Bücher, die uns durch die Quarantäne retten! Folge 4: Ragni

Nix hat auf, aber der Buchladen. Die perfekte Gelegenheit also, den Buchstapel neben dem Bett noch höher werden zu lassen

Es gibt noch keine Ausgangssperre. Aber irgendwie ist man schon an die Wohnung gefesselt, wenn jegliche Geschäfte und Cafés zwangspausieren und ein Besuch auf dem Spielplatz einem Anschlag auf das öffentliche Wohl gleich kommt. Für mich bedeutet das Zuhause-Rumsitzen nicht unbedingt mehr Freizeit. Zwei kleine Wesen wuseln hier jetzt immer rum. Aber ein bisschen Zeit zum Lesen will ich mir unbedingt nehmen.

Ich bin die, die sich hauptsächlich Bücher auf dem Flohmarkt kauft, weil mir neue Bücher zu teuer sind. Wenn ich doch mal eine Neuerscheinung ganz dringend haben muss und sie mir wirklich kaufe, fühlt sich das ein bisschen so an, als würde ich mein Geld gerade in Gold anlegen. Blattgold, versteht sich. 

So kommt es, dass in meinem Bücherregal wenig Zeitgenössisches steht, dafür aber viele Klassiker, Autoren aus vergangenen Zeiten und Zeitzeugnisse in Form von Romanen und manchmal auch Lyrik. Besonders hat es mir die Zeit zwischen 1890 und 1930 angetan. Fin de siècle, Neue Sachlichkeit, Symbolismus, Münchener Bohème, Eskapaden aus den wilden Zwanzigern. Das ganze Lebensgefühl in dieser Zeit fasziniert mich schon immer und früher habe ich dazu noch viel mehr verschlungen als heute. Ich bin übrigens in keinster Weise literaturwissenschaftlich begabt, noch kann ich mir besonders viele historische Daten merken. Wer aber in den Kreisen Alma Mahler-Werfels oder Franziska zu Reventlows verkehrte, weiß ich beinahe ausnahmslos. Besonders die Frauen dieser Zeit sind unglaublich spannend. Mit wenig Rechten ausgestattet und doch ihrer Zeit so vorausdenkend und handelnd. Ein eigenes, autarkes Leben leben, ohne Mann – sprich finanzieller Sicherheit. Selbstbestimmt und kreativ, oft leider auch tragisch.

Aber ich schweife ab. Da ich vor Kurzem noch unser Bücherregal im neuen Haus einsortiert habe, sind mir viele Flohmarktfunde in die Hände gefallen, die ich schon halb vergessen hatte und schon damals beim Kauf unbedingt und ganz dringend lesen wollte. Also habe ich für mich und für euch einen kleinen Stapel vorbereitet, der hoffentlich auch mit Kindern zu Hause schaffbar ist. Ich kann schon jetzt sagen, dass ich mehr lese als im letzten Jahr. Dass ich meine Freizeit wirklich dafür nutze, zu lesen. Ich fühle mich fast wieder wie mit 16, als die ganzen Vampirgeschichten (Biss zum Morgengrauen und dieser ganze Kram) erschienen sind und ich diese dicken Wälzer oft in drei Nachmittagen nach der Schule durchgelesen hatte. Ganz so schnell bin ich jetzt zwar nicht mehr, aber mindestens genauso motiviert. 

Sofja Tolstaja - „Eine Frage der Schuld“

Habt ihr schon mal was von der Frau von Lew Tolstoi gehört? Genau, ich auch nicht! Sie war nämlich nicht nur die Ehefrau des großen russischen Schriftstellers, sondern auch selbst ganz fleißig am Schreibtisch. Sie war Erstleserin und Kritikerin ihres Mannes, hat ganz nebenbei noch die dreizehn gemeinsamen Kinder erzogen und eben auch geschrieben. Ihre Schriftstücke wurden erst 75 Jahre nach ihrem Tod in ihrem Nachlass entdeckt. All das reicht mir schon, um etwas von ihr lesen zu wollen. Der Roman handelt von einer fatalen Entfremdung von Eheleuten und soll das Gegenstück zu Lew Tolstois „Kreutzersonate“ sein. Diese war im Ton eher frauenfeindlich, während bei Sofja Tolstaja beide Seiten Gerechtigkeit erfahren. Ich bin gespannt!

Juli Zeh - „Schilf“

Eine zeitgenössische Schriftstellerin, die ich sehr schätze, ist Juli Zeh. Ich habe schon viel von ihr gelesen und ihre feine, treffende Sprache hat mich immer wieder aufs Neue begeistert. Gerade habe ich noch ihren Roman „Leere Herzen“ beendet, jetzt steht schon das nächste Buch von ihr in den Startlöchern. Wenn mir ein klassischer Roman sprachlich zu anstrengend wird, wechsle ich gern zu etwas Modernerem. Juli Zehs klare Sprache und ihre immer sehr treffende aber nicht polemische Gesellschaftskritik zieht mich immer wieder in ihren Bann. In „Schilf“ geht es um den rundum erfolgreichen Sebastian, dessen Sohn entführt wird. Er soll ihn erst wiederkriegen, wenn er selbst einen Mord begeht. Klingt nach Thriller und Spannung, vielleicht schaffe ich diesen Roman ja doch in drei Nachmittagen. 

Rupi Kaur - „Milk and Honey“

Das Buch besitze ich schon länger, aber ich lese selten ein lyrisches Werk in einem durch. Diese großartige Gedichtsammlung der jungen Inderin-Kanadierin nehme ich immer wieder zur Hand, wenn ich vollkommen beeindruckt über die Perfektion von Sprache sein will. Jede Seite, jedes Gedicht, jedes Wort trägt so viel Bedeutung in sich. Rupi Kaur schafft es mit wenigen Zeilen zu Tränen zu rühren oder auch wütend zu machen. Ihre Gedichte sind sinnlich und schockierend. Sie handeln von Trauma, Liebe, Heilung, Weiblichkeit und geben mir jedes Mal so viel, auch wenn ich nur ein Gedicht lese und nur ganz kurz in ihre Welt eintauche.

Jule Tilgner, Marcia Friese - „Mutter werden“

Ich bin schon zwei Mal Mutter geworden und seit meiner ersten Schwangerschaft brenne ich für das Thema Geburt und allem, was dazu gehört. Dieses Buch ist ein wunderbarer Begleiter fürs Wochenbett. Die Hebamme Jule Tilgner schreibt in diesem Buch Briefe an die junge Mutter zu jedem Thema, zu dem vielleicht Fragen im Wochenbett aufkommen könnten. Ihre Sprache trägt einen sicher durch die erste Zeit mit Kind, bestärkend und bewegend. Das Buch wird mit Marcia Frieses Bildern vollkommen. Sie ist Geburtsfotografin und hält die ersten, zerbrechlichen Momente des Elternwerdens fest. Ein Buch, fast zu schön, um wahr zu sein und welches ich schon lange lesen will. Gerade passt es ganz gut, weil auch ich mich ab August im Kreißsaal bewegen werde und dort vielleicht das ein oder andere Wort aus dem Buch an eine gebärende Frau weitergeben kann. 

Helma Sanders-Brahms - „Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler“

Wenn ich mich buchmäßig für gar nichts mehr begeistern kann, dann gehen immer noch Biografien. Ich liebe es, in fremde Leben einzutauchen, Zusammenhänge zu verstehen und intime Momente nachzuvollziehen. Ich bin eine Buchvoyeuristin. In dieser Biografie geht es um die deutsch-jüdische Lyrikerin Else Lasker-Schüler und den Arzt und Lyriker Gottfried Benn und deren kurze, aber intensive Beziehung. Lasker-Schüler war so eine Frau, der es völlig gleichgültig war, was jemand über sie dachte. Sie trug Anfang des 20. Jahrhunderts bereits Hosen, ließ sich von ihrem ersten Mann scheiden, bekam ein uneheliches Kind und bewegte sich in der Berliner Boheme wie die Königin der verarmten Künstler. Gottfried Benn war Pastorensohn und kam aus einer strengen Familie. Während seines Medizinstudiums entdeckte er sein lyrisches Talent. Er war 17 Jahre jünger als sie und die beiden völlig verschieden. Dennoch verband sie eine kurze, heftige Liebesbeziehung. Ich lese dieses Buch gerade und verschlinge jeden noch so kleinen Fitzel Lebensgeschichte der beiden.

Mir fällt gerade auf, dass das eine sehr feminin-weibliche Liste ist. Das war ganz unbewusst gewählt und ich hoffe, dass die Zusammenstellung trotzdem viele von euch anspricht! Ich verfalle jedenfalls nicht mehr in Verzweiflung, wenn ich meinen Bücherstapel betrachte, sondern in helle Vorfreude. 

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