Im Gespräch: Blanche über die Herausforderung, ein nachhaltiges Label zu gründen

„Wir müssen die Überproduktion stoppen und endlich Verantwortung übernehmen und handeln.“

Wenn sich zwei Brands treffen, die sich beide nach einer Farbe benannt haben, dann kann es ja nur ein match made in heaven sein, oder? Zudem teilen wir mit Blanche nicht nur das Faible für neutrale Farben, sondern auch die Einstellung, dass sich in der Modebranche gehörig etwas ändern muss – und das lieber heute als morgen. Mette Fredin und Melissa Bech, die beiden Gründerinnen des dänischen Brands Blanche sehen das genauso. Und gründeten deswegen im späten Frühjahr 2017 ihr eigenes nachhaltiges Label.

Ihr Fokus liegt dabei auf Denim, einem besonders umweltschädigenden Kleidungsstück, wenn man es – anders als Mette und Melissa – nicht mit nachhaltigen Materialien und einer ethischen Produktionsweise angeht. Doch mittlerweile haben sich auch alle anderen Teile von Blanche zu Designklassikern entwickelt – und das mit Absicht. Denn das Duo hat verstanden, dass nicht nur ein Umweltbewusstsein auf Seite des Brands zu einer Veränderung führen kann, sondern dass man auch die Konsument*innen zu einem anderen Kaufverhalten erziehen muss. Kurz gesagt: Die beiden versuchen möglichst zeitlose Designs zu entwerfen, die nicht nach ein paar Saisons wieder out sind und geben auf ihrer Website Pflegehinweise, sodass man gekaufte Stücke richtig wäscht und sie damit länger halten.

„Blanche is French for white. You probably already knew that, but we’re telling you anyway. Why? Because white is a color with no hue. Some would even argue that it isn’t a color. Maybe white isn’t really a thing. Maybe it’s nothing. And that’s what we set out from — a clean slate.“

Kein Wunder, dass wir es uns also nicht zweimal sagen ließen – und die beiden Gründerinnen Mette und Melissa zum Interview trafen. In der Fantasie hört es sich ja schließlich immer sehr vernünftig und einfach an, mal eben ein nachhaltiges Brand zu launchen – viele machen es aber trotzdem nicht oder stellen ihre Produktion einfach nicht um. Deswegen haben wir uns die beiden geschnappt und mit ihnen ein sehr ehrliches Gespräch über die Herausforderungen und Learnings gesprochen, die sie in den letzten zwei Jahren erlebt haben:

Da draußen gibt es so viele Modelabels. Warum habt ihr euch dazu entschieden, euer eigenes zu gründen?

Wir hatten das Gefühl, dass es in der Modeindustrie an einer neuen Denkweise mangelt. Wir konnten zu diesem Zeitpunkt kein nachhaltiges Jeansbrand für Frauen finden und das war dann der Hauptgrund, warum wir Blanche gegründet haben. Wir wussten, dass es viele Newcomer gab, aber sie entsprachen nicht unseren Standards und wir hatten das Verlangen, etwas mit mehr Substanz und weniger It-Faktor zu schaffen.

Was sind drei positive Erfahrungen, die ihr in den letzten Jahren gemacht habt?

1.) Dass das Verlangen nach einer Marke groß war, die Dinge anders angeht und sich für die Umwelt einsetzt.
2.) Die Tatsache, dass Blanche von Kunden in den unterschiedlichsten Ländern so gut aufgenommen wurde, zeigt uns, dass sich Leidenschaft und harte Arbeit am Ende auszahlen, wenn man an eine Sache glaubt.
3.) Dass es darauf ankommt, kleine tägliche CSR (Anm. d. Red. Corporate Social Responsibility, dt. unternehmerische Sozialverantwortung) vorzunehmen. Wenn wir alle auch nur kleine Sachen verändern, dann kann das etwas Großes bewirken.

Und was sind die drei negativen Erfahrungen, die ihr machen musstet?

1.) Je mehr Aufmerksamkeit man auf das Thema Nachhaltigkeit lenkt, umso schwieriger wird es, alles richtigzumachen. Da passt das Sprichwort: The more you know, the less you know.
2.) Umweltzertifikate zu bekommen, dauert sehr lange und es erfordert sehr viel Geduld.
3.) Egal was du machst, die Leute wollen einfach nur einen sexy Jeanspo und keinen nachhaltigen Jeanspo. Wir versuchen zum Glück, beides zu vereinen.

Was ist der Grundsatz von Blanche?

Blanche ist von Frauen für Frauen. Das bedeutet, dass wir alle mit einschließen wollen und niemanden ausschließen. Wir wollen Vielfalt zeigen und dass die Zukunft weiblich ist. Blanche ist französisch für Weiß und es ist die weibliche Version des Wortes. Die Bedeutung der Farbe Weiß ist, dass wir ein unbeschriebenes Blatt sein wollen und die Dinge von Grund auf besser machen möchten. Wie eine saubere Leinwand, auf die man Farbe malt. Und das Weiß ist auch ein Synonym für den nachhaltigen Aspekt unserer Marke.

Was ist das DNA-Piece von Blanche?

Unsere Denim Styles, fließende Anzüge, Outerwear und unsere Kollektionen haben immer eine starke Farbpalette.

Mette, inwiefern lässt du deinen persönlichen Stil in die Designs einfließen?

Ich glaube, dass alle Designer ihre eigene DNA haben und daher beeinflusst mein persönlicher Stil auf jeden Fall die Kollektionen. Aber ich entwerfe eigentlich nie für mich selbst. Ich stelle mir immer vor, wie andere Leute in meinen Entwürfen vor. Mein persönlicher Stil zeigt sich eher in kleinen Details, in den Farben, in der Auswahl der Stoffe und der Qualität, denn dort bin ich ein echter Nerd und lege großen Wert auf eine gute Qualität und eine hochwertige Produktion.

Wie stellst du sicher, dass du nicht nur trendbasierte Designs entwirfst? Ich stelle mir das in Zeiten von Social Media und all den Inspirationen wahnsinnig schwer vor.

Beim Entwerfen lege ich meinen Fokus auf eine besondere Inspiration für eine spezielle Kollektion. Ich würde sagen, dass ich mich fast gar nicht von Trends oder Influencer*innen inspirieren lasse, da sie oft aktuelle Trends tragen und ich ja schon für ein Jahr im Voraus designe.

Ich werde stattdessen oft von Kunst, Kultur, starken Persönlichkeiten und Vintagestücken aus anderen Jahrzehnten inspiriert. Ich sehe mir unsere Gesellschaft an, wohin wir zurzeit gerade tendieren und höre auf meine Intuition und mein Bauchgefühl. Aber natürlich füge ich und da ein paar trendbasierte Styles nachträglich ein, wenn unsere Verkäufer dies wünschen.

Was ist der Blanche Look, den ihr heute präsentiert? Also für das Frühjar/Sommer 2020?

Unsere SS20-Kollektion ist eine Hommage an die moderne Frau; an die weibliche Macht. An die weibliche Intelligenz und weibliche Leidenschaft. Sie umarmt die Frau und lässt sie leuchten. Die Farben sind zarte Pastelltöne und die Silhouetten reichen von Powersuits bis hin zu weichen und zarten Kleidern. Es gibt lässige Jeans und maskuline Einteiler. Die Kollektion lässt die Frau entscheiden, auf welche Stimmung und auf welchen Anlass sie Lust hat. Es geht nur um sie.

Eure Aufgabengebiete unterteilen sich in den Kreativdirektor und die kommerzielle Leitung. Wie seid ihr zu dieser Trennung gekommen und was sind eure unterschiedlichen Aufgaben?

Wir wussten von Anfang an, dass wir unterschiedliche Kompetenzen haben und dass wir durch die Bündelung unserer Kräfte die gesamte Kompetenz erbringen würden, die es für ein Unternehmen braucht. Wo mir etwas fehlt, ist Melissa stark, wo Melissa etwas fehlt, bin ich stark. Zusammen ergeben wir das Ganze. Und obwohl wir beide wie gesagt unsere Stärken haben, mussten wir trotzdem viele Dinge neu lernen bei der Gründung.

Ich bin die Kreative und mache alle Designs, Moods, Farben, Kampagnen, arbeite an der CSR und an unserer Produktion zusammen mit unseren Zulieferern. Melissa ist für alles zuständig, was Vertrieb, Agenten und Social Media, z.B. Instagram, angeht.

Was ist die größte Herausforderung, wenn man ein nachhaltiges Brand führt?

Dass die Endverbraucher*innen nicht immer verstehen, warum es so lange braucht ein Ökozertifikat zu bekommen, dass es Einschränkungen in unseren Möglichkeiten gibt und dass wir unsere Preise ein bisschen höher ansetzen müssen, wenn wir nachhaltige Mode verkaufen wollen.

„Wir glauben nicht an Zielgruppen und Altersklassen. Ich glaube an unabhängige Frauen jeden Alters.“

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es nicht nur um die Verwendung von nachhaltig angebauten Stoffen. Es geht auch um Logistik, Arbeitsbedingungen, Verpackung und vieles mehr. Wie geht ihr mit diesen Aspekten um?

Wir glauben, dass das alles ein Kreislauf sein muss und wir kennen unsere Lieferanten seit der Uni und wachsen mit ihnen gemeinsam. Wir sorgen natürlich dafür, dass die Arbeitsbedingungen stimmen. Wir arbeiten hauptsächlich mit europäischen Lieferanten zusammen, um Transportwege zu verkürzen und Umweltverschmutzung zu verringern. Wir verfolgen unsere CSR- und Nachhaltigkeitsstrategie genau und übertreffen einige unsere Ziele für 2025 bereits. Auch der Kaffee im Büro ist Fairtrade. Es sind also nicht nur die Produkte und Stoffe, die wir umweltfreundlicher machen wollen, es geht um einen ganzheitlichen Lebensstil.

Ist der Kauf von nachhaltiger Mode eine Frage des Alters? Primark und Co. sind ja gerade bei Teenagern aufgrund der geringen Preise beliebt... Wie sieht eure die typische Blanche Kundin aus?

Wir glauben nicht an Zielgruppen und Altersklassen. Ich glaube an unabhängige Frauen jeden Alters. Ich hoffe, dass die Frau, die Blanche trägt, sich darin selbstbewusst und mühelos stylisch fühlt.

Wer hat die größere Verantwortung in Bezug auf Nachhaltigkeit? Die Kunden oder die Marken, die verkaufen wollen?

Wir können die Umweltverschmutzung nicht nur der einen Gruppe zuordnen. Wir alle sind dafür verantwortlich. Die Regierungen, die Gesellschaft, jeder Einzelne. Es muss ein gemeinsames Ziel sein, den von uns beschrittenen schlechten Weg zu ändern.

„Wir müssen die Überproduktion stoppen und endlich Verantwortung übernehmen und handeln.“

Wie sieht dieser Weg aus? Wie kann man den Fakt ändern, dass die Modebranche die zweitschlimmste Industrie für die Umwelt ist?

Wir müssen alle Produktionsweisen der Mode untersuchen und sie ändern. Wir müssen die Überproduktion stoppen und endlich Verantwortung übernehmen und handeln. Glücklicherweise gibt es gerade großartige Köpfe, die großartige Dinge tun, um all das zu verändern.

Größere Fast-Fashion-Unternehmen haben neue nachhaltige Ziele veröffentlicht. Haltet ihr das für authentisch?

Ich denke, es ist ein notwendiger Anfang und auch die einzige Möglichkeit, solche Modeketten auf lange Sicht weiterzubetreiben. Ich glaube auch, dass sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren eh von den Regierungen dazu gezwungen werden, nachhaltiger zu produzieren. Deshalb müssen große Modeketten bereits jetzt damit beginnen, ihr Unternehmen umzustrukturieren.

Ich habe da ja eine Verschwörungstheorie in Sachen große Modeketten wie H&M: Sie werden das Hauptkonzept in viele kleinere Konzepte aufteilen, wie z.B. ihre Conscious Exclusive Linie, wenn sie 2025 oder 2030 merken, dass sie die angekündigten Ziele nicht einhalten können.

Wie könnt ihr mit solchen Fast-Fashion-Labels mithalten? Ihr produziert vier Kollektionen im Jahr, Zara droppt jeden Tag neue Teile.

Wir glauben, dass unsere Entwürfe und unser Stil eine langfristige Perspektive hat. Wir haben vier Kollektionen im Jahr und einige der Modelle führen wir immer weiter, wie zum Beispiel die Jeans-Passformen und T-Shirts. Diese Styles ändern sich nur in Farben und sind Klassiker unserer Kollektionen. Auf diese Weise vermeiden wir Überproduktion.

Wir fügen jede Saison etwas Neues hinzu und jede Kollektion hat ihre ganz eigene Geschichte. Wir updaten manche Teile, andere bleiben immer erhalten. Wir glauben, dass sich die Mode ständig verändert und dass Neuheiten immer attraktiv sind, aber wir glauben nicht, dass sich die Trends so schnell ändern müssen.

Inwiefern hilft euch Social Media dabei, eure nachhaltige Message zu verbreiten?

Wir schaffen dort ein Bewusstsein. Blanche ist ein Teil der #FashionRevolution und das zeigen wir auf unseren Social Media Kanälen. Hier können die Kund*innen einen Blick hinter die Kulissen werfen, unsere Lieferanten treffen und sich davon überzeugen, dass wir nichts verstecken müssen. Wir wollen transparent sein. Wir haben auch eine Social Media Kampagne erschaffen, die wir #WomenbyBlanche genannt haben, in der wir Frauen nach ihren Nachhaltigkeitstipps fragen und wie sie sich bemühen, mehr Fairness in ihre Kleiderschränke und ihr Leben zu integrieren.

Wie können wir ein „holistic fashion life“ (dt. ein ganzheitliches Modeleben) führen?

Indem wir unser Einkaufsverhalten und unser Verlangen nach Neuem etwas verlangsamen und zügeln. Kauft nur Kleidungsstücke, die eine gute Qualität haben und die ihr wirklich liebt. Weniger ist mehr - und das bedeutet noch lange keine Langeweile.

Wie sieht die Zukunft der Mode aus?

Wir hoffen, dass wir in der Zukunft noch mehr mit anderen zusammenarbeiten, um wirklich etwas zu bewirken und unseren Konsum zu senken. Der Tag, an dem wir nicht mehr extra betonen müssen, dass ein Produkt nachhaltig ist, sondern alle komplett nachhaltig sind in Sachen Produktion, das ist unser Traumtag.

Vielen Dank für das interessante und ehrliche Interview, liebe Mette, liebe Melissa!

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