Die Chroniken von Na ja – In ihrer Freelancer-Kolumne denkt Lisa über die Haltbarkeit von Solidarität nach

Das Fazit? Läuft leider schneller ab als Hackfleisch in der Mittagssonne

Corona ist noch da, aber die Krise, die scheint irgendwie wieder komplett vergessen. Zumindest erscheint es mir so, wenn ich mir die Aperol Spritz trinkenden Massen in den Parks von Mitte und im Prenzlauer Berg anschaue oder wenn ich die Blicke einfange, die mir von nicht Maske-tragenden Menschen im Supermarkt und in den Öffis zugeworfen bekomme. Zugegeben: letztere halten sich glücklicherweise noch in Grenzen, aber man merkt den Grundtenor der Gesellschaft: Es ist langsam auch mal gut.

Zu Beginn der Krise wurden noch euphorisch Videos und Bilder in den Sozialen Netzwerken geteilt, auf denen man Delfine oder Quallen sah, die sich die Gewässer von Venedig und Cagliari zurückerobert hatten. In Tel Aviv wurden gar Schakale gesichtet und in Santiago de Chile ein Puma. Klingt erst mal wunderbar romantisch (nature is healing!), klar. Während des Lockdowns in dieser lebensbedrohenden Pandemie haben wir uns alle an gute Nachrichten geklammert wie an einen Rettungsring nach Schiffbruch auf hoher See.

Weltweite Empathie oder überdrehte Solidarität?

Tatsächlich handelte es sich bei zwar nicht allen, aber einigen Nachrichten leider um Fakes (es tut mir leid, aber es waren keine Delfine in Venedig unterwegs, Freunde). Und ich weiß nicht, wie es euch ging, aber über allen diesen Nachrichten schwebte immer ein Damoklesschwert, graviert mit den Worten „das geht nicht lange gut.“

Die ersten Artikel darüber, dass die fast schon manchmal überdrehte Solidarität, die sich vor allem auf Instagram um den ganzen Globus spannte, nicht von langer Dauer sein wird, sobald die Restriktionen gelockert werden, las ich Anfang April. Damals wollte ich irgendwie noch nicht so recht wahrhaben, dass diese gemeinsame Einsamkeit wirklich kaum bis wenig Bestand haben würde. Nein, dachte ich, das ist doch nun eine internationale Zäsur durch unseren egoistischen Status Quo, die nicht so schnell wieder vergessen sein wird. Die Weltgemeinschaft ist zum ersten Mal wirklich das: eine Gemeinschaft! Stichwort alle im gleichen Boot und so.

Es ist langsam auch mal gut.

Dann erreichten mich die ersten Nachrichten von Freund*innen und Bekannten, die ihre Jobs verloren haben. Gekündigt wegen Corona. International agierende Marken legten ihre Produktionen auf Eis – und die Bezahlung der Arbeiter*innen in anderen Teilen der Erde gleich mit. Mietzahlungen wurden ausgesetzt und ganze Branchen fielen beim zwar schnellen und großzügigen, aber alles andere als durchdachten Hilfspaket der Bundesregierung durchs Raster. Die Krönung? Verschwörungstheoretiker, Hygiene-Demos und Autokraten, die Zweifel, Hass und Zwiespalt säten.

Es ist langsam auch mal gut? 

Ja, Solidarität scheint ein Haltbarkeitsdatum zu haben

Ja, ich glaube langsam, das Haltbarkeitsdatum von Solidarität in unserer heutigen Gesellschaft liegt bei ziemlich genau drei Monaten. Von der anfänglichen Euphorie und den Wellen der Unterstützung ist jedenfalls nicht mehr viel übrig im Alltag und obwohl ich es hätte besser wissen sollen, wir alle, kam es nun doch überraschend.

Zu Beginn war ich noch ziemlich froh, dass ich selbstständig arbeite. Freelancer kann man schließlich nicht in Kurzarbeit schicken und Homeoffice, Zeiteinteilung, spätes Arbeiten? Erzähl’ mir was Neues, das mache ich schon lange. Ich dachte, ich wäre abgehärtet und vorbereitet. Aber irgendwie waren es genau die Dinge, die sonst zu den größten Vorteilen vom freien Arbeiten gehören, die plötzlich zu meinem schlimmsten Feind wurden.

„Ich und viele Freelancer-Kolleg*innen sind wie die Corona-Delfine in den Kanälen von Venedig: Wir sind gut für Fotos, aber eigentlich gibt es uns nicht.“

Schon nach drei Wochen fiel mir die Decke auf den Kopf. Ich arbeitete ohne klare Struktur gefühlt doppelt so viele Stunden am Tag und war permanent übermüdet. Arbeitslosengeld II oder Hartz IV? Kannst du als Gründerin einer GmbH ohne Arbeitslosenversicherung knicken. Die 5.000 Euro Soforthilfe habe ich bekommen. Aber da ich sie als Soloselbstständige (wer hat diesen unsäglichen Ausdruck etabliert?) voll versteuern muss, ist sie, pardon, fast für den Arsch. Mich und meine Art der Beschäftigung gibt es nicht in deutschen Beamtenköpfen. Ich besitze als Selbstständige kein eigenes Büro, habe kein Faxgerät oder laufende Betriebskosten. Mein Arbeitsplatz als Lisa ist mein Wohnzimmer oder meine Küche. Die Soforthilfe habe ich direkt in eine fette Steuernachzahlung gesteckt, die mir im März noch aufgebrummt wurde. Jeden Cent mehr, den ich hätte beantragen können, hätte ich genau mit den zu leistenden laufenden Kosten verargumentieren und alles, was darüber hinausgeht, zurückzahlen müssen.

Es ist langsam auch mal gut.

Freelancer sind wie Delfine

Ich meine damit nicht, dass mir der Corona-Geduldsfaden reißt. Im Gegenteil. Ich nehme meine gesellschaftliche Verantwortung sehr gerne wahr und mir bricht wirklich kein Zacken aus der Krone, wenn ich beim Einkaufen meine Maske aufziehen muss. Corona hat mir aber erneut gezeigt, dass Selbstständige in Deutschland auch 2020 noch eine Einkommensgruppe ohne Lobby sind. Dabei stellen wir alleine in Berlin einen Großteil der Einkommensklasse. Eigentlich ist es nicht so schwer zu verstehen, wie und wovon wir leben. Corona hat aber wieder mal bewiesen, dass alles, was über Mittelstand oder Angestelltenverhältnis hinausgeht, die Köpfe im Bundestag heiß laufen und explodieren lässt.

Ich zahle etwa Sozialabgaben, die ich größtenteils nicht für mich in Anspruch werde nehmen können. Da reißen die Computer und Systeme der Bürokratie die Hufe hoch. Peak sadness, ich weiß. Ich und viele Freelancer-Kolleg*innen sind wie die Corona-Delfine in den Kanälen von Venedig: Wir sind gut für Fotos, aber eigentlich gibt es uns nicht. Wir schwimmen irgendwo im Brackwasser der Bürokratie und das macht sich so scheiße auf Fotos, dass man die Kamera lieber nicht rausholt.

Es ist langsam auch mal gut.

Nach der Euphorie kommt leider immer das Erwachen

Nach der Euphorie kam für mich leider das Erwachen. Denn als wäre das alles nicht genug, wurde ich von meinem fast zweijährigen Arbeitgeber von heute auf morgen fallen gelassen und abgesägt. Zwischenmenschlich lief das auf unterster Ebene ab, monetär stand ich komplett im Regen und den saudummen Spruch gab es dann kostenlos noch dazu. Einen Monat und fettes Karma-Payback später weiß ich zu genießen, wie grandios es ist, sich fünf Tage die Woche seinem Herzensprojekt (genau, Beige!) widmen zu können. Mein Stresslevel ist mehr als halbiert, Freund*innen, die genau das nie waren, sind nun mit einem „Ex-“ davor versehen und ich investiere meine Zeit und meine Kreativität in Dinge, die MICH weiterbringen.

Corona hat mich desillusioniert, auf die beste Art und Weise. Ich habe gemerkt, dass echte Solidarität leider kein Gesellschaftsphänomen mit langem Haltbarkeitsdatum ist. Ich habe Weggefährt*innen abbiegen lassen. Auf Wege, die ich eigentlich ohnehin nie gehen wollte. Ich habe gesehen, wo ich noch übersehen werde und werde dafür sorgen, dass mir das in Zukunft keinen Schaden mehr zufügt. Und nie wieder werde ich nur um des Geldes willen jeden Morgen in Agentur XYZ mein Rückgrat an der Garderobe abgeben, um mich dann für dumm verkaufen und kleinmachen zu lassen. Der globale Denkzettel ist zu mir durchgesickert und ich werden den Teufel tun und auf die nächste Pandemie warten, bis ich die Lehren, die ich aus Corona gezogen habe, in die Tat umsetze.

Es ist langsam nämlich wirklich mal gut!

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