Möbeldesign – Made in Berlin #3: Johanenlies

Der dritte Teil unserer Reihe könnte auch den Titel „Plötzlich Designer“ tragen ... geplant war bei Johanenlies nämlich nichts

Im dritten und vorletzten Teil unserer Reihe „Möbel Made in Berlin“ geht es sehr persönlich und privat zu. Als Sophia und ich in Lübars aus der S-Bahn steigen, wartet Mike schon mit Kombi und Sohn Johan auf uns. Ein bisschen fühlt es sich an wie Kindsein im Kaff, als die Eltern einen noch von der Haltestelle abgeholt haben.

Anstatt in einen durchgestylten Showroom oder eine betriebsame Werkstatt geht es für uns heute direkt nach Hause zu Coco und Mike, den beiden Köpfen hinter der Berliner Möbelmarke Johanenlies. Die Flucht in den Berliner Speckgürtel war einerseits den Kindern, andererseits den exorbitanten Mietpreisen der Hauptstadt geschuldet. Doch das Zweietagenhaus, das gleichzeitig fast nur mit Möbeln von Johanenlies eingerichtet und somit irgendwie auch als Showroom funktioniert, ist von einem großen Garten umrahmt und macht tatsächlich Lust auf Stadtrand. Stadtrand in stylisch. Die Geschichte von Johanenlies erzählt sich ebenso individuell wie die Möbel, die Coco und Mike aus recyceltem Holz, kunterbuntem Stahl und glänzendem Marmor fertigen und könnte mit „Plötzlich Designer“ betitelt werden. Geplant war hier nichts. Umso beeindruckender ist die Schlichtheit und das zurückhaltende stimmige Design, das sich wie ein roter Faden durch das Portfolio der beiden zieht. Hier haben zwei ihre Bestimmung (und zueinander) gefunden.

Johanenlies, das ist Upcycling im Edelgewand – wobei die besonderen Wünsche und Vorlieben der Kund*innen jederzeit an erster Stelle stehen. Umringt von Kindern und bei Kaffee und Keksen haben mir Mike und Coco erzählt, wie Sperrholz, Dawanda und eine abgebrannte Lagerhalle schließlich zu Johanenlies führten:

Wie hat das mit Johanenlies denn alles begonnen?

Mike: Angefangen habe ich im Jahr 2015. Ich hatte damals noch einen Weinladen in Friedrichshain, Johan und Lies waren schon auf der Welt und ich habe gemerkt, dass ich gerne mehr Zeit für die Kinder hätte. Eines Tages entdeckte ich Bauholz auf der Straße, das ich dann nachts mitgenommen habe. Das Restaurieren von Möbeln war ein Hobby von mir. Aus diesem Holz baute ich ein Bett gebaut, das ich einfach auf Dawanda zum Verkauf anbot. Es wurde dann direkt gekauft und so hat es seinen Lauf genommen.

Du hattest also keinerlei Berührungspunkte mit Möbeldesign oder Schreinerei, bevor du damit angefangen hast?

Mike: Überhaupt nicht.

Wie hast du ohne Geräte das Holz für deine Möbel bearbeitet?

Mike: Ich habe mir die Geräte einfach besorgt. Bandschleifer, Säge, alles mit der Hand. Ich hatte einen Akkuschrauber ohne Power von der günstigsten Marke. Tja, so war das. Ich habe auch nicht darüber nachgedacht, sondern einfach gemacht. Je besser der Verkauf der Möbel im Internet lief, umso weniger Zeit hatte ich für mein Weingeschäft. Schließlich hatte ich auch immer weniger Lust, da mir das Möbelbauen viel mehr Spaß machte. Also entschloss ich mich dazu, das Weingeschäft für ein Jahr ruhen zu lassen und das Inventar in einer Halle zu lagern. Die Möbel liefen schließlich so gut, dass ich mir Unterstützung von einem Schreiner holen musste.

Ihr fertigt inzwischen auch Möbel aus Stahl und Marmor. Wie habt ihr euch diesen neuen Materialien angenähert?

Mike: Das hat sich im Laufe der Jahre entwickelt. Die ersten Betten waren sehr rustikal und man hat ihnen sofort angesehen, dass sie aus recyceltem Bauholz gefertigt waren. 2016 stieß Coco dazu und der rustikale Stil wandelte sich nach und nach zu dem filigranen und minimalistischen Design, das uns inzwischen auszeichnet. Stahl- oder Marmorelemente waren die logische Fortführung unserer Holzmöbel. Angefangen haben wir mit unserem Beistelltisch Lulu und die Kollektion dann sukzessiv erweitert.

Wer eure Möbel kennt, ordnet euch sicherlich in der skandinavischen Ecke ein. Stimmt ihr mit diesem Label überein?

Coco: Zu Beginn war unser Look wirklich typisch upcycling. Sehr robust und stellenweise im Landhaus- und Industrie-Stil. Zusammen haben wir unseren Stil weiterentwickelt, der inzwischen sehr feminin ist und sich durch Purismus auszeichnet. Man hat also nun immer noch ein recyceltes Produkt, das aber nicht danach aussieht. Von daher kann ich mit „skandinavisch“ übereinstimmen. Das Design sieht neu aus, aber die Oberflächenbeschaffenheit spiegelt eine Geschichte wider. Wir arbeiten mit antikem Eichenholz oder antikem Nussbaumholz, das von alten Fußböden oder Bootsstegen stammt. Unsere Steine sind Abfallprodukte aus einem Steinbruch. Das macht uns einzigartig.

Mike, wann hast du dich dazu entschlossen, dein Weingeschäft aufzugeben?

Mike: Das ist sehr radikal abgelaufen (lacht), denn meine Lagerhalle ist abgebrannt. In der einen Hälfte der Halle waren meine komplette Inventur und meine Flaschen eingelagert und in der anderen Hälfte habe ich meine Möbel gebaut. Ich war nicht versichert und hatte an dem Verlust auch finanziell lange zu knabbern. Außerdem bin ich Niederländer, selbstverständlich stand mein Wohnwagen auch in der Halle (lacht).

Ein erzwungener Neustart.

Mike: Wenn man jedoch den finanziellen Aspekt außer Acht lässt, hat unserer Firma dieser harte Cut auf jeden Fall gutgetan. Alles war von einem Tag auf den anderen weg und ich hatte zwei Möglichkeiten: Entweder alles Gerät kaufen und weiter grobe Möbel bauen oder mir einen Schreiner suchen und professioneller werden. Es wurde dann letzteres.

Ihr seid beide in eure Möbeldesign-Rolle hineingerutscht.

Coco: Ich war bis 2016 bei Agentur V angestellt und habe bei Johanenlies zu Beginn die Bereiche Marketing und PR verantwortet. Inzwischen mache ich hauptsächlich Design und das war es auch, was mir in der PR sehr gefehlt hat. Die Produkte, mit denen ich gearbeitet habe, waren wahnsinnig schön. Doch es fällt schwer, sich kreativ auszuleben.

Mike: Bevor ich mit dem Möbelbauen angefangen habe, kannte ich nicht einen Designer mit Namen. Ich kenne eigentlich noch immer wenige. Wenn ich etwas sehe, das ich schön finde, dann frage ich, von wem es ist. Das hätte ich vor vier Jahren nicht gemacht. Damals kannte ich nur die Namen der Weinbauern aus der Pfalz.

Mit welchen drei Worten würdet ihr Johanenlies beschreiben und worin liegt eure Expertise?

Coco: Purismus und Avantgardismus und Upcycling. Das ist auch unsere Expertise.

Wie viele Produkte umfasst euer Portfolio und wie viele neue Produkte kommen bei euch im Schnitt jährlich hinzu?

Coco: Unser Portfolio umfasst tatsächlich mehrere hundert Produkte, da wir alles auf Anfrage produzieren. Die Produkte, die wir entwickeln, dienen als Beispiel und die Kunden können ganz individuell vom Holz bis zur Metallfarbe entscheiden, wie sie es haben möchten. Unsere neue Accessoires-Linie ist auch die erste Produktrange, bei der wir in Vorproduktion gegangen sind.

Bewegt sich gerade was im deutschen Möbeldesign?

Coco: Gerade in den letzten zwei, drei Jahren hat sich viel getan. Davor war immer das skandinavische Design in aller Munde. Inzwischen werden immer mehr hochgradige Designer aus Deutschland gesehen und bekommen auch international auf den Messen mehr Aufmerksamkeit.

Mike: Es ist aber trotzdem noch ein langer Weg ...

Coco: Es ist definitiv noch ein langer Weg, aber davor war deutsches Design wenig vorhanden. Auf Kundenseite tut sich ebenfalls etwas. Theoretisch waren viele schon länger bereit, für individuelles und gutes Design mehr Geld auszugeben. Aber aus praktischen Gründen haben die meisten dann doch wieder bei Ikea eingekauft. Jetzt wollen die Kunden etwas Beständiges und Persönliches und sich von ihren Standardmöbeln trennen. Individualität ist sehr wichtig geworden.

Würdet ihr euch selbst noch als Newcomer bezeichnen?

Mike: Die Sparkasse sieht das auf jeden Fall nicht so (lacht). Wir sind Teil der Handmade in Germany Worldtour, mit der der Bund deutsches Handwerk fördert und Produkte von über 300 Manufakturen aus Deutschland auf Weltreise schickt. Wir sind zudem Gründungsmitglieder des Berliner Meisterrat e.V. Wir haben dieses Jahr eine Förderung von der Stadt Berlin erhalten, mit der wir die Alte Münze ausbauen können und in einen großen Showroom für alle Mitglieder des Meisterrat e.V. verwandeln werden. Da sind wir sehr stolz drauf. Newcomer sind wir somit vielleicht nicht mehr.

Als Paar braucht man sicherlich mehr Regeln, wie sieht euer Arbeitsalltag aus?

Coco: Mike und meine Kompetenzen ergänzen sich zum Glück sehr gut und überschneiden sich fast nicht. Mike betreut das Produktionshandling, die Logistik und Buchhaltung. Er hat auch den Kundenkontakt. Ich überblicke alles, was mit Design und Marketing zu tun hat.

Mike: Wir können unsere Ideen auch gut kombinieren. Das Regal Susteren gab es bei mir nur aus Stahl oder in Weiß. Coco hat dann dieses Marzahn-Rosa vorgeschlagen (lacht) und ich war sehr skeptisch. Doch genau mit diesem Produkt sind wir dann in der AD gelandet. Das war für uns ein kleiner Meilenstein.

Euer Fokus liegt auf Purismus – was ist euch wichtiger: Design oder Nutzen?

Coco: Wir machen Möbel, die im Design so einfach wie möglich sind. Dadurch entsteht der puristische Look, der uns ausmacht. Wir versuchen in Sachen Design und Nutzen die Balance zu halten, diese Faktoren sind für uns gleichwertig. Der Nutzen bestimmt das Design natürlich mit, allerdings lenken wir diese Geschicke bewusst.

Euer Werdegang ist geprägt von Zufällen. Habt ihr dennoch Tipps für alle, die gerne in diesem Bereich arbeiten wollen?

Coco: Wenn man es wirklich möchte, kann man sich ganz viel auch selbst beibringen. Der Weg in die Selbstständigkeit ist natürlich eine wichtige Entscheidung. Die Kontakte, die man braucht, kann man finden. Einfach machen.

Vielen Dank für das tolle Interview!

Die Möbel von Johanenlies könnt ihr im hauseigenen Webshop kaufen. Für regelmäßige Inspiration solltet ihr Coco und Mike unbedingt auf Instagram folgen.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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