Allen Widrigkeiten zum Trotz – Jeanne de Kroon von Zazi Vintage im Interview

Im Gespräch verrät uns Jeanne, wie sie mit Slow Fashion die Welt verändert – ein Kleid nach dem anderen

Wenn es ein Label gibt, das die Prämisse von Slow Fashion durch und durch lebt, dann ist es Zazi Vintage der gebürtigen Niederländerin Jeanne de Kroon. Jeanne gründete ihre Brand mit dem Ziel, nicht nur fair produzierte und ökologisch einwandfreie Kollektionen zu fertigen, sondern auch mit jedem ihrer handgefertigten Teile Frauen in ihrer unternehmerischen Unabhängigkeit zu unterstützen.

Hierfür arbeitet Jeanne mit Frauen in ländlichen Regionen in Indien, Usbekistan und Afghanistan zusammen und verwendet für ihre Kollektionen (die keine Kollektionen im klassischen Sinne sind, da sie keinem festen Turnus folgen), ausschließlich ausgesuchte Vintage-Stoffe aus den Regionen. Produziert wird dann eben soviel, wie der Stoff hergibt und mit Respekt vor der Umwelt und (und hier können sich so einige große Modehäuser eine Scheibe abschneiden) unter Einbeziehung der Frauen aus den Kulturen, von denen sich Jeanne für ihre Zazi Vintage Kollektionen inspirieren lässt. Heißt: Jede*r bekommt ein faires Stück vom Kuchen ab.

Für ihre neue Resort Collection 2019 hat Jeanne erstmal mit der Ethical Fashion Initiative der Vereinten Nationen zusammengearbeitet und gemeinsam mit Handwerkstätten in Afghanistan eine traumhafte Kollektion gefertigt, die auf den Spuren der legendären und sagenumwobenen Seidenstraße wandelt. Fair, nachhaltig und wegweisend. Logisch, dass wir bei diesem unterstützenswerten Konzept neugierig geworden sind und genauer bei Jeanne nachgefragt haben.

Liebe Jeanne, Gratulation zu diesem tollen Projekt. Wie und wo hast du Simone Cipriani kennengelernt?

Jeanne de Kroon hat Simone Cipriani, Gründer der Ethical Fashion Initiative, auf der Nest Summit zum Kunsthandwerk bei den Vereinten Nationen kennengelernt.

Ich erinnere mich, dass ich Simone auf der Bühne gesehen habe und direkt dachte: „Das ist die coolste Person der Welt!“ Er hat dieses italienischen Flair und ist dabei durch und durch Humanist, der jede Sekunde seines Lebens der Verbesserung des Daseins Anderer widmet. Ich habe im Anschluss all meinen Mut zusammen genommen und ihm gesagt, wie sehr ich seine Arbeit bewundere. Ich trug einen meiner Mäntel und Simone sprach mich direkt darauf an und fragte mich, woher er sei. Ich sagte ihm, dass er in Afghanistan gefertigt wurde, woraufhin der entgegnete: „Wir müssen etwas zusammen auf die Beine stellen!“

Hast du einen persönlichen Bezug zu Afghanistan?

Bevor ich selbst damit begann, eigene Kleidung zu fertigen, war ich in regelmäßigem Austausch mit afghanischen Familien; von Mazar al Sharif bis Kabul. Fast täglich tauschten wir uns über Vintage-Stoffe aus, die ich über sie erwarb. Ich band die Stoffe in meine Universitätsarbeit mit ein und begann mich darüber zu informieren, welche verschiedenen Hintergründe und Geschichten über sie ihren Weg zu mir finden. Die afghanischen Frauen und ich sitzen noch immer jedes Jahr zusammen in einem kleinen Raum, umgeben von alten Stoffen aus aller Welt. Wir sprechen dann über deren Herkunft, trinken Saffran-Tee, essen afghanische Mandelkerne und sind manchmal richtig albern. Kabul ist seit jeher das Zentrum der historischen Seidenstraße, wo all diese Geschichten miteinander verwoben sind. Meine ersten Entwürfe, die ich verkaufte, waren original afghanische Seidenkleider aus den Siebzigern mit Zazi-Bestickungen. Mein Vater nannte mich immer Zazi, als ich noch klein war – damals wusste ich natürlich nicht, was dieses Wort bedeutet. Schon gar nicht hätte ich gedacht, dass es einmal der Beginn einer intensiven Verbindung mit einem unglaublich starken und widerstandsfähigen Land am anderen Ende der Welt sein würde.

Fair Fashion von Mazar al Sharif bis Kabul

Inwiefern unterfüttert und bereichert dieses Projekt das Konzept und die nachhaltige Idee hinter Zazi Vintage?

Unsere Arbeit basiert auf den gleichen Werten. Wir arbeiten beide mit marginalisierten Gruppen zusammen und erzählen ihre Geschichten über den Verkauf ihrer einmaligen Stoffe in die ganze Welt. Gleichzeitig stellen wir sicher, dass unsere Produktion nicht der Umwelt schadet, indem wir 80 Prozent up-gecycelte Vintage-Ikatstoffe von der Seidenstraße verwenden. 67 Prozent der afghanischen Handwerkskünstler*innen, die an der 2019 Resort Kollektion mitgearbeitet haben, sind zurückgekehrte Geflüchtete oder Intern Vertriebene. Die Arbeit gibt Kommunen, die stark vom Krieg gezeichnet sind, wieder Stabilität und Sicherheit. Mit der gemeinnützigen Organisation Zarif Design im Herzen Kabuls zu arbeiten war ein tolles Gefühl. Denn Zarif setzt sich für Frieden über die Handwerkskunst ein. Bio-T-Shirts zu fertigen ist das Eine, aber Kleidung mit einer so starken Geschichte herzustellen, ist etwas ganz Anderes.

 Stella McCartney, Karen Walker, Edun – und nun du. Die Ethical Fashion Initiative hat schon mit vielen namhaften Designer*innen zusammen gearbeitet. Hattest du Respekt vor dieser Herausforderung oder bist du ganz positiv herangegangen?

Oh mein Gott, ich war so nervös und ich bin es noch immer! Mit einer Organisation wie der Ethical Fashion Initiative zusammenzuarbeiten, die es in der Hand hat, Gemeinschaften auf nachhaltige Weise zu unterstützen, lässt mich noch immer demütig zurück. Ich habe Zazi Vintage einfach gegründet – ohne Mode- oder BWL-Studium. Ich hatte niemals einen echten Money-Job und bin von Straßenmusikerin über erfolgloses Model zur Universitätsabbrecherin gestolpert. Mein Können und Wissen habe ich dadurch erworben, dass ich als Anhalterin durch die Welt gereist bin und auf diese Weise die Geschichten von Frauen überall gehört habe. Ich schaue zu all diesen großen Namen auf, klar. Aber uns alle eint doch dieselbe Mission und die gleiche Basis der Zusammenarbeit.

„Wir erzählen die Geschichte dieses Landes über den Verkauf seiner einmaligen Stoffe in die ganze Welt.“

Wie darf man sich den Design- und Herstellungsprozess vorstellen, wie waren die einzelnen Schritte?   Wie viel Zeit ist von der Idee bis zu der tatsächlichen Umsetzung vergangen?  Und wie viel Zeit hast du vor Ort in Afghanistan verbracht?

Die Teams sind etwa einen Monat lang durch Zentralasien gereist und haben die marginalisierten Gemeinschaften besucht. Anschließend verbrachte das Team der Ethical Fashion Initiative und von Zarif Design vergangenen Oktober etwa eine Woche in Kabul. Die ganze Zeit über waren sie stark an die Sicherheitsvorschriften der UN in Afghanistan gebunden und konnten sich nicht so frei bewegen, wie sie es gerne gewollt hätten. Die Mission beinhaltet nämlich viel mehr, als nur Mode aus Afghanistan. Die EFI setzt sich auch für die lokalen Mandelmärkte, die Maulbeerenproduktion und die geschädigte Mohn- und Saffranindustrie ein. Ich möchte Afghanistan sehr bald auch besuchen. Hoffentlich wird es noch in diesem Jahr möglich sein.

Wie viele Freiheiten hattest du bei der Zusammenarbeit mit der Ethical Fashion Initiative und Zarif Design, dem Unternehmen, das deine Kollektion gefertigt hat?

Wir hatten alle Freiheiten, die man sich wünschen kann und das Team von Zarif Design war das professionellste, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Wir wollten eine Kollektion erschaffen, die Inspiration aus der Seidenstraße und dem Erbe Afghanistans zieht. Man sieht die Handwerkskunst Afghanistans in jedem Stück und wir haben viel herumprobiert. So haben wir z. B. Webmuster, die auf Stoffen aus den 60er-Jahren basieren, entwickelt.

Was ist Afghanistan heute für ein Land, nach dem Krieg?

Afghanistan ist noch immer ein Land, das vom Konflikt verschiedener bewaffneter Gruppen schwer gezeichnet ist. Es erhält viel internationale Hilfen und ist eines der Länder mit den meisten Geflüchteten der Welt. Doch all diesen Widrigkeiten zum Trotz produziert Afghanistan kunstvolle Stoffe und pflegt eine nachhaltige und reiche Kultur, die wir im Westen niemals erahnen würden. Die Afghanen sind außerdem eines der widerstandsfähigsten Völker, das ich je kennengelernt habe. Nicht alle schaffen es, aus so vielen Jahren des Krieges mit einem solchen Ehrgeiz nach kulturellem Reichtum hervorzugehen. Der Ruf des Landes ist der von Krieg, Armut und Zerstörung, aber da ist noch so viel mehr. Mit unserer Arbeit möchten wir die lebensbejahenden Geschichten Afghanistans erzählen.

Woran denkst du, wenn du an die Seidenstraße denkst und hast du diese Gedanken in deine Kollektion mit einfließen lassen? 

Die Seidenstraße ist seit jeher ein Ort, an dem Kulturen, Fertigkeiten und Stoffe aufeinandertreffen. Mit jeder Zazi-Kollektion tauchen wir tiefer in diese Schätze der Seidenstraße ein und verstehen mit jedem Teil diese Handwerkskunst, die Menschen dahinter und wie wir sie zum Erfolg führen können, besser. Der Name Zazi kommt sogar von einer bestimmten Bestickungstechnik aus Afghanistan. Die Seidenstraße ist also ein essenzieller Teil unserer DNA.

Nachhaltig, fair, entschleunigt: Die Prinzipien von Zazi Vintage

Woher stammen die Seide und die Muster für deine Kollektion? 

Alle Ikat-Stoffe kommen aus Handwerkstätten aus der Region und aus Usbekistan. Überproduktion ist eines der großen Probleme der Modeindustrie. Es wird zwar eine vereinbarte Menge an Stoff gewebt, aber der*die Einkäufer*in nimmt dann doch nicht die gesamte Ware ab. Diese Überproduktion sammeln wir in ganz Afghanistan und Usbekistan ein. Oftmals sind das 20 bis 40 Meter Stoff! Darauf basiert dann natürlich die Menge der Produktion unserer Designs und das macht sie so einmalig.

Zazi Vintage steht seit jeher für Slow Fashion und du unterstützt aktiv marginalisierte Gruppen, vor allem Frauen, und Nachhaltigkeit: was war neu für dich an dieser Zusammenarbeit, was hast du gelernt?

Dieses Mal haben wir zum ersten Mal zum Großteil mit internen Vertriebenen gearbeitet. Unsere gemeinsame Arbeit konnte diese Menschen unterstützen und ihnen Stabilität geben, das ist schön. Nichts ist wichtiger als menschlicher Zusammenhalt und Mutter Natur.

Warum hast du dich dazu entschieden in Afghanistan zu produzieren und nicht etwa in Afrika, wo der Ethical Fashion Initiative auch sehr aktiv ist?

Mit Zazi arbeite ich seit Tag eins mit afghanischen Familien zusammen. Hier haben wir starke Verbindungen und Freundschaften geschlossen. Als die EFI nach Partnern für eine Zusammenarbeit in Afghanistan suchte, stachen wir daher sofort heraus.

Wirst du weiterhin mit der Ethical Fashion Initiative zusammenarbeiten oder haben sich sogar weitere Projekte ergeben?

Unsere gemeinsame Zusammenarbeit mit der EFI wird noch bis 2021 gehen. Mit den Handwerkern und marginalisierten Gruppen, die wir über die gemeinsame Arbeit in Afghanistan kennengelernt haben, werden wir über viele weitere Kollektionen zusammenarbeiten. Das ist es, was ein nachhaltiges und ethisches Modelabel ausmacht: Es entstehen Freundschaften und Beziehungen, auf denen man aufbaut und die man zum Blühen bringt. Nur so garantiert man Jobs, Sicherheit und unterstützt und empowert die Menschen vor Ort.

Wie darf man sich den Design- und Herstellungsprozess vorstellen, wie waren die einzelnen Schritte?

Der Prozess beginnt mit dem Ort und den Stoffen, die wir dort vorfinden. Darauf basierend entwickeln wir ein Design, dass Geschichte und Herkunft dieser Stoffe miteinbezieht und natürlich auch das Handwerk vor Ort unterstützt. Es sollen Entwürfe sein, die zeitlos sind und die man immer wieder gerne trägt. In Deutschland entwickeln wir dann Samples für die ersten Fittings und diese Muster werden dann nach Afghanistan in die Handwerkstätten geschickt.

Wie viel Zeit ist von der Idee bis zu der tatsächlichen Umsetzung vergangen? 

Das Konzept für diese Kollektion spukte schon lange in meinem Kopf herum. Ich war bereit, mit Zazi noch mehr Projekte mit und in Afghanistan umzusetzen und die Ethical Fashion Initiative wiederum war bereit, mit den Handwerkstätten in diesem Land zu arbeiten. Es passte also perfekt! Von der ersten Konzeption bis zur fertigen Kollektion haben wir über sieben Monate an Sourcing, Musterschnitten, den Beziehungen zu den Handwerkskammern vor Ort und weiteren Details gearbeitet. Es war ein Projekt voller Leidenschaft für mich und es war für jeden eine große, aber so lohnende Herausforderung!

Hast du mal darüber nachgedacht, deine Entwürfe einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, um noch mehr Menschen zum Umdenken zu bewegen?

Das versuchen wir mit unseren Kollektionen jeden Tag zu erreichen. Wir verkaufen unsere Kleidung direkt an die Endkonsument*innen, ohne Zwischenhändler. Das senkt die Preise unserer Produkte um fast das Dreifache. Auf diese Weise wollen wir unsere Kleidung noch erschwinglicher machen. Da wir aber nachhaltig und unter hohen ethischen Standards arbeiten, sind unsere Preise noch immer sehr hoch, das weiß ich. Doch wir stellen auf diese Weise sicher, dass alle involvierten Parteien von ihrem Gehalt leben können.

Vielen Dank für dieses interessante Interview, liebe Jeanne!

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

  • Fotos
    PR / © Stefan Dotter für Zazi Vintage

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