She Walks The Line

Jeewi Lees Spurensuche auf dem 38. Breitengrad.

Während wir in Deutschland 28 Jahre Einheit feiern, bestehen überall auf der Welt unüberwindbare Grenzen – so auch zwischen Süd- und Nordkorea. Die koreanisch-deutsche Künstlerin Jeewi Lee hat das Gebiet um den 38. Breitengrad über Jahre hinweg besucht. Nun porträtiert sie die Wunde ihres Heimatlandes durch eine raumfüllende Installation in ihrer Einzelausstellung „Inzision“ in der Berliner Galerie Sexauer.

Jeewi Lee studierte an der Universität der Künste in Berlin und an der Hunter College University in New York. Noch bis Ende des Jahres lebt sie als eine von vier Stipendiaten*innen in der Villa Romana in Florenz. Beige hat mit ihr über innere und äußere Grenzen, ihre Zeit in Italien und die Berliner Kunstszene gesprochen.

Du wurdest mit dem ältesten deutschen Kunstpreis, dem Villa Romana Preis, ausgezeichnet und lebst zurzeit in Florenz. Der Preis wird jedes Jahr an vier Stipendiaten*innen vergeben, die dann für ein knappes Jahr in der Villa Romana leben und dort in ihrem eigenen Atelier arbeiten können. Wie gefällt es dir in Florenz und was hast du bis jetzt gelernt?

Florenz ist super! Es ist eine sehr schöne, beeindruckende Stadt. Die Zeit in der Villa Romana ist ein großes Geschenk, weil ich mich einzig und allein auf meine eigene Arbeit fokussieren kann. Wenn man in eine neue Stadt zieht und durch das Artist-in-Residence Programm an eine Institution gebunden ist, hat man natürlich einen speziellen Hintergrund, das ermöglicht einem einen ganz besonderen Zugang zur Stadt. Das weiß ich sehr zu schätzen. Die Anliegen der Künstler werden in der Villa Romana sehr ernst genommen, man wird bei den eigenen künstlerischen Projekten aktiv unterstützt. Die Stadt Florenz inspiriert mich sehr und ich finde es spannend, wie sehr die Tradition, insbesondere das Kunsthandwerk, von der Gesellschaft gepflegt wird. Für mich ist die Renaissance, die ja in Florenz omnipräsent ist, sehr beeindruckend, vor allem da ich mit meinen koreanischen Wurzeln aus einem ganz anderen Kontext komme. Dennoch muss ich zugeben, dass die Renaissance wie eine schwere Wolke über der Stadt schwebt und wenig Platz für etwas Neues zulässt. Manchmal gaukelt sie einem eine „heile Welt“ vor: Alles ist sehr schick, alles wird ständig restauriert um die Vergangenheit aufrechtzuerhalten.

Was unterscheidet deiner Meinung nach die Kunstszene in Florenz von der in Berlin?

In Berlin ist die zeitgenössische Kunstszene viel aktiver. Die ganzen jungen Künstler und Künstlerlinnen, diverse spannende Offspaces, Kunstaktionen und Events – sie sind in Berlin viel präsenter. In Florenz bekommt die zeitgenössische Kunstszene weniger Oberfläche, was aber für mich dieses Jahr sehr erfrischend und erholsam ist, da ich mich auf diese Weise dem ganzen Großstadtwirbel und dem Kultur-Dschungel entziehen kann. Es tut mir unfassbar gut, dass ich zur Ruhe komme und mich komplett auf meine Arbeit konzentrieren kann. 

Kannst du Brücken schlagen zwischen deiner „normalen“ Arbeit und deinen Erfahrungen in Florenz? Was hat die Stadt für einen Einfluss auf deine Arbeit?

Als junger Künstler und junge Künstlerin ist man besonders in der Großstadt oft ein Einzelkämpfer. Man muss mittlerweile neben dem eigenen künstlerischen Schaffen auch viele andere Funktionen erfüllen: Textarbeit, Recherche, soziales Netzwerken und sich gegebenenfalls finanziell durch ein zweites Standbein absichern. In Florenz habe ich dank der Villa Romana ein tolles Team, das mir den Rücken stärkt. Ich habe meine bisher produktivste Zeit hier gehabt.

Foto: Marcus Schneider

„Die Grenzziehung hat die Geschichte Koreas von einem auf den anderen Tag verändert.“

Frühere berühmte Preisträger*innen der Villa Romana waren unter anderem Georg Baselitz, Katharina Grosse, Ei Arakawa und Christiane Möbus. Was für ein Gefühl gibt dir das Stipendium? Ist es befreiend oder baut es eher Druck auf, sich zu beweisen?

Sicher gibt es Künstler, bei denen es Druck aufbaut. Ich persönlich habe lediglich positiven Druck. Ich weiß das sehr zu schätzen, wenn ich morgens aufstehe, durch mein Fenster auf Florenz blicke und denke: „Wahnsinn, was für eine Chance mir hier gegeben wird!“ Das möchte ich natürlich ausnutzen. Ich will viel schaffen und das Beste aus der Zeit machen. Aber jeder nutzt das Stipendium auf unterschiedliche Art und Weise. Manche Künstler nehmen komplett Abstand von der Kunst – sie sind eher meditativ unterwegs und sammeln in der Zeit in Florenz neue Energie. 

Seit dem 20. September ist deine Ausstellung „Inzision“ in der Sexauer Gallery in Berlin zu sehen. Inzision bedeutet so viel wie Einschnitt. Was hat es damit auf sich?

Genau, eigentlich ist es ein medizinischer Begriff für einen operativen Einschnitt. Mit meinem Projekt thematisiere ich eine Grenzsituation, es geht um die ehemalige Grenze meines Heimatlandes Korea. Die Geschichte um Süd- und Nordkorea ist sehr verstrickt. Früher war Korea japanische Kolonie, bis das Land von den USA „befreit“ wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Sowjetunion und die USA das Land in zwei Besatzungszonen eingeteilt. Die Grenze bildete der 38. Breitengrad, der sich mittig und schnurgerade durch Korea zieht. Eine sehr grafische und unnatürliche Form der Grenzziehung. Dabei wurden oftmals Grundstücke, Straßen und Felder eiskalt in zwei Hälften zerteilt. Es war wie ein fremdbestimmter Schnitt, ähnlich einer Operation, daher Inzision. Die Grenzziehung hat die Geschichte Koreas von einem auf den anderen Tag verändert. Danach ist der Koreakrieg ausgebrochen und die Grenze hat sich oft verschoben. Das ging jahrelang, bis man sich auf einen Waffenstillstand geeinigt hat, offiziell eine Kriegspause. Die damals festgelegte Waffenstillstandslinie ist bis heute bestehen geblieben.

Foto: Stephanie Neumann

Dabei handelt es sich um die DMZ, die demilitarisierte Zone. Was ist nun genau der Unterschied zum 38. Breitengrad und wie hast du dich künstlerisch mit dem Thema auseinandergesetzt? 

Die DMZ ist die aktuelle politische Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Der 38. Breitengrad war die ursprüngliche Grenze zwischen den beiden „Ländern“, mit ihm hat die Trennungsgeschichte Koreas begonnen. Daher steht für viele Koreaner der 38. Breitengrad als eine Narbe der Geschichte, die sich in ihre Erinnerung eingebrannt hat. Ich fand es spannend, dass der 38. Breitengrad eine imaginäre Grenze ist, und somit zwar von der aktuellen Grenze abweicht, trotzdem aber als schicksalsträchtige Linie in allen Köpfen so präsent ist. Für mein Projekt habe ich auf dem 38. Breitengrad zehn gleichmäßig verteilte Punkte festgelegt, von denen aktuell fünf im Norden und fünf im Süden des Landes liegen. Anhand der genauen Koordinaten bin ich zu den jeweiligen Orten gefahren und habe dort Papierabdrücke von alten, großen Bäumen genommen. 

Warum ausgerechnet von den Bäumen?

Die Bäume sind durch ihre Wurzeln seit langer Zeit an diesen Punkten verankert und stellen für mich Zeitzeugen der Teilungsgeschichte dar. Ich wollte die Spuren zurückverfolgen. Die Bäume werden in meiner Arbeit ein Stück weit personifiziert, ich wollte ein Porträt von ihnen schaffen und habe mit der traditionellen asiatischen Drucktechnik Takbon die Maserung der Baumrinde mit Kalligrafie-Tinte abgenommen, wie bei einem Fingerabdruck.

Dadurch, dass du als Südkoreanerin keine Möglichkeit hast nach Nordkorea zu reisen, sind dabei nur fünf Abdrücke entstanden, von den Bäumen auf der südkoreanischen Seite. Das Projekt ist quasi unvollständig. Wie gehst du damit um?

Das ist ein Teil meines Konzeptes. Dass eine Hälfte fehlen würde, wusste ich vorher und es war eine bewusste Entscheidung. Diese Tatsache spiegelt die aktuelle politische Situation wider und den Umstand, dass ich nicht auf die andere Seite reisen darf. Auch in meiner Ausstellung zeigt sich die Unvollständigkeit durch die Hängung der entstandenen Abdrücke. Neben den fünf Bildern ist im Ausstellungsraum auch eine Raum übergreifende Installation namens „Fraktur“ zu sehen, die ebenfalls auf das Grenzthema anspielt: Der ganze Boden ist auf der einen Seite mit dunklem, auf der anderen Seite mit hellem Kiessplitt bedeckt. Dadurch entsteht im Raum eine Zweitteilung, in der Mitte entsteht eine Grenzsituation. Je länger die Ausstellungsdauer, desto mehr werden die Bewegungen der Besucher durch den Raum die „Grenze“ Stück für Stück aufbrechen, die Steine in der Mitte werden sich auf natürliche Weise vermengen.

Das klingt sehr spannend! Was war die größte Herausforderung bei der Arbeit an dem Projekt?

Für mich hatte die Reise fast etwas von einer Pilgerfahrt, auf dem 38. Breitengrad die Spuren der Grenzziehung zu verfolgen, von einem Punkt zum nächsten. Ich habe im Osten angefangen und mich Richtung Westen bewegt. Dadurch, dass die DMZ so nah am 38. Breitengrad liegt, befinden sich dort kaum große Städte, sondern hauptsächlich Natur oder höchstens ein paar Kleinstädte und Dörfer. Es wollen nicht viele Menschen dort wohnen. Die Koordinaten befinden sich alle mitten in der Pampa. Die meisten Orte lagen in Militärzonen, fast überall war für mich der Zutritt streng verboten. Ein Punkt lag auf einem Berg, ich musste mich stundenlang durch den Wald schlagen und teilweise auf allen Vieren kriechen. Dort war ein Minenschutzgebiet, es bestand durchgehend die Gefahr, auf eine Restmine aus dem Koreakrieg zu treten. Ich habe mehrfach eingezäunte Gebiete durchqueren müssen, einmal ein Sprengstoffentsorgungsgebiet, wo regelmäßig Munition versprengt wird. Davor hatte ich großen Respekt. Wäre ich dabei erwischt geworden, hätte sicherlich niemand Verständnis dafür gehabt, wenn ich sage: „Ich will hier nur einen Baumabdruck nehmen.“ 

Die Installation „Fraktur“ in Berlin umzusetzen war leider auch nicht einfach. Insgesamt mussten etwa 14 bis 15 Tonnen Kiessplitt in den Ausstellungsraum gebracht werden. Nur mit Unterstützern konnte die Arbeit verwirklicht werden, ein großes Dankeschön auf diesem Wege an Herrn Redmann vom Terranit Natursteinhandel (lacht).

Was zeichnet die Galerie Sexauer in Berlin aus? Was macht sie so besonders? 

Die Galerie Sexauer wurde 2013 gegründet, aber Jan-Philipp Sexauer ist natürlich schon viel länger in der Kunstszene. Er fährt ein tolles Programm, indem er sehr unterschiedliche Positionen vertritt und auch mit recht jungen Künstlern zusammen arbeitet. Natürlich geht er da ein Risiko ein und traut sich was. Dabei kommen aber auch sehr spannende, unterschiedliche Projekte zustande. Ich persönlich arbeite sehr konzeptuell, will oft herausfordernde Installationen verwirklichen. 

Würdest du sagen, dass es junge Künstler*innen generell schwerer haben, Anerkennung zu erlangen oder sich durchzusetzen? Ist der Wettbewerb besonders hoch?

Ich würde nicht sagen, dass das Alter eine Rolle spielt. Es ist grundsätzlich nicht einfach, sich in einer Kulturmetropole wie Berlin durchzusetzen. Es gibt viele Künstler und Künstlerinnen und deutlich weniger Sammler oder Institutionen. Aber der Wettbewerb hält einen auch wach und die Szene lebendig, wodurch ein reger Austausch entsteht. Die Stadt ermöglicht es vielen Kunstschaffenden, sich auszutoben und aktiv zu bleiben. Täglich passieren spannende Sachen in der Kunstszene, ob in Offspaces oder in den großen Kunstinstitutionen.

Viele deiner Arbeiten thematisieren die Spur. Auch „Inzision“ verfolgt die Spur der Grenzziehung innerhalb eines Landes. Zieht sich die Spur wie ein roter Faden durch deine Arbeiten?

Auf jeden Fall. Wobei ich mich auch nicht so festfahren will. Das würde mich sehr einschränken. Ich halte es für gefährlich, wenn man sich als junge Künstlerin ein Thema raussucht und sich daran lebenslang abarbeitet – dann ist man irgendwann für nichts Neues mehr offen. Das Thema Spur hat sich bei mir auf natürliche Art und Weise ergeben. Aber ich kann auf unterschiedliche Arten an das Thema herantreten.   

Bald geht dein Jahr in Italien zu Ende. Worauf freust du dich am meisten in Berlin?

Auf gar nichts! Es wird bestimmt nicht einfach sein, wieder zurückzukommen. Ich hatte dieses Jahr viele Ausstellungen und freue mich darauf, im Winter die Projekte zu beginnen, die keine Deadline haben. Zum Beispiel mein Künstlerbuch über meine zwei Arbeiten. Einmal „Blinder Beifall“ von 2016, wo ich einen kompletten Zirkus in meinen Ausstellungsraum eingeladen habe und die Spuren der Aufführung gesichert habe. Und die Ausstellung „Der Abgang“ aus diesem Jahr, die ich mit dem Kunstverein Arnsberg verwirklicht habe. In dieser Arbeit habe ich die Spur eines Elefanten in Form seines konservierten Duftes im Lichthaus ausgestellt. Bis jetzt wurde das Projekt Künstlerbuch aufgrund anderer Termine ständig nach hinten verschoben. Ich freue mich total darauf, es endlich anzugehen. Und auf mein Studio an der Spree mit Blick auf den Fernsehturm!

Vielen Dank für das interessante Interview!

Foto: Stepanie Neumann

Die Ausstellung „INZISION“ von Jeewi Lee in der Sexauer Gallery Berlin geht noch bis zum 27. Oktober 2018.

Sexauer Gallery Berlin
Streustraße 90
13086 Berlin

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    Mischa Leinkauf

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