Von massiven Pos und fragilen Egos

Warum sich mein Mitleid für Khloé Kardashian in Grenzen hält

Achtung, Triggerwarnung: Dieser Artikel enthält Bildmaterial und Textpassagen, die Leser*innen mit Essstörungen oder Body-Image-Problemen triggern könnten. Wer Probleme mit einer Essstörung oder seinem Körperbild hat, der findet unter der Tel. 0221 892031 bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Hilfe und Beratung.

Schönheitsideale hat es schon immer gegeben. In der Frührenaissance zupften sich Frauen den Haaransatz für eine möglichst hohe Stirn, die 90er-Jahre brachten den abgemagerten Heroin-Chic in Mode und heute ist der Kardashian-Po der Gipfel der Sexiness. Wie Frauen auszusehen haben, ändert sich permanent, nur der Druck dabei bleibt gleich.

Kontemporäre Schönheit verteilt Macht an jene, die dem Ideal entsprechen und macht es allen schwer, die es nicht tun. Eine unsichtbare Kraft ist am Werk, die wir heute mit Pretty Privilege umschreiben und durch Body Positivity dekonstruieren. Dass selbst diese Bemühungen vom Hyperkapitalismus verschlungen und angeeignet werden, zeigt kaum ein Geschäftsmodell so eindrucksvoll wie das der Kardashians. Was mich an der Khloé-Retourkutsche daher so ärgert, lest ihr hier.

Break the Internet 2.0

Als vor einigen Wochen die Großmutter der Kardashians ein unretouchiertes Foto von Khloé Kardashian auf Instagram postete, kam es zu einem unfreiwilligen Break-the-Internet 2.0. Dabei sieht Khloé darauf keineswegs schlecht aus. Nur eben wie ein Mensch ohne Make-up, dafür mit großzügigem Budget für kosmetische Eingriffe. Die Reaktion der Kardashian-Internet-Polizei – ein großflächiges Löschen, Blockieren und Sperren des Fotos – zeigte jedoch, wie fatal ein Blick hinter die Social-Media-Fassade der Familie ist.

Natürlich ist es 2021 unmöglich, irgendetwas komplett aus dem Internet zu entfernen. Und versucht man es doch, so entsteht der Streisand-Effekt, durch den zu löschende Bilder online erst recht in Windeseile verbreitet werden. Der Versuch der Kardashians zeigt aber, wie wichtig es für Khloé und ihre Schwestern ist, jegliche Anmutung von ungeschönter Realität hinter Schloss und Riegel zu lassen. Denn immerhin verdient jede einzelne Tochter Multimillionen, wenn nicht Milliarden, mit der Illusion, das eigene Gesicht und der Familien-Po in Serienfertigung seien natürlichen Ursprungs. Oder, um es in schlimmster amerikanischer Manier zu formulieren: Wer erfolgreich ist, ist nun mal schön.

Der Körper ist Werbeplakat

Trotzdem bröckelt die Illusion: Auf Instagram und TikTok gibt es reichlich Vorher-Nachher-Bilder von Khloé, Kim und Kylie, die ihre starken Verwandlungen kritisch beäugen. Nase, Mund, Augenbrauen und Po: Laut Kardashian-Narrativ sind es lediglich Beweise der sensationellsten Pubertäten der Menschheitsgeschichte, in Wirklichkeit jedoch Zeugnisse ihrer vollen Stempelkarten beim Schönheitschirurgen des Vertrauens. Das ist zwar ok, allerdings ebenso verlogen.

Nachdem Kylie vor einigen Jahren ihr Komplett-Make-over bekam, launchte sie Kylie Cosmetics mit einem Fokus auf Lippenstifte, die ihre neuen Lippen besonders betonten. Kim, die Galionsfigur des Kardashian-Körpers, brachte mit Skims ihre eigene Shapewear auf den Markt, die jeder Frau zur selben Figur verhelfen soll. Schwester Kendall modelte hierfür und postete Bilder, die einem Manga hätten entspringen können. Auch Khloé verkauft Kosmetik und Mode, die für ihren neuen Körper und ihr kernsaniertes Gesicht gemacht zu sein scheinen, mit dem sie vor Kurzem auf Instagram kaum wiederzuerkennen war. 

Natürlich richtet so ein unbearbeitetes Foto immensen Schaden für Marketing und das generelle Image an. Es schlägt wie ein Hammer auf die so kunstvoll konstruierte und machtvolle Scheinwelt, die sonst weder in der eigenen Realityshow, noch den Social-Media-Kanälen mit hunderten Millionen Followers Risse bekommt. 

Es ist eindeutig: Die Kardashians benutzen kosmetische Eingriffe, um damit Produkte zu verkaufen, die einen ähnlichen Effekt suggerieren. Moralisch fragwürdig? Absolut. Unternehmerisch genial? Irgendwie schon.

Das Hijacking von Body Positivity

Der Trend der Body Positivity ist mittlerweile überall. Startete er als Mission, auch Körpern oberhalb der Grösse XS mehr Respekt und Sichtbarkeit zu verschaffen, ist er in der Zwischenzeit in Teilen ad absurdum geführt worden. Marken benutzen ihn vollkommen sinnentleert für Kampagnen mit Models, die bestenfalls den Ansatz eines Pos vorweisen können (was nichts Schlechtes ist!) und nennen das entsprechende Produkt „Curvy”.

Ähnlich verhält es sich nun mit den Marken der Kardashians, die ebenfalls die Lingo der Bewegung übernommen haben: Zwar werden auch mehrgewichtige Models für die Kampagnen engagiert, diese sind jedoch zu 100 Prozent straff und makellos. Zu einem Großteil erfolgt das Marketing allerdings über die Instagram-Accounts der Schwestern, die die Produkte selbst modeln und somit unrealistische Ergebnisse suggerieren. Kims Marke Skims oder Khloés Good American benutzen zwar die Sprache der Body-Positivity-Bewegung, aber was wissen sie schon davon? Sie entsprechen dem Ideal, das dadurch eigentlich angeprangert werden sollte! Und welches von ihrer eigenen Familie kreiert wurde! Nur, weil es sich gerade gut verkaufen lässt, sollte man nicht auf jeden Zug aufspringen.

Auch auf TikTok mehren sich mittlerweile die Buhrufe gegen das sogenannte Hijacking (Entführen) des Trends, bei dem selbst dünne und normalgewichtige Personen ihre „ungeschönten” „Kurven” und „Imperfections” in die Kamera halten. Die Botschaft der Selbstliebe wurde von jeglichem aktivistischen Inhalt befreit und geistert nun ohne Scham durch die Kanäle ohnehin schon pretty-privilegierter Influencer*innen. 

Sind mal wieder die Medien schuld?

Oh, wie es mir schon kalt den Rücken runterläuft, wenn ich nur „die Medien” höre. Die Medien überhypen das Corona-Thema, die Medien bieten keine Redefreiheit mehr, die Medien sorgen für unrealistische Schönheitsideale. Während Teile der Anklagen stimmen mögen, so ärgert mich die Annahme umso mehr, „die Medien” seien ein eigenständiges Monstrum, das den Menschen kontrolliert und nicht andersherum. Alles, was online, im Radio und in Print publiziert wird – und auch das, was nicht – wird von Menschen produziert und kontrolliert. Das heißt nicht, dass die Inhalte immer toll sind. Teilweise sind sie extrem schädlich. Aber dafür sind eben Menschen verantwortlich. 

Genau so verhält es sich nun bei der Retourkutsche von Khloé Kardashian einige Tage nach dem Leak des unretouchierten Fotos. Sie berichtet von dem enormen Druck, unter dem sie als Celebrity steht. We get it. Doch dann schreibt sie, es sei „nahezu unerträglich zu versuchen, den unmöglichen Standards gerecht zu werden, die die Öffentlichkeit für mich aufgestellt hat”.

Liebe Khloé, so bitte nicht

Und an dieser Stelle, liebe Khloé, muss ich doch mal kurz einhaken. Es steht außer Frage, dass wir in einer Gesellschaft leben, die es Frauen permanent schwer macht und sie öffentlich diffamiert. Trotzdem ist es maximal scheinheilig, nun das Schönheitsideal anzuprangern, das von vorne bis hinten von deiner Familie Kardashian konstruiert wurde: Von Kims Ultraschalluntersuchung, mit der sie im Fernsehen zu Beginn ihrer Karriere 2011 (angeblich) bewies, dass sie keine Po-Implantate habe und ihr Po somit „real” sei. (Es war allerdings auch der Beginn der Ära des Brazilian Butt Lifts, bei dem Hintern mit Eigenfett aufgespritzt werden.) Dann ging es weiter mit einem ganzen Jahrzehnt von maximal bearbeiteten Bildern auf Social Media und einer Schönheits-OP nach der nächsten, die nie öffentlich zugegeben wurden. Insbesondere Kylie und Khloé brauchten vermutlich mehrfach neue Passbilder, wenn man sich ihre Fotos von vor wenigen Jahren anschaut. 

Es geht hier nicht darum, kosmetische Eingriffe zu shamen (Mein Artikel zum ersten Mal Botox kommt in wenigen Wochen raus). Es geht darum, ein Konsumartikelimperium zur Verantwortung zu ziehen, wenn es chirurgisch erzielte Schönheitsparameter kreiert und diese verleugnet, um damit Millionen und Milliarden zu verdienen. Wenn man ehrlich ist, machen die Kardashians eigentlich keine Werbung für Make-up oder Unterwäsche, sie machen Werbung für Schönheits-OPs.

Body Modification statt Body Positivity

Natürlich wird die Schönheitsindustrie immer ihr Geld damit verdienen, (vermeintliche) Verbesserungen für Gesicht und Körper anzubieten. Trotzdem wäre es gut, wenn die dafür verwendeten Ideale etwas weniger brutal konstruiert und auf antwortende Trends nicht nur oberflächlich, sondern auch inhaltlich reagiert würde.

Als abschließendes Wort noch ein Gedanke zum Wording um den Diskurs zu Schönheit, Normen und Selbstwertgefühl: Body Modification bezeichnet eigentlich das, worüber wir im Moment sprechen. Das Bearbeiten und Tunen des eigenen Körpers. Denn wenn ein Beitrag zu den Trends Body Positivity oder Pretty Privilege keine Irritation hervorruft, ist er nicht echt, sondern opportunistisch. 

Body Positivity bedeutet, den eigenen Körper offen zu zeigen, zu ihm zu stehen und ihn zu feiern. Und Ergebnisse, die nur durch Chirurgie erzielt werden können, auch als solche kenntlich zu machen. 

Weiterhin gilt: Schönheit liegt im Auge der Betrachter*innen. Und im Ermessen guten Marketings.

Dieser Artikel ist Werbung, da er Markennennungen enthält.

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