Arthouse für alle! Behind the Tree holt Programmkino zu euch nach Hause

Wir haben die Plattform-Gründer Nicolas Lozier, Frederik Lau und Schauspieler Kida Khodr Ramadan zum Interview getroffen

Stellt euch mal vor: Ein freier Abend, ihr habt Zeit und Lust auf einen guten Film. Ihr seid zu zweit oder sogar zu dritt. Motiviert schmeißt ihr den Streamingdienst eures Vertrauens an und beginnt mit der Filmauswahl. Dann ist plötzlich eine Stunde vergangen, es läuft noch immer kein Film und ihr seid inzwischen noch auf Plattform B und C ausgewichen und eine*r ist beleidigt.

Kommt euch bekannt vor? So sieht bei mir und meinem Freund jeder dritte Filmabend aus. Es endet meistens damit, dass entweder ich mich breitschlagen lasse, eine Sportlerdoku zu gucken oder mein Freund sich für einen arty Horrorfilm hergibt.

Mit diesem kopflosen Gesuche (und noch viel mehr!) möchte der Online-Dienst Behind the Tree Schluss machen. Behind the Tree ist die erste deutsche Streaming-Plattform für Arthouse und Independent-Filme. Gegründet wurde die Plattform vor rund zwei Jahren von Nicolas Solar Lozier, seinem guten Freund Schauspieler Frederik Lau und der Berliner Agentur Cromatics. Das Ziel? Großartigem, nischigem, künstlerischem europäischen Kino eine Haltbarkeit und Verfügbarkeit über die großen Festivals hinaus geben.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Wie oft habe ich nach Berlinale, Cannes und Co. darauf gewartet, auch die Geheimtipps sehen zu können! Oft laufen diese nämlich für drei Wochen im Programmkino am anderen Ende der Stadt – oder eben gar nicht. Behind the Tree bringt solche Filme und sogar Kurzfilme zu euch nach Hause. Die Werke sind dabei nicht per Monatsabo verfügbar, sondern werden pro Film geliehen und davon gehen 75 Prozent an die Filmschaffenden. Die gehen beim klassischen Modell nämlich relativ leer aus.

Frei nach dem Motto: Wenn es nicht so läuft, wie wir das gerne hätten, machen wir es eben selbst. Wenn so viel Liebhaberei mit im Spiel ist, verwundert es nicht, wenn über-performt wird. So gibt es neben dem Streamingdienst Behind the Tree auch den Film-Podcast Behind the Tresen, in dem Filmemacher*innen zum Gespräch gebeten werden.

Klar, dass ich die Einladung zum ersten Arthouse Festival von Behind the Tree im Michelberger Hotel sowas von angenommen habe und noch aufgeregter darüber war, dass ich mit Frederik Lau und Nicolas Lozier persönlich über ihr Lieblingskind und ihre Vision sprechen konnte. Highlight #3: Ein per Telefon zugeschalteter Kida Ramadan, der nicht als Gründer, aber Best Buddy und Unterstützer der Plattform ebenfalls mit von der Partie war.

Frederik Lau, Nicolas Lozier und Kida Khodr Ramadan im Beige-Gespräch!

Nico, bei Arthouse Filmen schwanken oft zwishen hochkarätigen Festivals und dem Verschwinden in der Versenkung. Warum finden diese Filme so schwer zu den Zuschauer*innen?

Nicolas: Ich glaube nicht, dass die Filme in Vergessenheit geraten oder weg vom Fenster sind. Ich glaube einfach, dass es nicht die großen Kinoketten gibt, die den Arthouse-Filmen die Plattform geben, die sie verdient haben. Es gibt Programmkinos, Arthouse-Kinos, aber die sind nicht deutschlandweit und flächendeckend präsent. Das Problem ist also: Es gibt das Publikum und es gibt die Kinos, aber hat nicht jede*r den Zugang.

Frederik: Das andere Problem ist auch: Es hat nicht jede*r die Möglichkeit, auf so ein Festival zu gehen. Deswegen haben wir Behind the Tree ins Leben gerufen. Damit der Zugang zum besonderen Kino möglich wird. Wir sind ja kein klassischer Streamingdienst, sondern wir digitalisieren Kinofilme, wenn man es genau nimmt. Damit möchten wir der Masse die Möglichkeit geben, sich gutes Kino und auch Qualität jederzeit nach Hause zu holen. Doch unser Hauptanliegen lautet, den Filmemacher*innen eine Plattform geben. Denn für die ist es auch schwer. Der amerikanische Markt und Hollywood stehen für sich. Das ist ein ganz anderes Kino und ich glaube, die Leute müssen auch sensibilisiert werden für das Europäische Kino und den Europäischen Film. Wenn man die Möglichkeit hat, so etwas zu sehen, dann kann man sich auch ganz schnell verlieben!

„Wir geben den Filmen, die ansonsten total untergehen, die Möglichkeit, zu strahlen.“

Frederik Lau

Streaming galt lange als Branchenkiller. Aber jetzt wird das Potenzial erkannt, dank Streaming das Filmemachen und -schauen zu demokratisieren. Jede*r hat die Chance, alles zu sehen. 

Kida: Kino ist durch das Streaming auf eine Art und Weise gemütlich geworden. Früher hat man gesagt, komm, lass uns kommende Woche einen Kinofilm schauen. Das wurde richtig geplant. Das ist leider gestorben, dieses Sich-freuen. Nichtsdestotrotz finde ich Plattformen wie Behin the Tree großartig, da sie mir diese Vielzahl von Möglichkeiten bieten. Es gab früher in der Bergmannstrasse eine Programmfilm-Bibliothek, die hatte Filme, die keine Videothek hatte. Sowas ist ausgestorben, das muss es digital geben.

Frederik: Das ist das, was fehlt. So eine Videothek des Vertrauens, wo die Filme nach Regisseur*innen geordnet sind und man das Personal alles fragen kann. Das möchten wir wieder erschaffen. Man sucht sich einen Regisseur, beispielsweise Fassbinder heraus und hat die Möglichkeit zu diesem Regisseur alles zu bekommen und sich durchzuschauen. Wir haben alles im Programm. Auch ältere Filme und Filme, die du ansonsten nur bekommst, wenn du sie im Internet bestellst. Mit Behind the Tree möchten wir den besonderen Film immer abrufbar machen, on demand. Ohne, dass man ihn für 15 Euro beim Verleiher bestellen muss. Netflix hat die große Auswahl, zeigt allerdings vor allem viele amerikanische Filme und Eigenproduktionen. Wir geben den Filmen, die da total untergehen, die Möglichkeit, zu strahlen.

Ihr kuratiert das ja auch ganz bewusst und mit Mühe. Ich kann mir vorstellen, dass große Streaminganbieter eher nach Erfolg gehen, was ihre Auswahl betrifft.

Nicolas: Sie agieren im Prinzip wie Fernsehsender und veröffentlichen ihre eigenen Produktionen. Und das Kuratierte, was du eben angesprochen hast, das war ein Gedanke oder eher Moment, den Frederik und ich vor ein paar Jahren hatten. Wenn man auf Prime oder Netflix geht, sucht man eine halbe Stunde nach einem Film und kommt nicht dahinter, was man sehen will. Und unsere Idee war, dass es Menschen gibt, denen du vertraust. Deren Arbeit und Qualität du vertraust und die für etwas stehen. Dann hast du einen Frederik Lau oder eine Jessica Schwarz, die dir ihre Lieblingsfilme empfehlen. Bei genau dieser Auswahl an Filmen, da kann man sicher sein, ist eine gewisse Qualität vorhanden. 

Die Zuschauer*innen haben bei euch auch die Möglichkeit, sich cineastisch zu bilden und filmwissenschaftlich vorzugehen.

Kida: Behind the Tree ist vor allem auch eine Plattform, die Regisseur*innen und Filmemacher*innen eine Chance gibt, die keinen fetten Namen haben. Wir sagen dann „Komm, probier dich aus“, und wir stehen dazu.

Die Macher*innen können sich vor allem proaktiv bei euch melden, ihre Filme hochladen und bekommen einen fairen Anteil am Gewinn aus dem Streaming. 

Nicolas: Bei einem klassischen Abo-Modell bekommt ein*e Filmemacher*in 0,01 Prozent oder so was. Bei uns bekommen alle, deren Filme wir zeigen, 75 Prozent an der digitalen Kinokarte. Frederik hat das vorhin so schön gesagt: Wir wollen das Arthouse-Kino digitalisieren. Bei uns zahlst du für einen Film eine digitale Eintrittskarte und davon bekommen die Macher*innen einen fairen Anteil. 

„Behind the Tree ist vor allem auch eine Plattform, die Regisseur*innen und Filmemacher*innen eine Chance gibt, die keinen fetten Namen haben. Wir sagen dann „Komm, probier dich aus“, und wir stehen dazu.“

Kida Khodr Ramadan

Habt ihr da Beispiele von jemandem der*die dadurch die eigene Karriere pushen konnte?

Nicolas: Kida haben wir groß gemacht (lacht). Wir haben sein Regiedebüt „In Berlin wächst kein Orangenbaum“ im Programm.

Kida: Ich habe mir jetzt endlich ein Haus gekauft.

Nicolas: Es ist natürlich schön zu sehen, dass man erfolgreiche Leute, wie zum Beispiel Kida, der eben auch leidenschaftlich Regie führt, unterstützen kann. Oder wie die Regisseurin Nicola von Leffern, die heute ihren Kurfilm Black Out präsentiert, der natürlich auch bei Behind the Tree verfügbar ist. Sie ist eine junge Filmemacherin und wir sind glücklich, dass wir ihr eine Plattform geben können. Sie macht einfach starke Filme.

Bei den Oscars tut sich allerdings auch was. Filme wie Parasite, Birdman oder Roma hätten vor einigen Jahren weniger Chancen gehabt. Denkt ihr, dass die Arthouse-Branche davon profitieren kann, dass sich das Mainstream-Kino solchen filmen öffnet?

Frederik: Ich finde auch, dass es nur gut sein kann, wenn die Masse sich auf solche Art von Filmen einlassen kann. Auf Geschichten wie z. B. Three Billboards {Outside Ebbing Missouri}. So eine kleine und arty Geschichte, weißt du? Und sie wurde so groß, ein echtes Kinoerlebnis. Ich glaube, schon, dass Leute dadurch sensibilisiert werden und dass es wichtiger gutes Schritt ist für anspruchsvolle Filme. 

Bei euch steht allerdings der europäische Film im Mittelpunkt?

Nicolas: Die europäischen Länder, das muss man einfach sagen, sind im Arthouse-Bereich unglaubliche Vorreiter. Klar, die Asiaten und Amerikaner oder Südamerikaner machen auch großartige Filme. Aber der europäische Markt ist einfach unfassbar spannend und divers. Französische, deutsche, skandinavische, spanische Filme … da passiert einfach so viel. 

Frederik: Deswegen ist Behind the Tree auch was Besonderes. Weil wir noch mal ganz anderen Ländern und Kulturen die Aufmerksamkeit geben, die sie vielleicht sonst in dem Ausmaß nicht erhalten. 

Kida und Frederik, ihr habt ja sowohl für Netflix, für große Produkten und für Independent-Filme vor der Kamera gestanden. Wie unterscheiden sich die Arbeiten und habt ihr Vorlieben?

Frederik: Bei mir ist es so und ich denke, ich kann auch für Kida sprechen, dass wir in jedem Film etwas Besonderes sehen und wir probieren immer, das Beste daraus zu machen. Wir kommen aus dem Arthouse und ich finde, man muss den auch lebendig halten, den besonderen Film. Es sind oft eben die kleinen freien Geschichten, wie auch Kidas Regiedebüt, die unter die Haut gehen. Für mich kratzt Mainstream nur an der Oberfläche. Ich genieße es, in die Tiefe zu gehen und mich als Schauspieler auf einen Charakter und einen Film einzulassen. Wenn man in solche Filme geht, den Fall hatte ich bei Biutiful mit Javier Bardem, dann geht man danach nicht mehr noch einen trinken. Zuhause ist man in dieser Hinsicht noch mehr geschützt, z. B. wenn es darum geht, die eigenen Gefühle zu zeigen und einzuordnen. Und genau das soll Kino machen. Nicht nur digitalisiertes Kino, aber zu Hause kann man sich vielleicht besser darauf einlassen. Das liebe ich dann an meiner Arbeit, wenn ich für Filme vor der Kamera stehe, die die Möglichkeit geben, große Gefühle zu Hause oder im Kino zu erleben.

Möchtest du noch was ergänzen, Kida?

Kida: Ich kann dem nur 100 Prozent zustimmen.

Nico, ich habe gelesen, dass deiner Meinung nach die Filmförderung mehr für den unabhängigen Film tun muss … oder wie darf ich das verstehen?

Nicolas: Was ich damit meine ist, dass die Filmförderung grundsätzlich erst einspringt, wenn schon Kapital da ist. Das ist gerade im Independent-Bereich schwierig. Es geht schließlich darum, dass man eine Filmförderung bekommt, ohne eigenes Kapital aufbringen zu können. Wenn das nicht gegeben ist, ist das nicht der Sinn einer Förderung.

Frederik: Klar, die Filmförderung möchte natürlich auch überleben, das kann ich nachvollziehen. Aber trotzdem …

Kida: Du brauchst halt immer einen Sender im Nacken, damit du eine Förderung bekommst, du brauchst einen Verleiher und weiß ich nicht was. Weißt du, da reicht kein normales Drehbuch aus und das ist einfach schade. Es werden außerdem oft Leute gefördert, die jahrelang ohnehin Millionen von Zuschauer*innen hatten. Und da verstehe ich Nico voll, wenn er sagt, ey, man muss Chancen geben und an Projekte glauben. So nach dem Motto: „Hier, nimm das Geld, mach was draus.“

Frederik: So werden ja auch Künstler*innen geboren und so geht es auch weiter. Da kann man nicht nur auf Sicherheit gehen, Kunst ist nicht Sicherheit, niemals gewesen. Wenn man da in kapitalistischen Mustern denkt, ist das Thema auf jeden Fall verfehlt.

„Die Filmförderung springt grundsätzlich erst ein, wenn schon Kapital da ist. Das ist gerade im Independent-Bereich schwierig.“

Nicolas Lozier

Hat bei euch generell jede*r die Möglichkeit, den eigenen Film hochzuladen?

Nicolas: Na ja, es gibt schon ein paar Richtlinien. Klar, keine pornografischen oder illegalen Inhalte, das geht natürlich gar nicht. Auch rechtsorientierte Geschichten sind bei uns nicht erlaubt. Das ist eine moralische Grenze, die wir haben. Aber es gibt tatsächlich auch Momente, wo man sagen muss, war schön gemeint, aber hat nicht gereicht. Es hat etwa eine Gruppe von Schüler*innen einen Film gedreht und uns geschickt. Da war ein tolles Werk, um sich auszuprobieren, aber es ist noch kein Werk, bei dem man jetzt sagt, geht damit raus und zeigt das der Welt.

Also muss ein gewissen Standard da sein?

Frederik: Standard kann ja auch alles Mögliche sein. Standard würde ich niemals sagen. Ein Film sollte niemals Standards erfüllen.

Kida: Also das Kind muss schon laufen können

Frederik: Ja, genau. (lacht)

Nicolas: Das ist auf den Punkt, Kida. (lacht)

Würdet ihr sagen, dass sich durch die Pandemie trotz aller Rückschläge auch Chancen ergeben haben? Gerade für Streaming?

Kida: Ich habe die Pandemie ausgenutzt. Kino und Kunst dürfen nicht sterben. Mein Film „Man from Beirut“ sollte in die Kinos kommen, aber kein Betreiber konnte den Film zeigen. Dann habe die Autokinos privat angerufen. Es war der erste Film, der eine europaweite Autokino-Tour gemacht hat. Wir haben rund 10.000 Zuschauer*innen gemacht, das hätten wir auf keine Weise geschafft während des Lockdowns. Deswegen muss man immer daran denken, dass Kino nicht tot ist, es gibt immer eine Lösung. 

Nicolas: Und Kida, Frederik hat eingangs auch was ganz wichtiges gesagt. Nämlich, dass es Kino immer braucht. Und wir brauchen Kino. Es ist ein Erlebnis und rational ausgedrückt, ist es das Marketing für das Erlebnis. Und da sind wir ein Teil des Ganzen. Die ganze Kultur lebt von den Facetten. Natürlich hat es uns mehr Zuschauer*innen gebracht in der Zeit. Aber darüber so richtig freuen geht nicht.

Frederik: Wir möchten hier insgesamt unterstützend wirken. Was du schon meintest. Filme, die auf Festivals laufen und dann keinen Outlet mehr finden, denen geben wir eine Plattform.

Und ihr nutzt ja weitere Kanäle, um das Thema zu streuen. Und das ist ja großartig, ihr gebt Background-Geschichten dazu und zeigt die Branche in ihrer ganzen Vielfalt.

Nicolas: Alles, was wir machen, machen wir, um dieser Branche ein Profil zu geben. Das forcieren wir, indem wir sagen, wir orientieren uns nicht an Hollywood, sondern an der Filmkultur in Europa.

Wollt ihr auch selbst produzieren?

Nicolas: Ja, doch, da geht es hin!

Danke euch allen für das schöne Interview!

Unsere Beige Film-Picks von Behind the Tree!

  • Fotos
    Carsten Beier

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