber auch Studierende aus Hamburg, Stuttgart oder München. Natürlich müssen Künstler*innen nicht genau das erfüllen, was wir uns vorstellen. Wir wollen nichts vordiktieren. Wenn sie aber sowieso an einem ähnlichen Thema arbeiten, können sie sich damit bei uns bewerben. Das, was wir als Kurator*innen wollen, soll sich mit den Vorstellungen der Künstler*innen decken.

L: Bei „It’s my Pleasure“ zum Beispiel sollte es ja thematisch um Sexpositivity gehen. Viele haben dann Arbeiten zu negativen Belangen eingereicht, zum Beispiel zu Missbrauch. Natürlich waren da gute Arbeiten dabei, aber es war leider nicht das Thema. In solchen Fällen müssen wir leider absagen, aber wir merken uns die Namen für spätere Projekte. 

J: Wir können den Künstler*innen natürlich leider kein Honorar bezahlen oder den Transport der Kunstwerke. Auch für den Aufbau ist wenig finanzielle Hilfe da, oft packen wir dann alle selber mit an. 

„Die Nachwuchsförderung ist oft ein riesiges Problem der großen Museen.“

Foto: artburst Berlin

Doof gefragt – was ist denn dann der Vorteil für Künstler*innen, mit euch auszustellen? 

J: Sie können von unserem Netzwerk profitieren und werden von uns promotet. Unsere Besucherzahlen sind relativ hoch und das hilft natürlich, einen gewissen Bekanntheitsgrad und Kontakte zu bekommen. Außerdem ist es eine gute Übung, mit dem Ausstellen in Berührung zu kommen. Wie läuft die Kommunikation? Wie baut man auf und ab? Bis jetzt haben sich alle Künstler*innen gut betreut gefühlt, wir kriegen zum Glück viel positives Feedback. Es gibt immer eine Person als Ansprechpartner*in für die Kunstschaffenden, wir sind für alle Probleme oder Fragen offen. Auch die Kataloge, die wir aktuell produzieren, sind natürlich sehr hilfreich für das Portfolio. 

L: Es ist mittlerweile oft so, dass man als Künstler*in bezahlen muss, um auszustellen. Teilweise bezahlt man sogar bereits für die Bewerbung eine Gebühr. Bei uns ist das umsonst. Wenn man frisch aus der Uni kommt und noch keine Galerie hat ist das ein guter Deal. Wir nehmen keine Provision für verkaufte Werke. Außerdem versuchen wir so viel wie möglich Pressearbeit zu machen, Artikel oder Interviews zu bekommen.  

Foto: Evgenia Yakushina

Von Skulptur und Fotografie, über Videokunst bis zu neuen Medien ist in euren Ausstellungen alles vertreten. Habt ihr eine Lieblingsdisziplin?

J: Nach den Open Calls wählen wir gemeinsam als Gruppe die Kunstwerke aus, die wir zeigen möchten. Dabei wird oft sichtbar, wie unterschiedlich unsere Geschmäcker innerhalb des Vereins sind. 

L: Überwiegend sind neue Medien, Videoarbeiten und Installationen bei uns vertreten. Klassische Malerei ist meistens etwas unterrepräsentiert. Natürlich versuchen wir ganz objektiv zu entscheiden. Aber es sollen verschiedene Themenbereiche beleuchtet werden und die Arbeiten sollten zusammen passen. 

J: Ich gucke auch, ob wir eine Zukunft bei dem Künstler*in sehen: Unser Ziel ist, Karrieren zu fördern. Das Portfolio und die Bewerbung müssen uns überzeugen. 

Und was ist bei artburst Berlin in der nächsten Zeit geplant?

J: Gerade ist unsere Ausstellung „Biopsie“ zu Ende gegangen, der Katalog befindet sich im Druck. Wir sammeln gerade neue Ideen. Vielleicht machen wir auch mal eine Einzelausstellung, bisher gab es bei uns nur Gruppenausstellungen. Außerdem haben wir im Moment viele neue Mitglieder, die sich einbringen wollen. Das muss sich erst alles einpendeln – und dann beginnen wir mit der Planung für die nächste Ausstellung.  

Vielen Dank für das spannende Gespräch und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!

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    Pablo Herrmann

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