Land in Sicht! Ilona Hartmann hat sich mal eben als neue weibliche Stimme in der Literatur positioniert

Im Interview sprechen wir mit Ilona über ihren ersten Roman und über überholte Familienkonzepte, die Zynikerstadt Wien und Gag-geile Follower

Ilona Hartmann hat den Sprung von Twitter in die Bücherregale geschafft. Morgen erscheint ihr großartiger Debütroman „Land in Sicht“ im Aufbau Verlag. Er erzählt die mutige, verrückte und kuriose Geschichte von Jana, die ohne ihren Vater aufgewachsen ist. Der arbeitet als Kapitän auf einem Donau-Kreuzfahrtschiff und Jana entschließt sich, inkognito eine Woche mitzufahren, um ihn endlich kennenzulernen. Klar, dass sie auch eine ganze Menge über sich selbst lernt und klar, dass wir uns Ilona, unsere ehemalige freie Redakteurin (sie ist einfach zu beschäftigt) geschnappt haben, um über ihr erstes Buch zu sprechen.

Das Interview verabreden wir stilecht via Instagram, das gute Wetter bestelle ich gleich mit. Es regnet in Strömen, als wir uns im Prenzlauer Berg treffen und wir müssen lachen, weil wir beide nicht bedacht haben, dass es sich mit Masken schlecht sprechen lässt. Glücklicherweise finden wir eine Bar mit überdachtem Außenbereich, bestellen zwei Schorlen und ich löchere los!

Wer Ilona nicht kennt, könnte erstaunt darüber sein, wie reflektiert, nachdenklich und bedacht sie meine Fragen beantwortet, schließlich lautet die Devise im Netz eher: Hau drauf und raus damit. Aber feiner Humor verlangt Reflexion und Beobachtungsgabe und dass Ilona beides und noch viel mehr besitzt, davon könnt ihr euch in diesem Interview und natürlich in ihrem Roman überzeugen!

„Es ist ja eigentlich so: Du bist so lange online, wie du wach bist. Also eigentlich Vollzeit. Ich bin Vollzeit online.“

Ilona, du hast keinen Wikipedia-Eintrag! Dabei bist du bald veröffentlichte Autorin!

Enttäuschend, oder? Ich wünsche mir das zum Geburtstag. Aber ich kann das nicht selber machen, das ist sowas, das andere für einen machen.

Wir starten dann jetzt einen Aufruf, spätestens zum Buch-Release muss der Eintrag fertig sein.

Aber ich würde es gerne autorisieren vorher! Wir sind ja hier bei Profis.

Und Beige als erste Fußnote … nein, Spaß beiseite, fangen wir an! Wie viele Stunden am Tag bist du online?

Erinnerst du dich noch, es gab mal eine Studie – das ist bestimmt schon zehn Jahre her – da wurde gefragt, wie viele Stunden man im Internet verbringt. Man konnte ankreuzen zwei Stunden, vier Stunden, mehr als vier Stunden war das Maximum oder so. Und damals schon haben alle in meiner Bubble einfach extrem darüber gelacht, weil es ist ja eigentlich so: Du bist so lange online, wie du wach bist. Also eigentlich Vollzeit. Ich bin Vollzeit online.

Und wie oft greifst du zum Buch und wann?

Tatsächlich eher morgens und jetzt auch wieder regelmäßig. Bin dem Schreiben meines Buches habe ich mich wieder mehr mit Literatur beschäftigt und wieder angefangen, echt viel zu lesen. Abends bin ich zu müde, aber morgens geht es ganz gut. 

Als das Angebot für das Buch kam, musstest du dich da erst mal updaten, was in Sachen Literatur abgeht?

Als das Buch anstand, habe ich kurz den Drang verspürt, alles zu lesen, aufzuarbeiten, abzuchecken, nachzuholen. Was ist gerade Trend, was war Trend? Was geht noch, was geht nicht mehr? Ich wollte mich total informieren und habe dann gemerkt: Ich schaffe das nicht. Weder zeitlich, noch geistig. Weil es mich wahnsinnig gestresst hat. Es hätte bedeutet, dass ich mich vergleiche oder versuche, jemandem nachzueifern. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass ich klinge wie irgendwas, was es schon gibt. Ich habe dann beschlossen, dass ich das Risiko eingehe, extrem untrendy zu schreiben oder nicht dem Zeitgeist oder State of the Art zu entsprechen. Weil, dann ist es zumindest meins und ich muss mir nicht vorwerfen lassen, mich verbogen zu haben. Von daher: bewusst ignoriert. Wohl wissend, dass man mir am Ende vorwerfen kann, dass es arrogant ist.

Gibt es richtige Trends in der Literatur und welche sind aktuell relevant?

Ja, voll. Aber Trends in der Literatur sind langfristiger, weil sie länger brauchen, um im Mainstream anzukommen. Dafür halten sie sich aber auch länger. In der aktuellen Literatur merkt man eine deutliche Politisierung und eine viel feministischere Stimme. Viel mehr Frauen schreiben gewagter und spitzer. Das männliche Paradigma vom Popliterat gilt nicht mehr. 

„Ich finde das total wichtig, dass die weibliche Stimme mitgelesen wird. Es ging mir auch darum, dem weibliche Narrativ mehr Gehör zu schenken und wie es ist, als Frau ohne den Vater aufzuwachsen.“

Findest du das doof, wenn Leute bei deiner Arbeit dein Frausein betonen?

Nee, ich finde das total wichtig, dass die weibliche Stimme mitgelesen wird. Es ging mir auch darum, dem weibliche Narrativ mehr Gehör zu schenken und wie es ist, als Frau ohne den Vater aufzuwachsen. Ich habe in meinem Aufwachsen nur Geschichten von Jungs gehört, die ohne Vater aufgewachsen sind. Mir hat total die weibliche Stimme gefehlt. Außerdem beeinflusst mein Frausein auch, wie ich schreibe und erzähle und wie ich die Dinge wahrnehme. Man kann es nicht trennen und man kann es nicht rauslassen, wenn man davon redet. 

Ich wollte gar nicht die Autobiografie-Keule schwingen und umschiffe die offensichtliche Frage noch einmal und will von dir wissen, wie du auf das Setting deines Romans gekommen bist?

Das ist tatsächlich der wahre Teil der Geschichte. Ich habe diese Reise ja wirklich gemacht und mein Vater hat damals auch wirklich auf so einem Schiff gearbeitet. Ich bin acht Tage da mitgefahren, mit all den Rentnern.

Also ist dein Roman autobiografisch.

Dieser Teil ja. Es ist halt alles sehr gestrafft. Die Geschichten, die passieren, sind eine Zusammenfassung von vier Jahren, die ich meinen Vater kenne und allen Dingen, die wir in dieser Zeit erlebt haben – in ganz unterschiedlichen Settings. Für das Buch habe ich sie alle komprimiert auf acht Tage auf dem Schiff. Aber die Dinge, die ich mir da teilweise ausgedacht habe, die musste keiner ertragen (lacht).

Also war die Story schon da. Ich glaube, viele hätten was anderes bei dir erwartet als Buch.

Was hätte man denn erwartet?

Ich glaube, ich hätte eine Anthologie, also Kurzgeschichten erwartet. Auf keinen Fall eine Gag-Sammlung, keine Angst. Aber der Plot ist ja relativ ernst – natürlich witzig, aber real.

Ich habe inzwischen auf Instagram ja 26.000 gag-geile Follower und jetzt komme ich mit meinem Roman um die Kurve und bin so „Heyyy, sorry, es ist leider kein Spruchkalender!“. Aber ich würde natürlich jedem überlassen, den eigenen Zugang zu finden.

Und es ist ja auch mit viel Humor.

Ah, das beruhigt mich. Ich wollte die Geschichte nicht ver-klamauken. Aber ich bin froh, dass man eine Leichtigkeit heraushört.

Wurde dir der Inhalt frei überlassen?

Ich hatte die Story schon fertig und hatte dann das Glück, dass meine Lektorin Bock darauf hatte. Vielleicht hat sie auch schon etwas auf Instagram gesehen, da sie mir gefolgt ist und mich auch via DM kontaktiert hat. Sie kam genau in dem Moment an, als ich das Manuskript und die Leseprobe fertig hatte. Ich hatte gerade an einen größeren Verlag gepitcht, aber die wollten eine 100-seitige Leseprobe und das wäre ja fast das ganze Buch gewesen. Ich konnte meiner Lektorin also direkt sagen: „Schön, dass du fragst, hier ist mein Manuskript“.

Wie kommt man von 280 Zeichen auf ein Buch?

Im Grunde genommen genauso und immer weiter. Ich habe oft Leute sagen hören, dass sie niemals ein Buch schreiben könnten, weil es so komplex und lang ist. Nur, man schreibt das Buch nicht am Stück, sondern in Passagen. 

Mir hat es geholfen, meine Geschichte zu strukturieren. Die Reise auf dem Boot dauerte acht Tage. So hatte ich schon mal acht Kapitel und die konnte ich dann weiter unterteilen. Was passiert an welchem Tag und so weiter. Die Outline stand also. Ich bin natürlich zwischendurch davon abgewichen, hatte aber grob im Kopf, wo ich hinwill, was an jedem Tag passiert und was das Ende sein soll. Das hat total geholfen. Ich bin chronologisch vorgegangen beim Schreiben, habe aber an manchen Tagen eine und an manchen Tagen vier Seiten oder mehr geschrieben. Oder zehn geschrieben und acht gelöscht, das war Tagesform abhängig. Quasi jeden Tag 15 Tweets zu Thema (lacht).

Hast du in dem Prozess noch einmal viel Neues über dich selbst gelernt?

Ich bin mir meiner Sprache noch mal sicherer geworden und habe mich hier selbst viel überprüft und geschaut, wie ich eigentlich klingen will. Die Korrekturen meiner Lektorin waren hier ein guter Spiegel. Du kennst es vielleicht, wenn man als Redakteurin arbeitet, bekommt man ja wenig Feedback. Es wird sich mal bedankt oder es wird um eine Überarbeitung gebeten. Aber das jemand noch mal wirklich in deinen Text reingeht und dir genau sagt, wie deine Sätze klingen oder was ein bestimmter Begriff mit dem ganzen Abschnitt macht, das passiert eher nicht. Das hat mir total geholfen: sich einer Kritik aussetzen, die man aber auch annehmen kann, weil sie konstruktiv und gut ist.

„Wenn ich irgendwas mit meinem Buch erreichen möchte dann, dass jede und jeder, Geschlechter unabhängig, mal an die Stelle hinspürt, wo der Vater ist. Das muss auch gar nicht dramatisch sein.“

War dir das wichtig, dass deine Lektorin weiblich ist oder war das Zufall?

Das war eigentlich eher Zufall, aber rückblickend bin ich froh, weil Friederike auch so ein ganz feines Gespür hat und für mich und meine Themen, die ja weibliche Themen sind, eine andere Antenne hat, als ein Mann das gehabt hätte.

Du hast gesagt, dass die Abwesenheit vom Vater ein nicht klassisch weibliches Narrativ ist, oder eben, dass hier oft die weibliche Perspektive fehlt. Worin unterscheiden sich hier die Stimmen? Weil man ja dann wieder ganz schnell in Geschlechterrollen gerät, oder?

Voll. Für die Geschichten, die ich in meinem Aufwachsen gehört habe, gab es kein weibliches Pendant. Man kann ja auch ein schwieriges Verhältnis zum Vater haben, obwohl der die ganze Zeit da ist. Ich glaube die An- oder Abwesenheit ist gar nicht so entscheidend, es gibt auch abwesende Väter, bei denen es wirklich wirklich gut ist, dass sie nicht bei der Familie sind. Die Geschichte muss man auch erzählen. Wenn ich irgendwas mit meinem Buch erreichen möchte, dann, dass jede und jeder, Geschlechter unabhängig, mal an die Stelle hineinspürt, wo der Vater ist. Das muss auch gar nicht dramatisch sein. Aber selber mal zu gucken, wie das mit der eigenen Identität zusammenhängt. Weil, dass es zusammenhängt, das habe ich deutlich gemerkt. 

Wie lange war dein Vater in deinem Leben abwesend?

Als ich ihn kennengelernt habe, war ich 24.

Er hat dir aber sehr gefehlt …

Er hat mir nicht gefehlt im Sinne von vermissen, weil … wen eigentlich? Da hatte ich keine Projektionsfläche. Aber ich wollte für mich selber wissen, was für einen Unterschied es machen würde und es war mir so wichtig, dass ich das rausfinden wollte.

Und was hast du herausgefunden?

Ich habe ganz viel über mich selbst und über meine eigene Persönlichkeit verstanden. Teilweise ganz banale Dinge, die sich plötzlich erklärt haben. Zum Beispiel, dass ich einen unerklärlich guten Orientierungssinn habe. Und da meint mein Vater, ja, das hätte er auch.

Das ist irgendwie auch schön, oder?

Ja. Also man kann da total gut connecten. In unserem Fall ist das auch positiv verlaufen. Und ich glaube, das hat schon geprägt, wie ich mich die letzten Jahre entwickelt habe. Dadurch, dass mein Vater ein ziemlicher Freigeist ist und sich gar nicht so viel um Regeln und Konventionen schert und einfach sein Ding macht, hab ich vielleicht auch mehr den Mut bekommen, mein Ding zu machen. 

Also hat er dich spät auch noch sehr inspiriert.

Ja, beziehungsweise den Teil von mir bestärkt, der ohnehin schon da war, aber wo ich bisher kein Vorbild hatte. Ich glaube, das hat voll was bewegt. 

Und wie war eure Begegnung? Lief das ähnlich ab wie im Buch? Was war das für ein Moment? Was ist das für ein Gefühl?

Also mein Vater wusste, dass wir uns treffen, es war keine Überraschungssituation. Ich muss dazu auch sagen, die Reise auf dem Schiff haben wir zusammen gemacht, da kannten wir uns schon. Die Reise ist der wahre Part im Buch, aber dieses Einschleichen mit falschen Namen und so ist erfunden. 

Wir haben uns zum ersten Mal mittags in einem Restaurant getroffen und ich war noch niemals so aufgeregt. Es war ganz schrecklich und schön. Dann kam er um die Kurve und es war eine Mischung aus Berührung und Enttäuschung. Weil es einerseits natürlich unfassbar rührend ist, die Person das erste Mal zu sehen, die dein Vater ist und auf der anderen Seite die Enttäuschung und der Gedanke: „Ah ja, der ist es jetzt.“ Weil du natürlich dir vorstellst, wie er aussieht, ob er cool ist, ob er gut angezogen ist, ein lässiger Typ ist. Und dann ist es halt ein normaler Typ. 

Für mich war es sehr weird, ihm plötzlich gegenüberzusitzen und auch zu merken, wie ähnlich ich ihm sehe. Ich sehe ich meiner Mutter eigentlich nicht so ähnlich, aber ihm total. Das wusste ich ja vorher nicht.

Dein Vater wirkt sehr rastlos und frei. Findest du, dass du mit dem Buch was gefunden hast, das auch dich zur Ruhe kommen lässt? 

Ich glaube tatsächlich, dass es eher umgekehrt ist. Ich bin erst dadurch, dass ich meinen Vater getroffen habe, so geworden, wie ich heute bin. Ich weiß nicht, ob ich ohne dieses Erlebnis heute freiberuflich wäre. Vielleicht wäre mir auch die Sicherheit lieber gewesen. Ich bin ja relativ bodenständig erzogen worden.

Dadurch, dass ich gesehen habe, dass es auch anders geht, war eher das Treffen mit meinem Vater das, was mich freier und beweglicher gemacht hat. Ich sehe das Buch in dem ganzen Kontext eher als den Anfang von etwas – und nicht als das Ende. Es fühlt sich an wie ein Steigbügel, wie diese Plattformen bei Super Mario, von denen aus man noch höher springen kann.

„Ich habe das Buch zuerst meiner Mutter gegeben. Sie ist in der ganzen Geschichte der Mensch, der am meisten Arbeit geleistet hat.“

Hast du deinem Vater das Buch vorab zum Lesen gegeben?

Ich habe es meiner Mutter gegeben. Sie ist in der ganzen Geschichte der Mensch, der am meisten Arbeit geleistet hat. Mein Vater erntet ja quasi nur. Also sie hat mich erzogen, sie hat mich ernährt, sie hat mir beigebracht mit dem Löffel zu essen und aufs Klo zu gehen und hat mit mir Hausaufgaben gemacht … alles. Das war natürlich ein Mächteverhältnis, das ich erst mal ausgleichen musste und deswegen habe ich es ihr zuerst gegeben und mein Vater bekommt es noch. Er hat es noch nicht gelesen. Ich werde es ihm wahrscheinlich auch persönlich geben und wahrscheinlich auch an dem Ort, an dem wir uns das erste Mal getroffen haben. Weil ich diese Art von cheesy Geschichtenführung sehr gerne mag.

Wie in einer 90er-Jahre Rom Com.

Genau. Aber irgendwie, ja, ich mag sowas ganz gerne, wenn es dann auch mal im realen Leben diese Filmmomente gibt.

Hinterfragt dein Buch das klassische Familienkonstrukt? 

Man kann es auf jeden Fall so lesen. Mir ist beim Schreiben noch einmal viel krasser klar geworden, was Alleinerziehend zu sein eigentlich bedeutet. Wie viele Aufgaben du gleichzeitig jonglieren musst. Was das auch für das Kind-Mutter-Verhältnis, jetzt in meinem Fall, bedeutet. Dass beide Seiten manchmal einfach ungesund nah sind. Davor habe ich wahnsinnig Respekt. Ich habe auch die Modelle hinterfragt, in denen ich Familie denke, klar. Bei mir sind im Kopf noch mal ein paar Türen aufgegangen. Zum Beispiel beim Thema Co-Parenting, das finde ich mittlerweile total clever.

Du hast viel in Wien geschrieben. Ist das für dich ein wichtiger Ort?

Ich liebe Wien und ich liebe es vor allem, weil es halt biografisch so verknüpft ist mit dieser Geschichte und mit meinem Vater. Das war auch ein Ort, wo ich zum Recherchieren gereist bin und ich habe dort auch die letzten Passagen fertig geschrieben, bevor ich das Buch letztes Jahr im Oktober abgegeben habe. Es ist ein aufgeladener Ort und ich fühle mich da wahnsinnig wohl. Es ist so eine Zynikerstadt und gleichzeitig so lebensbejahend, den Kontrast fühl ich extrem.

Wichtige Frage hier: Rauchst du?

Nicht im Alltag, aber ich habe geübt und könnte rein technisch rauchen. Für Wien würde ich es machen.

Die Ilona im Netz ist ja anders, als die Ilona aus dem Buch. Wie und wo treffen sich diese Ilonas?

Im Netz geht es mir einfach um was anderes. Das ist für mich ein Outlet und eine Plattform, auf der ich alles, was mir im Hirn herumschwirrt, relativ ungefiltert herauslasse. Mit dem Buch möchte ich eine Geschichte erzählen. Ich habe auch darüber nachgedacht, es in Blogeinträgen zu teilen. Aber ich finde Bücher einfach wichtig und wertvoll und dann wollte ich, dass meine Geschichte auch eines wird. Als Autorin habe ich gerade erst angefangen, meine Identität zu finden.

Hat das Buch dich denn auch in deinem Sein verändert?

Ja, vielleicht bin ich selbstbewusster. Es ist ja ein wahnsinniger Erfolg und wenn man so viel Bestätigung bekommt für das, was man macht, ist das toll. Die Arbeit am Buch hat mich in jedem Fall darin bestärkt, weiter das zu machen, was ich mache und ich glaube, ich bin noch ein bisschen mehr ich selbst geworden. Das ist weder gut noch schlecht. Sondern es ist einfach nur sehr beruhigend, dass ich damit gut durchkomme.

Würdest du sagen, dass es immer noch diese Grenze gibt in Deutschland, zwischen Autor*in im Netz und veröffentlichte Autor*in mit Buch und allem? Muss man diese Grenze noch ziehen?

Ich würde mir das wünschen, dass man sie nicht mehr zieht. Eine veröffentlichte Autorin zu sein, bringt einem mehr Respekt ein und verleiht ein Standing, von dem profitiere ich gerade natürlich. Aber prinzipiell ist es mir an vielen Stellen zu elitär und es grenzt auch Leute aus. Mein Roman kostet 18 Euro im Hardcover, das kann sich nicht jeder leisten. Ich fände es schöner, wenn das demokratischer geregelt wird. Dass entweder Bücher generell günstiger werden oder dass es Möglichkeiten gibt, es digital schneller zugänglich zu machen. Mal diesen Dünkel abzubauen, den diese rollkragige Literaturbranche manchmal hat. Ich will da gar kein Salz streuen, aber ich finde schon, man muss Lesen niedrigschwellig machen. Das geht viel über das Internet und dadurch, dass Leute wie ich, die nicht den klassischen Werdegang einer Autorin haben, schreiben können und dürfen und auch neue Impulse reinbringen, zum Beispiel, das Buch gezielt auf Instagram zu bewerben und nicht mit Bannerwerbung auf Hugendubel.de.

Kann man Humor lernen oder meinst du, den hat man?

Man kann auch jeden Fall Humortechniken lernen. Es gibt dazu auch ein gutes Buch, das heißt „The Comic Tool Box“ und der Untertitel ist „How to be funny even though you’re not“. Das Buch erklärt sehr gut, warum wir überhaupt Dinge witzig finden. Quasi Humor deconstructed. Eigentlich voll spannend. Ich habe beim Lesen viel Neues gelernt und verstanden. Die Techniken kann man sich aneignen, aber was Humor auch braucht, ist, dass man gut beobachten kann. Die Feinheit und die Schärfe dafür ist vielleicht ein bisschen Veranlagung. Manche sind da aufmerksamer.

Das erste Buch ist zwar noch nicht draußen, aber hast du Blut geleckt? Kommt noch was?

Ja, hoffentlich. Ich würde voll gerne noch ein Zweites schreiben … noch viel mehr. Die Arbeit am Buch fand ich extrem schön. Sie hat mich total geerdet, weil es auch eine Arbeit ist, bei der man demütig wird. Man muss sich dem fügen, was man an dem Tag leisten kann und kann nicht so schnell Sachen im Berliner Stressmodus weghackeln. Das war neu für mich. Es war eine gute Erfahrung, zu merken, wie man plötzlich ganz anders, langsamer und präziser arbeiten kann.

Zum Abschluss hätte ich gerne dein Lieblingsgetränk von der MS Mozart zum Nachmixen gewusst.

Auf dem Schiff gab es tatsächlich immer etwas zu warmen Weißwein, der außerdem zu süß war, weshalb ich ihn als Schorle getrunken habe. Ansonsten bin ich gar nicht so eine Cocktail-Trinkerin. Also Sekt auf Eis natürlich immer. Ich finde zumindest theoretisch auch Piña Colada spannend, habe ich lange nicht mehr getrunken. Das ist wie Bodylotion im Glas. Das widerstrebt auch jeglichem Trend, den es gerade gibt, ist nicht vegan, Sau viel Zucker und man kotzt wahrscheinlich. Ach, besser doch nicht.

Danke für das schöne Interview, liebe Ilona!

Der Roman „Land in Sicht“ von Ilona Hartmann erscheint morgen im Aufbau Verlag und ihr könnt (und solltet!) ihn hier kaufen!

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