Die Chroniken von Na ja: Wenn die Kasette namens Alltag schleift

Alles ist gerade Kraut und Rüben und Lisa sind ihre Wurzeln abhandengekommen

Das Gute vorweg: Wir sitzen wohl gerade alle entweder im gleichen oder wenigstens im ähnlichen Boot. Ich habe das Gefühl, dass diese ständige halb gedrückte Pausetaste, die dank Corona über allem schwebt, unsere Leben total durcheinanderwirbelt. Jetzt gar nicht unbedingt so, dass man nichts mehr auf die Reihe bekommt oder überfordert ist. Aber ich habe gemerkt, dass meiner Sanity eine funktionierende Ordnung im Alltag guttut.

Lustigerweise habe ich gestern Nikes Kolumne auf Thisisjanewayne gelesen und dachte: JA! Und dann: DANKE! Ich bin nicht alleine mit meiner Phase namens Leben – auch wenn die Gründe dafür sicherlich bei jedem*jeder von uns andere sind. Ich schwanke zurzeit zwischen Alles-Auf-Einmal-Wollen und absolute keine Energie für nichts. Dazwischen: Verwirrtheit pur. Ich finde mich plötzlich in Küche oder Bad wieder und vergesse, was ich dort wollte. Mein persönliches Highlight: Zweimal hintereinander auf Toilette gehen, weil man das vorige Mal vor wenigen Minuten vergessen hat. Oder aber ich erledige alles mit einer wahnsinnigen Organisiertheit und finde mich dann plötzlich wieder, nachdem ich 15 Minuten die Wand angeschaut habe. Das ist mein Geisteszustand mancher Tage.

Regeln, bitte!

Das sind die Momente des Freelancer-Daseins, in denen ich meine Freiheit etwas verfluche. Ich bin wirklich durch und durch ein Mensch, der für das Recht auf Selbstbestimmung auf einen Managerposten pfeift. Ich brauche keine Corporate-Karriere, kein dickes Auto, großes Haus (wobei ...) oder Boni. Mein Bonus ist, dass ich meine Zeit einteilen kann, niemand mir beim Arbeiten ständig über die Schulter schaut und ich meine Urlaubsplanung nicht mit einem 30-köpfigen Team abstimmen muss.

Wo Freiheit ist, da sind Extraportionen Verantwortung und Disziplin gefragt, das ist die Kehrseite der Medaille, von der ich und auch Marie hier ja schon oft gesprochen haben. Es gibt Tage, da möchte man einfach gesagt bekommen, wann man wo zu sein hat und was zu tun ist – und zwar so, dass da auch eine Portion Druck mitgeliefert wird. Den macht man sich selbst schließlich nicht so gern, wenn es nicht unbedingt sein muss, gell.

„Man macht so rum und krampfhaft auf Alltag, aber eigentlich ist alles noch total Kraut und Rüben da draußen.“

Mit Corona musste ich mich morgens plötzlich nicht mehr anziehen. Also, nicht unbedingt. Ich konnte länger schlafen, weil ich nirgendwo hinmusste und habe komplett verlernt, wie Social Life geht. Schließlich war ich nur draußen, um herumzulaufen. Gab ja nichts. Wie ein Komparse in einem Videospiel. Das Gefühl bekomme ich nicht mehr weg.

Man macht so rum und krampfhaft auf Alltag, aber eigentlich ist alles noch total Kraut und Rüben da draußen. Wir fliegen wieder nach Spanien, aber die halbe Welt ist dicht. Wir sitzen abends ohne Masken im Restaurant und tagsüber mit Masken im Zug. (Ich bin absolut kein Maskenmuffel und würde sie auch, ohne mit der Wimper zu zucken, draußen tragen, wenn es sein muss und hilft.) Die einen geben mir zur Begrüßung die Hand, andere winken aus fünf Meter Sicherheitsabstand. Corona-Leugner dürfen demonstrieren, Trauermärsche werden verboten. Es ist alles einfach so unlogisch und verworren! Ich wünsche mir eindeutige Regeln! Bei allem!

Diese Stopptaste, die die Kassette namens Alltag schleifen lässt, überträgt sich nämlich mit gefährlicher Geschwindigkeit auf mein Privatleben – oder eher mein Gehirn. Das schleift in letzter Zeit auch gerne mal.

So ein absurdes Drehbuch kann man sich gar nicht ausdenken

Die allgemeine Unordnung wiederum überträgt sich auf meinen Alltag und meine Finanzen. Ich muss zum gefühlt 100. Mal meine Einkommenssteuervorauszahlung anpassen und weiß jetzt schon, dass mir der ganze Schmu am Ende doch wieder um die Ohren fliegt. Die Soforthilfe ist plötzlich Teil meines Einkommens und also eher eine Last, denn eine große Hilfe und ich ärgere mich darüber, dass ich mich darüber ärgere. Weil es uns hier ja so gut geht, dass Hippies und Rechtsradikale zusammen ohne Maske demonstrieren und im Schulterschluss den Friedensvertrag mit Russland fordern und ein veganer Koch plötzlich zum Chefvirologen einer verwirrten Telegram-Mischpoke wird. So ein absurdes Drehbuch muss man sich erst mal ausdenken.

Also ich würde sagen, wir können folgendes tun: Das Beste, was es auch sei, aus der momentanen Lage und dem Leben generell machen, dazu gehören dann auch Freude, Verzweiflung, Verwirrtheit, Müdigkeit, Mut und Tatendrang (die ganze Palette eben). Oder alternativ in den Wald gehen und als Schrat in Frieden und Einklang mit der Natur leben, bis uns jemand findet. Ich glaube, ich entscheide mich für Ersteres.

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