Selfies, Sit-ups, Suchtzustände – oder: Meine ersten 3 Monate auf Instagram

Darf man Instagram installieren, ohne vorher 300 Sit-ups, ein vitalisierendes Beauty-Programm und die glutenfreie Paleo-Diät geleistet zu haben? Felix wagte das Insta-Experiment und berichtet von seinen Erfahrungen der letzten drei Monate

Es ist Herbst 2019, zum ersten Mal in meinem Leben lade ich mir Instagram auf mein Smartphone. Ich klicke mich durch die Profile voller überdimensionierter Pos und schillernder Oberflächen. Eine völlig neue Welt tut sich mir, dem digital zurückgebliebenen Opa von 28 Jahren, auf. Trotz quäkender Freund*innen, die mir die App schon vor Jahren andrehen wollten, habe ich nie genug Interesse dafür entwickeln können. Ist Instagram nicht das Sinnbild unserer spätkapitalistischen Gesellschaft, die sich ausschließlich über Statussymbole definiert und dazu sinnentleerte philosophische Botschaften postet, um ein bisschen Rest-Menschlichkeit zu simulieren? So diktiert es mir zumindest mein Kunst-Uni-Background. Andererseits ist Instagram wie die moderne Visitenkarte, erklärt mir eine weitere Freundin. Hm, das klingt doch schon besser. Mit einer digitalen Visitenkarte kann ich mich anfreunden. „Und abgesehen davon machst du dein Instagram ja eh nach deinen eigenen Regeln.“ Ich muss sofort an die deckungsgleichen Profile meiner Kunst-Uni-Kommiliton*innen denken, merke aber auch den ersten Schub von Eitelkeit und Ehrgeiz, der mich erfüllt und wohl zwangsläufig in meine Insta-Präsenz münden wird.

Ich lese einen wundervollen Listicle über die erfolgreichsten Influencer*innen und lerne Kylie Jenners monotonen Gesichtsausdruck in Head-to-toe-Chanel-Looks mit Barbapapa-Figur kennen. Sie hat über 150 Millionen Followers. Eine Zahl, die einen einfach erschlägt. Erschrocken und fasziniert scrolle ich runter bis Sommer 2019. Ein Bild zeigt Kylie neben zwei ihrer Lamborghinis in einem neon-orangenen Blusenkleid. Jeder Post wirkt übersexualisiert und protzig - bis auf den Text darunter. Die Lamborghini-Caption liest „Freaky Friday“ und ich frage mich, ob ich meine Fans die nächsten Wochen mit ähnlich persönlichen Nachrichten begeistern werde.

Denn für dieses Beige-Experiment bespiele ich mein erstes eigenes Instagram-Profil. Ich werde posten, was das Zeug hält, liken ohne Ende und, so ist der Plan, in Windeseile zu Fefes Beauty Palace zu mutieren. Doch neben meinem Elan sind da plötzlich auch Zweifel an meinem Aussehen, meinem Humor und ein gewisser Ekel vor all den überstylten Schönlingen, mit denen ich bald auf einer Plattform schwimmen werde. Ohne vorher 300 Sit-ups, ein vitalisierendes Beauty-Programm oder eine glutenfreie Paleo-Diät geleistet zu haben.

Wird meine Psyche die mediale Totalverzerrung heil überstehen? Erwecke ich vielleicht den inneren Influencer in mir? Oder werde ich mich in einen Social-Media-Soziopathen verwandeln? Ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen passieren wird und stelle mein iPhone auf Selfie-Modus.

Lesson #1: Aller Anfang ist schwer, besonders im Internet

Es ist Zeit für meinen ersten Beitrag auf Insta. Ich habe aufgehört, das „Gram“ auszusprechen, seit mich mein Teenie-Cousin deshalb uncool genannt hat. Schon jetzt verlagere ich meine Selbstwertschätzung nach außen - ausgezeichnet.

Welches Foto ist ein guter Startschuss für diesen Kanal, der Persönlichkeit, Humor und etwas Fashion beinhalten soll? Nach reichlicher Überlegung entscheide ich mich für ein Bild meiner Rückseite in Madrid. Nichts allzu Besonderes, doch mir gefallen mein Vintage-Oberteil und mein frisch frisierter Hinterkopf. Direkt nach dem Posten bekomme ich die ersten Likes von Freund*innen, die mir offenbar bereits folgen. Es fühlt sich süß an. Is this the beginning of an addiction?

Einige Stunden später poste ich direkt das nächste Bild. Dieses Mal ein lovely Paparazzi-Pic einer jungen schreienden Britney. Ich habe plötzlich fast 50 Follower und bin ein bisschen stolz.

Je länger ich mich mit der Mission meines Kanals auseinandersetze, umso mehr fällt mir auf, wie viel Arbeit in den Kanälen anderer Leute zu stecken scheint. Einheitliche Ästhetiken, coole Momentaufnahmen, hier und da ein Witzchen. Und alles wirkt so effortless! Instagram ist doch mehr Aufwand, als ich dachte.

Lesson #2: Selfies machen ist eine Kunst

Zu jedem Insta-Channel gehören ein paar anständige Selfies, denke ich mir, als ich im perfekt ausgeleuchteten Chanel-Store in Mitte herumgeistere. Ich zögere, mein Telefon herauszuholen und meinem Narzissmus in aller Öffentlichkeit zu frönen. Erstaunlicherweise scheint es aber der normalste Move der Welt zu sein, einer der Verkäufer nickt mir sogar wissend zu. „Welcome to the club, Insta bitch“, denkt er sich. Gott sei Dank wurde ich eben geschminkt, sodass die HD-Handykamera und dieses gleißende Licht mich davor bewahren, zwangsläufig jeder Pore Guten Tag sagen zu müssen. Meine Epidermis und ich bekommen über 20 Likes.

Lesson #3: Es gibt auch interessante Instagram-Kanäle!

Und wem folgen die coolen Kids so? Galeria Arschgeweih, obviously. Ihren Techno-Freund*innen aus Neukölln. Und sonst? Ich merke, dass ich den Hype-Faktor dieser Plattform noch nicht richtig verstanden habe. So frage ich herum und bekomme einigen crazy Shit empfohlen:

__________office

Ein unfassbar guter Kanal mit Bildern aus dem „goldenen Zeitalter des Corporate-Kitsch“. Konferenzsessel aus Samt, Computer mit Röhrenbildschirmengalore und viele Frauen mit Föhnfrisuren.

Baguette-Me-Nots

Stockfoto-artige Bilder von Menschen mit Gegenständen aus Baguettes. Darunter viele bekannte Youtuber*innen (einer davon im Baguette-Tanga). Mehr kann man zu diesem Kanal nicht sagen, man kann ihn sich nur anschauen, lachen und abonnieren.

Not all geminis

Der channelgewordene Melting Pot sämtlicher Astrologie-Trends auf Social Media. Als tatsächlicher Zwilling (Aszendent Widder, Deszendent Steinbock) bekomme ich endlich eine vernünftige Psychoanalyse in Meme-Form serviert und beginne mein top informiertes, merkur-regiertes 2020.

Lesson #4: Das Ganze hier braucht echt Disziplin!

Nach dem ersten ein, zwei Monaten merke ich, wie mein Insta-Elan nachlässt. Das permanente Präsentieren meines Lebens fühlt sich komisch an und ich beginne, meine Posts anzuzweifeln. Plötzlich sieht alles unoriginell, eingebildet und lahm aus. Ich bestaune die erfolgreichen Profile meiner Beige-Kolleginnen und den Kraftakt, auf mehrere tausend Follower*innen zu kommen. Das Insta-Life ist wie ein zusätzlicher Job und ich bekomme langsam zu viel.

Lesson #5: Reale Menschen mögen mein Instagram!

Doch ein paar Tage später spricht mich ein Freund auf mein Profil an und zitiert sogar einige Beiträge von mir. Stop it, you’re making me blush! Mit der Overnight-Sensation scheint es doch noch was zu werden. Das kurze Komplimente-High veranlasst mich, wieder öfter zu posten und mittlerweile folgen mir sogar Menschen, die mich nicht mal kennen. Einer von ihnen likt jedes einzelne Foto von mir. Sind hier ein Insta-Crush oder russische Bots am Werk? Nachdem ich mehrere Anfragen von einsamen geilen Hausfrauen in meinen Direct Messages finde, bestätigt sich wohl letzteres.

Die Moral von der Geschicht': Insta ist gut, doch übertreibt es nicht!

35 Posts, 68 Followers und ca. 17.000 Stunden Screentime habe ich in den ersten drei Monaten auf Instagram generiert. Es hat Spaß gemacht, Selbstzweifel und großen Respekt für alle geweckt, die sich mit diesem Medium eine Karriere aufgebaut haben. Viele Menschen haben operierte Pos und zeigen diese bei jeder Gelegenheit. Werde ich die App weiterhin benutzen? Ja. Gibt es unterhaltsame Kanäle, denen man folgen sollte? Auf jeden Fall. Wann gibt es meine Collab mit Louis Vuitton endlich in Deutschland zu kaufen? Stay tuned.

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