DienstArt – Die Kunstkolumne: Mach kaputt, was dich kaputt macht!

Über selbstzerstörerische Kunst und was Banksy damit zu tun hat

Noch ein Artikel über Banksy? Allerdings: Das Schredder-Kunstwerk bei Sotheby’s wurde viel diskutiert und ist jetzt schon Kunstgeschichte – dabei ist die Idee der Zerstörung von Kunstwerken nicht neu. Wer wie welche Kunst zerstört hat und warum, das erfahrt ihr in der neuen DienstArt Kolumne:

Kaum ein Ereignis aus der Kunstwelt wurde dieses Jahr häufiger zitiert: „Banksy narrt den Kunstmarkt!“, „Kunstwerk bei Sotheby’s geschreddert!“ Auf den ersten Blick wirkt die Story absolut brisant. Der aus Bristol stammende Streetart-Künstler hat, so zumindest die Vermutung, ein von ihm manipuliertes Werk beim Londoner Auktionshaus Sotheby’s eingereicht, in dessen Bilderrahmen ein versteckter Schredder eingebaut worden war. Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Banksy große Kunstinstitutionen an der Nase herumführt. 2005 zum Beispiel platzierte er heimlich in gleich mehreren New Yorker Museen seine eigenen Werke neben der dort hängenden Kunst.

Geschredderte Liebe

Nachdem bei Sotheby’s der Zuschlag für Banksys Werk „Girl with Balloon“ (2006) bei knapp 1,2 Millionen Euro erfolgte, wurde per Fernsteuerung der Schredder ausgelöst und das Werk rutschte in die Schneidemaschine. Durch einen technischen Defekt (ja, die Geräte streiken bei uns allen mal) blieb das Bild allerdings auf halber Strecke stecken, weshalb nur die untere Bildhälfte zerstört wurde. Das neue, halbseitig zerschnittene Werk bekam übrigens einen neuen Titel: „Love is in the Bin“. Kurze Zeit später bekannte sich Banksy öffentlich zu der Aktion und postete auf Instagram ein Foto des Vorfalls mit der Bildunterschrift „Going, going, gone“.

Ob der ganze Coup jedoch tatsächlich so überraschend und ungeplant war, ist mehr als fragwürdig: Nicht umsonst wird ein Werk vor der Versteigerung genau untersucht. Für Sotheby’s war die Aktion sicherlich wunderbare Publicity und auch Banksy, der sich wieder einmal in aller Munde wähnen konnte, triumphierte. Der Street Artist habe dem Kunstmarkt den Spiegel vorhalten wollen, wird gemunkelt. Seine Werke leben von ihrer Spontaneität und ihrer oftmals kurzen Lebensdauer im öffentlichen Raum. Davon, dass sie in einem der größten und bedeutendsten Auktionshäuser der Welt für Unsummen an Geld unter den Hammer kommen, sind Banksy und seine Fans wahrscheinlich wenig begeistert. Aber das Schreddern des Bildes als Kritik am Kunstmarkt? Nun ja, diese Story hinkt etwas … Fakt ist trotzdem, dass es bei dieser Geschichte nur Gewinner gibt: Auktionshaus, Künstler und Käuferin. Die europäische Sammlerin wollte das Werk nämlich trotz der halben Zerstörung behalten. Zu Recht. Nach der Aktion dürfte es nun mindestens doppelt so viel wert sein.

Das Happening war in diesem Fall also ein entscheidender Aspekt. Die Versteigerung eines von vornherein zerschredderten Werkes wäre nicht halb so spektakulär gewesen. Die Zerstörung war also ein wichtiger Teil des eigentlichen Entstehungsprozesses. Gleichzeitig wurde, wenn auch mehr oder weniger unfreiwillig, zum ersten Mal in der Geschichte eine Performance bei einer Auktion verkauft. Hier wurde Kunstgeschichte geschrieben. Und damit sind wir bei dem Thema, um das es eigentlich gehen soll: die Zerstörung als Teil des künstlerischen Prozesses. Banksy ist nämlich keinesfalls der erste Künstler, bei dem das „Kaputtmachen“ eine große Rolle spielt.

Die Tradition des „Kaputtmachens“ in der Kunst

Zuerst muss natürlich klargestellt werden, dass es sich bei der Selbstzerstörung von Kunstwerken keineswegs um eine komplett neue Entwicklung handelt. Im Gegenteil. Es ist ursprünglich sogar das natürliche Phänomen. Der biologische Prozess bedingt es, dass Material zerfällt oder sich verändert. Normalerweise versucht die Kunstwelt mit allen Mitteln gegen solche Prozesse zu steuern. Es werden Restaurator*innen beauftragt, Gemälde werden hinter Schutzglas verschlossen, Kunstwerke werden sicher und luftdicht im Depot verstaut, geschützt von Sonnenlicht oder sonstigen Einflüssen. Konservatorisch gesehen soll ein Kunstwerk möglichst genau so bleiben, wie es war, als der oder die Künstler*in es für „fertig“ erklärt hat. Interessant also, dass Künstler*innen mit genau diesem Aspekt, mit den Grenzen der Kunst, spielen.

Eine zeitgenössische Künstlerin, die den Aspekt der Vergänglichkeit in ihrer Arbeit aufgreift, ist Rebecca Louise Law. Sie kreiert riesige Blumeninstallationen, in denen sie tausende Blumen zu Kunstwerken drapiert. Das Kunstwerk durchlebt über die Dauer der Ausstellung eine permanente Veränderung, die Betrachtenden können aktiv am Verfall der Pflanzen teilhaben. Allerdings greift Law kurz vor der kompletten Kompostierung dann doch in den Prozess ein. Am Ende der Ausstellung werden die vertrockneten Blumen konserviert und zu neuen Skulpturen verarbeitet.

Auch den Künstler Robert Rauschenberg (1925 bis 2008) interessierte die Frage nach den Grenzen der Kunst. Kann Kunst entstehen, indem sie ausgelöscht wird? Er überredete 1953 Willem de Kooning (1904 bis 1997) dazu, eines von dessen Werken komplett zu zerstören. Nachdem De Kooning eingewilligt hatte, verbrachte Rauschenberg einige Wochen mit der Reinigung von dessen Leinwand. Am Ende war keine Farbe mehr vorhanden, das ursprüngliche Werk komplett verloren. Rauschenbergs Fazit: Ja, durch Auslöschung kann neue Kunst entstehen.

Erased De Kooning Drawing, Robert Rauschenberg, 1953 © Robert Rauschenberg Foundation

Die Nachkriegszeit und die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs hatten großen Einfluss auf die Kunstströmungen der 1950er- und 60er-Jahre. Viele glauben, dass sich die erlebte Zerstörung und das Chaos in der autodestruktiven Kunst widerspiegeln. Neben der Abstraktion entstand eine gewisse Ästhetik von Veränderung oder Vernichtung. Zwei berühmte Künstler, die ihr Werk im Entstehungsprozess „zerstörend“ bearbeiteten, waren zum Beispiel Lucio Fontana (1899 bis 1968), der seine Leinwand zerschnitt, oder Günther Uecker (*1930) mit seinen charakteristischen Nagelbildern. Die Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930 bis 2002) schoss in ihren Performances „Shooting Picture“ mit einem Gewehr auf Farbbeutel, die auf einer Leinwand befestigt waren. All dies sind Beispiele, in denen die Destruktion Teil der Entstehung von Kunst ist.

Lucio Fontana, Concetto spaziale, Attesa, 1966

Eine Kategorie der in den 1960er-Jahren aufkommenden Aktionskunst waren die „Happenings“, die oft in Interaktion mit einem Publikum stattfanden und in denen Provokation und Schock eine bedeutende Rolle spielten. Oft waren Happenings durch Formen von Zerstörung, Zerreißen oder Verdrecken gekennzeichnet. Hierbei spielten jedoch nicht unbedingt die Aufarbeitung von Kriegsleiden eine Rolle, sondern vor allem auch die wiedergewonnene künstlerische Freiheit der Nachkriegszeit, die viele Künstler*innen zum Experimentieren mit Material und Ausdrucksmöglichkeit einlud.

Aber wie verhält es sich nun mit der Selbstzerstörung in der Kunst?

Der Begriff der autodestruktiven – also sich selbst zerstörenden – Kunst wurde vom österreichischen Künstler Gustav Metzger (1926 bis 2017) geprägt. Für ihn war diese Form von Kunst ein klares Statement gegen die herrschenden Verhältnisse von Politik, Kommerzialisierung und Massenproduktion. Metzger war bekennender Gegner von Atomwaffentests. Durch die Darstellung von Gewalt wollte er das Weltzerstörungspotenzial, das er in seiner Umgebung wahrnahm, thematisieren. Außerdem glaubte er, dass die Maschinen um uns herum einen negativen Einfluss auf die Menschheit hätten.

Das Erste von Gustav Metzgers Happenings, das Selbstzerstörung thematisierte, fand 1959 statt: Gespannte Nylonlaken wurden von ihm großflächig mit Säure bespritzt, die Löcher in den verschiedensten Formen in die Oberfläche fraß. Für Metzger war diese Form der autodestruktiven Kunst jedoch auch gleichzeitig autokreativ: „Destroy a canvas and you create shapes."

Jean Tinguely, Homage to New York, 1960

Ein weiteres Happening der autodestruktiven Kunst fand 1960 im Garten des Museum of Modern Art in New York statt. Der Schweizer Künstler Jean Tinguely, der für seine kreativen Skulpturen bekannt ist, stellte dort eine Maschine aus, die in der Lage war, sich innerhalb von 27 Minuten komplett selbst zu zerstören. Das Werk nannte er „Homage to New York“, es ragte acht Meter in die Höhe und war aus Fahrradreifen, einer Waschmaschinentrommel, einem Klavier und zahlreichen weiteren Objekten zusammengebaut. Kurz vor seiner vollständigen Selbstvernichtung wurde die Maschine jedoch ironischerweise vom New Yorker Fire Department gestoppt – aus Brandschutzgründen. Hier seht ihr ein Video des Happenings:

Für all diese Formen von Selbstzerstörung sind natürlich ursprünglich der Künstler oder die Künstlerin verantwortlich: Tinguely, der die Maschine konzipiert, die sich später wieder zerstören soll oder Banksy, der den Auslöser des Schredders drückt, damit das Bild zerteilt wird. Nicht alles, was sich selbst zerstört, ist Kunst. Und: Vor der Vernichtung muss ein Kunstwerk natürlich erstmal erschaffen werden. Diesen Prozess von Entstehung und Zerstörung zu beobachten und die eigenen Empfindungen dabei wahrzunehmen, kann aber durchaus spannend sein.

Am Ende bleiben viele Fragen. Liegt nicht der Reiz in der Kunst darin, dass sie vergänglich oder veränderlich ist? Geben Mode und Zeitgeschmack nicht sowieso ein Verfallsdatum vor, zumindest was zeitgenössische Kunst angeht? War das Schreddern des Banksy-Werks vielleicht gerade deshalb so aufregend, weil es gerade für einen absurd hohen Preis verkauft worden war? Oder ist das Zerstören von Kunst eine Geschmacklosigkeit in Anbetracht dessen, das unzählige Kunstwerke und Kulturschätze durch Kriege verloren gehen oder zerstört werden? Eure Meinung zu dem Thema würde mich sehr interessieren.

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    Niki de Saint Phalle, Shooting Picture, 1961, Tate Modern

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