„Die Chroniken von Na ja“ – Das Fazit nach 2 Jahren als Freelancerin

Und warum ich trotzdem nicht daran denke, das Handtuch zu werfen

Also er hätte da jetzt mal Einspruch eingelegt gegen die Steuerbescheide. Und bezüglich der Gewerbesteuer wird er einen Antrag auf Aussetzung der Vollziehung stellen. Ich lese mir die E-Mail von meinem Steuerberater zum fünften Mal durch, verstehe noch immer nur Bahnhof und komme mir gleichzeitig vor wie eine Schwerverbrecherin. Solche Begriffe kenne ich nur aus Vorabendkrimis oder geskripteten Gerichtssendungen.

Schließlich mache ich das, was ich seit einer ganzen Weile immer dann mache, wenn ich zu müde bin, um die wieder neuen bürokratischen Stolpersteine meines beruflichen Daseins aus dem Weg zu räumen. Ich suche nach Ziffern. Ziffern, die ich zusammenaddiere und deren Summe ich dann mit der Deckung meines Steuerkontos abgleiche. Bisher glücklicherweise mit Erfolg. Aber ich beginne doch langsam dieses Konstrukt zu hinterfragen, das mir das Gefühl gibt, 24/7 zu arbeiten, nur um es gerade einmal zu schaffen, meine laufenden Kosten in den Griff zu bekommen. Ich fühle mich wie Mickey Mouse als der Zauberlehrling in „Fantasia“, der verzweifelt versucht, gegen die abertausenden, Wassereimer kippenden Besen anzukämpfen, die er selbst geschaffen hat. Die Geister, die ich rief und so.

Dabei kann ich von mir behaupten, dass ich relativ gut vorbereitet in meine Selbstständigkeit gestartet bin. Es war eine bewusste Entscheidung, kein Hineinstolpern. Ich habe mich erfolgreich um einen Gründungszuschuss und einen Steuerberater gekümmert und vorab mit so vielen Selbstständigen wie möglich gesprochen, um mir Tipps und Tricks einzuholen. Die drei besten Ratschläge?

1. Beantrage den Gründungszuschuss! Egal, wie sehr dich das Arbeitsamt auch entmutigen will: im Topf ist genug Geld für alle!

2. Eröffne ein Konto, das du ausschließlich für deine Steuerangelegenheiten verwendest. So kommt nichts durcheinander.

3. Lege konsequent von jeder bezahlten Ausgangsrechnung 40 Prozent beiseite (inklusive der 19 Prozent Mehrwertsteuer).

Mein persönlicher vierter Tipp an alle unter euch, die den Schritt Richtung mehr Selbstbestimmung und Existenzangst wagen wollen, lautet ganz klar: sucht euch eine*n Steuerberater*in, der*die nicht nur konsequent verlässlich ist, eine Engelsgeduld hat und sich auch mal am Telefon von euch das Ohr vollseiern lässt. Sondern sucht vor allem jemanden, der*die seinen Job zu 100 Prozent ernst nimmt. Eine verlässliche Person, für die eigenen Steuerangelegenheiten zu haben ist quasi der Ehevertrag der Selbstständigkeit. Das Netz mit doppeltem Boden. Die Rückholschnur des Tampons. Euer Airbag. Ihr wisst, worauf ich hinauswill.

Freelancen ist wie Chili: Meistens brennt es zweimal

Am Anfang lief alles erstaunlich gut. Mit der monatlichen Finanzspritze in Form des Gründungszuschusses waren meine Fixkosten gedeckt und ich konnte mich auf meine Kundenakquise konzentrieren. Wie besessen schickte ich Angebote raus, ging auf Lunchdates mit potenziellen Geschäftspartnern und betrieb ordentlich Mundpropaganda im eigenen Namen. Dieses Netzwerken, es funktionierte. Der Rubel rollte. Bergab.

So kam der Sommer 2017 und Freunde, es gibt nichts Besseres, als sich selbst mal einen Tag freizugeben und an den See zu fahren. Oder einfach Urlaub nehmen zu können, ohne sich mit Kolleg*innen abstimmen zu müssen. Oder länger liegenzubleiben, weil man am Vorabend an einem Negroni zu viel genuckelt hat. Das ist allerdings nur so lange great fun, bis man anfängt wirtschaftlich zu denken. Bis sich dieses „Zeit ist Geld“ zwischen die Synapsen klammert und sich mit mehreren Karabinerhaken unverrückbar installiert.

Zeitgleich kriecht das schlechte Gewissen aus seinem dunklen Loch. „Wieso liegst du noch im Bett, Lisa? Wer trinken kann, kann auch arbeiten, hopp hopp!" - „Aber ich mache heute doch länger und habe keine Termine!“ – „Mag sein, aber du könntest auch länger machen und trotzdem jetzt schon anfangen. Dann schaffst du noch mehr ... stell dich doch nicht dumm!“

Vielleicht ist es meinem Charakter geschuldet, aber ich warf das Strandhandtuch beiseite und arbeitete in der zweiten Jahreshälfte 2017 wie eine Verrückte – und es zahlte sich aus. Ich upgradete mein Leben auf eine erste eigene Wohnung, verabschiedete mich von meiner WG und kaufte mir einen Hund. Meine Ausgaben hatte ich im Griff, meine Einnahmen auch – das Leben war stressig, aber schön.

Bis? Ja, bis Ende vergangenen Jahres. Freelancen ist nämlich wie Chili: Es brennt zweimal. Und während du mit dem Jahr 2017 schon auf wirklich allen Ebenen abgeschlossen hast, fängt das Finanzamt erst richtig an zu wühlen. Plötzlich kamen all die Wasserleichen an die Oberfläche, für deren Tod ich zwar nicht verantwortlich war, bei deren Hinrichtung ich von Amtswegen aber anscheinend mindestens die Tatwaffe besorgt hatte.

Das zweite Jahr ist das Schlimmste, sagen alle – es stimmt

Das zweite Jahr ist immer das Schlimmste, so lautet eine ungeschriebene Freelancer-Weisheit. Und was soll ich sagen, es stimmt. Ich habe die letzten drei Monate von 2018 im Prinzip damit verbracht, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um all die hungrigen Mäuler zu stopfen, die mir plötzlich entgegen gereckt wurden. 900 Euro Mehrwertsteuer von einer nicht korrekt abgerechneten Ausgangsrechnung irgendwann im Mai 2017 hier. 2000 Euro Einkommensteuernachzahlung da. 1500 Einkommenssteuervorauszahlung vielleicht noch? Oder 550 Euro dafür, dass mein neuer Steuerberater die Scherben seines Vorgängers in liebevoller Kleinstarbeit aufgekehrt hat (danke dafür noch mal an dieser Stelle!). Und die anfängliche Freude über die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse ist inzwischen der Resignation gegenüber der Tatsache gewichen, dass meine monatlichen Beiträge die Höhe meiner Wohnraummiete fast erreicht haben.

Wenn Freelance Freiheit bedeutet, dann ist diese Freiheit wirklich teuer erkauft. Man lebt im Prinzip täglich mit Existenzängsten, hat den Taschenrechner immer zu Hand und kennt nicht nur die Daten aller seiner fünf Konten auswendig, sondern checkt mindestens dreimal am Tag, wie viel Geld eigentlich gerade auf jedem geparkt ist. Meine Einstellung gegenüber meinem Kontostand als Angestellte lautete da eher: solange Geld aus dem Automaten kommt, wird es schon passen. Tja, die Zeiten sind vorbei. Ich gucke mir die blutigsten Horrorfilme an und schlafe danach wie ein Baby. Aber eine rote Zahl mit einem „S“ für „Soll“ dahinter in der Anzeige des Geldautomaten bereitet mir schlaflose Nächte und ist mein ganz persönlicher Albtraum.

Diese Frau denkt gar nicht daran, das Handtuch zu werfen

Nicht nur einmal habe ich darüber nachgedacht, die ganze Scheiße hinter mir zu lassen. Die Existenzängste. Das schlechte Gewissen bei jedem Teil, das ich mir kaufe, bei jedem Essen gehen (ist das wirklich nötig?). Das ständige Rechnen und Kontostand-Checken. Die abertausenden Enttäuschungen, wenn man dachte, man hat das System verstanden, nur um von selbigem dann mit den dreckigen Fingern ins Auge gepiekst zu werden. Die allmonatliche Umsatzsteuererklärung, gegen die eine Wurzelbehandlung ein Tag im Spa ist.

Immer, wenn ich kurz davor bin aufzugeben, hebe ich den Kopf und gucke über mein kleines chaotisches, in liebevoller Kleinstarbeit und im Schweiße meines Angesichts aufgebautes Königreich. Ich denke an die ehrfürchtigen Blicke, wenn mein Gegenüber erfährt, dass ich es in die KSK geschafft habe. Ich denke an die putzige E-Mail meiner Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt, in der sie mir alles Gute wünscht – nachdem sie mir wenige Wochen zuvor noch an den Kopf geworfen hatte, dass ich es nicht schaffen werde. Ich denke an die GmbH, die ich gemeinsam mit Marie gegründet habe, natürlich an Beige und das Privileg, nicht von morgens bis abends an fünf Tagen in der Woche im selben Büro sitzen zu müssen.

Und dann denke ich: Nö. Ganz sicher nicht. Diese Frau ist noch nicht fertig mit dem Thema. Ich gebe erst auf, wenn der Gerichtsvollzieher das nicht vorhandene Fernsehgerät aus meiner Wohnung getragen hat und ich meinen Hund verkaufen muss – was, da bin ich mir sicher, niemals der Fall sein wird.

Meine 5+1 Tipps für ein einigermaßen entspanntes Freelancer-Dasein

1. Setzt euch mit eurem Kontostand auseinander. Heißt: guckt regelmäßig ins Onlinebanking und macht das vor allem, wenn ihr darüber nachdenkt, diese Celine Sneaker bei Vestiaire Collective zu kaufen. An diesem Wissen führt kein Weg vorbei und ihr werdet euch an diese harte Realität gewöhnen.

2. Öffnet alle Briefe und kümmert euch direkt um alles, was Steuern und Nachfragen von Ämtern angeht. Es führt kein Weg daran vorbei, also bringt es lieber direkt hinter euch.

3. Informiert euch in Sachen Versicherungen. Eine Arbeitslosenversicherung kann in den ersten drei Monaten der Selbstständigkeit direkt beim Arbeitsamt abgeschlossen werden. Wer nicht in der KSK ist, sollte sich spätestens nach einem Jahr mal mit dem Thema Rente auseinandersetzen.

4. Solltet ihr nicht in die KSK kommen, sprecht mit eurem Versicherer über eine einkommensabhängige Beitragsbemessung. Ist ein bisschen Papierkram, wird sich aber auszahlen, da eure Beiträge entsprechend eures realen Umsatzes berechnet werden.

5. Lasst eure Steuerlasten per SEPA-Lastschriftverfahren einziehen und geht einfach nicht an euer Steuerkonto heran. Tut so, als wäre es ansonsten gar nicht da und als wäre das Geld darauf nicht eures (was auch zum Großteil stimmt).

Extra-Tipp: Geld kommt und Geld geht und wenn die Auftragslage mal nicht so rosig aussieht, verfallt nicht gleich in Panik. Wenn ihr immer 40 Prozent jeder Ausgangsrechnung beiseite gelegt habt, solltet ihr ein ausreichendes Polster haben, um Engpässe zu überstehen. Wichtig ist: Zum Ende des Monats müssen alle Umsatzsteuerbeträge bereitstehen und zum Ende des Jahres muss das Polster für die Einkommenssteuer wieder aufgefüllt werden. Ihr habt also laufende Schonfristen und könnt, wenn es dann wieder besser läuft, das ausgegebene Geld zurück auf euer Steuerkonto packen.

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