Im Gespräch mit dem Grafikdesigner Michael Satter – „Ich liebe es, Regeln zu haben!“

Warum weniger oftmals mehr ist und warum Grafik, Mode, Musik und sogar Gedichtbände oftmals Hand in Hand gehen

Es gibt diese Menschen, die ihre Finger gefühlt überall im Spiel haben und irgendwie auch alles können. So einer ist Michael Satter. Der Grafikdesigner aus Frankfurt hinterlässt seit ein paar Jährchen erfolgreich seine Spuren in der Musik-, Kultur- und Modewelt. Für Kunden wie Rimowa oder Prag PR entwickelt er die Corporate Identity, vor dem Weltkulturen Museum in Frankfurt hängt sein Konzept für das Ausstellungsdesign und sein kreativer Output ist vom Artwork des berühmten Robert Johnson Clubs nicht mehr zu trennen.

Das Besondere? Michael Satter braucht für seine Art der Kommunikation verdammt wenig. Wenig Farben, wenig Text, wenig Typo, dafür aber ein Auge für Komposition und viel Humor. Grafikdesign ist eine universelle Sprache und Michael spricht sie fließend – während er nebenher noch zwischen Frankfurt und Berlin pendelt und einmal im Monat eine eigene Radioshow wuppt. Wann man mal ballern muss, als welche Font er an Karneval gehen würde und warum es in Sachen Guiltiness keine Reue gibt, darüber haben wir mit Michael Satter gesprochen. Am Ende vom Interview gibts noch was auf die Ohren, seid gespannt!

Was bedeutet Grafikdesign für dich?

Gott sei Dank kann ich sagen, dass Grafikdesign meine Berufung ist und nicht nur irgendein Job. Ich habe das Glück, damit mein Leben zu finanzieren, meine Interessen und meine Kreativität auszuleben, neue Themen kennenzulernen und mich mit Menschen zu verbinden.

Wir haben bereits mit Eike König oder Stefan Marx gesprochen, die ihre Arbeiten in der Kunst verorten – wo siehst du dich?


Ich sehe mich eigentlich eher im Design, da meine Projekte überwiegend aus einem Auftrag entstehen. Generell gibt es in meinen Arbeiten definitiv einen starken künstlerischen Ansatz, den man vielleicht jetzt nicht so in einer klassischen Designagentur findet. Zum Teil arbeite ich auch an freien Projekten, die ohne Auftrag entstehen, wie zum Beispiel an einem Gedichtbuch namens „Gute Wörter in schlechten Zeiten“, das ich letztes Jahr herausgebracht habe. Dort verschmelzen die Welten aus Kunst und Design. Ich denke, dass man teilweise die Arbeiten in beiden Bereichen positionieren kann.


Ist es dir überhaupt wichtig, hier eine Abgrenzung zu ziehen?


Mir persönlich ist das nicht so wichtig, da ich das auch nicht so definieren will. Ich finde es gut, an bestimmten Stellen wie ein Designer zu agieren und an anderen Stellen wie ein Künstler. 


Du arbeitest vorwiegend über Typografie. Erzähl uns mehr darüber, wie eine bestimmte Schrift eine ganze Aussage unterstreichen, ein Statement machen oder Emotionen vermitteln kann.

Ich liebe einfach Schrift, da sie in so unendlich vielen Bereichen einsetzbar und formbar ist. Wir sprechen hier über ein ganzes Universum an Möglichkeiten. Um mit Typografie eine Aussage zu unterstreichen oder ein Statement zu machen, stellt sich erst die Frage, was soll damit unterstrichen werden? Ein Statement kommt aus der Idee heraus. Da gibt es nicht so richtig eine pauschale Formel, was auch das Tolle daran ist. Ich persönlich mag die einfachsten Schriftarbeiten. Sie lösen bei mir die stärksten Emotionen aus und es ist im Prinzip auch ein Statement, so reduziert zu arbeiten. Wie gesagt, ist es aber immer Kontextabhängig. Manchmal muss man auch alles zuballern, wenn es die Sache erfordert.


Wenn du eine Schriftart wärest, welche wäre es?

Ich könnte nicht nur eine Schrift sein. Es müsste auf jeden Fall ein guter Mix aus modern und klassisch sein.
 Helvetica und Times würde ich sagen. Gerne auch beides zusammen.

Eine weitere wichtige Rolle spielen bei dir Farben, wobei du immer relativ monochrom arbeitest: Warum?


Ich denke, das liegt daran, dass ich eine sehr reduzierte Arbeitsweise habe. Oft überlege ich, was ich in einer Arbeit noch weglassen kann. Daraus ergibt sich, dass ich am Ende mit sehr wenigen Elementen wie Schrift, Bild sowie Farbe arbeite.


„Manchmal muss man auch mal alles zuballern, wenn die Sache es fordert.“

Hat deine Arbeit sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und hast sich durch deinen Job als Dozent deine Perspektive geändert?

Meine Art zu arbeiten bleibt sich in vielen Punkten treu. Das zeichnet auch meinen Stil aus. Mich weiterzuentwickeln ist mir auf jeden Fall sehr wichtig. Ich habe da aber nicht so einen formalen Zwang. Ich mag es nicht, etwas nur zu machen, weil es gerade ein Trend ist. 
Wenn sich aus der Arbeit heraus etwas Neues entwickelt und ein tolles Ergebnis entsteht, macht mich das sehr happy und ich bekomme auch eine neue Sichtweise. Als ich drei Jahre lang Dozent für Typografie gewesen bin, hat sich das natürlich auch auf meine Arbeit ausgewirkt. Ich musste bei den Student*innen sehr scharf hinsehen und begründen, warum ich diese oder jene Meinung habe. Dadurch habe ich auch viel gelernt und meine Perspektive erweitert.


Wie gehst du an ein neues Projekt heran, wie ist der Ablauf, hast du Rituale und welche Jobs würdest du immer absagen?


Generell schaue ich erstmal, um was es sich thematisch bei einem Projekt handelt. Um mehr Informationen darüber zu bekommen, habe ich eine Research-Phase. Dort setze mich inhaltlich und formal mit der Aufgabenstellung auseinander und sammle alles, was mir dabei hilft, auf eine visuelle Idee zu kommen. Manchmal finde ich auch etwas Spannendes in meinen über die Jahre gesammelten Archiven. Ich habe ein Sammelsurium aus gefundenen „Dingen“, die mich inspirieren – von alten Büchern, über Fotografieren bis hin zu Texten. Im Prinzip komme ich aber auch über das Machen zu den Ideen. Wenn ich in einer Idee Potenzial sehe, arbeite ich sie aus und stelle sie dann vor. Wenn ich einen Treffer gelandet habe, gibt es eine finale Umsetzung. Eine gute Kommunikation und Vertrauen halte ich im kompletten Prozess für sehr essenziell. Es kommt aber auch mal vor, dass ich Anfragen schon ziemlich früh absage. Da merke ich z.B., dass es überhaupt nicht zu mir passt, es im Vorfeld eine chaotische Kommunikation gibt oder das Budget dem Arbeitsaufwand nicht gerecht wird.

Für wen würdest du wiederum unheimlich gerne arbeiten?

Oh, die Liste ist lang ... Ich liebe Parfüm, deshalb würde ich gerne mal für einen Parfümhersteller ein komplettes Design entwickeln, vom Flakon über das Label bis hin zur Kampagne. 


Für das Robert Johnson hast du Plattencover und Plakate entworfen, für Berliner Agenturen die CI designt und für globale Modemarken wie Rimowa gearbeitet: Wo ist die meiste Kreativität möglich und wie wichtig ist es dir, möglichst frei zu arbeiten?


Ich denke, dass Kreativität überhaupt nicht damit zusammenhängt, für welches Brand man arbeitet. Gerade, wenn es Regeln gibt, muss man ja kreativ werden. Ich liebe es Regeln zu haben – und diese dann auch wieder zu brechen. 


Hast du Vorbilder und was inspiriert dich?


Ich würde eher sagen ich habe weniger Vorbilder, sondern mehr Inspirationsquellen. Aber von diesen gibt es so unendlich viele. Mich kann irgendwie alles inspirieren – vom Banalsten bis zum Ausgeklügelten. 


Du pendelst zwischen Frankfurt am Main und Berlin, worin unterscheidet sich der Vibe der beiden Städte und was ist generell dein „Happy Place“?


Frankfurt ist viel überschaubarer als Berlin, was es irgendwie ruhiger und entspannter macht. In Berlin ist der Vibe da schon viel rauer und chaotischer und die Stadt ist natürlich auch viel, viel größer. Das alles will ich aber auch nicht als „gut“ oder „schlecht“ werten. Mir ist es wichtig, bei den Menschen zu sein, die mich happy machen. So finde ich also in beiden Städten meine „Happy Places“.

Privat und beruflich bist du stark mit der Frankfurter Musikszene verwoben. Inwiefern passen für dich (elektronische) Musik und Grafikdesign zusammen?


Vor zehn Jahren hatte ich mit zwei befreundeten DJ-Kollegen eine Partyreihe namens Frequency Without Control, auf der wir ziemlich viel Chicago House, High NRG und Italo Disco gespielt haben und für die ich auch das Artwork machte. Oliver Hafenbauer, der damals frisch beim Robert Johnson Club als Booker angefangen hat und den ich über das Auflegen und die Frankfurter Clubszene kannte, hatte diese Flyer über Myspace gesehen und mich daraufhin gefragt, ob ich ein Plattencover für deren eigenes Label Live at Robert Johnson machen möchte. Ich bin also über meine Designarbeit für unsere damaligen Partys und meiner Liebe zur Musik zu dem Grafiker-Job beim Robert Johnson gekommen. Insofern kann man schon sagen, dass die Sache etwas miteinander zu tun hat. Generell prägt ja die Musik immer eine Kultur und umgekehrt, was bedeutet, dass es dort Überschneidungen in Design, Mode, Lifestyle usw. gibt.

Da du ja selbst auch auflegst, was ist denn da dein Steckenpferd und welche Songs sind deine Guilty Pleasures?

Bei Musik bin ich ziemlich kompromisslos. Da gibt es keine Guiltiness. Wenn mir etwas gefällt, dann ohne Schuld und Reue. Ich mache einmal im Monat die Radioshow „Chambers of Reflection“ bei Radio 80000, ein Online-Radiosender aus München. Da bin ich manchmal sehr wild mit den Genres und spiele auch schon mal Sachen, die cheesy sind. Es kann dann schon mal passieren, dass eine Folkplatte auf eine UK Rave-Nummer trifft. Mir ist prinzipiell sehr wichtig, total frei und real agieren zu können. 


Warum, glaubst du, wird Grafikdesign immer eine Daseinsberechtigung haben und was kann es im*in der Betrachter*in hervorrufen?

Ich denke, solange Menschen kommunizieren und es die Kultur erfordert, wird es auch immer Design geben. Was in Betrachter*innen hervorgerufen wird, hängt aber nicht nur vom Design ab, sondern auch vom Betrachter selbst.

Tausend Dank für deine Zeit!

Ich danke euch!

Michael Satter präsentiert: Michael Satter:

  • Fotos
    Peter Wolff

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