Was bedeutet Europa für dich?

In zwei Tagen ist es soweit und wir können entscheiden, wie das Europa der Zukunft aussieht

Europa. Eine gute Idee? Ein erfolgreiches Konzept oder am absteigenden Ast? Meine Einstellung zu Europa hat sich in den vergangenen Jahren gefühlt im Minutentakt geändert. Ich empfinde es als ein Privileg, in einem Länderverbund aufzuwachsen und zu leben, dessen Grundfesten auf Demokratie und der Würde des Menschen aufgebaut sind.

Doch genau diese beiden Pfeiler gerieten in der Vergangenheit allzu oft zur Farce. Waffenlieferungen in Krisengebiete, verhinderte Seenotrettungen im Mittelmeer, wachsende Fremdenfeindlichkeit und Klimaziele, die irgendwie nur auf dem Papier existieren. Vom Brexit fange ich jetzt gar nicht erst an. Für mich ist Europa wirklich die beste Idee, die jemals umgesetzt wurde. Aber gerade herrscht eine internationale Me-First-Stimmung, die droht, alles zu zerstören.

Politikverdrossenheit kann ich daher zwar verstehen, aber paradoxerweise hilft gegen diesen Schlamassel nur eines: Wählen gehen. Wir haben uns mal in unserem Bekanntenkreis und im Team umgehört. Die Antworten präsentieren wir euch heute, zwei Tage vor der Europawahl 2019.

Europa, das ist für mich ...

Chris Glass – Gründer des Apartment Berlin

„... an open door. Accessibility makes the region so rich and the mix of cultures and exchange is unlike any place else. This open door policy creates genuine opportunity and connection. United, we are the sum of our individual strengths.“

Sarah Gottschalk – This Is Jane Wayne

„... vor allem ein Versprechen, das wir uns in regelmäßigen Abständen immer und immer wieder geben müssen: Ein Versprechen, friedlich zusammenzuleben. Ein Versprechen, verantwortungsvoll und mit geschlossener demokratischer Meinung in die Zukunft zu schreiten und gemeinsam füreinander einzustehen. Europa, das ist für mich wie eine Liebesbeziehung, die alles andere als einfach ist – sondern anspruchsvoll, manchmal unbequem und wieder ganz schön kräftezehrend. Eine, in der wir uns bitter streiten und uns wieder liebend in den Armen liegen. Die uns in so vielen Dingen bestärkt, uns schützt und uns wachsen lässt. Eine, für die es sich lohnt, zusammenzuhalten und zu kämpfen. Weil sie uns Frieden ermöglicht, unsere Freiheit wahrt und so viel mehr Power hat, als jeder einzelne für sich.“

Langston Uibel – Schauspieler

„... tatsächlich nicht so ein Ding. Es scheint manchmal eine Tarnung für den Nationalismus der Länder zu sein, denen es wirtschaftlich gut geht. Ich denke lieber an die gesamte Welt.“

Stefan Marx – Künstler

„... eine geniale Idee.“

Rabea Schif – Moderatorin & Model

„... grenzenlos, bzw. sollte grenzenlos sein und grenzenlos erhalten bleiben. Bei all dem, was zurzeit in dieser Welt passiert, ist Europa für mich mein "safe haven" und das sollte es für alle und jeden sein.

Laura Gehlhaar – Autorin, Bloggerin, Coach

„... sicheres und selbstbewusstes Reisen. Ich arbeite im Ausland und dabei profitiere ich von EU-Gesetzen, die mich und meine Rechte als Frau mit Behinderung schützen.“

Alice M. Huynh – I Heart Alice

„... Zuhause und braun mag ich nur in antiken Möbeln.“

Eike König – Künstler

„... mir fällt nix ein. Hab schon Briefwahl gemacht.“

Nour Khelifi – Journalistin

„... die Hoffnung, dass die Europäische Union sich wieder auf die Werte besinnt, auf denen sie beruht. Denn der Status quo mit dem europaweit ansteigendem Nationalismus und Rechtsruck stehen im Widerspruch zum Werteverständnis auf das Europa basiert - nämlich Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Pluralismus und Gleichheit. Privilegien, die wir allen zugänglich machen müssen, egal ob Europäer oder Nichteuropäer. Denn wir müssen ebenso die europäische Geschichte aufarbeiten und hinterfragen, warum wir so privilegiert sind: weil Europas Reichtum und Erfolg auf der Kolonialzeit damals basiert, auf dem Rücken vieler Menschen von den verschiedensten Kontinenten, die heute eben um Schutz ansuchen in Europa, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wir können und müssen ein neues Europa definieren, ein Europa der echten und gelebten Humanität.“

Jeanne de Kroon – Modedesignerin & Aktivistin

„... the foundation for building a sustainable future together without borders.“

Thekla Wilkening – Gründerin von Stay A While & Kleiderei, Aktivistin

„... Freiheit, Vielfalt, Verantwortung. Ich sehe es als großes Privileg an, in einem Land zu leben, das einem größeren Zusammenanschluss angehört, in dem weitestgehend Demokratie gelebt wird. Es ist mit Sicherheit nicht alles perfekt, aber es steckt viel Arbeit darin und ich sehe es als meine Verantwortung, die Gegenwart zu reflektieren und die Zukunft mitzugestalten. Europa schafft viel Sicherheit, die es mir ermöglicht, mich täglich mit den Dingen zu beschäftigen, die ich wichtig finde – für mich, meine Familie und die Welt. Das ist ein großes Glück und damit kommt Verantwortung. Ich möchte es nicht niemals missen, die Geschichte, die Kultur, die Vielfalt, die wir in Europa erleben können, jeden Tag und im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos.“

Ilona Hartmann – Team Beige

„... sich für Europa einzusetzen, ist politische Selfcare.“

Niels Morawietz – Team Beige

„... die beste Idee aller Zeiten. Eine Idee der Gemeinschaft und der Verständigung. Der Anfang von dem, was meine Kinder hoffentlich noch erleben werden.“

Ann-Charlott Karsten – Team Beige

„... der Wunsch nach Freiheit.“

Julia Meyer-Brehm – Team Beige

„... Kehrwoche! Ja, für diese Analogie musste ich lange nach meinen versteckten schwäbischen Wurzeln kramen. Aber ob Staaten- oder Hausgemeinschaft: Man kennt sich, man mag sich mehr oder vielleicht auch weniger – aber man profitiert von der Gemeinschaft. Klar nerven streitende Nachbar*innen und überfüllte Altglastonnen. Letztendlich zieht man aber doch am gleichen Strang: Alle machen gemeinsam mobil gegen fehlende Fahrradständer im Hof, man hilft sich mit Mehl aus oder leiht sich eine Bohrmaschine. Und jede*r ist eben auch mal mit der Kehrwoche dran.“

Laura Daume – Team Beige

„... ein vielversprechender Traum wie die Baustelle des BER-Flughafens: Es muss zwar gelegentlich der (Finanz-)Hahn aufgedreht werden, damit der Fortschritt nicht einrostet oder der Lichtschalter gesucht werden, um deutlich sehen zu können, wohin die Reise gehen soll. Aber es bleibt das Versprechen auf Freiheit und Grenzenlosigkeit.“

Pat Cavaleiro – Team Beige

„... der Beweis, dass Weltfrieden eine Chance hat.“

Felix Haas – Team Beige

„... Identität, Reiseziel und Zuhause zugleich. Meine Kultur gehört hier genauso hin wie deine und das ist gut so. Unsere Sprachen, unser Essen und unsere Gastfreundlichkeit machen diesen Kontinent so großartig. Seit meiner Kindheit ist Europa ein Symbol von Freiheit und Sicherheit gewesen und ich dachte, so wird es für immer bleiben. Doch der Zusammenhalt unserer Nationen ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Wir lassen Geflüchtete zuhauf im Mittelmeer ertrinken, populistische Zombies kehren in unsere Parlamente zurück und in Belgien gibt es nach wie vor hardcore-rassistische Schokoladenhände (als Andenken an die abgetrennten Hände von Sklavenkindern aus der Kolonialzeit) zu kaufen. 

Wir Europäer*innen haben es versäumt, unsere teils grausame Vergangenheit wahrzunehmen und sie aufzuarbeiten: Wer nicht versteht, was die europäischen Kolonialmächte in der ganzen Welt an Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung verursacht haben, versteht auch nicht, warum es heute unsere Pflicht ist, geflüchtete Menschen bei uns aufzunehmen. Wer nicht gelernt hat, wie Europa den gesamten afrikanischen Kontinent gebrochen und ausgenommen hat, erkennt auch nicht, wie rassistische Denkmuster uns noch heute begleiten und unsere Objektivität und Handlungsweisen beeinträchtigen. Das Erstarken rechter Parteien steht im direkten Verhältnis zu unserer Scheu, der Vergangenheit ins Auge zu blicken. 

Wir haben geglaubt, dass selbst die sinnvollsten Entscheidungen, wie die Gründung der EU 1992, unumstößlich sind, jedoch nicht, welche Auswüchse die losen Enden des Kolonialismus und Nationalsozialismus annehmen könnten. Ihr Hass hat nicht nur unzählige Leben gekostet, ihre unsaubere Aufarbeitung beißt uns nun in Form der Neo-Fremdenfeindlichkeit in den Arsch. Die etablierten Volksparteien kämpfen mit starken Wahlverlusten und unterschreiben mit nichtssagenden Wahlplakaten ihr Testament. Für Deutschland. Für Europa. Ohne Meinung.

Trotzdem müssen wir wählen gehen! Denn Europa ist voller junger Menschen, die Herz und Kopf am richtigen Fleck haben und beides einsetzen. Nicht nur 16-jährige Schwedinnen, sondern jede*r Einzelne von uns macht einen Unterschied, wenn wir am 26. Mai eine erträgliche Partei und nicht die verkackte AfD ankreuzen. 

Also: Lernt über Europas Geschichte, lernt über euren Einfluss als Wähler*innen und schreibt es euch in den Kalender: You better vote, bitch!“

Alex Huber – Team Beige

„... Heimat.“

Marie Jaster, Mitgründerin von Beige.de und Chefredakteurin

„... wie der Rahmen an einem Gemälde. Auch ohne den Rahmen ist das Bild zwar wertvoll und schön, aber erst damit hängt man es auf und es kommt richtig zum Strahlen. Europa ist die Chance auf Freiheit, auf das Gefühl, sein Leben von einem Tag zum anderen ändern zu können ohne bürokratische Hürden überwinden zu müssen. Europa ist unsere beste Waffe gegen Diktatoren und Rechte. Wir müssen diese Waffe fest in der Hand behalten, sonst richtet sie sich gegen uns und wird uns zum Verhängnis. Ein unbedachter Schuss löst sich schnell und lässt sich nicht mehr zurücknehmen.“

Uns interessiert jetzt brennend: Was bedeutet Europa für euch?

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    Julia Meyer-Brehm

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