„Ich sehe meine Kunst als Allgemeingut“ – Im Gespräch mit Stefan Marx

Stefan Marx holt mich an einem Donnerstagvormittag (erneut) aus meiner kleinen Comfort Zone heraus. Diesmal bringt er mich nicht mit seinen großformatigen Sprachfragmenten oder seinen kleinen, ironischen Zeichnungen zum Nachdenken, sondern seine Spontaneität zwingt mich, meine Pläne für diesen Tag ein wenig durcheinander zu wirbeln. Keine drei Stunden nach meiner Anfrage finde ich mich am westlichen Ende des Ku’damms im Café der berühmten Schaubühne Berlin wieder. Seine schnelle und kurzfristige Rückmeldung und der Ort für unser Treffen passen sehr gut zur Kunst des 39-Jährigen. Übermut, das Hinwegsetzen über geltende Regeln und das ständige Hinterfragen gesellschaftlicher Normen kennt nämlich nicht nur das Ensemble der Schaubühne gut, sondern auch Stefan Marx.

Seine künstlerischen Wurzeln hat Marx in Fanzines und der Skate- und Musikszene der Neunzigerjahre. Seine Arbeiten kann man ruhigen Gewissens als unangepasst, frech und gleichermaßen feinfühlig und nachdenklich bezeichnen. Mit Skateboard-Decks von Cleptomanicx und Plattencover für Smallville machte Marx sich einen Namen und schuf die Basis für eine neue Art von Kunst, nach der sich große Modehäuser und sogar alteingesessene Traditionslabels alle fünf Finger lecken.

Seine Arbeiten schaffen die perfekte Balance zwischen „Das Leben nicht immer so ernst nehmen“, einer gewissen Nachdenklichkeit und gnadenloser Gesellschaftskritik. Sein Herz trägt Stefan Marx auf der Zunge, beziehungsweise in den Fingerspitzen, denn er schreibt nieder, skizziert und malt, was ihn gerade beschäftigt. Seine großformatigen Leinwand-Arbeiten mit Satzfragmenten, Songtexten oder Gedankenfetzen sind inzwischen legendär. Die oft spontan und auf Reisen entstehenden Zeichnungen fasst Stefan Marx noch immer gern zu kleinen, thematischen Fanzines zusammen.

Zuletzt poppte der Neu-Berliner (ja!) mit seiner unisex Capsule Collection, die in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Jeanslabel Closed entstanden ist, auf unserem Radar auf. Nachdem dann auch noch seine ein Hakenkreuz zerschlagende Faust in den sozialen Netzwerken viral ging und dem Protest gegen die rechten Ausschreitungen in Chemnitz ein Symbol gaben, war klar: Diesen Mann müssen wir persönlich treffen!

Stefan, schön, dass du Zeit hast. Seit wann wohnst du hier in West-Berlin?

Ich habe tatsächlich gerade erst den Schlüssel bekommen. Ich war während der letzten Jahre ohnehin sehr oft zum Arbeiten hier. Ich habe dann meistens bei Freunden gewohnt, hatte aber nie eine eigene Wohnung. Das habe ich jetzt einfach mal geändert.

West-Berlin ist immer ein bisschen wie Urlaub machen für mich.

Ja, ich muss sagen, es fühlt sich auch für mich jetzt wie Urlaub an, das ist genial. Das war mein Ziel!

Na dann: Willkommen an uns! Deine Kunst wirkt sehr spontan, zugänglich und sorglos – wie eine Momentaufnahme aus deinem Gehirn. Man hat das Gefühl, du machst einfach. Wie arbeitest du?

Erst einmal Machen ist auch meine Herangehensweise, aber es gibt natürlich verschiedene Arten und Weisen zu arbeiten. Es gibt die Zeichnungen, die oftmals sehr spontan stattfinden. Kleinformatige Sachen, das kann auch bisweilen fast nur eine Notiz sein. Wie in meinem kleinen Heft Tokio 2018. Alle diese Skizzen sind während meines Aufenthaltes in Tokio entstanden. Solche Dinge kann man schlecht ausstellen, weshalb ich kleine Heftchen daraus mache. Dann gibt es aber auch Zeichnungen, bei denen ich das Format vorher bestimme und die im Studio entstehen. Für meine Schriftarbeiten nutze ich große Leinwände. Das sind Öl- oder Acrylzeichnungen und die können relativ groß werden. Mein Standard ist 1,40 Meter mal 2 Meter. Es geht aber auch größer.

Gab es den Moment, wo du gemerkt hast: „Wow, ich könnte von dem, was ich hier mache, tatsächlich leben“ ?

Der Moment kam irgendwann nach der Uni. Der Jugendbonus war so langsam vorbei und ich konnte mich nicht mehr hinter meinem Studium verstecken. Währenddessen habe ich angefangen für die Hamburger Marke Cleptomanicx zu arbeiten und meine eigene Firma Lousy Livin’ Company gab es zu der Zeit auch schon eine Weile. Von daher gab es schon immer eine monetäre Entschädigung für meine Arbeit und das wurde nach meinem Abschluss dann intensiver. Das war ein fließender Übergang. Irgendwie klappt das bis heute. Vielleicht ist es ja irgendwann mal vorbei. Ich kann davon heute leben und das finde ich fantastisch.

Ist es dir ein Anliegen mit deiner Kunst auf politische Gegebenheiten zu reagieren?

Ja, natürlich. Wenn man als Künstler arbeitet, wächst man mit ganz bestimmten Ausdrucksformen auf. Bei mir zum Beispiel war es das Skaten und die Independent Musik. Da schwingt Politik auch in der Arbeit mit. Sich immer wieder klar zu positionieren und die Reichweite und auch die Möglichkeiten zu nutzen, die man hat, ist so wichtig. Die Zeichnung auf meinem T-Shirt habe ich vor ein paar Jahren zu einer Landtagswahl gefertigt. Das war jetzt zu Chemnitz wieder hochaktuell. Ich habe das Motiv auf Instagram gepostet und dann ist das plötzlich viral gegangen.

Ich habe mich auch bei vielen Leuten gefragt, warum sie ihre Reichweite nicht nutzen, um hier Stellung zu beziehen.

Ja, absolut. Fürchterlich. Es ist so schlimm. Aber anscheinend ist es für manche Leute noch immer nicht schlimm genug, als dass sie laut werden möchten. Ich weiß, dass man mit einem Post nicht die Welt rettet. Aber diese Zeichnung hat so eigene Wege genommen – das mag ich. Da bin ich als Urheber in dem Moment auch nicht wichtig. Da muss dann nicht dran stehen "by Stefan Marx", das Motiv wird zu einem Allgemeingut.

Zeichnen, malen, lustig sein – Stefan kann alles

Deine Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer nur Fragmente abbilden. Bist du ein Sammler?

Total! Die Sätze werden meistens von außerhalb an mich herangetragen. Durch Musik, Leute oder durch Notizen, die ich irgendwo aufschnappe. Wenn die Notizen so eine starke Eigenromantik haben, dann habe ich auch direkt Bilder im Kopf. Ich publiziere aber auch SMS von Freunden, die mir irgendwelchen Quatsch schreiben. Ich mag es unheimlich gerne, wenn diese Schnipsel dadurch, dass ich sie aufmale, eine andere Aura bekommen.

Was möchtest du in den Menschen auslösen, die deine Bilder anschauen?

Ich finde es schon gut, wenn meine Kunst irgendwas auslöst. Wenn meine Bilder überhaupt Aufmerksamkeit bekommen, dann ist schon viel erreicht. Ich möchte die Stimmung transportieren, die ich selbst beim Erstellen der Zeichnung hatte. Jede meiner Zeichnungen steht für ein bestimmtes Gefühl. Wenn Leute das wahrnehmen, dann ist eigentlich schon total viel erreicht.

Das klingt sehr emotional, aber du nimmst das Leben jetzt auch nicht schwer.

Nein, unbedingt nicht. Ich habe durch die Kunst gelernt, dass man das Leben definitiv nicht schwer nehmen sollte. Gewisse Zeichnungen aus meiner „Sundaayyyssss-Reihe“ sind ein bisschen melancholisch, was dann aber eher mit einem Hangover zu tun hat. Gefühle sind wichtig. Meine Schriftbilder kamen durch die Idee, durch das Aufmalen eines Zitates aus dem Lieblingssong eine bildhafte Endlosrille von diesem Moment zu erschaffen.

Du kannst auf Kooperationen mit Comme des Garçons, KPM Berlin oder ganz aktuell mit Closed zurückblicken: wie suchst du dir deine Kooperationspartner aus?

Ich selbst bin viel zu schüchtern, um mich pro-aktiv um Kooperationen zu bemühen. Bei Closed kam das über die damals noch gemeinsame Stadt Hamburg. Dann hat meine Galeristin Karin Günther einen sehr guten Draht zu den Köpfen hinter Closed, da sie regelmäßig in der Galerie vorbeikommen. Während eines Studio-Visits des Art-Directors entstand dann die Idee und wir haben gemeinsam entschieden, in welche Richtung es gehen soll. Die Capsule Collection ist dann in enger Zusammenarbeit mit den Designern entstanden. Ich finde sie toll: es ist mehr, als nur eine Serie von bedruckten T-Shirts und sie ist für beide Geschlechter.

Und was hat es bei deiner Zusammenarbeit mit der Königlichen Porzellan Manufaktur auf sich?

Da rede ich unglaublich gerne drüber. Denn es war wirklich ein Glücksfall! Im März 2017 bekam eine E-Mail vom Süddeutsche Zeitung Magazin. Sie hatten den Plan fünf Künstlerinnen und Künstler mit fünf deutschen Porzellanmanufakturen zusammen zu bringen, um fünf Unikate zu entwickeln, die im Heft verlost werden sollten. Ich wurde also von KPM in die Malerwerkstatt eingeladen, habe einen eigenen Arbeitsplatz bekommen und durfte nach einer kurzen Einführung loslegen.

Ich habe eine Suppenterrine des über 200 Jahre alten Kurland Service, ein totaler Klassiker, der damals für einen Kurfürsten gestaltet wurde vorgelegt bekommen und habe dann ein bisschen Gemüse darauf gezeichnet – und alle waren total begeistert. Ich habe mich wirklich sehr wohlgefühlt und daraus ist nun eine längere Zusammenarbeit geworden.

Wie sah die erste Zusammenarbeit aus?

Die erste Edition war ein Sundaayyyssss-Espresso-Set, das diesen Frühling released wurde. Das konnte man nur vorbestellen und ich habe tatsächlich alles mit der Hand bemalt. Es war quasi Made-to-Order. Das Set bestand aus einer Mokka-Kanne, zwei Kaffeetassen und einer Keksdose. Diesen Herbst dreht sich alles um Tee.

Wenn du komplett rumspinnen dürftest: Mit wem würdest du unheimlich gerne einmal zusammen arbeiten?

Ich bin ja großer Flugzeug-Fan und die Lufthansa ist meine Lieblingsairline. Ich fänds total super, mal was mit denen zu machen. Ich sage das in jedem Interview (lacht). Ich bin jetzt bestimmt seit zehn Jahren Flugzeug-Fan und die Lufthansa ist auf meiner Bucketlist ziemlich weit oben.

Lufthansa, wenn ihr das lest, bitte bei Stefan melden!

Nervt es dich, wenn deine Arbeit mit der von anderen Künstlern verglichen wird?

Das finde ich nicht schlimm. Es gibt Leute, die meiner Arbeit respektvoll gegenüber treten, aber eine schwarze Linie auf weißem Papier kennen sie nur von drei oder vier Künstlern, die etwas bekannter sind als ich. Da werden dann natürlich Vergleiche gezogen. Den Vergleich etwa mit Keith Haring empfinde ich als ein totales Kompliment, weil er für mich ein Vorbild ist, was den Umgang mit der eigenen Arbeit angeht.

Wurdest du bewusst von Keith Haring beeinflusst?

Bewusst in jedem Fall, was die Haltung angeht. Keith Haring hat damals ein Poster gegen die Apartheid in Südafrika gemalt, mit einem schwarzen Menschen, der eine Schlinge um den Hals hat. Das kostet auf dem Sekundärmarkt inzwischen einige Hundert Dollar und war damals in seinem Studio in New York für ein paar Dollar erhältlich. Es ging darum, die Druckkosten zu decken, um die Botschaft zu verbreiten. Geld verdienen war eher Nebensache. Das ist eine tolle Haltung. Diese Idee der Distribution finde ich vorbildhaft und schaue mir das ganz bewusst ab.

Ein Großteil deiner Kunst ist schwarz-weiß – hängt das mit deiner Fanzine-Vergangenheit zusammen oder kannst du dich einfach schlecht auf bestimmte Farben festlegen?

Ich mache mehr schwarz-weiße, als farbige Arbeiten, das stimmt. Durch meine Zines bin ich mit dem Schwarz-Weiß-Kopierer aufgewachsen. Farbe brauche ich bei ganz vielen Zeichnungen nicht. Wenn ich aber Farbe brauche, nutze ich wirklich sie sehr gerne.

Dein eigenes Klamottenlabel heißt The Lousy Livin’ Company. Beschreibe das Gefühl, das du damals und heute mit diesem Namen und dem dazugehörigen Lifestyle verbindest.

Lousy Livin’ war tatsächlich ein Satz-Fragment, was ich damals aufgeschnappt hatte und immer mal verwenden wollte, denn es passte das ganz gut zu meiner Situation. Und das "Company" habe ich einfach dran gehangen, weil ich es wahnsinnig cool fand eine Company zu besitzen. Es ist das totale Neunziger-Wort, das würde heute kein Mensch mehr machen. In Hamburg haben wir dann über den Vertrieb von Welfare und Cleptomanicx das ganze Ding groß gezogen. Den Namen wollte ich aber nie ändern, weil es einfach zur Skateszene, zu unserem Lebenswandel und unserem Humor gepasst hat. Eigentlich war es ein großer Glücksfall, dass ich mich damals so entschieden habe.

Zum Schluss noch Entweder-Oder-Fragen!

OK!

Stift oder Pinsel?

Äähhhh … Stift.

Galerie oder Museum?

Galerie!

Mit System oder munter drauf los?

Mit System drauf los, ehrlich gesagt.

Realität oder Traum?

Traum.

Zusammen oder allein?

Ich finde beides richtig gut. Da kann ich mich gar nicht entscheiden. Kommt auch drauf an, mit wem zusammen.

Lieber Stefan, vielen Dank für das Interview!

Hier gibt's die Closed x Stefan Marx Capsule Collection

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  • Fotos
    Lisa Trautmann
  • Zeichnungen
    Stefan Marx

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