Zum Start der 2. Staffel: 4 Blocks von A bis Z

Wallah, mit unserem 4 Blocks-ABC seid ihr perfekt vorbereitet.

Die deutsche Serienlandschaft dümpelte sehr, sehr lange irgendwo zwischen den Daily Soaps der Privaten, den Schmonzetten in den Öffentlich-Rechtlichen und dem nicht totzukriegenden Tatort im Ersten vor sich hin. Deutsche Serien, das war eher Kleinkunst, Klamauk oder explodierende Autos auf der A40. Lichtblicke gab es immer mal. Türkisch für Anfänger zum Beispiel war so ein Kleinod, das seiner Zeit fast voraus war. Stromberg und der Tatortreiniger haben bewiesen, dass es doch so etwas wie Humor in diesem Land gibt und dann gab es da noch fantastische Mini-Serien wie Charité oder Ku'damm 59. Ansonsten herrschte eher bescheidene Ruhe. Produktionen aus Deutschland kratzen am unteren Ende des Podestes internationaler Produktionen und waren nicht der Rede wert.

Bis im letzten Jahr die Serie 4 Blocks kam. Die fiktive Geschichte um die libanesische Großfamilie von Oberhaupt Ali „Toni“ Hamady, die sich in und um Berlin-Neukölln ein solides Netzwerk auf Betrügereien, Drogenhandel und Erpressung aufgebaut hat, schlug ein wie eine Bombe. Den genauen Grund können nicht mal die Produzenten benennen. Doch die Drama-Serie traf einen Nerv und begeisterte den kleinen Neuköllner Hobby-Gangster und die Feuilleton-Landschaft gleichermaßen. Sie alle eint die Begeisterung und Abscheu unserer Gesellschaft gegenüber diesen skrupellosen Strukturen, die parallel zu und ganz offensichtlich in unserem Alltag existieren. Ein Milieu, das ohne Not neben unseren Werten eines Rechtssystems existiert und dabei seinen ganz eigenen Regeln folgt.

Bei 4 Blocks liegen Drehbuch und Realität dicht beieinander

Ich habe fast zehn Jahre in Neukölln nahe Hermannplatz und Sonnenallee gewohnt. Das macht mich weiß Gott nicht zu einer Clan-Expertin, aber während ich die erste Staffel von 4 Blocks regelrecht verschlungen habe, ist mir nicht einmal der Gedanke gekommen, dass man es hier ein wenig zu gut mit der Action im Drehbuch gemeint hat. Und spätestens die Posse um den Abou-Chaker-Clan und Bushido und die Ermordung des ersten „Intensivtäters“ Nidal R. nahe dem Tempelhofer Feld haben bewiesen, dass die Realität oftmals die spannendsten Drehbücher schreibt. Damit ihr zum heutigen Start der zweiten Staffel um Baba Toni Hamady und seinen Clan tipptopp vorbereitet seid, habe ich für euch 4 Blocks auseinander und unter die Lupe genommen und präsentiere euch die Gangsterposse heute von A wie Abbas bis Z wie Zeki.

A wie „Ausgezeichnet“

Ich habe nachgezählt: insgesamt 18 Preise hat die Gangster-Serie aus Berlin-Neukölln bisher eingesackt. Darunter die Goldene Kamera, der Grimme Preis, der Venice TV Award und der Deutsche Fernsehpreis in drei Kategorien (Bester Schauspieler, beste Regie, bester Schnitt). Es scheint fast, als hätte die nationale und internationale Award-Saison auf 4 Blocks gewartet. Ob den Macher auch die zweite Staffel einen derartigen Goldregen beschert? Wir werden es sehen.

B wie „Bruder“

Die komplette Dramaturgie von 4 Blocks baut sich um die beiden Brüder Toni und Abbas auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine, Toni, eine Leitfigur, immer beherrscht und jeden Schritt strategisch und besonnen planend. Ein (den Umständen entsprechend) ehrenhafter Familienmensch. Der andere, Abbas, aufbrausend, voller Neid und unberechenbar. Ein aggressiver Schreihals, der für das, was ihm seiner Meinung nach zusteht, über Leichen geht. Logisch, dass der große Knall nicht lange auf sich warten lässt.

C wie „Clans“

Die Clans begründen und legitimieren sich selbst und ohne den Clan ist das Individuum hilflos. Der Clan funktioniert jedoch nur, wenn jedes einzelne Mitglied die persönlichen Verlangen hintanstellt und sich mit Leib und Seele dem gemeinsamen Ziel widmet. In den Clan wirst du geboren – als Außenseiter hineinkommen ist zwar möglich, bedarf aber unendlich viel Integrität und eines immer währenden Sich-Beweisens. Aus dem Clan austreten ist unmöglich. Außer, du stirbst.

D wie „Deutschsein“

Ein, wie es scheint, über allem schwebendes, stilles Verlangen – vor allem von Toni. Frau, Kinder, ein legaler Beruf und ein geregelter Alltag. Schluss mit den illegalen Geschäften, dem Drogenhandel und den Erpressungen. Ein stinknormales, deutsches Familienleben führen und dem Verbrecherleben den Rücken kehren, das ist, wonach der Clan-Chef strebt. Oder?

E wie „Ehre“

Sie wird schnell verletzt und dann auweia. Ein falscher Blick, ein falsches Wort – die Kodizes der Neuköllner Clan-Familien gilt es zu kennen und die Regeln zu befolgen. Hängt die Ehre einmal schief, müssen mitunter Köpfe rollen, damit die Waage wieder im Gleichgewicht ist. Beleidigt niemals ein Clan-Mitglied, flirtet niemals mit der Frau eines Clan-Mitglieds und zieht niemals ein Clan-Mitglied über den Tisch, dann seid ihr eigentlich relativ sicher.

F wie „Familie“

Familie ist alles. Immer. Die Clans stehen füreinander ein und haben einen Zusammenhalt, von dem wir reservierten Deutschen manchmal nur träumen können. Problematisch wird das allerdings, wenn du vielleicht nicht mehr unbedingt der Meinung bist, dass Familie alles ist. Denn zu dieser Losung gibt es keine Option. Wer seine Familie im Stich lässt, hat keine Ehre mehr. Und was das bedeutet, könnt ihr unter „E wie Ehre“ nachlesen. Auweia.

G wie „Gesetz“

Braucht Toni Hamady nicht, er macht sich seine eigenen. Es wurde einige Male versucht, doch der libanesische Clan lässt sich in dieser Beziehung ungern in die Parade fahren. Gespräche? Verhandlungen? Kosten Zeit und Geld. Auf der Straße lautet die Devise „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Alles andere ist nur schlecht fürs Geschäft und untergräbt die Autorität.

H wie „Hipster, drecks“

Neben der Staatsgewalt vielleicht eine der größten Bedrohungen für das Clan-Leben in Neukölln. Aus der ganzen Welt kommen sie ins günstige Neukölln, sprechen weder deutsch noch arabisch und eröffnen diese kleinen, hippen Coffee Roasterys, die alle gleich aussehen und keinen Gewinn abwerfen. Wie soll man da noch ein ordentliches Schutzgeld erpressen, wenn es nichts zu holen gibt bei diesen Man-Bun tragenden Nervensägen?

I wie „Identität“

Es ist manchmal gar nicht so leicht herauszufinden, was man eigentlich möchte und wer man ist. Bei den Hamadys ist es Onkel Hakeem, der die Strippen zieht und entscheidet, wer welches Leben führt. Während Abbas seine Rolle innerhalb der Familie und des Clans sucht, möchte Toni seinen Platz in der Gesellschaft finden. Zeki glaubt, auch als Nicht-Libanese, ein Teil des Clans werden zu können und Vince stürzt sich in seinen vielen Rollen, bis er den Überblick zu verlieren droht.

J wie „Jobcenter“

Über 20 Prozent der Menschen in Neukölln leben von Hartz4. Auch die Hamadys sind in Deutschland nur geduldet und dürfen sich aus diesem Grund keine eigene (legale) Existenz aufbauen. Die dicken Autos, die schicken Klamotten und die schönen Wohnungen unterscheiden sie zwar von den zahlreichen Sozialhilfeempfängern im Berliner Problembezirk, gesellschaftlich gesehen sind diese Tonis Familie jedoch überlegen.

K wie „Kokain“

Neun Kilogramm Kokain, gefunden in Latifs Auto, dem Schwager von Toni, bringen den Ball in 4 Blocks zum Rollen. Über den Libanon wird der Kokainhandel in Berlin-Neukölln kontrolliert und der Hamady-Clan kämpft um die Vorherrschaft auf den Straßen. Die Kunden am Kotti, auf der Sonnenallee und rund um den Hermannplatz? Junge Frauen, Hipster und alte Herrschaften. Sie alle (oder sollte ich sagen wir alle?) sorgen dafür, dass der Rubel bei den Hamadys rollt und dass der Krieg um Geld und Macht niemals endet.

L wie „Loyalität“

Loyalität geht Hand in Hand mit Ehre, geht Hand in Hand mit Familie. Dem Clan den Rücken kehren kann tödlich enden. Für den Clan einzustehen kann jedoch ebenso euer Ende bedeuten. In der ersten Staffel zweifeln vor allem die Frauen immer wieder an ihrer Loyalität. Aber auch Vince ist immer wieder hin und hergerissen. Sie alle zweifeln, zerbrechen oder beweisen ihre Loyalität auf manchmal fatale Weise.

M wie „Moritz Bleibtreu“

Wäre vor zirka 15 Jahren auf die Rolle des Toni Hamady gebucht gewesen, spielt aber nicht mit. Für diese Erkenntnis habe ich mich bei Moritz persönlich zum Obst gemacht. Ich gehe aber mal davon aus, dass er sich daran nicht mehr erinnern kann.

N wie „Neukölln“

Heimat, Revier, Eigentum des Hamady-Clans. „In Berlin spricht man jetzt arabisch“ – mag ja sein, aber in Neukölln ist das schon lange Normalität. Der bundesweit berüchtigte Problembezirk ist dabei für Normalos wie uns nur halb so gefährlich, wie es uns die Medien manchmal glauben machen möchten. Das Neukölln aus 4 Blocks ist ein Neukölln, das wir nur in den seltensten Fällen zu Gesicht bekommen, was es aber nicht weniger real macht.

O wie „Ohne Vorwarnung“

Das Überraschungsmoment auf der eigenen Seite zu haben, kann beim Kampf um die Vorherrschaft auf der Straße über Leben und Tod entscheiden. Parallel hierzu werden wir Zuschauer*innen in jeder Folge von 4 Blocks aufs Neue von unvorhergesehenen Plot-Twists überrascht. Das macht die Serie anders, besser und weniger vorhersehbar, als die meisten amerikanischen Drogen-Epen.

P wie „Pass, deutsch“

Das Ziel nach dem Clan-Anführer Toni Hamady strebt. Fast schon besessen ist der Gangster von der Vorstellung, dass es ihm nur mithilfe dieses offiziellen Pass-Dokuments gelingen kann, den rechten Weg einzuschlagen. Um an sein Ziel von deutschen Pässen für sich und seine Familie zu kommen, wendet Toni paradoxerweise illegale Mittel an. Aber wie soll er es auch besser wissen, wenn er es nie anders gelernt hat?

Q wie „Quoten“

Traumquoten wohl eher, wenigstens Online. Auf dem Spartenkanal TNT selbst schalteten nämlich weniger Zuschauer*innen ein, um sich die Geschichte des Libanesen-Clans in Berlin-Neukölln anzusehen. Auf dem Bezahlsender Sky soll die erste Staffel des Gangster-Dramas indes über 1,5 Millionen Mal abgerufen worden sein. Auch wenn dieser Wert akkumuliert ist, gehört die erste Staffel 4 Blocks dennoch zu den fünf erfolgreichsten Serien in Deutschland in 2017.

R wie „Realität“

Die ist von der Handlung in 4 Blocks nicht wirklich weit entfernt. Für seine Recherche begab sich Regisseur Marvin Kren tief in die echten Clan-Strukturen Neuköllns. Nach eigener Aussage mit der Hilfe von Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan. Die Handlung der Serie war teilweise so authentisch, dass ein Clan-Mitglied aus Neukölln übers Telefon mit Ärger drohte, da hier offensichtlich eine Serie über seine Familie gedreht wurde, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu fragen. Nun, wenn sogar die Profis nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können ...

S wie „Straße“

Straße ist Schule, das Zuhause und die Straße folgt ihren eigenen Gesetzen. Die Straßen Neuköllns gehören den Clans, auch, wenn du es nicht weißt. Wer die Straßen kontrolliert, kontrolliert den Bezirk. Und die Hamadys tun alles, damit sie hier als Sieger aus dem Ring hervorgehen. Wer die Gesetze der Straße nicht versteht oder nicht hart genug ist, sollte die Karriere im Clan- und Drogenmilieu lieber nochmal überdenken.

T wie „Toni Hamady“

Der Anführer. Der Antiheld. Wir sympathisieren mit ihm, wenn er davon spricht, endlich eine weiße Weste bekommen zu wollen. Wir haben Mitleid, wenn er und seine Pläne wiederum von den Mühlen der Bürokratie zermahlen werden. Und wir fürchten uns vor ihm, wenn die Wut ihn packt und er ein Exempel statuiert, um die Strukturen des Clans nicht zu gefährden und seine Position zu wahren.

U wie „Undercover“

in diesen Kreisen eigentlich gleichzusetzen mit „Selbstmordkommando“. Vince weiß genau, worauf er sich einlässt und springt gleichzeitig ins eiskalte Wasser, als er damit beginnt, sich in den Hamady-Clan einzuschleusen. Seine Rolle spielt er gut, doch über die Skepsis und das Misstrauen der Clan-Mitglieder ist er nicht erhaben. Wenn seine Rolle als Undercover-Agent eines offenbart, dann den überraschend gutgläubigen Charakter von Toni Hamady.

V wie „Vorurteile“

Gibt es viele, alle werden in 4 Blocks bedient: Araber-Clans sind machomäßig, patriarchalisch strukturiert und gnadenlos. Konflikte werden mit Gewalt gelöst, Frauen haben eher nichts zu melden und Geld und Besitz bestimmen den Wert eines Menschen. Gleichzeitig ist Familie aber auch alles, Zusammenhalt das wichtigste, die Frauen ziehen im Hintergrund die Strippen und in Wirklichkeit sehnt man sich nach Akzeptanz und Normalität. Beim Hamady.Clan ist alles davon wahr und alles davon falsch.

W wie „Wallah!“

Ein sehr wichtiges Wort in Neukölln, mit dem ihr jeder Aussage Nachdruck verleihen könnt. Wallah heißt soviel wie „ich schwöre!“ und macht sich als Bekräftigung eigentlich immer gut. Beliebte Sätze sind: „Wallah, nein Mann!“ „Ich war das nicht, wallah!“ oder „Wallah, ich freue mich, dich zu sehen!“ Ihr könnt das aber im Prinzip handhaben, wie ihr möchtet, dieses Wort fällt wirklich jede Sekunde.

X wie „Xenonlicht“

Wer schon einmal nachts und bei Regen über die Sonnenallee geradelt ist, weiß wie es ist, endlich zu Hause und halb erblindet das Türschloss zu suchen. Denn viele wichtige Männer fahren in Neukölln viele dicke Autos, die alle wiederum mit prächtigem Xenonlicht ausgestattet sind. Der Hamady-Clan bildet da natürlich keine Ausnahme und kurvt in dicken SUV durch die perfekt ausgeleuchteten, nächtlichen Straßen Neuköllns.

Y wie „Yallah!“

Nicht zu verwechseln mit „W wie Wallah!“, bedeutet der arabische Ausruf Yallah! so viel wie „Mach hin!“ oder „Komm schon!“. Es ist wie Wallah! oder Inschallah! ein Ausdruck, mit dem ihr in Neukölln ein klein wenig eure Street-Credibility hochschrauben könnt. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass ihr nicht ausseht, als wäret ihr gerade auf Milieustudie mit eurer Zehlendorfer Privatschule unterwegs.

Z wie „Zusammenhalt“

Steht außer Diskussion. Der Clan hält zusammen, komme was wolle. Der Zusammenhalt kollidiert jedoch oftmals mit dem Ehrbegriff. Herauszufinden, was hier wichtiger ist, liegt dann in der Hand der Betroffenen. Wird Toni noch zu seinem Bruder Abbas halten, wenn er herausfindet, was dieser getan hat? Werden Amara, Kalila und Ewa ihren Männern weiterhin treu zur Seite stehen, ohne Fragen zu stellen? Und wird Abbas seinen Bruder Toni ans Messer liefern?

Die zweite Staffel 4 Blocks startet heute um 21 Uhr auf TNT Serie. Die neuen Folgen kommen immer donnerstags.

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    © 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited – a WarnerMedia Company / Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

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