Die Papa-Kolumne Teil 1: Macht ein Kind mich uncool?

Niels' Rekapitulation eines Kinderwunsches

von Niels Morawietz

Es ist Mittwoch. Eigentlich wollte ich den ersten Teil dieser Kolumne am schon Dienstag schreiben, aber meine kleine Tochter hat uns gestern Abend kurzerhand nochmal ins Bett gekotzt. Ich sitze gerade übrigens bei Regen vor einem Kindercafé im Prenzlberg. Warum ich davor sitze und nicht drinnen? Nun ja, es ist ein Kindercafé. Ja, ich weiß, der Prenzlauer Berg ist bei Regen doppelt nervig, aber es ist eben ein Kindercafé. So wie heute sieht mein Mittwochnachmittag übrigens meistens aus. Da fragt man sich doch, wie es soweit kommen konnte. Aber das mit dem Mittwoch ist gut fürs Kind. Meine große Tochter, ich habe insgesamt nämlich zwei, geht hier zum Tanzen. Unten im Keller des Cafés. Das ist ein bisschen wie in Fight Club – nur halt mit Kindern und Tanzen.

Aber wie kam es dazu, dass ich Papa wurde und wann entschied ich mich dafür?

Als Kind war es für mich selbstverständlich, irgendwann einmal selbst Kinder zu haben. Ich meine, man kennt ja nur Kinder oder deren Eltern, sprich Leute, die Kinder haben. Selbst meine Oma und Opa sind die Eltern von Mama und Papa, sagten damals meine Eltern. Hä? Na ja, wird schon stimmen, dachte ich damals. So ganz verstanden habe ich es aber nicht.

Als Jugendlicher war ich mir noch immer sicher, dass ich mal ein oder mehrere Kinder haben werde. Inzwischen wusste ich ja auch, woher sie kamen. Und Sex wollte ich als pubertierender Spinner auf jeden Fall. Und den kann man ja auch haben, ohne direkt Vater werden zu müssen. Der Pharmaindustrie sei Dank. Ich fragte mich nur, in welcher Welt sie wohl aufwachsen würden, ob sie mir ähnlich sein würden, also cool, und wer überhaupt mit mir würde Kinder haben wollen. Wie gesagt, ich war ein pubertierender Spinner. Der Oberspinner unter den Spinnern. Mitten im Abi bekam dann einer meiner besten Freunde sein erstes Kind. Von da an sah ich seine müden Augen nur noch im Klassenzimmer. Und seine Augenringe, die so tief hingen, dass sie seine Schnürsenkel hätten zubinden können, kamen nicht von irgendwelchen Abstürzen. Das wusste ich, denn bei diesen Abstürzen hätte ich ihn getroffen. Es musste an seiner neuen Rolle als Vater liegen.

„Kindertanzen ist ein bisschen wie in Fight Club – nur halt mit Kindern und Tanzen.“

Für mich wäre es eh noch viel zu früh gewesen, Vater zu werden. Ich war immer noch Spinner. Und das sah nicht nur ich so. Ich machte erst einmal eine Ausbildung, außerhalb von Berlin, meinen Eltern zuliebe. Eigentlich hatte ich Model oder Rockstar werden wollen oder am allerliebsten Müllmann bei der Berliner Stadtreinigung. Schön im Meister Proper Look mit Kippe im Mundwinkel und vom Ohrläppchen bis zum großen Onkel tätowiert, den ganzen Tag hinten am Müllwagen hängend und gestählt vom Weltretten. Aber dafür wäre ja auch später noch Zeit. Und so verdiente ich mein erstes eigenes Geld und wohnte in meiner ersten eigenen Wohnung. Irgendwie geil. Eines Tages, während meiner Ausbildung, traf ich dann sie und ich schwöre euch, ich dachte, wenn das Mädel Kinder möchte, mache ich ihr gerne einhundert. Ich wusste sofort, dass sie diejenige, welche war. Nur leider wusste sie nicht, dass ich derjenige, welcher war. Zumindest sagte sie das immer. Oder aber sie wusste es doch und wollte nur noch sehen, wie ernst ich es meinte. Nun, ich meinte es sehr ernst. Einige Zeit später waren wir dann ein Paar. Endlich.

Nach Beendigung meiner Ausbildung ging ich wieder zurück nach Berlin, sie hatte noch ein Jahr vor sich. Ich wollte meinen Jugendträumen noch eine Chance geben, kündigte meinen Job und dachte, die ganze Welt und vor allem Berlins Kreativbranche würden nur auf mich warten. Taten sie aber beide nicht. Also hatte ich mal wieder kein Geld und zog erneut bei meinen Eltern ein – und war plötzlich wieder Kind, mit 23. Irgendwie nicht so geil.

Ich heuerte also wieder bei meinem Ausbilder an, der mich glücklicherweise großzügig wieder aufnahm. Vollzeit, unbefristet und in Lichtenberg. Meine Freundin beendete schließlich ebenfalls ihre Ausbildung und wir zogen endlich in unsere erste gemeinsame Wohnung nahe dem Ostkreuz in Berlin-Friedrichshain. Wir stritten uns nie. Wir genossen uns und das gemeinsame Leben im Kiez. Wir redeten über die Zukunft, über unsere Kinder und deren Namen. Nur so aus Spaß. Wie mein damaliger Kumpel in der Schule bekam ein weiterer sehr guter Freund von mir seine erste Tochter. Wir besuchten die drei und es dauerte nicht lange, bis sie den kleinen Wurm auf meinen Schoß legten. Die Kleine war sehr süß und so viel entspannter als ich. Ich gab sie lieber schnell wieder ab, bevor ich ihr noch irgendetwas abreißen konnte.

Schließlich wurde es auch bei uns ernst: Meine Freundin schlug vor, mit dem Verhüten aufzuhören. Ich war 26, also noch relativ jung. Ja, relativ. Denn als meine Mama mich in diesem Alter bekam, galt sie schon als spät gebärend. Ich gebe aber zu, dass das eben eine andere Zeit und ein anderes System waren. Außerdem wurde man damals auch nicht Model oder Rockstar, höchstens Kosmonaut. Die Tochter meines Freundes ging zu diesem Zeitpunkt übrigens schon zur Schule. Trotzdem kackte ich mir nur bei dem Gedanken daran, bald Vater sein zu können, fast in die Hose. Denn ich bin nicht nur ein Spinner, sondern manchmal auch ein kleiner Schisser – wenn’s um wirklich wichtige Dinge geht jedenfalls. Aber wir hatten beide feste Jobs, liebten uns und auf Highlife hatten wir gerade eh kein Bock. Wir waren jetzt wohl erwachsen und langweilig. Wir taten es. Wir hatten mit der Absicht Sex, für die er von der Natur gedacht war. Und ich sage euch: Es ist ein anderes Gefühl, ein gutes.

So, jetzt kommt meine Große raus. Sie grinst, ich grinse und wir fahren nach Hause. Ach so, meine Kleine hat uns an diesem Abend übrigens wieder ins Bett gekotzt.

Weiter geht es ganz bald in Teil 2 von Niels' Papakolumne.

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