Woher kommt der Fetisch für Alpha-Entrepreneure?

Meine Kritik am Archetyp Elon Musk

So selbst bestätigend schön das Einnisten in der persönlichen Alltagsbubble voller queer-feministischer Manifeste, schwuler Meme-Kanäle und Diskussionen über Mietendeckel-Variationen auch ist, eine jede WG-Party lebt von fremden Gästen, über die man sich in der Küche neben angebrochenen Wodkaflaschen und Lebensentwürfen aufregen kann. BWL-er mit Polohemden, Growth Mindset und Connections in die FDP zum Beispiel. Es sind jene magischen Kollisionen, die die perfekte Gelegenheit für alkoholisierte Sozialforschung bieten. Während ich auf der letzten Feier pre Corona die luxussanierte Altbauwohnung eines Freundes mit geöltem Fischgrätenparkett, Flügeltüren und dem obligatorischen Wassily Chair begutachte, bemerke ich im Zimmer seines Mitbewohners ein Regal mit exakt drei Biografien: Steve Jobs, Jeff Bezos und natürlich Elon Musk. Kein weiteres Buch in Sicht. Im Hintergrund läuft atzenartige EDM-Mucke. 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich in diese Community der Milliardäre anhimmelnden cis, hetero, White Guys eintauche und sämtliche pseudo-innovativen Mantras zu hören bekomme, die im Kern vollkommene Visionsarmut offenbaren. „Work hard, play hard.“The only constant is change.“ Und neu:Wir brauchen Kolonien und Teslas auf dem Mars!“ Ich sippe an meinem Mezcal Mule und frage mich: Woher kommt dieser Fetisch für Alpha-Entrepreneure und was macht er mit den Hetero-Männern unserer Generation?

Der Mythos Elon Musk

Elon Musk, aktuell drittreichster Mensch der Welt, genialer Geschäftsmann und Revolutionär. Und dabei ist er so cool und nahbar! An der Oberfläche ist der Hype um seine Person halbwegs verständlich, wenngleich ich mich davon nie angezogen gefühlt habe. Paypal, Tesla, Neuralink und SpaceX wirken mehr wie die realisierten Träume eines Fünfjährigen, der sie mit genug Geld realisieren konnte, als Unternehmen der Superlative. Wer sonst würde einen Sportwagen per Rakete auf den Mars schießen?!

Neben Musks Geschäftsmodellen und Produkten, die kritische Geister nicht gerade vom Hocker hauen dürften, erinnert seine Rhetorik mit ihrem einfachen Vokabular und banalisierten Zusammenhängen zudem stark an die von – leider ja – Donald Trump. Doch die Gemeinsamkeiten enden hier nicht: Das Narrativ des Selfmade-Milliardärs wird so penetrant häufig wiederholt, dass sich das Gerücht des väterlich ererbten Apartheid-Geldes aufdrängt – auch, wenn dies nicht so erwiesen ist wie Trumps Mafiagelder. 

Wer dann noch genauer hinschaut oder googelt, erkennt schnell, dass viele Leistungen von Musk eigentlich gar nicht seine sind: Er hat Paypal nicht gegründet, er hat sich dort eingekauft, inklusive der Rechte für die Bezeichnung Founder. Ähnlich sieht es bei SpaceX aus, wo er sich als stolzer Besitzer eines Economics-Bachelors den Titel des Chief Engineers gönnte. Eine peinlich-narzisstische Parallele zu Muammar al-Gaddafis mit Fantasie-Orden behängten Uniform lässt sich nicht leugnen.

Dennoch: Immerhin gründete Elon Musk 2002 SpaceX und 2016 Neuralink selbst. Beide Unternehmen begeistern mit einem neuen Level an charmanter Wertschöpfung. SpaceX geht davon aus, dass der Mensch beizeiten auf andere Planeten umsiedeln muss und daher der Mars kolonisiert werden sollte. Neuralink möchte Chips in unsere Gehirne implantieren. Man kann sich kaum entscheiden, worauf man sich mehr freuen soll.

Auf Mutter Erde lassen sich derweil die altbekannten Lowkey psychopathischen Unternehmertendenzen von Musk erkennen. In sämtlichen seiner Tesla-Fabriken werden Gewerkschaften unterbunden, er nannte die anfänglichen Corona-Beschränkungen faschistisch und verlangte, dass Arbeiter*innen den Lockdown ignorieren. Was klingt wie apokalyptische Pläne eines Comic-Bösewichts, sind die tatsächlichen Geschäftspraktiken von Elon Musk, die viele als visionär und wegweisend feiern. 

Der Mythos um Elon Musk ist also zu Teilen erlogen, folgt altbackenen Ausbeutungsmethoden und ist moralisch fragwürdig. Eins steht dennoch fest: Marketing kann er. Was den psychosozialen Aspekt seines Erfolges erklärt. 

Kapitalistisches Stockholm-Syndrom

Einer der Gründe für die große Bekanntheit der Musk-Marken ist der Hype um die Person Elon und das Männerbild, das er verkörpert. Die Musk-Jünger, nahezu ausschließlich heterosexuelle Männer, zeigen die infantile Bewunderung eines Kleinkindes für den älteren und krawallaffinen Nachbarjungen. Elon Musk hat die Antworten für die unangenehme Ambiguität des Lebens, mit Autos, Raketen und Robotern lassen sich alle Probleme der Welt lösen. Es muss nur hart gearbeitet werden, das ist ganz wichtig.

Nobody changes the world working a 40 hour week. Allen unterbezahlten Arbeiter*innen wird die Karotte wartender Milliarden vor dem Horizont suggeriert, der Pathos der eigenen Ausbeutung gleichzeitig maximal gesteigert. Kapitalistisches Stockholm-Syndrom beschreibt diese Dynamik wohl am besten. Die Anhänger*innen von Musk, inner- als auch außerhalb seiner Gigafactories, halten sie trotzdem für revolutionär. Wie gesagt, das Marketing funktioniert. Trotzdem ist wichtig festzuhalten, was die Dynamik seines Followings offenbart: den Wunsch vieler Männer nach Abenteuer und Geborgenheit unter Anleitung eines Älteren. 

Die Alpha-Männer werden’s richten

Und das liegt am Archetyp, den Elon Musk repräsentiert. Er ist DER Alpha-Mann, ein Macher, feinste konventionelle Männlichkeit. Reich, erfolgreich, mit stetig wechselnden Zwanzigjährigen an seiner Seite. Das Greater Good Magazine der University of California, Berkeley schreibt zu diesem Phänomen:

„Alpha"-Männer sind diejenigen, die an der Spitze der sozialen Statushierarchie stehen. Sie haben größeren Zugang zu Macht, Geld und Partnerinnen, die sie durch körperliche Stärke, Einschüchterung und Dominanz gewinnen. Alphas werden typischerweise als die 'echten Männer' beschrieben.“

Einerseits banalisiert ein Konstrukt wie dieses das Spektrum von Männlichkeit, gleichzeitig ist es eine harte kulturelle Realität, mit der nahezu alle Männer zu kämpfen haben. Wer kein Alpha ist, ist automatisch zum Beta degradiert, ein Mann zweiter Klasse nach Mainstream-Kriterien: unkompliziert, ruhig, sensibel, schüchtern und unterwürfig. Der Geruch von Toxic Masculinity liegt in der Luft! 

Selbstverständlich sind diese Zuschreibungen keine wissenschaftlich fundierte Geschlechtsrealität, gesellschaftlich entfalten sie dennoch ihren Sog. Ich möchte sagen, alle Männer kennen den Druck, dem Alpha-Ideal genügen zu müssen. Insbesondere queere Männer fallen aber früh durch das Raster, auch viele reflektierte Heteros schaffen irgendwann den Absprung. Und jene, die es nicht tun, werden eben Elon Musk-Fans. Seine Person spricht zu allen Männern, die einen Wegweiser brauchen, um sich optimal in das gesellschaftliche Manneskorsett hineinschnüren zu können. Elon Musk verspricht implizit den Alpha-Status für seine Anhänger, wenngleich die dabei entstehende Dynamik per Männlichkeits-Reglement zum Scheitern verurteilt ist. Ganz nach Marketing-Logik ist nicht unbedingt das drin, was außen beworben wird.

Sektenführer Privilege

Elon Musk wird zugehört und das nicht erst, seitdem er der on-and-off reichste Mensch der Welt ist. Alpha-Anwärter werden hier seinen Entrepreneurial Spirit zitieren, ich als Geisteswissenschaftler denke eher an alle Privilegien, die ihm mit auf den Weg gegeben wurden. Und frage mich, wie die Welt wohl aussehen würde, wenn menschlich wie unternehmerisch exzellenten Personen wie Martine Rothblatt die gleichen Bühnen und Hypes zuteil würden. Sie hat ein Heilmittel für die Pulmonale Hypertonie ihrer Tochter entwickelt und arbeitet an der Serienfertigung von Transplantationsorganen sowie menschlicher Unsterblichkeit durch digitale Klone unseres Geistes. Als jüdische Trans-Frau gewährt ihre professionelle Arbeit einen Einblick darin, wie unterschiedlich wir die Welt und ihre Bedürfnisse wahrnehmen. Kanntet ihr ihren Namen?

Obwohl Elon Musk ein Marketing-Genie sein mag, steht er meiner Ansicht nach ebenso für Unternehmungen und Maskulinität, die verbrannte Asche hinterlassen, anstatt Lösungen für konkrete menschliche Problematiken zu schaffen. „Der Mythos des Alpha-Mannes“ kommt zu einem ähnlichen Schluss: Statt dem Alpha-Dasein lohne sich vielmehr „die Entwicklung einer Fähigkeit, die der Gesellschaft einen Wert bringt, und die Kultivierung eines stabilen Identitätsgefühls.“ Mehr als drei Bücher zum Thema können ebenfalls nicht schaden. Cheers!

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