Die Moral vor dem Gesicht: Designermasken als Corona-Trend

Die Gesichtsmaske ist omnipräsent: Seit Kurzem tragen sie wirklich alle und manche leisten sich eine exklusive Variante für bis zu 1000 Euro. Felix fragt sich: Ist das High Fashion oder ein moralischer Fail?

In Flugzeug, Fashion und Fetischladen: Die Gesichtsmaske über Mund und Nase ist alles andere als neu. Schon ewig wird sie von vielen aus Überzeugung getragen. Keime abhalten, das Outfit abrunden oder Gleichgesinnte im Berghain abchecken – eine Maske tut, was eine Maske tun muss. Und da eine deutschlandweite Maskenpflicht das Lifestyle-Objekt einzelner Fanatiker*innen zum basisdemokratischen Zwang erhebt, wachsen Angebot und Nachfrage gerade ins Unermessliche. Neben den gepunkteten, karierten und mit 60er-Jahre-Obst bedruckten Masken aus den Geschäften der Nachbar*innenschaft stellen auch mehr große Labels Statement-Pieces für die virus-induzierte Apokalypse her. Doch ist die Luxus-Kommodifizierung von Waren vertretbar, die zum Teil lebensnotwendig sind? Oder darf die Mode plötzlich wieder alles?

Folgt mir durch die Welt der ästhetischen Atemluftfilter, einem Crescendo modisch-morbider Grenzwertigkeiten. Von der nachhaltigen Öko-Maske zum Off White-Statussymbol im Preissegment einer Monatsmiete. Stay home, stay calm, and breathe through your nose.

Stoffreste, bunte Muster, guter Zweck

Die Menschen brauchen Masken. Dass auf der Welt genug verwertbare Stoffreste hierfür zu finden sind, liegt auf der Hand. Und daher ist es eine gute Sache, dass Labels wie Collina Strada aus New York übrig gebliebene Materialien in farbenfrohe Atemmasken verwandeln. Zusätzlich werden mit jedem Kauf Arbeiter*innen in New Yorker Krankenhäusern mit denselben Masken unterstützt. Klingt gut, ist gut, nur nicht unbedingt everyone’s choice of colors.

Die bezahlbare Millenial-Maske

Nicht ganz so nachhaltig aber immerhin handgemacht sind die Masken von Onlineshops wie Vapor95, die Masken mit 2000er-Feeling an rebellierende Teenager verkaufen. Mit 28 bin ich eindeutig zu alt für Flammen in meinem Gesicht, möchte aber Mitglieder der Generation Z nicht davon abhalten. Die Statement-Pieces funktionieren auch in der Prenzlberger Familien-Quarantäne, während per Zoom der Geografieunterricht stattfindet.

Die Designer-Bootlegs

Normalerweise sind es die großen Modehäuser, die ihre zeitgenössischen It-Pieces raushauen, als gäbe es kein Morgen. Wir erinnern uns: Die Prada-Büroklammer für 185 Dollar oder der legendäre, aber nicht unumstrittene Chanel-Boomerang für 2000 Dollar. Who could resist?

Für diese Produkte passt damals wie heute nur eine Zuschreibung: Systemrelevant! Und trotzdem hat sich angesichts unserer Pandemie etwas ähnlich Erstaunliches ergeben. Verschiedene Influencer*innen hatten damit begonnen, Bootleg-Masken ihrer Lieblingslabels herzustellen, noch bevor diese selbst welche herausgebracht haben. Hat die Modeindustrie etwa zum ersten Mal einen Trend verschlafen oder war ihnen der Markt eines tatsächlich sinnvollen Produktes zu ordinär? Wir werden es wohl nie erfahren, können uns aber in der Zwischenzeit bei Instagrößen wie Sarah Coleman oder Jenny Walton ein paar Tricks abgucken, wie man trotz Marktlücke nicht Gefahr laufen muss, in der Öffentlichkeit für arm gehalten zu werden.

Off White und Off Track

Die am stärksten gehypten Masken dürften wohl die Modelle von Off White sein, die in sämtlichen Onlineshops ausverkauft sind. Wen wundert’s, Virgil Ablohs Haus scheint mit jeder Saison mehr zahlungskräftige 21-Jährige zum Verprassen ihrer WG-Miete zu motivieren. Ende April kam es jedoch zu einem Internet-Aufschrei, als Masken des Labels auf Farfetch für 1000 Dollar gehandelt wurden. Ein kurzer Anfall von Moral-Missionierung durchzuckte eine Branche, die in guten Zeiten auf der völligen Verabschiedung jeglicher Zweckrationalität fußt.

Die Off White-Maske ist weder besonders auffällig noch protzig, bietet dadurch aber eine gewisse Exklusivität im sonst von Logos überzogenen Hochpreissegment. Wir lernen: Auch in Zeiten der Krise scheinen wenig interessante Off White-Produkte gleichbleibend hype worthy zu sein.

Die Maske. Kunst.

Als Gegenmittel zur Luxus-Fetischisierung von Atemmasken bleibt nur ein Medium, an das wir uns wenden können. Die Kunst, die Kunst! Es ist immer die Kunst! In den Unweiten fotografischer Metaebenen entdeckte ich Max Siedentopf auf Instagram, der mit seiner Serie “How to Survive a Deadly Globald Virus” endlich konkrete Antworten gibt.

Die Moral vor dem Gesicht

Masken gibt es für jeden Geschmack. Simpel oder extravagant, medizinisch geprüft und Vogue approved. Während die meisten von uns ein Masken-Set für zehn Euro zu Hause haben, gibt es andere, die durch Corona zu Brand-Ambassadors aufsteigen möchten. Ist das nun problematisch? Ich sage: nicht wirklich. Natürlich sind Gesichtsmasken für manche Menschen aktuell überlebenswichtig. Wer keine trägt, hat eine hohe Ansteckungsgefahr. Aber dürfen die Masken deshalb nicht aus gutem Hause kommen? Darf man aus der Situation nicht das Beste herausholen, indem man sich auch mit der Gesichtsbedeckung schick macht? Und wo ist der Unterschied, ob jemand eine Gesichtsmaske oder die Speedy 30 von Louis Vuitton kauft und auf Instagram postet? Macht es den Sachverhalt nicht nur noch schlimmer, dass die Tasche nicht mal einen übergeordneten Zweck hat und manche dennoch tausende Euro dafür ausgeben können?

Sich über medizinische Produkte im Luxus-Segment aufzuregen, verfehlt das eigentliche Problem. Soziale Ungleichheit beginnt oder endet nicht mit den Artikeln, die es im KaDeWe oder auf Net-A-Porter zu kaufen gibt. Wie wichtig Statussymbole in einer Gesellschaft sind, ist ein direkter Spiegel des Kampfes um Geld, Sicherheit und ein gutes Leben. Aber die berühmte Schere zwischen Arm und Reich wird nicht durch das moralische Verbot eines einzelnen Artikels behoben. Mal abgesehen davon, dass die Luxusbranche aus Exzess und Empörung ihren Mehrwert schafft. Wer sich über das Schaulaufen überteuerter Corona-Masken aufregt, sollte sich über unseren Kapitalismus im Endstadium Gedanken machen, nicht ein daraus resultierendes Symptom.

Wer wirklich etwas verändern will, reißt Poser*innen nicht ihre Off White-Maske vom Gesicht, sondern engagiert sich ehrenamtlich, spendet und bleibt politisch wach. Mit mehr sozialer Gerechtigkeit wird der amüsante Luxus der Oberschicht mehr und mehr irrelevant. Vor, während und nach Corona.

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