„Essen hat für mich über Nacht seine Unschuld verloren“ – Nils Binnberg hat so gesund gelebt, dass es krank war

Acht Jahre lang folgte Nils Binnberg den leeren Versprechen den Ernährungsgurus – und machte sich damit krank. In seinem Buch rechnet er mit einer Industrie ab, die unserem Essen die Unschuld genommen hat

Das Gespräch mit dem Journalisten und Autor Nils Binnberg ist mein erstes Interview seit der Corona-Krise, dass ich Face-to-Face führe und ich sitze entsprechend gut gelaunt im Kreuzberger Hinterhof vor einer dieser typischen Backsteinremisen aus dem 19. Jahrhundert, die wie kleine Oasen der Ruhe zahlreich in der ganzen Stadt versteckt sind. Es ist warm aber nicht heiß und ich spüre, wie sich die Luft weiter auflädt, um sich schon bald in Form von Regen über der Stadt zu entladen. Ich nippe an meinem Kaffee-Schwarztee-Hybrid, den die in der Remise beheimatete Rösterei verkauft, während ich auf meinen Interviewpartner warte.

Da kommt Nils um die Ecke. Kaschmir-Polo, Faltenhose und weiße Sneaker, gut gelaunt und entspannt. Warum ich mit Nils sprechen möchte? Wegen seines Buches „Ich habe es satt". Darin berichtet er von seiner Erkrankung an Orthorexia Nervosa, der Sucht, sich (vermeintlich) gesund und optimal zu ernähren. Acht Jahre lang litt Nils unter Orthorexie, ohne überhaupt zu ahnen, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt.

Essstörungen? Eigentlich kein klassisches Männerphänomen – denkste!

Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung leiden etwa 30 bis 50 von 1000 Personen an einer Essstörung. Auffällig ist, dass fast alle Essstörungen eher im Jugendalter und hier vermehrt unter Frauen und jungen Mädchen auftreten. Nils entwickelte seine Essstörung mit Anfang dreißig – das und die Tatsache, dass er ein Mann ist, machen ihn auf den ersten Blick zu einer absoluten Ausnahme von der Regel. Tatsächlich sprechen Männer jedoch nicht so häufig über ihre Erkrankung oder sie fällt schlicht nicht so sehr auf, da sich die Störung oder Krankheit meistens rund um die Themen Selbstoptimierung und -kontrolle bewegen. Die Entscheidung von Nils, seine Erfahrung in einem Buch niederzuschreiben, finde ich gleich doppelt mutig, denn er gewährt der Öffentlichkeit einen sehr intimen Blick in seine Leidensgeschichte und sein Privatleben und er räumt mit dem Vorurteil auf, dass Essstörungen ein Thema sind, dass sich immer eindeutig einem bestimmten Geschlecht zuschreiben lässt.

Orthorexia nervosa beschreibt die krankhafte Beschäftigung mit Essen, den Inhaltsstoffen und dem Streben nach einer (vermeintlich) optimalen Ernährung. Im Verlauf der Krankheit folgen die Erkrankten so vielen selbst auferlegten Essensregeln, dass ein „normales“ Leben nicht mehr möglich ist. Nils litt acht Jahre unter Orthorexie, bis er auch dank seines Buches schließlich aus der Krankheit hinausfand.

Im Interview erzählt er, warum es keine guten und schlechten Nahrungsmittel gibt, weshalb Buchweizen sein ständiger Begleiter war und warum unser Umgang mit Lebensmitteln ein gesellschaftlich anerkannter Weg in potenzielle Essstörungen ist.

Triggerwarnung: In diesem Interview wird über Orthorexia nervosa, Bulimia nervosa, Anorexia nervosa und Binge Eating gesprochen!

Das Interview mit Nils Binnberg

Würdest du alles essen, was es hier gibt?

Ja. Also vorausgesetzt, es schmeckt mir (lacht).

Du steigst in das Buch ja sehr sinnlich ein, mit Gerüchen, Geschmäckern – zwei Seiten lang geht es um Genuss und dann geht es im Prinzip bergab. Hast du das bewusst gemacht?

Essen verliert bei der Orthorexie ja seine Unschuld und deswegen habe ich mich noch einmal ganz bewusst daran erinnern wollen: Wie war das eigentlich mit dir und dem Essen vor der Krankheit? Wie konnte es zu einer Problembeziehung werden? Das Buch war dann eine Art Schreibtherapie für mich.

Hast du eine Therapie gemacht?

Ja, aber nicht spezifisch wegen der Orthorexie. Bezeichnend für die Krankheit ist, dass sie lange Zeit unbemerkt bleibt. Man hat ja das Gefühl besonders tugendhaft zu sein, weil man auf die Gesundheit achtet. In Wahrheit verbirgt sich hinter der Störung oft ein Schlankheitswunsch. Ich wollte mit einer Low-Carb-Diät ein paar Pfunde loswerden, plötzlich geriet ich in einen Gesundheitswahn. Wenn ich das Fotoalbum auf meinem Mobiltelefon durchscrolle sehe ich mich im Sommer 2009 gebeugt wie ein alter Bär auf einer Mauer beim Urlaub auf Capri. Kein halbes Jahr später nach der ersten Diät und einem Kraftausdauerprogramm entdecke ich ein Bild, auf dem ich durchtrainiert vor einem Badezimmerspiegel posiere. Wiederum sieben Jahre später, auf dem Höhepunkt der Krankheit, hatte ich fast zwanzig Kilogramm verloren. Aus der Zeit gibt es ein Party-Bild von mir und Christina Centenera, der Stylistin von Kim Kardashian. Beim Anblick heute denke ich: „Huch, du warst ja so stöckchendünn wie sie!“ Aber damals konnte ich nicht schlank genug sein.

Das sind dann aber schon Ausläufer einer Magersucht, wenn du dich so verzerrt wahrnimmst.

Im Grunde schon. Ein Mensch mit Magersucht spürt die Sitzknochen auf dem Stuhl, kann den Oberarm locker mit Zeigefinger und Daumen umschließen, trotzdem fühlt er sich noch zu dick. Diese Körperwahrnehmungsstörung ist auch in der Orthorexie ein Thema. Die Wissenschaft war sich lange nicht einig, ob Orthorexie eine eigenständige Essstörung ist. Mittlerweile sagen Fachleute, sie sei eine Erscheinungsform der Anorexia nervosa. Man zählt zwar nicht bewusst Kalorien, aber durch die Einteilung in „gute“und „böse“ Lebensmittel nimmt man im Ausschlussverfahren weniger Nahrung und somit Kalorien zu sich.

Aber wo ist die Grenze? Ab wann ist es nicht mehr Acht geben, sondern krankhaft?

Die Alarmglocken sollten läuten, wenn das Essen das ganze Leben bestimmt, die Gedanken vierundzwanzig Stunden am Tag darum kreisen. Wenn man aggressiv wird, weil die Essenspläne plötzlich durchkreuzt werden. Oder, wenn man, wie ich, bestimmte Lebensmittel sogar mit auf Reisen nimmt, weil sie am Zielort nicht verfügbar sind. Ich hätte niemals in einem Café ein Croissant gegessen.

Wie sah denn zum Höhepunkt deiner Krankheit dein täglicher Essensplan aus?

Ich habe mich auf Instagram inspirieren lassen von selbsternannten Gesundheits-Gurus. Hinzu kamen Ratschläge aus Ernährungsforen oder Blogs. Am Ende folgte ich einem ganzen Sammelsurium, teils widersprüchlicher Diäten: glutenfrei, Steinzeitdiät, Clean Eating und vegan. Zum Frühstück gab es einen glutenfreien Buchweizenbrei, der sägespänenartig schmeckte und immer kofferweise im Reisegepäck war. Mittags meistens eine Avocado, über die ich Sonnenblumenkerne gestreut habe. Dazu ein paar Scheiben Räucherlachs. Abends ebenfalls Lachs oder Fleisch, dann gegrillt mit ein bisschen Salat. Man macht sich keine Vorstellung, wie viele Packungen Lachs ich in der Zeit verschlungen habe. Der ganze Plastikmüll! Durch meine Kostregimes dachte ich wirklich, mich immer weiter optimieren zu können. Wenn ich einmal beruflich nach New York oder Los Angeles fliegen musste, glaubte ich, dass ich durch den Verzicht auf Kohlenhydrate, die Zeitverschiebung und meinen Bio-Rhythmus austricksen kann.

„Der Verzehr von Fast-Food kommt einer Sünde gleich, eine Avocado hingegen ist das Statussymbol der grünen Bourgeoisie und man fühlt sich heilig wie der Dalai Lama, wenn man sie in den Einkaufskorb legt.“

Du dachtest quasi, dass du die Zeit besiegst?

Irgendwie, dass ich dem Alterungsprozess mit einer ganzen Reihe an Diäten ein Schnippchen schlagen kann. Im Grunde ging es mir immer darum, die Kontrolle über mein Leben zu haben.

Besitzt Deutschland in deinen Augen eine Esskultur?

Jede Kultur hat ja eine gewisse Art, zu essen. Auch die deutsche. Aber historisch betrachtet, sind wir Deutschen ähnlich wie die US-Amerikaner und Engländer irgendwann sehr wissenschaftlich ans Essen herangegangen, genauer gesagt zum Beginn der 1910er-Jahre. Damals begann man vor allem hierzulande um die Bedeutung der Vitamine zu wissen. Das war in Zeiten von Mangelernährung lebensrettend. Obwohl wir heute kein Risiko mehr haben, unterversorgt zu haben, prägt uns die funktionale Sichtweise aufs Essen bis heute, von Ernährungspyramiden auf Müsli-Kartons bis zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Weil wir nicht so Genussmenschen sind?

In der deutschen Philosophiegeschichte wird zumindest immer wieder das Gesellige beim Essen betont. Immanuel Kant soll besonders darauf geachtet haben, mit einer ganzen Reihe an Gelehrten und Schülern zu essen. Das war aber eben lange vor dem Siegeszug der Ernährungswissenschaft. Heute glauben wir, irgendein Teilchen im Rotwein ließe uns länger leben. Das ist in Frankreich zum Beispiel anders. Nicht ohne Grund spricht man vom Französischen Paradox. Das heißt, die Franzosen essen Dinge, die hierzulande als ungesund gelten und sind gleichzeitig kerngesund. Das ist jetzt rein anekdotisch, aber wenn man durch Paris läuft, sieht man Menschen in der Brasserie sitzen und ein Clubsandwich essen, dazu ein Glas Wein. Und voilà, die Krankheitsraten explodieren dort tatsächlich nicht. Es gibt so viele Faktoren, die beim Thema Gesundheit mit einbezogen werden müssen.

Welche denn?

Bildung, Einkommen, Region, Gene, Lebensumstände … alles Dinge, die unsere Gesundheit bestimmen, aber schwer zu beeinflussen sind. Also werden Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Herzinfarkte auf unseren westlichen Lebensstil – viel Zucker, wenig Bewegung – geschoben. Das mag auf den ersten Blick überzeugend sein. Aber dann muss man sich fragen, was macht denn unseren Lebensstil genau aus? Vor allem ja Stress, Einsamkeit, Selbstoptimierung, Bildungsarmut, eine Schere von Armut und Reichtum, die immer weiter auseinandergeht. Es ist allerdings unbequem, die sozialen Probleme in der Gesellschaft anzugehen, also sind Soft-Drinks schuld und wir diskutieren allen ernstes eine Lebensmittelampel. Wir stigmatisieren ständig bestimmte, an sich harmlose Lebensmittel.

„Einige Soziologen sagen sogar, Essen sei inzwischen ein stärkerer Ausdruck unserer Persönlichkeit als Mode. Ich würde da zustimmen.“

Das musst du erklären.

Wenn man heute etwa eine Tageszeitung aufschlägt und es geht um das Thema Übergewicht, dann sieht man ein Symbolbild mit einem Hamburger, mit Pommes oder einer Cola. Natürlich machen diese Lebensmittel nicht automatisch fettleibig. Nur, wenn man raue Mengen zu sich nimmt. Hinter Fettleibigkeit steckt oft die Fresssucht, also eine Essstörung. Manche Menschen stillen ihren emotionalen Hunger mit übermäßigem Essen. Ich habe damals ja auch zugenommen, weil ich Kummer hatte. Ich hatte mich allein gefühlt, eine Fernbeziehung, litt unter Stress. Sich mit Essen aufzumuntern, heißt dann aber in unserer Kultur „Guilty Pleasure“. Also erst die Tafel Schokolade voller Lust reinschaufeln, und das schlechte Gewissen gleich dazu.

Also bekämpfen wir als Gesellschaft die Symptome anstatt die Ursachen.

Der Verzehr von Fast-Food kommt einer Sünde gleich, eine Avocado hingegen ist das Statussymbol der grünen Bourgeoisie und man fühlt sich heilig wie der Dalai Lama, wenn man sie in den Einkaufskorb legt. Man drückt über das Essen aus, wer man ist, oder sein möchte. Durch die sozialen Medien stärker denn je, sie sind ein Abziehbild unserer Essensgesellschaft. Unter dem Hashtag #food findet man auf Instagram fast 390 Millionen Bilder, vom dreistöckigen Cheeseburger bis zu Macarons. Einige Soziologen sagen sogar, Essen sei inzwischen ein stärkerer Ausdruck unserer Persönlichkeit als Mode. Ich würde da zustimmen. Es erklärt, warum wir ständig über das Essen reden, während wir essen.

Die Einteilung von Essen in bestimmte Gruppen gibt es in jeder Kultur.

Die Art, wie man sich ernährt, stiftet Identität und Gruppenzugehörigkeit. Das kennt man ja auch von Religionen, etwa den koscheren Speisen bei den Juden, oder dem Halāl im muslimischen Glauben. Das sind Ordnungssysteme, die die Gemeinschaften voneinander abgrenzen. Man fühlt sich rein und heilig, wenn man sie befolgt. Ähnliches gilt das auch für unsere Diät-Kultur. Nicht ohne Grund heißt einer der größten Trends „Clean Eating“. Am Ende hat unsere Auffassung von gesunder Ernährung etwas mit Moral zu tun. Fleisch zu essen ist in Zeiten von Billigfleisch amoralisch und plötzlich erzeugt es Darmkrebs. In den 1950er-Jahren war es noch ein Statussymbol – der berühmte Sonntagsbraten – da war es aber auch noch kostspielig und die Produktionsbedingungen waren noch nicht in Verruf geraten. Da wäre niemand auf die Idee gekommen, Fleisch als Gift zu bezeichnen.

Du hast dir ja in den 8 Jahren auch etwas vorgemacht, was nicht da war.

Meine ganzen Essensregeln waren für mich ein Ordnungssystem. Sie haben mir Halt und Orientierung gegeben. Wann immer ich innerliche Unruhe verspürte, Konflikte hatte, tat es gut, etwas Verlässliches wie meine Diäten zu haben.

Die Essstörung hat am Ende ja so sehr dein Leben bestimmt, dass du ein anderer Mensch warst. Du selbst sagst überheblich, gleichzeitig getrieben und unfrei. Wie ist das rückblickend?

Das hat natürlich viel mit Selbstwert zu tun. Wo nicht viel Selbstwert ist, kann man das damit ausgleichen, andere Leute abzuwerten, ganz nach der Devise, schaut her, ich habe die besseren Ratschläge, ich habe den Dreh raus, ich kenne das Geheimnis ewigen Lebens, ich kann euch alles erklären.

Und wenn jemand dir sagte: „Das interessiert mich nicht“?

Das hat bezeichnenderweise niemand getan. Das ist ja das Faszinierende an der Sache: Es hat alle interessiert. Man sitzt mit Freunden bei einem Steak und währenddessen erzählt man, warum rotes Fleisch Krebs auslösen kann und keinem verdirbt es den Appetit. Im Gegenteil, viele hängen an den Lippen. Weil Essen im Grunde wie eine Religion ist. Es betrifft vor allem urbane, über-informierte, und leistungsorientierte Menschen.

Deine Orthorexie-Geschichte hat ja lange vor Instagram begonnen. Meinst du, dass derartige Störungen durch die App angefeuert werden können?

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass soziale Medien die Orthorexie begünstigen. Der Algorithmus sorgt dafür, dass man sich in einer Filterblase bewegt und plötzlich ist man nur noch von Açai-Bowls und Six-Packs umgeben. Irgendwann empfindet man diesen Lifestyle als vollkommen normal. Ist er aber nicht. Nur funktionieren Medien wie Instagram eben wie eine Echokammer. Man bekommt immer wieder das Feedback: Das ist die Norm, das ist die Norm, das ist die Norm. Zumal ja vieles gar kein Expertenwissen ist, was dort verbreitet wird. Es gilt die Devise, je häufiger etwas wiederholt wird, desto wahrer ist es.

Die Lehre aus deiner Geschichte ist ja auch, dass du allem, bzw. allen Regeln, entsagt hast. Du machst, womit du dich gut fühlst.

Ich halt es da wie Paracelsus: Die Dosis macht das Gift. Und der Mensch ist nun mal von Natur aus ein Allesfresser. Alles was extrem ist, ob Low-Carb oder Paleo, ist extrem ungesund. Man muss das eigene Maß finden. Das ist aber eben nicht so leicht in einer Welt, die einen ständig auffordert, mehr zu konsumieren. In einem Supermarkt stehen durchschnittlich 170 000 verschiedene Produkte. 170 000! Bei diesem Überfluss sehnen wir uns nach Regeln und Orientierung, kein Wunder, dass Ernährungsratgeber in schöner Regelmäßigkeit ganz oben auf den Bestseller-Listen stehen.

Du wirfst in deinem Buch mit vielen Theorien um dich und verstrickst dich so sehr darin, dass man als Leser*in nicht mehr durchblickt. Hattest du denn noch den Überblick darüber, was du da gerade machst?

Wenn man mitten in der Orthorexie steckt, ist man blind vor Fanatismus. Meine Theorien waren äußerst widersprüchlich. Aber im Grunde funktioniert genau so ja auch die Ernährungswissenschaft, frei nach dem Motto: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Mal ist das Hühnerei Cholesterin-Gift, dann ist es wieder lebenswichtig. Dann ist nur das Eigelb okay, dann wieder nur das Eiweiß. Und diese Widersprüche entstehen nicht etwa innerhalb von mehreren Jahren, sondern innerhalb eines Jahres oder einiger Wochen. 250 neue Studien sollen jeden Tag veröffentlicht werden, fast alle sollen fehlerhaft sein, wie eine große Untersuchung der renommierten Stanford Universität ergeben hat. Wie will man auch die Lebensumstände eines Menschen aus den Ergebnissen heraus rechnen? Das ist unmöglich. Jeder Fingerabdruck ist individuell, und so eben auch die Einflüsse auf die Gesundheit.

Wie hast du gemerkt, dass du krank bist?

Tatsächlich als ich über den Begriff Orthorexia nervosa in einem New-York-Times-Artikel gestolpert bin. Darin war die Rede von einem Alternativmediziner, Steven Bratman. Er hatte Ende der 90er-Jahre beobachtet, dass immer mehr Menschen zu ihm kommen und sich besonders heilig beim Verzehr von gesunden Nahrungsmitteln fühlen. Er diagnostizierte ein zwanghaftes Verhalten und erklärte das Phänomen in Anlehnung an die Anorexia nervosa zur Krankheit. Denn „orthos“ heißt richtig und „orexis“ Appetit. Zusammen ist es die krankhafte Fixierung auf gesundes Essen. Da war mir klar: Ich bin gar nicht so tugendhaft wie ich glaubte, ich hatte ein gestörtes Verhältnis zum Essen.

Wie bist du dann ausgebrochen aus den Routinen und den Denkweisen?

Ich hatte im Frühling 2017 für Recherchen besagten Steven Bratman in der Nähe von San Francisco besucht und er sagte im Interview: „There is no such thing as bad food.“ Ich verstand nicht, was er meinte, weil ich der festen Überzeugung war, dass Tiefkühlpizza ganz bestimmt schlecht für die Gesundheit war. Da erklärte er mir, dass Ernährungsstudien nichts weiter als Märchen seien, weil man die Wirkung von Lebensmitteln niemals wie die von Medikamenten untersuchen könne. Dazu sind Lebensmittel viel zu komplex, enthalten viele Stoffe. Und hinzu käme, dass bei diesen Studien Menschen bloß nach ihren Gewohnheiten befragt werden. Ein Worst-Case-Szenario für stichhaltige Aussagen, denn man weiß nie sicher, ob ausgerechnet die tägliche Avocado dazu geführt hat, dass man keinen Herzinfarkt bekommen hat, oder die Tatsache, dass man regelmäßig Yoga macht oder erfüllten Sex hat. Lebensmittel sind kein Gift. Sie sind Mittel zum Leben. Ohne sie wären wir niemand.

Schaust du dir heute noch Studien an oder liest zum Thema?

Ernährung ist noch immer mein Thema. Nur nicht mehr in Sachen Gesundheit. Alle Empfehlungen schlage ich getrost in den Wind.

Vielen Dank für das interessante Interview, Nils!

Disclaimer: Du leidest unter einer Essstörung oder hast Angst, in ein ungesundes Essverhalten abzurutschen? Du suchst Hilfe und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst? Wende dich an die Hilfsstelle für Essstörungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und lass' dir anonym und professionell helfen. Online oder telefonisch unter 0221 892031.

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