Leben am Limit – Der Familienchat

Ein Chat, mich zu knechten ...

Gruppenchats sind eine Erfindung des Teufels und außerdem eine endlose Terror-Variante von Rundmails. Eine ganz besondere Rolle nimmt hier der Familienchat ein – weil Geburt verpflichtet. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Nicht nur einmal habe ich versucht, den Familienchat zu verlassen. Und jedes Mal, wenn ich nach einem (mal mehr, mal weniger pompösen) Abgang wenige Stunden später auf mein iPhone blickte, war ich wieder Teil der illustren Gesprächsrunde. Ungefragt hinzugefügt natürlich. Ist es moralisch verwerflich, die eigene Familie wegen Datenschutzverletzungen anzuklagen? Vermutlich ...

Nonstop und munter aneinander vorbei reden

Dabei ist das Wort Gesprächsrunde noch ein Euphemismus für das, was vermutlich in allen Familienchats da draußen täglich vor sich geht: Man redet, bzw. schreibt, nonstop und munter aneinander vorbei. Die wirren Tages-Updates und Monologe vom morgendlichen Küchentisch sind ins Digitale geshiftet. Immer mit dabei: (gerne auch Life-)Fotos vom Essen, dem Wetter, Menschen, die ich nicht kenne („die Siggi, der Klaus und die Moni!! Markttreff!!“) und von Verletzungen, da unser Familienchat für meinen Bruder und mich auch immer als Fernsprechstunde bei körperlichen Gebrechen fungiert, was wiederum äußerst praktisch ist.

Dabei schwanke ich immer zwischen äußerster Genervtheit ob all der Belanglosigkeiten, die die kleine, in Rot umrahmte Zahl auf meinem iPhone (und somit meinen Stresslevel) in die Höhe schießen lassen und der Freude an ebenjenem unwichtigen Informationsaustausch. Wir werden schließlich permanent zu relevantem Tun gezwungen. Da wirkt ein wenig Nonsens hier und da schon fast therapeutisch.

Meine Mutter ist im Familienchat zweimal Mitglied ... wie auch immer

Oft ist mein iPhone-Bildschirm bis zum frühen Nachmittag relativ still. Solange, bis mit einem Foto, einem Kommentar oder einer Frage die Büchse der Pandora geöffnet wird und der Chat-Damm bricht. Auslöser ist tatsächlich meistens ein sehr nah aufgenommenes Bild von wahlweise etwas zu Essen oder etwas im Garten. Da ich weder sonderlich gerne und oft koche, noch einen Garten besitze, lasse ich meine Familie meist ohne meine Unterstützung in diesen Konversations-Feldzug ziehen. Für den folgenden Bilderhagel habe ich schlicht nicht genug Munition und begebe mich daher meist in Deckung im Schützengraben namens mute. Denn wenn ich mich einmal in den Strudel saugen lasse, gibt es meistens nur schwer ein Entkommen. Ich frage mich mehrmals in der Woche, wie meine berufstätigen Familienmitglieder die Zeit finden, im Minutentakt gefühlt 20 Nachrichten in den Äther zu schießen. Lustigerweise beehrt der einzige Rentner, mein Vater, den Chat nur ausgewählt mit spitzen Sprüchen und oft unvorteilhaften Fotos meiner Mutter (gerne beim Essen), was ich wiederum sehr witzig finde.

Unser Familienchat wird übrigens schon in vierter oder fünfter Version fortgeführt und hat aktuell den Namen Traut's App. Der setzt sich aus unserem Familiennamen und „WhatsApp“ zusammen und ich finde, das kann schon als fast gutes Wortspiel durchgehen. Meine Mutter ist zweimal Mitglied, wie auch immer sie das geschafft hat. Und seit einem Softwareupdate zeigt ihr Avatar statt eines Fotos unseres verstorbenen Jack Russels Isla das Kürzel MM. Das MM steht für „Mobile Me“ und ich habe keine Ahnung, wo das herkommt. Zwischendurch gab es auch Varianten verschiedener Mitglieder-Zusammenstellungen. Ich, mein Bruder und meine Mutter. Meine Eltern und ich, ohne Bruder. Nur ich und meine Mutter (existiert noch, wird bevorzugt für Hundebilder verwendet).

„Der Familienchat ist für mich denn auch ein dankbarer Hafen, um meinen fragwürdig bis schlechten Humor anlegen zu lassen.“

Zur Weihnachtszeit wird der digitale Wahnsinn dann analog. Mein Bruder bombardiert uns unaufhörlich mit schlechten Witzen, meine Mutter gibt mir alle zehn Minuten Anweisungen in der Wir-Form („Wir müssen die Oma anrufen.“, „Wir müssen noch den Baum schmücken.“), wobei natürlich stets ich gemeint bin. Auf derlei Art Küchenpsychologie falle ich nicht rein, ha! Und mein Vater macht alles, was ihn glücklich macht, nur unterbrochen von gefühlt stündlichen Mittagsschläfchen. Über die Feiertage hat der Chat seine jährliche Verschnaufpause, die mir jedoch nicht gegönnt ist.

Damit meine Familie mich nach Lesen dieses Artikels nicht enterbt, muss ich natürlich noch einige gute Worte loswerden. Ein Lob auf diesen Wahnsinn in Sprechblasenform, von dem es kein Entkommen gibt. Der Familienchat ist für mich denn auch ein dankbarer Hafen, um meinen fragwürdig bis schlechten Humor anlegen zu lassen. Den habe ich schließlich von meinen Eltern geerbt und während ich mich in anderer Leut' Gegenwart nicht nur einmal für betretenes Schweigen gesorgt habe (ich arbeite daran, okay?), kann ich mir eines Lachers bei iMessage immer sicher sein. Danke dafür. Außerdem ist es auch sicher, dass, solange mein Bruder und ich es schaffen, unsere Eltern im Chat bei Laune zu halten, die hoffentlich nicht auf die Idee kommen, sich einen Facebook-Account anzulegen oder, noch schlimmer, sich ständig bei Instagram herumzutreiben.

Ich fürchte schon den Tag, an dem auf eine Nachricht meinerseits nicht mehr mit einem komplett aus dem Zusammenhang gerissenen Foto geantwortet wird und in dem es keine Grüße aus dem Jeans Museum gibt oder Blödeleien im Stundentakt hagelt und hoffe, dass es bis dahin noch lange Zeit und viele Nervenzusammenbrüche hin ist.

Wir wünschen euch allen wunderbar wahnsinnige Weihnachten / freie Tage / Endjahres-Entspannung, ihr besten Leser*innen der Welt!

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